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Wolfgang Kohlhaase

Wolfgang Kohlhaase
Regie, Regie-Assistenz, Drehbuch, Szenarium, Mitarbeit

* 13. März 1931
Berlin
Deutschland

WOLFGANG KOHLHAASE • Biographie Seite 1/1

Wolfgang Kohlhaase ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Drehbuchautoren der DDR. Er hat intensiv mit den Regisseuren Gerhard Klein, Konrad Wolf und Frank Beyer zusammengearbeitet, später selbst Regie geführt. In den kreativen Arbeitsfreundschaften entstehen einige der besten DEFA-Filme. Die Drehbücher von Wolfgang Kohlhaase zeichnen sich durch Lebensnähe aus. Der Autor beobachtet genau, zeigt in den gelungensten Fällen ungeschminkte, authentische Wirklichkeiten.

Wolfgang Kohlhaase wird am 13. März 1931 in Berlin geboren. Sein Vater ist Maschinenschlosser, seine Mutter Hausfrau. In Berlin-Adlershof besucht er die Volks- und Mittelschule. Bereits während der Schulzeit entdeckt er das Schreiben für sich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beginnt er als Volontär und Redakteur bei der Jugendzeitschrift "Start" zu arbeiten. Später schreibt er für die "Junge Welt", dem Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend (FDJ). 1950 wird er beim DEFA-Studio für Spielfilme als Dramaturgie-Assistent angestellt. Seit 1952 arbeitet Wolfgang Kohlhaase als freischaffender Drehbuchautor und Schriftsteller.

Der Jugendfilm STÖRENFRIEDE (1953) von Wolfgang Schleif ist sein erstes verfilmtes Drehbuch. Erzählt wird die Geschichte der zwei Schüler Franz und Schorsch, die ständig Unsinn im Kopf haben. Eine Schülerin lenkt den Tatendrang der Jungen in sinnvolle Bahnen und weckt ihr Interesse für Eisbahnen. Der Film ist für den Autor eine erste Fingerübung.

Bereits mit seinem zweiten Film kommt es zur kreativen Zusammenarbeit zwischen Wolfgang Kohlhaase und dem Regisseur Gerhard Klein. Mehrfach werden beide zusammenarbeiten und zahlreiche "Berlin-Filme" inszenieren. Ihre Geschichten erzählen vom Lebensgefühl junger Leute. Sozial genau beobachten und inszenieren sie ihre Filme. Dabei orientieren sie sich am dokumentarischen Spielfilm und am italienischen Neorealismus. Das Team arbeitet mit Laiendarstellern und zeigt ungeschminkte, authentische Wirklichkeiten. Erklärtes Ziel ist es, Berlin realistisch und detailliert ins Bild zu setzen. Ihr erstes gemeinsames Werk wird der Jugend-Abenteuerfilm ALARM IM ZIRKUS (1954). Nach Vernehmungsprotokollen und Interviews entsteht die Aufbereitung einer tatsächlichen Begebenheit, die Geschichte zweier Westberliner Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, die sich für ein krummes Geschäft anheuern lassen. Es sollen wertvolle Pferde aus dem Ostberliner Zirkus Barlay gestohlen werden. Sie verhindern den Diebstahl. Der Film wird ein Erfolg und begründet eine Serie von "Berlin-Filmen". Ihr nächster gemeinsamer Film wird die Liebesgeschichte EINE BERLINER ROMANZE (1956). Ulrich Thein spielt den arbeitslosen Westberliner Hans, der sich in das Ostberliner HO-Lehrmädchen Uschi (gespielt von Annekathrin Bürger) verliebt. Sensibel und unpathetisch schreibt der Drehbuchautor über eine Romanze in der geteilten Stadt.

Der wohl bedeutendste Beitrag der Berlin-Filme und einer der wichtigsten DEFA-Filme der 50er Jahre wird BERLIN ECKE SCHÖNHAUSER (1957). Hier wenden sich Regisseur und Drehbuchautor dem Problem der "Halbstarken" zu. Unter den U-Bahn-Bögen im Prenzlauer Berg treffen sich Jugendliche, die zu hause nicht mehr zurechtkommen. Sie stellen unbequeme Fragen, tanzen Rock'n' Roll, werden kriminell, orientieren sich an Westberlin. Als einer der Jugendlichen in einem Auffanglager ums Leben kommt, verändert sich etwas. Der Film ruft heftige Diskussionen hervor. Die Hauptverwaltung Film lehnt ihn wegen seines impressionistischen Szenariums und der negativen Darstellung ostdeutscher Lebenswirklichkeit ab. Im FDJ-Zentralrat, wo eine interne Vorführung stattfindet, wird BERLIN ECKE SCHÖNHAUSER (1957) als positives Gegenstück zu westdeutschen Halbstarken-Filmen begriffen. Nach einiger Auseinandersetzung startet der Film im August 1957 in den Kinos und hat Erfolg.

