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Ulrich Mühe

Ulrich Mühe
Darsteller

* 20. Juni 1953
Grimma, Sachsen
Deutschland
† 22. Juli 2007
Walbeck (Sachsen-Anhalt)
Deutschland

ULRICH MÜHE • Biographie Seite 1/1

Ulrich Mühe hat sich seinen Platz in der deutschen Filmgeschichte bereits frühzeitig gesichert. Durch seine feinfühligen Darstellungen im Film und auf der Bühne zählt er zu den wichtigsten deutschsprachigen Schauspielern, die auch international Beachtung finden. Wie ihm Kritiker bescheinigen, gehört er zu jenen Darstellern, die die Sensibilität der Figuren bereits als Aura einbringen. Die Auswahl seiner Rollen beim Theater und auf der Leinwand zeugt von großer Wandelbarkeit, bisweilen agiert er einfühlsam und verletzlich, einige Male tritt er schneidend scharf auf, in den meisten Fällen sind seine Darstellungen ein Erlebnis.

Ulrich Mühe wird am 20. Juni 1953 in Grimma, Sachsen als Friedrich Hans Ulrich Mühe geboren. Sein Vater verdient seinen Lebensunterhalt als Kürschnermeister. Nach seiner Schulausbildung und einer Lehrausbildung mit Abitur als Baufacharbeiter absolviert er einen 1 1/2jährigen Wehrdienst. Ab 1975 studiert Ulrich Mühe an der Theaterhochschule "Hans Otto" in Leipzig.

Bereits während seines Studiums sammelt er erste Bühnenerfahrungen als Komparse und mit kleinen Rollen in Karl-Marx-Stadt am dortigen Städtischen Theater. Er steht in Stücken von Friedrich Schiller, Bertolt Brecht und Thomas Wolfe auf der Bühne. 1979 wird er nach seinem Studienabschluß fest engagiert und debütiert als Lyngstrand in dem Bühnenstück "Die Frau vom Meer" von Hendrik Ibsen. 1982 ist er Gast an der Volksbühne in Berlin, spielt in der Heiner Müller-Inszenierung "Macbeth". Ab 1983 ist der junge Schauspieler am Deutschen Theater zu sehen und steigt durch seine enorme Wandlungsfähigkeit bald zum Star des Ensembles auf. Er brilliert als Sigismundis in "Das Leben ein Traum" von Calderon, agiert als Egmont sowie als Philotas und spielt den Patriarchen in "Nathan der Weise" nach Lessing. Besonders in der politischen Umbruchzeit 1989/1990 feiern ihn Zuschauer wie Kritiker. In dem Doppelprojekt "Hamlet/Hamletmaschine" nach William Shakespeare und Heiner Müller wird er umjubelt.

Neben seiner Theaterarbeit ist Ulrich Mühe auch bei der DEFA beschäftigt. Zu Beginn seiner Filmkarriere agiert er nur in kleineren Nebenrollen. Er ist in den Filmen OLLE HENRY (1983) von Ulrich Weiß und DIE FRAU UND DER FREMDE (1985) von Rainer Simon zu sehen. Große nationale und internationale Beachtung findet er mit seiner Darstellung des Dichters Friedrich Hölderlin in HÄLFTE DES LEBENS (1985) in der Regie von Herrmann Zschoche. Geschildert werden zehn Jahre aus dem Leben des Dichters. Der Tod seiner Geliebten (gespielt von Jenny Gröllmann) stürzt ihn in tiefe Depressionen, von denen er sich nie wieder erholt. Ulrich Mühe macht überzeugend die ganze Zerrissenheit des Dichters deutlich, wird wegen seiner sehr präzisen Darstellung von Zerbrechlichkeit und Gefährdung gelobt. Der Erfolg öffnet dem Schauspieler internationale Türen.

Der Regisseur Bernhard Wicki besetzt ihn in dem Film DAS SPINNENNETZ (1986) nach dem Roman von Joseph Roth. Er spielt Theodor Lohse, einen jungen Leutnant, der seine Militärlaufbahn aufgeben muß und nun die nationalsozialistische Chance sieht, doch noch Karriere zu machen, indem er über Leichen geht. Dem Darsteller, der neben Klaus Maria Brandauer und Armin Mueller-Stahl agiert, bescheinigen die Kritiker eine ungewöhnliche Leinwandpräsenz. Für seine Leistung erhält er den Bayrischen Filmpreis als Bester Darsteller.

