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Alfred Hirschmeier

Alfred Hirschmeier
Drehbuch, Architektur

* 19. März 1931
Berlin
Deutschland
† 27. März 1996
Potsdam
Deutschland

ALFRED HIRSCHMEIER • Biographie Seite 1/1

Production Designer, Szenenbildner und Filmarchitekten agieren im Hintergrund. Sie konstruieren die spezifisch filmische Atmosphäre, beeinflussen damit die Dramaturgie eines Films. Alfred Hirschmeier hat als Chef-Szenenbildner der DEFA die Tradition des Babelsberger Filmhandwerks aufgegriffen und weitergeführt. Mit der Ausstattung zahlreicher Filme hat er deren Erfolg maßgeblich mitgeprägt. An mehr als 70 Kino- und Fernsehfilmen ist er beteiligt, bildet langjährige und überaus kreative Arbeitspartnerschaften mit Regisseuren wie Frank Beyer und Konrad Wolf.

Alfred Hirschmeier wird am 19. März 1931 in Berlin-Pankow geboren. Sein Vater Felix Hirschmeier ist Schuhmacher. Er besucht in seiner Heimatstadt die Grund- und Mittelschule, absolviert die Mittlere Reife. Mit 16 Jahren besteht er 1947 die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Als dort die Studienzugangsbedingungen geändert werden, wird er aber wieder exmatrikuliert.

Sein Weg führt ihn 1948 nach Potsdam-Babelsberg zur DEFA. Zunächst ist er Maler-Volontär bei dem Bühnenmaler Willy Eplinius und dem Filmarchitekten Willy Schiller. Letzterer ist ausnehmend erfahren, hat bereits in der klassischen Stummfilmzeit an Produktionen von Ernst Lubitsch, Lupu Pick, Reinhold Schünzel und Richard Oswald mitgewirkt. Von ihm lernt der junge Künstler nicht nur das Handwerk, sondern auch, daß Filmarbeit Teamarbeit und der Szenenbildner am kreativen Prozeß der Filmherstellung beteiligt ist. Von 1949 bis 1953 studiert Alfred Hirschmeier an der Meisterschule für Kunsthandwerk in Berlin. Danach kehrt er ins DEFA-Studio für Spielfilme zurück und arbeitet als Assistent bei den Szenenbildnern Willy Schiller und Otto Erdmann. Er ist an der Herstellung der Ernst Thälmann-Filme unter der Regie von Kurt Maetzig beteiligt. Neben seiner Arbeit als Szenenbildner entwirft er zudem Filmplakate. Mitte der 50er Jahre kann er als Filmarchitekt die Szenerie in seinem ersten eigenen Film realisieren: JUNGES GEMÜSE (1956) unter der Regie von Günter Reisch.

Mit dem Regisseur Frank Beyer verbindet Alfred Hirschmeier eine intensive Arbeitsbeziehung. Für den Film FÜNF PATRONENHÜLSEN (1960) schafft der Szenenbildner im Harz spanische Landschaften, ein hügliges, kahles Gebiet wird komplett weiß angestrichen. Zum ersten Mal wird ein optisches Drehbuch, die grafische Vorbereitung der Einstellungsfolgen, entwickelt. Alfred Hirschmeier benutzt ein Verfahren, mit dem er in vorgefertigte Fotoserien, die auf langen Motivsuchen an den realen Schauplätzen entstehen, Szenen mit Tusche einzeichnet. Mit dieser eigenwilligen Collagen-Technik entstehen zahlreiche Vorarbeiten und Szenenabfolgen, die bis heute einen eigenständigen künstlerischen Wert besitzen.

Bei dem Film KÖNIGSKINDER (1962) experimentieren Regisseur, Architekt und der Kameramann Günter Marczinkowski mit zahlreichen optischen Möglichkeiten. Frühzeitig steigt der Szenenbildner in den Prozeß der Filmproduktion ein, entwirft schon in der Drehbuch-Entwicklung Skizzen für Einstellungen. Im Film sind diese dann stark stilisiert. KÖNIGSKINDER (1962) ist ein künstlerisch beachtliches Werk, welches durch seine ausdrucksvolle Kamera, symbolische Szenenbilder und glaubhafte Darsteller überzeugt. Danach entsteht NACKT UNTER WÖLFEN (1963), bei dem Alfred Hirschmeier wieder eindrucksvolle Szenerien für die Enge und Eingeschlossenheit im Konzentrationslager und die Hoffnungslosigkeit der Gefangenen findet. Auch in ihrem späteren gemeinsamen Film DER AUFENTHALT (1982) entwickelt der Szenograph bemerkenswerte Bilder für die klaustrophobe Situation in einer Gefängniszelle. Das optische Drehbuch wird nicht immer erarbeitet. Alfred Hirschmeier bemängelt, daß es das Filmteam zu sehr einschränkt und spontane Möglichkeiten seitens der Regisseure selten genutzt werden.

