Film-Zeit auf  Film-Zeit bei Facebook   Film-Zeit auf Twitter

Karl Gass

Karl Gass
Regie, Künstlerische Leitung, Drehbuch, Darsteller, Produktionsleitung

* 02. Februar 1917
Mannheim
Deutschland
† 29. Januar 2009
Kleinmachnow
Deutschland

KARL GASS • Biographie Seite 1/1

Mehr als 100 Kino- und Fernseharbeiten stehen in der Filmographie des Karl Gass. Er ist einer der wichtigsten Dokumentaristen der DDR, für viele Dokumentarfilmer durch seine Lehrtätigkeit auch ein Mentor. 40 Jahre ist er bei der DEFA beschäftigt. An ihm zeigt sich die ganze Problematik des Künstlers in der DDR: Neben didaktisch-propaganistischen finden sich klug-dialektische Filme, neben kleinen Projekten auch offiziellen Auftragswerke. Alle zusammen ergeben eine aufregendes und interessantes Lebenswerk.

Karl Gass wird am 02. Februar 1917 in Mannheim geboren. Sein Vater verdient den Lebensunterhalt als Automechaniker, seine Mutter ist Hausfrau. 1925 zieht die Familie nach Köln. Hier absolviert er die Oberschule und schließt sie 1935 mit dem Abitur ab. Danach beginnt er ein kaufmännisches Volontariat bei der Kölner Wohn- und Siedlungsgemeinschaft und schreibt sich parallel dazu als Student der Betriebs- und Volkswirtschaft ein. Durch seine sportlichen Leistungen macht er auf sich aufmerksam: Mit dem Ruder-Achter holt er 1940 die Deutsche Meisterschaft. Seine sportliche Laufbahn und sein Studium muss er wegen Ausbruch des Krieges abbrechen: Er wird kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges eingezogen. 1945 gerät er als Leutnant der Reserve der Panzergrenadierbrigade "Großdeutschland" in britische Kriegsgefangenschaft.

Entlassen Ende des Jahres 1945 kehrt er nach Köln zurück und beginnt, beim neugegründeten NWDR als Wirtschafts-Redakteur zu arbeiten. Aus dieser Zeit rührt seine Bekanntschaft mit Karl-Eduard von Schnitzler und Karl Georg Egel, mit denen er später zusammenarbeiten wird. Offen bekennt er seine Zuneigung zur Kommunistischen Partei. Schwierigkeiten mit der Führung des Senders häufen sich und so verlässt Karl Gass im Februar 1948 den Westen Deutschlands und geht nach Ost-Berlin. Hier erhält er beim Berliner Rundfunk eine Anstellung, wird Leiter der Wirtschafts-Redaktion, Kommentator und Reporter in der Sendung "Wir schalten uns ein". In Berlin kommt er in Kontakt mit dem Film, lernt den Dokumentarfilmer Andrew Thorndike kennen und arbeitet für ihn als Autor beim Film VON HAMBURG BIS STRALSUND (1950). Die Arbeit sagt ihm zu, so dass er ab 1950 als freier Mitarbeiter für das DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme arbeitet. Zunächst ist er als Autor tätig, aber bald wagt er sich auch auf den Regiestuhl. Sein erster abendfüllender Film wird der Kompilationsfilm DER WEG NACH OBEN (1950), den er mit Andrew Thorndike als Co-Regisseur und Karl-Eduard von Schnitzler als Autor in Szene setzt.

Eine Festanstellung im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme erhält er im Januar 1951. Zunächst schreibt er Kommentare und Szenarien für die Wochenschau "Der Augenzeuge", die sich ganz auf der Linie der Propaganda des jungen Staates befinden. Für den Filmemacher Joop Huisken arbeitet er ebenfalls an Drehbüchern und Texten. Besonders erfolgreich wird TURBINE I (1953). Der Film, als eine der besten Produktionen des Jahres gelobt, schildert technisch detailtreu, dramaturgisch geschickt und dynamisch komponiert die Bewegungsabläufe von Mensch und Maschine. Das Filmteam trennt sich von der informativen Faktensammlung einer Wochenschau und setzt einen eigenständigen Dokumentarfilm mit künstlerischem Anspruch in Szene. Durch den Erfolg steigt Karl Gass die Karriereleiter hoch: Als Künstlerischer Leiter des DEFA-Studios für Populärwissenschaftliche Filme schärft er seit Oktober 1954 das Profil des Studios ganz in der Tradition des deutschen Kulturfilms, den er mit marxistischer Philosophie in die neue Zeit heben will. Er entwickelt die theoretischen Grundlagen für das Filmschaffen, publiziert sie und vertritt sie auch international.