Bei der DEFA ist der Schauspieler noch in dem Film SEHNSUCHT (1990) von Jürgen Brauer zu sehen. Er spielt den Wasserbauingenieur Sieghart, der sich in einer Nacht in der Lausitz in die junge Bäuerin Ena (gespielt von Ulrike Krumbiegel) verliebt. Der verschmähte Bauer Mathias läßt sich zum Polterabend ein mörderisches Spiel einfallen, bei dem er selbst auf der Strecke bleibt. Ena geht dieser Abend nicht mehr aus dem Kopf. Gelobt werden die beiden Hautdarsteller wegen ihrer Sensibilität, mit der sie die Figuren verkörpern.

Im Herbst 1989 gehört Ulrich Mühe zu den DDR-Künstlern, die am 04. November an der Großdemonstration in Berlin teilnehmen und sich für eine Demokratisierung des Landes aussprechen. In der neuen Bundesrepublik hat der Schauspieler keine Schwierigkeiten, sich durchzusetzen, europäische Bühnen stehen ihm nun offen. 1990 spielt er den König Alphons in Franz Grillparzers "Die Jüdin von Toledo" unter der Regie von Thomas Langhoff bei den Salzburger Festspielen. Er gastiert am Wiener Burgtheater und an den Hamburger Kammerspielen, ist bei den Wiener Festwochen zu sehen. Mittlerweile inszeniert der Schauspieler auch. 2004 führt er Regie bei dem Heiner Müller-Stück "Der Auftrag" im Haus der Berliner Festspiele. Zusätzlich reist er mit zahlreichen Lesungen und Literaturveranstaltungen durch das Land. Mittlerweile ist Ulrich Mühe auch auf dem Boulevard-Theater präsent. Er spielt Oscar Wildes "Bunbury " und in Carl Sternheims "Die Hose".

Ulrich Mühe sucht sich nach dem Zusammenbruch der DDR seine Rollen bewußt aus. Er arbeitet unter anderem mit den bekannten Regisseuren Constantin Costa-Gavras, Helmut Dietl und dem österreichischem Künstler Michael Haneke. Besonders mit letzterem verbindet ihn eine enge Arbeitsbeziehung. In BENNYs VIDEO (1992) spielt er den Vater des etwa zwölfjährigen Benny, der - weil sich seine wohlsituierten, egoistischen Eltern nicht um ihn kümmern - in eine gewalttätige Video-Welt flüchtet und ein Mädchen mit einem Bolzenschießer tötet. Ohne viel Beunruhigung beseitigt er die Tote, seine Eltern unterstützen ihn. In FUNNY GAMES (1997) agiert Ulrich Mühe wieder als Vater, der seine Familie während ihres ersten Urlaubstages vor zwei Verbrechern schützen muß und aufgrund ihrer gnadenlosen und grausamen Handlungen versagt. Die Angehörigen der Familie werden nach und nach getötet. Beiden Filmen gemeinsam ist die verstörende, kaum zu ertragende Darstellung von Gewalt, sie werden überaus kontrovers diskutiert. In der dritten gemeinsamen Arbeit DAS SCHLOSS (1997) nach der gleichnamigen Erzählung Franz Kafkas agiert Ulrich Mühe als Landvermessers K., der vergeblich versucht, Mitglied einer Dorfgemeinschaft zu werden. In der gelungenen Literaturverfilmung verkörpert Ulrich Mühe die Hauptfigur eindringlich und bringt die ganze Absurdität der Verhältnisse mit seinem Spiel auf den Punkt.

In Helmut Dietls Film-Satire SCHTONK (1991) verkörpert er den Verlagsleiter Dr. Wieland, der die gefälschten Tagebücher Adolf Hitlers ohne Bedenken aufkauft, um seinem Verlag immensen Erfolg zu sichern. Nochmals spielt er in einer Filmbiographie über Friedrich Hölderlin mit. Diesmal gibt er den Jacob Gontard in FEUERREITER (1997) von Nina Grosse. 1992 übernimmt er die Hauptrolle in dem Psychothriller DAS TÖDLICHE AUGE (1992). Er mimt den gescheiterten Rechtsanwalt Stefan Phillis, der nachts als Voyeur durch die Großstadt schleicht und einer Terroristin auf die Spur kommt. In dem deutschen Thriller STRAIGHT SHOOTER (1999) von Thomas Bohn spielt er den Staatssekretär Markus Paufler, der die Morderpressungen gegen das deutsche Innenministerium abwickeln muß. In der Literaturadaption DER STELLVERTRETER (2002) des gleichnamigen Bühnenstücks von Rolf Hochhuth inszeniert von Constantin Costa-Gavras spielt er den Doktor, der um die Verbrechen der Nationalsozialisten weiß, sie organisiert und keinerlei Skrupel hat. Außerdem ist der Schauspieler in SCHNEELAND (2004) von Hans-Werner Geißendörfer zu sehen.

