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Andreas Dresen

Andreas Dresen
Regie, Regie-Assistenz, Drehbuch, Kamera, Mitarbeit, Produzent

* 16. August 1963
Gera
Deutschland

ANDREAS DRESEN • Biographie Seite 1/1

Andreas Dresen zählt zu den erfolgreichsten deutschen Regisseuren der jüngsten Zeit. Seine Filme sind von Jurymitgliedern und Kritikern auf Festivals zahlreich prämiert; sie treffen auch den Nerv des Kinopublikums - weil sie nicht Hochglanz-Romantik, sondern soziale Wirklichkeit darstellen. Der Regisseur erzählt überaus subjektiv und trotzdem wahrhaftig Geschichten über Leute von nebenan. Dabei reflektiert er gekonnt die sozialen und politischen Befindlichkeiten der Zeit, zeigt Scharfblick für die vorgefundenen Realitäten und Einfühlungsvermögen für seine Figuren.

Andreas Dresen wird am 16. August 1963 in Gera geboren. Sein Vater ist der Theaterregisseurs Adolf Dresen, der 1977 nach der Biermann-Ausbürgerung in den Westen Deutschlands übersiedelt. Seine Mutter Barbara Bachmann arbeitet als Schauspielerin. Sie lebt mit dem Regisseur Christoph Schroth zusammen, der zum Ziehvater von Andreas Dresen wird. Schon früh entdeckt Andreas Dresen den Amateurfilm für sich. Mit 16 Jahren dreht er seinen ersten kleinen Film. 1982 schließt er in Schwerin seine Schulausbildung mit dem Abitur ab.

Er beginnt 1984 als Tontechniker am Theater in Schwerin zu arbeiten. Ein Volontariat im DEFA-Spielfilmstudio schließt sich an. Er wird Regie-Assistent bei Günter Reisch. Danach studiert er von 1986 bis 1990 Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg. Während seines Studiums wird sein Film WAS JEDER MUSS (1989), ein Dokumentarfilm über die Nationale Volksarmee, verboten. Nach dem Studium folgen noch zwei Jahre intensive Ausbildung als Meisterschüler von Günter Reisch an der Akademie der Künste in Berlin. Ab 1992 ist er als Regisseur und Autor tätig.

Während seiner Studienzeit entstehen einige Kurz- und Dokumentarfilme: DER KLEINE CLOWN (1985) und SCHRITTE DES ANDEREN (1987), NACHTS SCHLAFEN DIE RATTEN (1988). Die Dokumentation JENSEITS VON KLEIN WANZLEBEN (1989) stellt FDJler in den Mittelpunkt, die es nach Afrika verschlagen hat. SO SCHNELL GEHT ES NACH ISTANBUL (1991) erzählt die Geschichte eines jungen Türken, der nach dem Mauerfall in Ost-Berlin aus Spar-Gründen eine Wohnung (und ein Mädchen) sucht. Der Film läuft erfolgreich auf der Berlinale und erhält unter anderem einen Preis in Oberhausen. Der Kurzfilm ZUG IN DIE FERNE (1990) kann als bitterer Kommentar zum Niedergang der DDR verstanden werden. Mit ihm erzielt Andreas Dresen bei den Mannheimer Filmwochen größere Aufmerksamkeit. Es gelingt dem jungen Regisseur abseits vom gängigen TV-Stil die Umbruchstimmung im Ostteil Deutschlands einzufangen.

Dieses Thema bearbeitet er auch in seinen ersten Spielfilm STILLES LAND (1991), den er Anfang der 90er Jahre inszeniert. Der Film schildert die Zeit des Umbruchs in der DDR am Beispiel einer Gruppe von Schauspielern in einem Provinztheater irgendwo in Brandenburg. Hier zeigt sich bereits deutlich ein Merkmal seiner späteren Arbeiten: die Figuren sind, ob sympathisch oder nicht, überaus glaubwürdig in ihren Handlungen und Aussagen. STILLES LAND (1991) gehört zu den interessanten und gelungenen filmischen Aufarbeitungen der politischen "Wende" in der DDR. Der Film läuft im Internationalen Forum des Jungen Films auf der Berlinale und wird mit dem Hessischen Filmpreis und dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet.

