Film-Zeit auf  Film-Zeit bei Facebook   Film-Zeit auf Twitter

Jürgen Böttcher

Jürgen Böttcher
Regie, Drehbuch, Musik, Schnitt

* 08. Juli 1931
Frankenberg, Sachsen
Deutschland

JÜRGEN BÖTTCHER • Biographie Seite 1/1

Der Dokumentarist Jürgen Böttcher alias Maler Strawalde zählt zu den großen Künstlern der DDR. Zeit seines Lebens ist er unangepaßt. Mit seiner Neigung zum Experiment hat er entscheidenden Einfluß auf Künstler nachfolgender Generationen. Seine avantgardistischen Filme sind inhaltlich und formell wegweisend. Der Regisseur sucht in den kleinen, alltäglichen Gesten und Zeichen, die häufig übersehen werden, den Sinn und die Schönheit des Lebens. Seine Filme über die Arbeits- und Kunstwelt werden so zu eindrucksvollen und unverkennbaren Porträts, seine Protagonisten - Küchenfrauen, Wäscherinnen, Stahlarbeiter, Rangierer - strahlen Würde aus.

Jürgen Böttcher wird am 08. Juli 1931 in Frankenberg (Sachsen) als Hans Jürgen Traugott Böttcher geboren. Sein Vater ist Studienrat, seine Mutter arbeitet als Buchhändlerin. Die Familie zieht mit den drei Kindern in die Oberlausitz. Dort wächst er in dem Ort Strahwalde auf und besucht die Oberschule in Löbau. Nach dem Ende des II. Weltkrieges kommt er nach Dresden und beginnt 1949 ein Studium der Malerei an der dortigen Akademie für Bildende Künste bei Wilhelm Lachnit, das er 1953 beendet. Danach arbeitet er als freischaffender Maler, gibt Kurse an Dresdner Volkshochschulen.

Mehr und mehr verlagert sich sein Interesse zum bewegten Bild und zum filmischen Raum. Von 1955 bis 1960 studiert er Regie an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Es entstehen erste Kurzfilme, gemeinsam mit dem Kameramann Christian Lehmann. Sein Abschlußfilm NOTWENDIGE LEHRJAHRE (1960) dreht er über straffällig gewordene Jugendliche in einem Jugendwerkhof in Thüringen. Schon hier zeigt sich ein hervorstechendes Merkmal seiner späteren Filme: Jürgen Böttcher gibt seinen Protagonisten viel Raum; er nähert sich vorurteilsfrei, einfühlsam und vorsichtig. Außerdem ist seine Neugierde an den Lebenssituationen und -geschichten seiner Figuren zu spüren.

Nach dem Abschluß des Studiums arbeitet der junge Regisseur im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme. Sein erster Film DREI VON VIELEN (1961) ist das Porträt dreier junger Arbeiter, die sich in ihrer Freizeit für die Malerei begeistern und ein überaus individuelles Leben führen. Seine Jugendlichen entsprechen nicht dem offiziellen Arbeiter-Bild der frühen 60er Jahre. Wahrscheinlich ist dies der Grund für das Verbot des Films. Er wird erst 27 Jahre nach seiner Entstehung auf dem Internationalen Filmfest in Edinburgh aufgeführt, in Deutschland ist er 1990 in Oberhausen zu sehen.