Neben seiner Theater- und Filmarbeit ist Ulrich Mühe zu Beginn seiner Karriere in zahlreichen TV-Aufführungen seiner Theaterstücke im Fernsehen der DDR präsent. Eine seiner ersten Hauptrollen erhält er von der Regisseurin Vera Loebner, die ihn als Walter Retzlow in dem TV-Film "Der Mann und sein Name" nach der Erzählung von Anna Seghers besetzt. Außerdem lernen ihn die Zuschauer in den populären Produktionen von "Polizeiruf 110" kennen. Seit Ende der 80er Jahren steht der Name Ulrich Mühe für anspruchsvolle und experimentierfreudige Fernsehunterhaltung. In "Die erste Reihe - Bilder vom Berliner Widerstand" (1987) agiert er neben anderen jungen Schauspielern und stellt das Leben antifaschistischer Widerstandskämpfer nach. Nochmals arbeitet er mit dem Regisseur Bernhard Wicki zusammen: In "Sansibar oder der letzte Grund" (1987) treffen 1938 Menschen aufeinander, die sich gegen die Nationalsozialsten zur Wehr setzen. Das dokumentarische Dichterporträt "Lieb Georg" (1988) von Konrad Herrmann schildert das Leben von Georg Büchner, dessen Texte Ulrich Mühe rezitiert.

Auch im wiedervereinigten Fernsehen macht sich der Darsteller schnell einem gesamtdeutschen Publikum bekannt. Zahlreich sind seine Rollen. Als Lehrer Rockstroh, der mit seinen humanistischen Bildungsidealen in Widerspruch mit den Nationalsozialisten gerät, überzeugt er in "Jugend ohne Gott" (1991) von Michael Knof. Er ist unter der Regie von Frank Beyer in dem TV-Film "Das letzte U-Boot" (1991) zu sehen, spielt den kleinen Herr Friedemann nach Thomas Mann. An der Seite von Manfred Krug agiert er in dem TV-Film "Der Blaue" (1993), der die Stasivergangenheit thematisiert. In einer Doppelrolle als Joseph Goebbels und Harry Geduldig überzeugt er in "Goebbels und Geduldig" (2000) von Kai Wessel. Besonders populär und erfolgreich ist der Schauspieler in der Rolle des Gerichtspathologen Dr. Robert Kolmaar in der preisgekrönten ZDF-Serie "Der letzte Zeuge", die er seit 1997 in mehreren Staffeln spielt.

Großen nationalen wie internationalen Erfolg feiert der Schauspieler mit der Rolle des Stasi-Offizier Gerd Wiesler in DAS LEBEN DER ANDEREN (2006) unter der Regie von Florian Henckel von Donnersmarck. Er spielt einen Funktionär, der sein Opfer vor dem System schützt. Der Film wird zum Gewinner des Jahres, erhält den Oscar als Bester fremdsprachiger Film. Ulrich Mühe wird ebenfalls mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis und dem Europäischen Filmpreis. Außerdem reist er mit dem Regisseur und seinem Schauspielkollegen Sebastian Koch nach Hollywood zur Oscar-Verleihung.
Sein letzter Film ist die Komödie MEIN FÜHRER (2006) vom Schweizer Regisseurs Dani Levy. Darin spielt er den im KZ inhaftierten jüdischen Schauspieler Adolf Grünbaum. Dieser soll den verwirrten Adolf Hitler (dargestellt von Helge Schneider) für eine wichtige Rede wieder in Form bringen. Im Vorfeld wird der Film stark kritisiert, Verharmlosung ist eines der Argumente. Auch nach dem Kinostart fallen die Kritiken verhalten aus, dagegen wird die Leistung des Schauspielers gelobt.

Ulrich Mühe ist Mitglied der Akademie der Schönen Künste München und Berlin/Brandenburg. Er ist mit der Schauspielerin Susanne Lothar verheiratet und lebt zum grössten Teil in Berlin. Mit ihr hat Ulrich Mühe einen Sohn und eine Tochter. Seine 1980 geborene Tochter Anna Maria Mühe aus seiner zweiten Ehe mit der Schauspielerin Jenny Gröllmann zieht es ebenfalls zur Bühne bzw. zum Film. Sie debütiert in dem Film GROßE MÄDCHEN WEINEN NICHT (2002). In erster Ehe ist der Schauspieler mit einer Dramaturgin verheiratet, die er am Theater in Karl-Marx-Stadt kennenlernt. Das Paar bekommt zwei Kinder.

Ulrich Mühe stirbt am 22. Juli 2007 nach einem Krebsleiden in Walbeck (Sachsen-Anhalt).

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Autorin: Ines Walk
Stand: März 2008
Die Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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