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Michael Ballhaus

Michael Ballhaus
Regie, Drehbuch, Kamera, Mitarbeit, Darsteller, Ausführender Produzent

* 05. August 1935
Berlin
Deutschland

MICHAEL BALLHAUS • Biographie Seite 1/1

Michael Ballhaus ist einer der geschäftigsten Kameramänner unserer Zeit. Einfach gemacht hat er es sich im Laufe seiner Karriere nicht. Jahrelang arbeitet er mit Rainer Werner Fassbinder, der genialen Schreckensgestalt des Neuen Deutschen Films zusammen, in den 1980er Jahren schreckt er nicht vor Hollywood zurück und beginnt eine unnachahmliche Karriere. Seine insgesamt drei Oscar-Nominierungen, aus denen leider nie ein Award resultiert ist, halten den arbeitssamen Michael Ballhaus nicht davon ab, mit über 70 Jahren noch an einem der Blockbuster des Jahres 2006 mitzuwirken.

Michael Ballhaus wird am 5. August 1935 als Sohn der Theaterschauspieler Oskar Ballhaus und Lena Hutter in Berlin geboren. Seine Kindheit verbringt er nicht hauptsächlich in Berlin, sondern auf den fränkischen Schlössern Stockach, Wetzhausen, Maßbach, in denen seine Eltern Theater spielen. Nach dem Abitur absolviert er eine zweijährige Lehre als Fotograf. Nach seiner Ausbildung spezialisiert er sich bereits früh auf den Arbeitsbereich der Bühnenfotografie.

Sein Interesse am Medium Film wird spätestens bei den Dreharbeiten zu LOLA MONTEZ (1955), an dem er Dank seines hier Regie führenden Onkels Max Ophüls teilnehmen kann, geweckt. 1959 erhält Michael Ballhaus eine Festanstellung beim Südwestfunk in Baden-Baden, bei der er sich bis zum Chef-Kameramann hocharbeiten kann. Diese Stelle behält Michael Ballhaus bis zum Jahre 1966 inne. Während dieser Zeit entstehen einige Fernsehfilme unter anderem für Herbert Vesely, Johannes Schaaf und Peter Lilienthal. Bei der Dieter Hallervorden-Komödie MEHRMALS TÄGLICH (1968) steht Michael Ballhaus zum ersten Mal für einen Kinofilm hinter der Kamera.

Ende der 1960er Jahre trifft Michael Ballhaus durch gemeinsame Bekannte auf Rainer Werner Fassbinder. Mit dem Westernfilm WHITY (1971) beginnt ihre langjährige Zusammenarbeit. Während der acht Jahre des gemeinsamen Schaffens entstehen 15 Filme, von denen zwei (DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT (1972) und DESPAIR - EINE REISE INS LICHT (1978) ) mit den Filmbändern in Gold für die Beste Kameraführung ausgezeichnet werden. Rainer Werner Fassbinders exakte Vorstellungen für seine Filme sind für Michael Ballhaus Faszination und Herausforderung zugleich. Er ist es auch, der Michael Ballhaus bei den Dreharbeiten zu MARTHA (1974) auf die Idee zu einer 360° Kamerafahrt bringt, die später verfeinert und bis heute als typisches Merkmal der Kamerakunst Michael Ballhaus' angesehen wird.

Ein weiteres wichtiges filmisches Kennzeichen in der Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder sind ausgedehnte Plansequenzen, in denen auf schnelle Schnitte verzichtet wird. Lange Einstellungen vermitteln in den meisten Fällen den Eindruck von Langsamkeit, doch Michael Ballhaus erreicht seine sehr besondere Form filmischer Dynamik durch außergewöhnliche Kamerafahrten, aufwändige Beleuchtungseffekte und eine ausgefeilte Szenenausstattung. DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT (1972) ist ein besonders extremes Beispiel dieser Techniken und war international ein bedeutender Erfolg für Michael Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder. Die Handlung des Films spielt in einem einzigen Raum. Es gibt lange Dia- und Monologe und nur eine sehr reduzierte körperliche Aktion der Darsteller. Da dies sehr an ein klassisches Drama erinnert - eher fürs Theater als für die Leinwand prädestiniert - liegt die Hauptaufgabe von Schnitt und Kamera darin, den Stoff zu einem visuell ansprechenden und dynamischen Film zu verarbeiten. Der Versuch, die Anlehnung an das Theater zu kaschieren, wird hier in keiner Weise unternommen. Michael Ballhaus arbeitet in diesem Film besonders häufig mit den für ihn typischen Schatten und Gittern, die den Verlauf der Handlung unterstreichen. Gesichter werden durch sein besonderes Gefühl für Licht besonders eindrucksvoll in Szene gesetzt. Zum Teil wirken sie gefangen in Rahmungen aus Schatten oder werden nur durch einen Spiegel gefilmt. Das schon durch die Szenerie angedeutete Gefühl von Enge und Beklemmung wird dadurch bei den Charakteren auf die Spitze getrieben.

Im Jahr darauf drehen Michael Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder den Film MARTHA (1974), der durch die bereits erwähnte Kamerafahrt um 360°, den so genannten Ballhaus-Kreisel, nicht nur unter Kameraleuten Aufsehen erregt. Eingesetzt wird er in dem wohl schicksalhaftesten Moment des Filmes - in jener Szene, in der sich das spätere Ehepaar Martha und Helmut zum ersten Mal trifft. Unter freiem Himmel fährt die Kamera um die beiden sich entgegenkommenden Personen herum und verstärkt damit die euphorische Bedeutsamkeit dieses Augenblicks, der objektiv betrachtet nur die zufällige Begegnung zweier sich fremder Menschen darstellt.