Jürgen Böttcher dreht weiter Dokumentarfilme. Besondere nationale und internationale Aufmerksamkeit erlangt OFENBAUER (1962). Der Film protokolliert die 18-m-Verschiebung eines 65 m hohen und 2000 t schweren Hochofens im Eisenhüttenkombinat. Mit fünf Kameramännern schildert das Werk in nüchternen Bildern die Leistung des Kollektivs. Im Film STARS (1963) stehen wieder Arbeiter im Mittelpunkt, Frauen aus der Fließbandproduktion im Glühlampenwerk Berlin. Das Gruppenporträt wendet sich den Einzelnen und dem Persönlichen zu. Danach folgen Filme außerhalb der Arbeitswelt, wobei BARFUß UND OHNE HUT (1965) besonders auffällt. Er erzählt die Geschichte einiger Jugendlicher, die an der Ostsee Urlaub machen. Authentisch vermittelt er ein jugendliches, antidogmatisches Lebensgefühl Mitte der 60er Jahre. Die Verantwortlichen vermissen ein repräsentatives Bild von der DDR-Jugend. Der Film erhält zwar die Freigabe durch das Ministerium für Kultur, ist aber fast nie in den Kinos des Landes zu sehen.

Mitte der 60er Jahre dreht Jürgen Böttcher seinen ersten und einzigen Spielfilm JAHRGANG 45 (1965). Erzählt wird die Geschichte eines Berliner Paares aus dem Prenzlauer Berg, welches kurz vor der Scheidung steht. Sie finden wieder zueinander. Der Regisseur schildert präzise im dokumentarischen Stil den Ehe-Alltag der beiden. In den Hauptrollen sind die Schauspieler Rolf Römer und Monika Hildebrand zu sehen, aber sonst arbeitet Jürgen Böttcher vorwiegend mit Laien-Darstellern. Er dreht gemeinsam mit dem Kameramann Roland Gräf an Berliner Originalschauplätzen, zeigt die leere und lustlose Wirklichkeit in den Berliner Hinterhöfen. Wie seine cineastischen Vorbilder des "direct cinema" und des "cinéma vérité" konzentriert er sich auf das Alltägliche und Ungezwungene. Die Arbeit am Film wird in der Rohschnittphase unterbrochen, als er in Folge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED von den Verantwortlichen als "nihilistisch und skeptizistisch" eingeschätzt wird. Erst 1990 wird eine Arbeitsfassung in der Akademie der Künste gezeigt, später wird der Film rekonstruiert und synchronisiert.

Zurück im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme dreht Jürgen Böttcher überwiegend Auftragswerke für das Ministerium für Auswärtige Angelegenheit. Dazu zählen unter anderem WIR WAREN IN KARL-MARX-STADT (1967), WEGGEFÄHRTEN (1974) oder SONG INTERNATIONAL (1971) über das 2. Festival des politischen Liedes in Berlin. Dazwischen fällt der Regisseur aber immer wieder mit viel diskutierten Produktionen auf, die einen eigenen Stil markieren. Sein Beitrag DER SEKRETÄR (1967) ist ein Porträtfilm über einen Parteisekretär der SED in den Buna-Werken. In WÄSCHERINNEN (1972) stehen wieder Arbeiterfrauen vor der Kamera, die offen und vital von ihrem Leben berichten. In ERINNERE DICH MIT LIEBE UND HAß (1974) wendet er sich beeindruckend der Situation nach dem Putsch in Chile zu. Über den einstigen Wohnort von Charlotte von Stein GROSSKOCHBERG - GARTEN DER ÖFFENTLICHEN LANDSCHAFT (1976) dreht er einen Film. In dem sechzigminütigen Werk EIN WEIMARFILM (1977) zeigt er überaus subjektiv seine Sicht auf die Stadt, die einerseits als Hochburg deutscher Klassik gilt und zugleich das Konzentrationslager Buchenwald beherbergt hat. Sein Beitrag MARTHA (1978) erzählt die Geschichte der letzten Berliner Trümmerfrau Martha Bieder. Jürgen Böttcher zeigt in ruhigen Bildern ihre letzten Arbeitstage. Er stellt den schweren Alltag einer Arbeiterin gegen die staatlichen Losungen vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt.

