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Gerhard Klein

Gerhard Klein
Regie, Drehbuch

* 01. Mai 1920
Berlin
Deutschland
† 21. Mai 1970
Berlin
Deutschland

GERHARD KLEIN • Biographie Seite 1/1

Der Regisseur Gerhard Klein ist in den 50er und 60er Jahren einer der erfolgreichsten Regisseure der DEFA. Besonders mit den Berlin-Filmen, die er gemeinsam mit dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase erarbeitet, üben sie maßgeblichen ästhetischen Einfluß aus. Als gebürtiger Berliner ist Gerhard Klein an einem realistischen und detaillierten Bild von seiner Heimatstadt interessiert, als Arbeiterkind beobachtet er sozial genau und orientiert sich bei der Inszenierung seiner Filme am poetischen Realismus.

Gerhard Klein wird am 01. Mai 1920 in Berlin geboren. Sein Vater ist Dreher. Seine Kindheit erlebt er im Berliner Arbeiterbezirk Kreuzberg, seine Jugend verbringt er in einer Laubenkolonie. Schon früh engagiert er sich politisch, wird Mitglied des Jungspartakus-Bundes. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 arbeitet er im kommunistischen Widerstand, wird zweimal verhaftet. Mit 18 Jahren wird er zum Wehrdienst eingezogen, ist später an der Ostfront stationiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Gerhard Klein kurzzeitig im Hauptjugendausschuß der KPD und beim Jugendamt des Magistrats von Berlin beschäftigt.

Früh beschäftigt er sich mit dem Film. Dabei bringt er sich viel autodidaktisch bei, beginnt als Trickfilmzeichner. 1946 erhält er die Möglichkeit, im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme in Potsdam-Babelsberg zu arbeiten. Er ergreift die Gelegenheit und schreibt zunächst Drehbücher für Kurzfilme, ist später als Regieassistent im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme tätig. Sein Puppentrickfilm GÄSTE AUS MOSKAU (1951), der anläßlich des Aufenthalts des weltberühmten Puppenspielers Sergej Obraszow und dessen Ensemble entsteht, fällt auf. 1952 wechselt er zum DEFA-Studio für Spielfilme.

Gerhard Klein beteiligt sich am Aufbau der Kinder- und Jugendfilmproduktion, wird später Leiter der künstlerischen Arbeitsgruppe "Berlin". Gemeinsam mit dem Drehbuchautoren Wolfgang Kohlhaase erarbeitet er den Stoff für seinen ersten Spielfilm. Nach Vernehmungsprotokollen und Interviews entsteht die Aufbereitung einer tatsächlichen Begebenheit, der Jugend-Abenteuerfilm ALARM IM ZIRKUS (1954). Erzählt wird die Geschichte zweier Westberliner Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, die sich für ein krummes Geschäft anheuern lassen. Es sollen wertvolle Pferde aus dem Ostberliner Zirkus Barlay gestohlen werden. Sie verhindern den Diebstahl. Der Film wird ein Erfolg und begründet eine Serie von "Berlin-Filmen".

Mehrfach arbeiten Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase zusammen. Ihre Geschichten erzählen vom Lebensgefühl junger Leute. Sozial genau beobachten und inszenieren sie ihre Filme. Dabei orientieren sie sich am dokumentarischen Spielfilm und am italienischen Neorealismus. Das Team arbeitet mit Laiendarstellern und zeigt ungeschminkte, authentische Wirklichkeiten. Erklärtes Ziel ist es, Berlin realistisch und detailliert ins Bild zu setzen. Ihr nächster gemeinsamer Film wird die Liebesgeschichte EINE BERLINER ROMANZE (1956). Ulrich Thein spielt den arbeitslosen Westberliner Hans, der sich in das Ostberliner HO-Lehrmädchen Uschi (gespielt von Annekathrin Bürger) verliebt. Sensibel und unpathetisch gestaltet der Regisseur die Romanze in der geteilten Stadt.

Der wohl bedeutendste Beitrag der Berlin-Filme und einer der wichtigsten DEFA-Filme der 50er Jahre wird BERLIN ECKE SCHÖNHAUSER (1957). Hier wenden sich Regisseur und Drehbuchautor dem Problem der "Halbstarken" zu. Unter den U-Bahn-Bögen im Prenzlauer Berg treffen sich Jugendliche, die zu hause nicht mehr zurechtkommen. Sie stellen unbequeme Fragen, tanzen Rock'n' Roll, werden kriminell, orientieren sich an Westberlin. Als einer der Jugendlichen in einem Auffanglager ums Leben kommt, verändert sich etwas. Der Film ruft heftige Diskussionen hervor. Die Hauptverwaltung Film lehnt ihn wegen seines impressionistischen Szenariums und der negativen Darstellung ostdeutscher Lebenswirklichkeit ab. Im FDJ-Zentralrat, wo eine interne Vorführung stattfindet, wird BERLIN ECKE SCHÖNHAUSER (1957) als positives Gegenstück zu westdeutschen Halbstarken-Filmen begriffen. Nach einiger Auseinandersetzung startet der Film im August 1957 in den Kinos und hat Erfolg.