International erfolgreich wird das Arbeitsteam Kohlhaase / Klein mit dem Film DER FALL GLEIWITZ (1961). Er schildert - minutiös rekonstruiert, sachlich, distanziert - den Überfall auf den Sender Gleiwitz, der von den nationalsozialistischen Machthabern fingiert worden ist, um einen Anlaß für den Beginn des Zweiten Weltkrieges zu schaffen. Gemeinsam arbeiten Wolfgang Kohlhaase und Günther Rücker am Drehbuch, der Regisseur Gerhard Klein findet einen harten, dokumentarischen Stil, mit dem Kameramann Jan Curik wird eine kühle, geometrische Bildsprache entwickelt, die die propagandistischen Prinzipien des Nationalsozialismus erlebbar machen soll. Der Film beeindruckt durch seine experimentelle Form und gilt heute als eines der wichtigsten Werke antifaschistischer Kunst. Bei DDR-Kulturfunktionären stößt er allerdings auf Ablehnung. Ihm wird Verherrlichung vorgeworfen. Nach seiner Premiere kommt er fast nur in Programmkinos zum Einsatz. Mit dem SONNTAGSFAHRER (1963) ebenfalls in der Regie von Gerhard Klein begibt sich der Drehbuchautor wieder auf gegenwärtiges Terrain und thematisiert die Geschichten einiger Leipziger Familien, die kurz vor dem Bau der Mauer gemeinsam die Republikflucht planen.

Mitte der 60er Jahre inszenieren beide wieder einen Berlin-Film: BERLIN UM DIE ECKE (1966). Er soll an die früheren Erfolge anschließen, spielt diesmal im Arbeitermilieu. Olaf und Horst, Mitglieder einer Jugendbrigade eines großen Metallbetriebes, haben Schwierigkeiten mit den älteren Kollegen, fühlen sich nicht akzeptiert. Wieder gibt es kaum eine dramaturgische Handlung, lose sind die Szenen miteinander verknüpft, reportagehaft wird die Geschichte erzählt. Nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED wird die Arbeit an dem Film, der sich im Zustand des Rohschnitts befindet, unterbrochen. Dem Werk wird eine zu kritische Haltung im Generationskonflikt attestiert, ihm wird Pessimismus und Subjektivismus vorgeworfen. Erst 1990 kommt der Film in die Kinos.

Auch LEICHENSACHE ZERNIK (1972) soll an die Tradition der Berlin-Filme anknüpfen. Geschildert wird, basierend auf den Nachkriegserinnerungen von Kriminalkommissaren, ein Mordfall. Politische Entscheidungen im geteilten Berlin behindern die Suche nach einem Frauenmörder. Nach zehn Drehtagen erkrankt der Regisseur Gerhard Klein schwer. Er stirbt am 21. Mai 1970. Das Material wird zunächst ins Archiv eingelagert. Zwei Jahre später beenden Wolfgang Kohlhaase und der Schüler und Assistent des Regisseurs Herbert Nitzschke den Film.

Bereits ab Mitte der 60er Jahre beginnt die Zusammenarbeit von Wolfgang Kolhhaase mit dem Regisseur Konrad Wolf. Die Arbeitsbeziehung ist wiederum überaus kreativ und bringt einige der wichtigsten DEFA-Filme hervor. In ICH WAR NEUNZEHN (1968) werden autobiografische Begebenheiten des Regisseurs inszeniert. Erzählt wird vom jungen Deutschen Gregor Hecker (in seiner ersten Rolle Jaecki Schwarz), der als sowjetischer Leutnant im April 1945 in seine Heimat zurückkehrt und auf dem Weg nach Berlin die Kapitulation der deutschen Wehrmacht erlebt. Ohne Pathos, Idealisierung und Sentimentalität schildert der Film die Schrecken des Krieges. Der sehr persönliche, authentische und aufrichtige Film wird ein großer Erfolg im In- und Ausland. Nochmals greifen der Autor und Regisseur ein ähnliches Thema in MAMA, ICH LEBE (1977) auf. Hier kämpfen vier junge, deutsche Soldaten in den Reihen der sowjetischen Armee und bringen es nicht über sich, deutsche Soldaten zu töten.