Ab 1993 arbeitet Andreas Dresen auch für das Fernsehen. Sein Fernsehspiel MEIN UNBEKANNTER EHEMANN (1994) erhält den Förderpreis der Jury beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken 1995 und erreicht bei seiner Ausstrahlung in der ARD ca. 6 Millionen Zuschauer. Der Film thematisiert die Schwierigkeiten einer Scheinehe zwischen einer Deutschen und einem Afrikaner. Bis 1998 entstehen sechs Fernsehfilme unter seiner Regie. Darunter fällt besonders die Verfilmung der Ulrich Plenzdorf-Erzählung DAS ANDERE LEBEN DES HERRN KREINS (1994) auf, ein Kammerspiel über einen DDR-Oppositionellen und seinen Stasi-Spitzel.

Erst Ende der 90er Jahre folgt mit NACHTGESTALTEN (1999) der zweite Kinofilm von Andreas Dresen, der auf den Internationalen Berliner Filmfestspielen präsentiert wird. Der Episodenfilm schildert sehr genau und unspektakulär, manchmal lakonisch und bisweilen komisch, drei Geschichten unterschiedlicher Menschen in einer Nacht in Berlin. Alle sehnen sich im Moloch Großstadt nach Wärme und etwas Glück. Die Figuren werden nicht mit Klischees bedacht, ihnen wird aufrichtiges Interesse zuteil. So gelingt mit NACHTGESTALTEN (1999) eine prosaische Zustandsbeschreibung sozialer Realität in der Berliner Republik, abseits von gängigen Hochglanzformaten und Siegermentalitäten. Zugleich ist der Film eine Liebeserklärung an die Stadt Berlin. Für Kritiker gibt NACHTGESTALTEN (1999) "Hoffnung auf einen neuen deutschen Film, der sich auf die Suche nach dem wirklichen Leben macht." (Georg Seeßlen). Für die Darstellung des Geschäftsmanns Peschke wird Michael Gwisdek mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Außerdem erhält der Film den deutschen Filmpreis 1999 in Silber als einer der Besten Filme des Jahres.

Im Anschluß überzeugt Andreas Dresen mit einer weiteren Fernsehproduktion im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks DIE POLIZISTIN (2000) wieder Publikum wie Kritiker. Erzählt wird der Alltag einer Polizistin aus dem Rostocker Stadtteil Lütten-Klein. Regisseur Andreas Dresen und Kameramann Michael Hammon orientieren sich am europäischen Kino, speziell an den dänischen Dogma-Regeln. Das faszinierend authentische Sozialdrama DIE POLIZISTIN (2000) kommt ohne Filmmusik aus, die Bilder sind mit wackelnder Handkamera gedreht, natürliches Licht erhellt die Szenen. Die so erzielten Bilder bringen eine Tristesse zum Ausdruck, die den Seelenzustand der Protagonistin sensibel spiegelt. Trotz harter sozialer Wirklichkeit bleibt aber Sozialkitsch außen vor, mit viel Mitgefühl und ohne jedes Mitleid werden Menschen am Rande der Gesellschaft in Szene gesetzt. Wirklichkeitsnah, unspektakulär, spannend, humorvoll, hoffnungsvoll - das sind die Adjektive, mit denen der Film in den deutschen Feuilletons bedacht wird. DIE POLIZISTIN (2000) wird mit dem Adolf Grimme-Preis ausgezeichnet und findet - ungewöhnlich - als TV-Film den Weg ins Kino.

In seiner dritten Kinoproduktion HALBE TREPPE (2002) erzählt Andreas Dresen die tragikomische Geschichte zweier befreundeter Paare in Frankfurt/Oder, die jeweils Ende 30, ihr Leben neu bedenken. Wieder sind es ganz normale Menschen mit ihren kleinen Alltagssorgen auf der Suche nach etwas Glück, die der Regisseur porträtiert. Dabei gelingt es Andreas Dresen in seiner Inszenierung, dem wirklichen Leben sehr nahe zu kommen; der fast dokumentarisch wirkende Film ist authentisch und wahrhaftig. Gelobt wird die Balance zwischen sozialem Alltagsdrama und kostbarer Komödie und dies, obwohl HALBE TREPPE (2002) ohne Drehbuch entsteht. Täglich wird der Fortgang der Geschichte entwickelt und frei improvisiert, gedreht wird mit digitaler Videokamera, die Stadt Frankfurt/Oder wird atmosphärisch eingefangen. Auf den Internationalen Berliner Filmfestspielen wird der Film mit dem Silbernen Bären, dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Der Deutsche Filmpreis in Silber sowie eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis schließt sich an.

