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Hanns Zischler

Hanns Zischler
Mitarbeit, Darsteller, Sprecher

* 18. Juni 1947
Nürnberg
Deutschland

HANNS ZISCHLER • Biographie Seite 1/1

Hanns Zischler ist Schauspieler, Dramaturg, Essayist, Fotograf, Übersetzer und Verleger. "Learning by looking" lautet sein entscheidendes Lebensmotto. Der Autodidakt besuchte nie eine Schauspielschule oder Fotoakdemie. Seine Vertrauen erweckende physische Präsenz verschafft ihm Rollen in annähernd 200 Filmen; er gilt als vielseitig einsetzbar und stellt vom Killer über den Nazi bis hin zum Polizisten und Lebemann viele Figuren dar. Ihn interessieren vorwiegend Darstellungsprozesse. Damit beschäftigt er sich auch theoretisch.

Hanns Zischler wird als Christoph Johann Zischler am 18. Juni 1947 in Nürnberg geboren. Als Sohn eines Steinhändlers verbringt er seine Kindheit im fränkischen Dorf Langenaltheim. Als die Mutter stirbt, schickt ihn sein Vater auf ein protestantisches Internat in Ingoldstadt. Dort hat er das Glück, auf gute Lehrer zu treffen, die sein Interesse an Musik und Philosophie fördern.

Zum Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Ethnologie geht er nach seinem Abitur als 19-jähriger 1966 nach München. Dort taucht er in die Studenten- und Kunstszene ein. Im Gegensatz zu den sich dort tummelnden Künstlern trägt er nicht Jeans, sondern weiße Hemden mit dunklen Anzügen seines im Krieg gefallenen Onkels. Der junge Filmstudent Wim Wenders, der an der gerade eröffneten Hochschule für Film und Fernsehen München Regie studierte, findet sein unzeitgemäßes Erscheinungsbild so reizvoll, dass er ihm die Hauptrolle in seinem experimentellen Kurzfilm SAME PLAYER SHOOTS AGAIN (1968) gibt. Darin sind die meiste Zeit über nur Hanns Zischlers Beine zu sehen, wie er angeschossen über die Straßen torkelt. Die Schlusseinstellung zeigt sein Gesicht mit offenen Augen, aus Nase und Mund blutend, auf der Rückbank eines Autos. Mit dieser Rolle steht ihm der Weg ins Schauspielfach offen.

Aber zunächst geht Hanns Zischler 1968 an die Schaubühne ans Hallesche Ufer in Berlin, an der er von 1973 bis 1975 als Dramaturg tätig ist. Er inszeniert auch Stücke in Karlsruhe und Basel, wo er gemeinsam mit Regisseur Harun Farocki 1976 "Die Schlacht" und "Traktor" nach Heiner Müller auf die Bühne bringt. Doch die Schauspielerei lässt ihn nicht los. Wim Wenders dreht seinen Abschlussfilm SUMMER IN THE CITY (1970) ebenfalls mit dem Darsteller. Darin streift der frischgebackene Schauspieler zwischen Dezember 1969 und Januar 1970 auf langen Spaziergängen durch ein winterlich verschneites München. Er kann hier jedoch noch nicht die ganze Bandbreite seiner Darstellungskunst entfalten. Erst als er in IM LAUF DER ZEIT (1976) wieder von Wim Wenders eine weitere Rolle erhält, gelingt ihm der Schritt ins Autorenkino. Bruno Winter (RüdigerVogler) fährt mit einem Möbelwagen an der Grenze der DDR entlang und repariert Projektoren von Landkinos. Er trifft auf Robert Lander (Hanns Zischler), der sogleich einen großen Auftritt hinlegt: Er rast mit seinem VW-Käfer in einen Fluss. Die beiden heimatlosen Männer wissen nicht mehr, wie es mit ihnen weitergeht und begeben sich auf eine Reise.

Seitdem ist Hanns Zischler als Darsteller im Autorenkino präsent. Er dreht mit Peter Handke den Film DIE LINKSHÄNDIGE FRAU (1978), arbeitet mit Chantal Akerman bei LES RENDEVOUS D'ANNA (1978) zusammen, steht vor der Kamera beim Regisseur Peter Lilienthal und seinem Film DAVID (1979) und bei BERLIN CHAMISSOPLATZ (1980) von Rudolf Thome. In letzterem spielt er einen Architekten in den Vierzigern, der den Auftrag erhält, ein besetztes Haus an eben diesem Platz in Berlin zu sanieren. Er verliebt sich in eine junge Studentin (Anna Bach), die sich mit mehreren Anwohnern dafür einsetzt, die Sanierung zu verhindern, damit die Mieten nicht steigen. Der Architekt muss sich entscheiden. Die Liebesgeschichte spielt vor einem realen Hintergrund, so dass der Film neben exzellent fotografierten Bildern der alten Häuser einen dokumentarischen Anstrich erhält. Selten spielt Hanns Zischler so gelöst wie hier, als er in einer Szene beschwingt Klavier spielt und dazu singt. Ansonsten bevorzugt er das kontrollierte Spiel.