Für DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974) entwickelt Wolfgang Kohlhaase ebenfalls das Drehbuch. Erzählt werden einige Tage im Leben des Bildhauers Kemmel (gespielt von Kurt Böwe), wie er arbeitet, lebt, wie seine Kunst aufgenommen wird, wie er scheitert. In dem Film dominiert eine nachdenkliche Stille. In SOLO SUNNY (1980) ist es wieder eine Künstlergeschichte, die inszeniert wird. Hier fungiert Wolfgang Kohlhaase erstmals auch als Co-Regisseur. Konrad Wolf und er finden in der Schauspielerin Renate Krössner genau ihre Entsprechung der jungen Frau aus dem Prenzlauer Berg, die als Sängerin mit einer Tingeltangel-Band durch das Land reist, ihren Anspruch auf künstlerische Selbstbehauptung und Freiheit aber nicht aufgeben will. Der Film überzeugt durch eine ausgefeilte Charakterzeichnung und realistische Stimmung. Nach dem Tod von Konrad Wolf im März 1982 leitet der Autor die Herstellung eines Dokumentarfilms über seinen langjährigen Freund.

Mit dem Regisseur Frank Beyer arbeitet der Autor bei der Hermann Kant-Verfilmung DER AUFENTHALT (1982) zusammen. Ein 18jähriger Soldat steht im Warschau von 1945 unter dem Verdacht, Kriegsverbrechen an polnischen Zivilisten begangen zu haben. Der Autor destilliert aus dem zweihundert Seiten Buch eine konzentrierte Handlung, die die moralischen Gegensätze verschärft. Der Film wird für die Berlinale 1983 vorgesehen, aber auf Intervention Polens zurückgezogen. Nochmals arbeitet Wolfgang Kohlhaase mit dem Regisseur bei der erfolgreichen Komödie DER BRUCH (1989) zusammen. Wieder greift der Autor auf einen Berliner Stoff zurück, erzählt von einem authentischen Fall aus der frühen Nachkriegszeit. Der Film erzählt viele Wahrheiten über die existentiellen Nöte im Nachkriegs-Berlin, ist dabei überaus komisch mit dem Gaunertrio Götz George, Otto Sander und Rolf Hoppe in Hauptrollen grandios besetzt.

Der Zusammenbruch der DDR beendet die Karriere des Drehbuchautors nicht. In INGE, APRIL UND MAI (1992) schildert er die Erlebnisse eines Jungen in Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs. Gemeinsam mit Gabriele Denecke führt er hier auch wieder Regie. Er arbeitet mit Volker Schlöndorff bei dessen DIE STILLE NACH DEM SCHUSS (2000) zusammen, in dem der Lebensweg einer in der DDR untergetauchten RAF-Terroristin bis zum Mauerfall thematisiert wird. Der Film BABY (2004) erzählt von den Niederungen eines gescheiterten Lebens. In dem Drehbuch von David Hamblyn und Wolfgang Kohlhaase ist das Schicksal der vom Unglück betroffenen Kleinfamilie Paul, Frank und Lilli der dunkle Hintergrund, vor dem ein tröstliches Wunder um so heller erstrahlt.

Mit dem erfolgreichen Regisseur Andreas Dresen arbeitet Wolfgang Kohlhaase intensiv zusammen. Für dessen populäre Berliner Sozialkomödie SOMMER VORM BALKON (2006) schreibt er das Drehbuch, gewinnt unter anderem den Preis der Deutschen Filmkritik für das Bestes Drehbuch. Der Film erzählt von den Freundinnen Nike (Nadja Uhl) und Katrin (Inka Friedrich), die im Osten von Berlin gemeinsam unter einem Dach leben. Ein Mann stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Kritiker loben Wolfgang Kohlhaases lebensechte Figuren und Dialoge. Als nächstes schreibt er das Drehbuch für WHISKEY MIT WODKA (2008), wieder für Andreas Dresen. In den Hauptrollen sind Corinna Harfouch und Henry Hübchen zu sehen. Der Film kommt voraussichtlich im Sommer 2008 in die Kinos.

Zahlreich sind die Einladungen, die der Künstler durch das In- und Ausland führt. Zudem arbeitet er als Dozent und gibt Kurse über Drehbuchschreiben an verschiedenen Hochschulen des Landes. Seit den 60er Jahren schreibt er Hörspiele, wobei "Die Grünstein-Variante" zu seinen erfolgreichsten zählt. In den 70er Jahren veröffentlicht Wolfgang Kohlhaase auch Erzählungen, die er über die Jahre geschrieben hat. Der Autor ist seit 1972 Mitglied der Akademie der Künste der DDR und wird 1991 in die Akademie der Künste Berlin-Brandenburg gewählt.

Wolfgang Kohlhaase ist mit der Tänzerin und Choreografin Emöke Pöstényi verheiratet. Die Familie lebt in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: März 2008
Diese Biografie ist mit Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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