Eine weitere kreative Arbeitsbeziehung geht der Filmarchitekt mit dem Regisseur Konrad Wolf ein. Auch hier ist der Arbeitsprozeß weit größer als nur die Skizzierung der Dekoration. Es werden Ausschnitte, Einstellungen, Lichteinfall bedacht, die Gedanken dazu in Bildern festgehalten, um die ästhetische Gestalt des Films bis in Detail vorauszuplanen. In kleinen Modellen werden Szenerien präsentiert. So wird die Vorbereitung auf einen Film zu einem kollektiven Nachdenken. Hervorzuheben ist die gemeinsame Arbeit an GOYA (1971), ein Film mit opulenter Dekoration, in dem sich das Team stark an der Historie orientiert und sich Alfred Hirschmeier mit langwierigen und ausführlichen Detailstudien vorbereitet. In SOLO SUNNY (1980) wiederum legt er eine ganz andere Arbeit vor. Er zeigt ein Berlin, in dem wirklich gelebt wird - einen Hinterhof mit abbröckelndem Putz, eine kleine, enge Wohnung, ein Fenster zum Hof.

Alfred Hirschmeier fühlt sich in Kostüm- und historischen Filmen genauso zu Hause wie in Gegenwartsstoffen. Mit seinen Entwürfen will er den sozialen, historischen und persönlichen Hintergrund schaffen, in denen sich die Personen bewegen. Er entwickelt keine bestimmte stilistische Handschrift, sondern orientiert sich mit seinen Ideen und Phantasien immer souverän an der Fabel und der Erzählweise des Regisseurs. Für den ersten Science Fiction-Film der DEFA DER SCHWEIGENDE STERN (1960) von Kurt Maetzig findet er eindrucksvolle Bilder für die gigantische Vernichtungsmaschinerie auf dem zerstörten Planeten, die sich gegen sich selbst gerichtet hat. In der liebevoll ausgestatteten Filmoperette ORPHEUS IN DER UNTERWELT (1974) von Horst Bonnet entwirft er Himmel und Hölle, läßt bunte Fesselballons durchs Bild schweben. Bilder eines Südamerikas des 19. Jahrhunderts denkt er sich für Rainer Simons DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO (1989) aus. In EINER TRAGE DIE LAST DES ANDEREN (1988) unter der Regie von Lothar Warneke sucht und findet er detailgenaue Dekorationen für ein Deutschland der 50er Jahre.

Ab den 80er Jahren ist der Filmarchitekt auch an ausländischen Produktionen beteiligt, die in den Studios von Potsdam-Babelsberg entstehen. Er arbeitet mit den Regisseuren Bernhard Wicki und Peter Schamoni zusammen, entwirft die Dekorationen für den Film DIE GRÜNSTEIN-VARIANTE (1984), FRÜHLINGSSINFONIE (1983) und CASPAR DAVID FRIEDRICH - GRENZEN DER ZEIT (1986).

Neben seiner Arbeit für das DEFA-Studio für Spielfilme ist Alfred Hirschmeier seit Ende der 60er Jahre für die Ausstattungen in populärwissenschaftliche TV-Serien verantwortlich. Außerdem entwirft er seit den 70er Jahren zahlreiche Dekorationen für Märchenfilme, die das Fernsehen der DDR produziert. Dazu gehören unter anderem die populären Klassiker "Der kleine und der große Klaus" (1971), "Die schwarze Mühle" (1975) oder "Die Regentrude" (1976). In diese Märchenwelten fließt seine ganze Phantasie ein. Er entwirft verfallene Schlösser, dunkle Mühlen, romantische Wälder. Großen Erfolg erzielt er mit GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS (1984) von Jürgen Brauer, den er prächtig ausstattet und mit zahlreichen liebevollen und skurrilen Details versieht, die die Phantasie der Zuschauer beflügeln.

Nach dem Zusammenbruch der DDR bemüht sich Alfred Hirschmeier als Ausstattungschef, die Babelsberger Tradition zu retten. Er bietet neben Filmarbeiten auch andere Dienstleistungen an. Er wird zum Beispiel für die Deutsche Staatsoper Berlin tätig. Der Szenenbildner arbeitet bei der bautechnischen Ausführung seiner Entwürfe in den meisten Fällen mit einem festen Team zusammen. Der Architekt Willi Schäfer gehört ebenso dazu wie Gisela Schultze sowie die Bühnenmeister Gustav Kandzia und Dietrich Tillack. Von 1977 bis 1982 ist der Künstler Präsidiums-Mitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Ab 1990 ist er Gründungsprofessor und Leiter der Abteilung für Szenographie an der Filmhochschule "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg. Die Akademie der Künste (1990), die Potsdamer Filmhochschule (1996) und das Filmmuseum Potsdam (1996) zeigen in großen Ausstellungen seine Skizzen, Entwürfen und Modellen.

Alfred Hirschmeier stirbt am 27. März 1996 in Potsdam an Herzversagen.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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