Bei den Vorbereitungen zu Rainer Werner Fassbinders Großprojekt BERLIN ALEXANDERPLATZ (1979)) endet ihre Zusammenarbeit. Sein erstes darauf folgendes Projekt DER AUFSTAND (1980) unter der Regie von Peter Lilienthal verbindet Michael Ballhaus mit einem "Gefühl von plötzlicher Freiheit". Gemeint ist damit seine Ablösung von der stilisierten Ästhetik und den strengen Vorgaben Rainer Werner Fassbinders. Eine weitere Produktion gemeinsam mit Peter Lilienthal ist DEAR MR. WONDERFUL (1982) in New York. Michael Ballhaus zieht in die USA und es kommt zu ersten Kontakten mit amerikanischen Regisseuren. Durch diese Bekanntschaften wird Michael Ballhaus schließlich für einige US-Produktionen wie BABY, IT'S YOU (1982) unter der Regie von John Sayles und RECKLESS (1984), einem Film von James Foley, engagiert.

Mit der schwarzen Komödie DIE ZEIT NACH MITTERNACHT (1985) beginnt Mitte der 1980er Jahre die Zusammenarbeit zwischen Michael Ballhaus und dem Regisseur Martin Scorsese. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der amerikanischen Drehpraxis, bei der der Kameramann selbst nur sehr selten eine Kamera in der Hand hat, sondern vielmehr Anweisungen an Kamera-Assistenten gibt, lernt Michael Ballhaus schnell, die Freiheiten eines Kameramannes jenseits des deutschen Autorenkinos für sich zu schätzen. Dort nämlich, das hat er vor allem bei Rainer Werner Fassbinder erfahren, sind die Regisseure nicht gewillt, einem Kameramann den künstlerischen Freiraum zu lassen, der ihm nun in den USA gegeben wird.. Gemeinsam mit Martin Scorsese dreht Michael Ballhaus noch DIE FARBE DES GELDES (1986), GOOD FELLAS - DREI JAHRZEHNTE IN DER MAFIA (1989), der für den Oscar nominiert wurde, und ZEIT DER UNSCHULD (1993). Durch diese Produktionen macht sich Michael Ballhaus in den USA einen Namen als herausragender Künstler und wird dort 1989 zum Kameramann des Jahres gewählt.

Die technischen und finanziellen Möglichkeiten Hollywoods erlauben es Michael Ballhaus, sein Markenzeichen, die 360°-Fahrt, weiterzuentwickeln. So kann nun während der Fahrt die Geschwindigkeit des Bildes variiert werden. Hierzu wird die Bildzahl pro Sekunde verändert. Dieser so genannte Speed-Change ist ein Effekt, den der Zuschauer kaum als solchen wahrnimmt, der jedoch die Stimmung einer Szene maßgeblich beeinflusst, da der gewohnte Bildfluss durch die geänderte Bildgeschwindigkeit leicht verändert wird. In den Massenszenen von GANGS OF NEW YORK (2002), ebenfalls unter der Regie von Martin Scorsese, wird diese Technik in großem Maße eingesetzt. Sein bisher letzter gemeinsamer Film mit Martin Scorsese ist das Mafia-Drama DEPARTED - UNTER FEINDEN (2006), der als Bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet wird.

Sein ihm vorauseilender Ruf öffnet ihm schon in den 1980er und 1990er Jahren die Türen zu zahlreichen Projekten mit weiteren führenden Regisseuren der Zeit. Zu ihnen gehören Francis Ford Coppola, mit dem er BRAM STOKERS DRACULA (1992) dreht, Barry Levinson (SLEEPERS (1996)) und Mike Nichols (MIT ALLER MACHT (1998)). Unter der Regie von Volker Schlöndorff entsteht die bekannte Literaturverfilmung TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN (1985), in der Dustin Hoffman die Hauptrolle übernimmt. Auch bei den Wolfgang Petersen-Filmen OUTBREAK - LAUTLOSE KILLER (1995) und AIRFORCE ONE (1997) steht Michael Ballhaus hinter der Kamera.

Neben Spielfilmen dreht Michael Ballhaus auch einige Musikvideos, unter anderem für Prince und Chaka Khan. Für den Clip zu Bruce Springsteens Song "I'm On Fire" erhält er 1985 den American Video Award.

Auf akademischem Boden ist Michael Ballhaus ebenfalls nicht unerfahren. Immer wieder gibt Michael Ballhaus als Dozent im Laufe seiner Karriere sein Wissen und seine Erfahrungen an Studenten weiter. Zu seinen zeitweiligen Wirkungsstätten gehören die Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, die Hochschule für Fernsehen und Film in München und das Institut für Theater und Film in Hamburg.

Mit seiner Frau, der Schauspielerin und Filmausstatterin Helga Ballhaus geb. Betten ist Michael Ballhaus bis zu ihrem Tod im Jahre 2006 46 Jahre lang verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Söhne, Sebastian Ballhaus und Florian Ballhaus, die beide erfolgreich in die Fußstapfen des Vaters treten. 2007 kehrt Michael Ballhaus Hollywood den Rücken und zieht zurück nach Deutschland. Der Fokus des über 70-jährigen soll nun auf der Produktion von Filmen sowie der Lehre liegen.

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Autorin: Franziska Zölzer
Stand: September 2008

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