Das Credo von Andreas Dresen: "Man muß Figuren nicht unbedingt mögen, aber man muß sie ein bißchen verstehen können." trifft besonders für den Dokumentarfilm HERR WICHMANN VON DER CDU (2003) zu. Der Film bietet eine politische und emotionale Zustandsbeschreibung der ostdeutschen Provinz am Beispiel des CDU-Direktkandidaten Henryk Wichmann aus der Uckermark. Der junge Politiker begibt sich auf die Jagd nach Wählerstimmen in eine SPD-Hochburg. In langen und ruhigen Einstellungen porträtiert der Regisseur die Hauptfigur, gibt ihm genügend Zeit und Spielraum, entlarvt mit vielen kleinen Details. Dabei macht sich Andreas Dresen nicht über seinen Protagonisten lustig, sondern dringt viel eher zum Verständnis des Politischen vor, wirft einen Blick auf die elementare Ratlosigkeit innerhalb der bundesdeutschen Demokratie. Der tragisch-komischer Dokumentarfilm erzielt einen beachtlichen Erfolg an den Kinokassen.

Die Literaturverfilmung WILLENBROCK (2005) nach einem Stoff von Christoph Hein kommt im Frühjahr 2005 in die Kinos. Erzählt wird von einem Gebrauchtwarenhändler, dessen Geschäfte gut laufen, aber dessen Leben aus dem Ruder läuft. Wieder spielt Axel Prahl die männliche Hauptrolle. Das brillante Darstellerensemble wird mit Dagmar Manzel und Inka Friedrich komplettiert. Wieder gibt es zahlreiche Preise, unter anderem gewinnt der Film den Internationalen Literaturfilmpreis, der 2005 erstmals auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird.

Im Januar 2006 kommt sein Film SOMMER VORM BALKON (2006) ins Kino, der bereits auf verschiedenen Festivals mit Preisen für das Beste Drehbuch und Beste Darsteller ausgezeichnet worden ist. Nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase erzählt der Regisseur von zwei Berliner Frauen (gespielt von Nadja Uhl und Inka Friedrich, die auf der Suche nach Liebe und Zärtlichkeit sind. Es ist ein heiterer Film über Einsamkeit, der zum Publikumsliebling auf Festivals geworden ist.

Im Frühjahr 2008 verfilmt Andreas Dresen wieder ein Drehbuch von Autor Wolfgang Kohlhaase. Die Tragikomödie WHISKY MIT WODKA (2008) erzählt die Geschichte des 50jährigen Filmstars und Lebemanns Kullberg, der sich mit einem jüngeren Schauspieler ein Duell um Ruhm und Anerkennung liefert. In der Hauptrolle agiert Henry Hübchen. Erstmals ist der Regisseur mit seinem Film WOLKE NEUN (2008) nach Cannes in die Nebenreihe "Un Certain Regard" geladen. Hier verliebt sich Inge (gespielt von Ursula Werner) mit Alter von 70 Jahren nochmals neu, ihre Ehe zerbricht daran. Wieder wird dem Künstler eine Intensität bei der Beobachtung einfacher Menschen bescheinigt, die Ihresgleichen sucht.

Neben seinen Filmproduktionen arbeitet Andreas Dresen auch am Theater. Er inszeniert am Staatstheater Cottbus unter anderem Goethes "Urfaust" und Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti", Stücke in Leipzig und an den Kammerspielen am Deutschen Theater in Berlin folgen. An letzterem inszeniert er politisches Theater, unter anderem die Terrorismus-Studie "Zeugenstand - Stadtguerilla Monologe". Außerdem arbeitet er mehrfach mit jungen Schauspielern in Seminaren zusammen, oder bietet - wie bei der Mainzer Sommerakademie Seminare zur Inszenierung eines Kammerspiels an. Anfang 2006 wird der Regisseur wieder an zwei Theaterproduktionen arbeiten: Im Januar inszeniert er in Basel erstmals eine Oper: "Don Giovanni". Im März 2006 wird am Deutschen Theater "Kasimir und Karoline" nach Ödön von Horváth Premiere feiern. Andreas Dresen ist seit 1998 Mitglied der Akademie der Künste. 2003 arbeitet er als Mitglied der Kurzfilm-Jury auf der Berlinale.

Andreas Dresen lebt in Potsdam.

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Autorin: Ines Walk
Stand: März 2008
Diese Biografie ist mit Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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