Insgesamt acht Filme dreht der Schauspieler gemeinsam mit Rudolf Thome, darunter PARADISO – SIEBEN TAGE MIT SIEBEN FRAUEN (2000). Dort verkörpert er Adam, der zu seinem 60. Geburtstag seine Frau, sowie seine beiden Ex-Frauen und vier ehemalige Liebhaberinnen in sein Haus am See einlädt. Er genießt die Gespräche und Eifersüchteleien zwischen den Frauen, diese überraschen ihn dafür mit skurrilen Geschenken. Genüsslich stellt Hanns Zischler den Lebemann dar und verliert dabei dennoch nie die Kontrolle. Neben vielen TV-Produktionen dreht er mit Robert van Ackeren die Filme DIE FLAMBIERTE FRAU (1983) und DIE VENUSFALLE (1988). In letzterem verkörpert er den Freund von Marie (Myriem Roussel), die eine Affäre mit Max (Horst-Günther Marx) hat, und ihn deshalb mit dessen attraktiver Freundin Coco (Sonja Kirchberger) verkuppeln will.

Hanns Zischler arbeitet auch mit internationalen Regisseuren. DR. M (1990) von Claude Chabrol spielt in Berlin. Immer mehr Menschen begehen Selbstmorde. Der Polizist Klaus Hartmann (Jan Niklas) ermittelt und begegnet dem Model Sonja Vogler (Jennifer Beals). Er merkt bald, dass es um viel mehr geht als um Selbstmorde. Hanns Zischler hat hier als Moser eine Nebenrolle inne, passt aber mit seiner geheimnisvollen Art in den Krimi, der im film noir-Stil gedreht ist. Mit Jean-Luc Godard dreht er DEUTSCHLAND NEU(N) NULL (1991), spielt darin Graf Zelten. Für SALZ AUF UNSERER HAUT (1992) und der Romanverfilmung von Ian McEwan DER ZEMENTGARTEN (1993) arbeitet er mit dem Regisseur Andrew Birkin zusammen. In LA TRAQUE – DIE HETZJAGD (2008) von Laurent Jaoui verkörpert er den Nazi Klaus Barbie, den "Schlächter von Lyon", der nach dem Krieg jahrelang auf der Flucht vor Nazijägern ist. Diesen stellt er mit einer gefährlichen Ruhe und Kontrolliertheit dar. EIN HAUCH VON SONNENSCHEIN (1999) und TAKING SIDES (2001) entstehen mit Regisseur István Szabó. Seine Engagement in der Hollywood-Produktion MÜNCHEN (2005) verdankt der Schauspieler diesen Film. Regisseur Steven Spielberg sieht ihn in den Filmen und trifft sich daraufhin mit dem Deutschen in Paris und engagiert ihn für seinen Film über ein fünfköpfiges Mossad-Geheimkommando, welches die Hintermänner der palästinensischen Terrorgruppe töten soll, die bei der Olympiade 1972 elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft ermorden. Hanns Zischler spielt den ruhigen Planer Hans, der kalkuliert und wortkarg bei den Treffen des Geheimkommandos agiert.

In IM WINTER EIN JAHR (2008) (IM WINTER EIN JAHR (2008) Trailer) von Caroline Link gibt er den Ehemann von Eliane (Corinna Harfouch), deren gemeinsamer Sohn sich umbringt. Unfähig, ihr Leid auszudrücken, droht die Familie zu zerbrechen. Ruhig und verschlossen agiert Hanns Zischler als Ehemann, der sich in seiner Trauer verschließt. Aktuell verkörpert er den Ufa-Produzenten Erich Pommer in dem Biopic HILDE (2009) (HILDE (2009) Trailer) von Kai Wessel über das Leben der Schauspielerin Hildegard Knef.

Der Schauspieler spielt in zahlreichen TV-Produktionen wie "Derrick", "Tatort" und "Die Männer vom K3". Selbst in Nebenrollen zeigt er eine beachtliche Präsenz. In "Todsünde" (2008) verkörpert er den Kommissar Polonius Fischer , der einige Jahre als Mönch in einem Kloster lebte. Ohne großes Minenspiel beherrscht er die Szene und macht sein Wissen und seine Skrupel als polizeilicher Aufklärer deutlich.

Als Autor verfasst er zahlreiche literarische Essays, seine Publikation über Franz Kafka unter dem Titel "Kafka geht ins Kino" (1996) erlangt weltweite Aufmerksamkeit. Als Ausgangspunkt seiner Forschungen nimmt er die Brief- und Tagebuchnotizen des Autors zum Kino und es entsteht das in neun Sprachen übersetzte Werk über einen der bdeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts. Danach veröffentlicht er ein Werk über den Schriftsteller James Joyce: "Nase für Neuigkeiten: Vermischte Nachrichten von James Joyce". Er liest in zahlreichen Hörspielproduktionen Werke von Gabriel García Marquez, Fernando Pessoa oder Ryszard Kapuscinski und spricht die Rolle des Serenus Zeitblom in Doktor Faustus von Thomas Mann. Das Multitalent ist außerdem als Verleger tätig. Sein Berliner Verlag bringt die Kulturzeitschrift "Tumult" heraus.

Hanns Zischler lebt gemeinsam mit seiner Ehefrau in Berlin Charlottenburg.

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Autorin: Katharina Losso
Stand: März 2009

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