Der Filmemacher wechselt dann auch mehr und mehr auf den Regie-Stuhl. VOM ALEX ZUM EISMEER (1954) wird seine zweite große Regie-Arbeit. Beobachtet werden die harten Arbeitsbedingungen ostdeutscher Fischfänger in der Barents-See und es werden zugleich Informationen zur gesellschaftlichen Nahrungskette geboten. Das alles ist mit selbstironischen Untertönen kommentiert, witzig-pfiffig gefilmt, mit gefälliger Musik unterlegt und ohne didaktischen Zeigefinger in Szene gesetzt. Der Film wird so ein Erfolg beim Publikum. Später bereist der Filmemacher Griechenland sowie Spanien, begibt sich auf die Spuren von Alexander von Humboldt, dreht in Sizilien und mehrmals in der Toskana. Tunesien steht ebenfalls auf seinem Reiseplan; mit einer Trilogie unterstützt er den Befreiungskampf in Algerien. SORAH UND ALI (1961) wird zu einem fesselnden wie bewegenden Bericht über ein tunesisches Flüchtlingslager. Er wird auch Filme über andere Länder in Szene setzen, ohne dort gewesen zu sein: FÜNF JAHRESZEITEN (1960) setzt sich für brasilianische Bauern ein. Das Filmmaterial stammt von Nelson Pereira dos Santos, Karl Gass montiert und kommentiert es. In vielen Fällen dienen die Geschichten aus anderen Teilen der Welt aber auch dazu, die eigene Weitsicht zu bestätigen. Nach dem Bau der Berliner Mauer wird die Auslandstätigkeit des Regisseurs über mehrere Jahre beendet; erst Mitte der 1970er Jahre ist sie ihm wieder möglich.

1961 gründet Karl Gass innerhalb des DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme die Künstlerische Arbeitsgruppe "KAG Gass", die später Gruppe "Effekt" heißen wird. Zwölf Jahre ist er dort aktiv und verfügt sogar über einen eigenen Betriebsteil der DEFA in Kleinmachnow. In der Folge entstehen dort zahlreiche Dokumentationen, die das Arbeiterleben in der DDR beobachten: Schweißer, Bauarbeiter stehen vor der Kamera. Der Stil orientiert sich am "cinema verite": ohne vorher festgelegtes Drehbuch wird gearbeitet, Kommentare gibt es nicht, Originalton untermalt das Geschehen, teils wird mit versteckter Kamera gedreht. Die Filme setzen so ein Bild der DDR zusammen, dass der Realität nahe kommt und auch problematische wie kritische Passagen enthält, ohne allerdings das System, deren Menschenbild in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Widersprüche werden ausgeblendet. FEIERABEND (1964) über Arbeiter im Erdölverarbeitungswerk in Schwedt an der Oder sowie der Nachfolger ASSE (1966) sind solche Filme.