Danach wendet sich Gerhard Klein einem anderen Genre zu. Er inszeniert den Märchenfilm DIE GESCHICHTE DES ARMEN HASSAN (1958). Mit Künstlern des Berliner Ensembles überträgt er die Methoden des Brechtschen Theaters auf die Gestaltung eines Märchens. Der Lastenträger (gespielt von Ekkehard Schall) sprengt seine Ketten und verschafft sich und anderen Dürstenden Wasser aus dem Besitz eines reichen Kaufmanns. Die künstlerisch ambitionierte Verfilmung ist als parabelhaftes Lehrstück inszeniert, wird wegen ihrer vorzüglichen Kameraarbeit und den guten Darstellerleistungen gelobt. Ein weiterer Film entsteht zu Ehren des V. Parteitages der SED. Bei DIE FESTSTELLUNG (1958) führt Gerhard Klein gemeinsam mit Werner Bergmann und Herbert Fischer Regie. Erzählt wird die Geschichte einer Republikflucht. Der geflüchtete Bauer kehrt allerdings enttäuscht aus dem Westen zurück. Die Dorfbewohner stellen nun die Gründe der Flucht in einem Rollenspiel nach. Außerdem beendet Gerhard Klein den Film EIN SOMMERTAG MACHT KEINE LIEBE (1960), den Herbert Ballmann begonnen hat.

International bekannt wird Gerhard Klein mit dem Film DER FALL GLEIWITZ (1961). Er schildert - minutiös rekonstruiert, sachlich, distanziert - den Überfall auf den Sender Gleiwitz, der von den nationalsozialistischen Machthabern fingiert worden ist, um einen Anlaß für den Beginn des Zweiten Weltkrieges zu schaffen. Gemeinsam mit Wolfgang Kohlhaase und Günther Rücker wird das Drehbuch erarbeitet, mit dem Kameramann Jan Curik wird eine kühle, geometrische Bildsprache gefunden, die die propagandistischen Prinzipien des Nationalsozialismus erlebbar machen soll. Der Film beeindruckt durch seine experimentelle Form und gilt heute als eines der wichtigsten Werke antifaschistischer Kunst. Bei DDR-Kulturfunktionären stößt er allerdings auf Ablehnung. Ihm wird Verherrlichung vorgeworfen. Nach seiner Premiere kommt er fast nur in Programmkinos zum Einsatz.

Mit dem SONNTAGSFAHRER (1963) wagt sich der Regisseur wieder auf gegenwärtiges Terrain. Erzählt wird die Geschichte einiger Leipziger Familien, die kurz vor dem Bau der Mauer gemeinsam die Republikflucht planen. Während der an abenteuerlichen und komischen Zwischenfällen reichen Fahrt nach Berlin offenbaren sich die Charaktere der Beteiligten. Letztlich scheitert die Flucht, weil in der Nacht zum 13. August die Berliner Mauer aufgebaut worden ist. An den Kinokassen überzeugt der Film nicht.

Mitte der 60er Jahre inszenieren Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhasse wieder einen Berlin-Film: BERLIN UM DIE ECKE (1966). Der Film soll an die früheren Erfolge anschließen, spielt diesmal im Arbeitermilieu. Olaf und Horst, Mitglieder einer Jugendbrigade eines großen Metallbetriebes, haben Schwierigkeiten mit den älteren Kollegen, fühlen sich nicht akzeptiert. Wieder gibt es kaum eine dramaturgische Handlung, lose sind die Szenen miteinander verknüpft, reportagehaft wird die Geschichte erzählt. Nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED wird die Arbeit an dem Film, der sich im Zustand des Rohschnitts befindet, unterbrochen. Dem Film wird eine zu kritische Haltung im Generationskonflikt attestiert, ihm wird Pessimismus und Subjektivismus vorgeworfen. Erst 1990 kommt der Film in die Kinos.

Danach arbeitet Gerhard Klein noch an einer Episode in GESCHICHTEN JENER NACHT (1967), die sich ebenfalls mit den Ereignissen um den 13. August 1961 beschäftigt, und konzentriert sich dann auf die Verfilmung eines Kriminalfalles, der an die Tradition der Berlin-Filme anknüpfen soll. LEICHENSACHE ZERNIK (1972) schildert, basierend auf den Nachkriegserinnerungen von Kriminalkommissaren, einen Mordfall. Politische Entscheidungen im geteilten Berlin behindern die Suche nach einem Frauenmörder. Nach zehn Drehtagen erkrankt der Regisseur Gerhard Klein schwer Er stirbt am 21. Mai 1970. Das Material wird zunächst ins Archiv eingelagert. Zwei Jahre später beenden sein Schüler und Assistent Herbert Nitzschke und sein langjähriger Freund Wolfgang Kohlhaase den Film.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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