Anfang der 80er Jahren konzentriert sich der Regisseur auf Experimentalfilme, die seine Kunst in den Mittelpunkt stellen. Mit seinem Tryptichon POTTERS STIER (1981), VENUS NACH GIORGIONE (1981) und FRAU AM KLAVICHORD (1981) unterlegt er mit Musik und Geräuschen seine kleinen Kunstwerke. Über Jahre hat er Postkarten mit Bildern alter Meister übermalt, die er nun in einem neuen Kontext zusammensetzt. Die Serie ist damit einerseits eine Hommage an die von ihm verehrten Maler und zeigt zudem seine Umgang mit den Klassikern auf. In KURZER BESUCH BEI HERMANN GLÖCKNER (1985) porträtiert der Regisseur liebevoll den 96-jährigen Maler in seinem Dresdner Atelier.

Daneben und danach konzentriert sich der Regisseur wieder auf Arbeitswelten. In RANGIERER (1984) zeigt er alltäglichen Tätigkeiten auf dem größten Rangierbahnhof der DDR Dresden-Friedrichstadt. Gemeinsam mit dem Kameramann Thomas Plenert gelingt es dem Regisseur, den Arbeitsrhythmus der Rangierer zum Takt des Films zu machen. Mit DIE KÜCHE (1986) porträtiert er die Arbeit der Küchenfrauen in der Neptunwerft Rostock, die körperlich schwer arbeiten und selten Dank für ihre Leistungen erhalten. Im selben Jahr bereist der Regisseur Georgien und legt einen persönlichen Reisebericht IN GEORGIEN (1988) vor.

Nach dem Fall der Mauer im November 1989 dreht Jürgen Böttcher DIE MAUER (1990). Der Film ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern fängt Augenblicke und Eindrücke der Zeit ein. 2001 entsteht sein vorerst letzter Film KONZERT IM FREIEN (2001). Die Dokumentation zeigt Aufnahmen von der Entstehung des Denkmals aus den Jahren 1981-1986. Hinzu kommt neues Material, daß ausschließlich auf dem Marx-Engels-Forum gedreht wurde. Es entsteht eine ungewöhnliche Dokumentar-Collage, die mit Musik der Free-Jazzern Günter "Baby" Sommer und Dietmar Diesner untermalt ist.

Neben seiner Filmarbeit ist Jürgen Böttcher immer auch als Maler tätig. Im Herbst 1961 stellt er als junger Nachwuchskünstler mit anderen in der Akademie der Künste aus. Sein Bild "Gespräch" wird stark kritisiert. In Folge der Formalismus-Debatte erfolgt sein Ausschluß aus dem Verband Bildender Künstler. Seine Möglichkeiten für Ausstellungen sind damit stark eingeschränkt. Ab Mitte der 80er Jahre tritt er wieder verstärkt als Maler auf, der unter dem Pseudonym "Strawalde" mit Ausstellungen in Dresden, Karl-Marx-Stadt oder Berlin Aufmerksamkeit erregt. Seit 1989 ist Jürgen Böttcher Mitglied der Akademie der Künste. In den 90er Jahre folgt eine intensive Ausstellungstätigkeit im Ausland, unter anderem sind seine Werke in Frankreich, der Schweiz, in den USA und Belgien zu sehen. Zu seinen Ausstellungen werden häufig Sichtungen seiner Filme angeboten. In Frankreich, Schottland oder Spanien sind ausführliche Retrospektiven zu sehen.

Neben zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen erhielt Jürgen Böttcher 1992 das Filmband in Gold für sein Lebenswerk. Kurz davor hat er für seinen Film DIE MAUER (1990) den Felix, den Europäischen Filmpreis, für den besten Dokumentarfilm Europas erhalten. 2001 wird er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Jürgen Böttcher ist mit Erika Dobslaff verheiratet. Er lebt mit seiner Familie in Berlin-Rummelsburg.

-----
Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

-----
Links
Jürgen Böttcher auf moviepilot.de

Aktueller Stand der Datenbank:
18738 Filme,
72604 Personen,
6594 Trailer,
873 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 1,06032