Dagegen stehen Filme mit eindeutig propagandistischem Einschlag, die dem Repräsentationsbedürfnis von Staat und Partei Rechnung tragen. Einer der ersten Filme der Arbeitsgruppe wird SCHAUT AUF DIESE STADT (1962), der sich mit dem Bau der Berliner Mauer beschäftigt und sie polemisch rechtfertigt; ein Kampfansage an das andere Deutschland. Mit ANNO POPULI - IM JAHR DES VOLKES 1949 (1969) dreht Karl Gass den offiziellen Film zum 20. Jahrestag der Gründung der DDR. Der Filmemacher schaut auf das Jahr der Gründung und erklärt mit Rückgriff auf deutsche Geschichte, warum die Gründung eines neuen deutschen Staates einer Befreiung von Ausbeutung und Kriegstreiberei gleichkommt. DER OKTOBER KAM (1970) ist ein weiteres Großprojekt ganz im Sinne der Staatspartei, ein Protokollfilm, der nichts Subversives hat und in jedem Bild das Propagandistische offen legt. Später folgen filmische Ausflüge in die Wirtschaft, die die Arbeiterklasse als verändernde Kraft ins Bild setzen wollen, aber nur den Führungsanspruch der Partei verdeutlichen. Im Auftrag des "Zentralinstituts für sozialistische Wirtschaftsführung" drehen Karl Gass und seine Mitarbeiter in den späten 1960er-Jahren soziologische Untersuchungen über Arbeitsabläufe in der DDR-Industrie.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Filmarbeiten ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der deutschen Geschichte. Ende der 1970er Jahre wendet sich der Regisseur diesem Thema, den großen politischen Fragen der Zeit zu; das aktuelle Geschehen in der DDR scheint ihm nicht mehr offen vermittelbar. In diesen Filmen, an denen auch Uwe Zeising mitarbeitet, überzeugen neben der Dramaturgie der Fakten die klaren Argumentationen, die auf emotionales Verstehen hin arrangiert sind und nicht propagandistisch überrumpeln sollen. Sie sind materialintensive Filme, die häufig bisher Ungesehenes verwerten und die Zuschauer aufklären wollen. ZWEI TAGE IM AUGUST - REKONSTRUKTION EINES VERBRECHENS (1982) untersucht minutiös, wie es zum Einsatz der ersten Atombombe kam. RACKETEERS (1984) blickt auf die US-Invasion auf Grenada. AM TAG DANACH - MADE IN GERMANY (1985) zeigt Bilder von den Bombenangriffen auf Berlin im Jahr 1944. Zwei Millionen Zuschauer schauen sich DAS JAHR 1945 (1985) an und machen das Werk zum erfolgreichsten des Jahres. Der Kompilationsfilm erzählt von den letzten 100 Tagen des Zweiten Weltkrieges und wird Dank seiner konventionellen Gliederung, seiner klug montierten Fakten und der Vermeidung von moralisierender Agitation ein Publikumserfolg. EINE DEUTSCHE KARRIERE - RÜCKBLICKE AUF UNSER JAHRHUNDERT (1987) schaut auf den Admiral Karl Dönitz. JEDER KONNTE ES SEHEN (1988) ist ein Film über den Beginn der Judenverfolgung in der NS-Zeit. NATIONALITÄT: DEUTSCH (1990) über einen Lehrer, der drei Systemen treu dient, wird der letzte Film des Regisseurs.

Neben seinen Filmarbeiten ist Karl Gass zwischen 1960 und 1970 als Leiter der Regie-Klasse für Dokumentarfilm an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg tätig. Auch danach unterstützt er die Nachwuchsarbeit als Gastdozent und wird einer der Mentoren für nachfolgende Dokumentarfilm-Generationen. Zu seinen Schülern, die in den meisten Fällen auch als Assistenten in seiner Arbeitsgruppe arbeiten, gehören unter anderem Heinz Müller, Volker Koepp, Konrad Weiß, Gitta Nickel und Winfried Junge. Letzterer ist sein Regie- Assistent. 1961 regt er einen Kurzfilm über Schulanfänger an, bei dem sein Schüler Regie führen wird. DIE KINDER VON GOLZOW: WENN ICH ERST ZUR SCHULE GEH (1961) wird der erste Teil eines Langzeit-Projekts über die Kinder von Golzow und gilt heute als das längste Dokumentarfilm-Projekt der Welt.

Groß ist sein Engagement für den Dokumentarfilm. Er ist Mitbegründer der Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche, die seit 1955 in Leipzig stattfindet. Als Ehrenpräsident ist er von 1961 bis 1966 in Leipzig tätig, später wird er diese Funktion auch beim Nationalen Dokumentar- und Kurzfilmfestival in Neubrandenburg ausüben. Als Mitglied des Vorstands und des Präsidiums des Verbands der Film- und Fernsehschaffenden der DDR setzt er sich für die Belange seiner Kollegen ein, bis 1978 ist er Vorsitzender der Sektion Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik. Als Pensionär verlegt sich der Filmemacher auf das Bücher schreiben. Wieder sind es historische Themen, die ihn interessieren, etwa "Zielt gut, Brüder. Das kurze Leben des Max Dortu" über einen Mitstreiter der bürgerlich-demokratischen Revolution 1848. Seine Memoiren schreibt der Filmemacher leider nicht.

Von 1964 bis 1970 ist Karl Gass mit der Dokumentarfilmerin Gitta Nickel verheiratet. Später heiratet er die Schnittmeisterin Christel Hemmerling, mit der auch mehrfach bei seinen Filmen zusammenarbeitet. Der Filmemacher stirbt am 29. Januar 2009 in Kleinmachnow bei Berlin.

Aktueller Stand der Datenbank:
18738 Filme,
72604 Personen,
6594 Trailer,
873 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 1,16872