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Lars von Trier

Lars von Trier
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Mitarbeit, Darsteller, Ausführender Produzent

* 30. April 1956
Kopenhagen
Dänemark
andere Namen Lars Holbaek Trier

LARS VON TRIER • Biographie Seite 1/1

Lars von Tier ist vielleicht einer der innovativsten europäischen Regisseure unserer Zeit, der immer wieder mit seinen Filmen für Aufsehen in der Filmszene sorgt. Wegen seiner zentralen Rolle bei der Dogma95-Bewegung hat er entscheidenden Einfluss auf eine neue Generation von Regisseuren und wird mitunter als Grund für das derzeitige Revival von dänischen Filmproduktionen angesehen.

Lars Holbaek Trier wird am 30. April 1956 als Sohn eines Beamtenpaares in Kopenhagen, Dänemark geboren. Nachdem er die Schule beendet hat, bewirbt er sich zunächst erfolglos an der "Danske Filmskole", der Filmhochschule in Kopenhagen. Er tritt einem Amateurfilmclub bei und dreht seine zwei ersten Filme mit einer Laufzeit von jeweils einer Stunde. 1979 wird er auf der Filmhochschule angenommen und beginnt ein Studium, das er mit BILDER DER BEFREIUNG (1982), einem Film über das Ende der deutschen Besatzungszeit in Dänemark, abschließt. In dieser Zeit legt er sich, als Hommage an den österreichisch-amerikanischen Regisseur Josef von Sternberg, das "von" in seinem Namen zu. Zuvor noch, im Jahre 1981 präsentiert er auf dem Münchner Fest der Filmhochschulen seinen Kurzfilm NOCTURNE (1980).

Seit Mitte der 1980er Jahre arbeitet der Regisseur an einer Europa-Triologie. Als ersten Film legt er THE ELEMENT OF CRIME (1984) vor, mit dem ihm der nationale und internationale Durchbruch gelingt. In diesem erzählt Lars von Trier von der Suche eines Detektives nach einem Kindermörder. Der filmische Erzählstil und das außergewöhnliche visuelle Design erinnern an den deutschen Expressionismus und den film noir. In Cannes gewinnt er dafür den Grand Prix de la Technique und beim Internationalen Filmfest in Chicago den Silver Hugo. EPIDEMIC (1987) ist das zweite Glied der Trilogie, die sich mit der Nachkriegszeit in Europa auseinandersetzt. Diese Phase seiner filmschaffenden Arbeit beendet Lars von Trier mit EUROPA (1991), einer alptraumhaften Erzählung über Krieg und Faschismus, die in Cannes ebenfalls mit dem Grand Prix de la Technique und dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnt wurde.

Danach dreht Lars von Trier MEDEA (1988), neben HOSPITAL DER GEISTER (1994) seine einzige TV-Produktion, in der er sich mit klassisch-antiken Stoff auseinandersetzt. Im selben Jahr beginnt er die Dreharbeiten zu DIMENSIONS, einem Film zu dem er jährlich um die Weihnachtszeit an verschiedenen Orten in Europa zusammen mit dem Schauspieler Udo Kier nur 3 Minuten drehen will und der 2024 fertiggestellt werden soll. Bekannt ist nur, dass es sich um eine Art Krimi handeln soll.

1992 gründet Lars von Trier zusammen mit dem Produzenten Peter Aalbaek Jensen die Produktionsfirma Zentropa Entertainments, die bis heute erfolgreichste Produktionsstätte in Dänemark. Hier ensteht unter anderem die Fernsehserie HOSPITAL DER GEISTER (1994), eine bizarre Komödie über ein von Geistern heimgesuchtes Hospital, die er mit Handkameras und supersensiblem Film dreht, der einen kompletten Verzicht auf Kunstlicht erlaubt. Auf lange Kamerafahrten verzichtet er zugunsten des flexiblen Einsatzes der Handkamera, was zu einem reportageartigen Stil führt. 1997 wird bei den Filmfestspielen in Venedig die zweite Staffel von HOSPITAL DER GEISTER präsentiert. Auch bei BREAKING THE WAVES (1996) arbeitet der Regisseur ausschließlich mit der Handkamera. Der Film erzählt die Geschichte von Bess (Emily Watson), die sich aus bedingungsloser Liebe zu ihrem Mann (Stellan Skarsgard) opfert. Er gewinnt dafür den Preis der Jury in Cannes.

Im Mai 1995 stellen Lars von Trier und sein Regie-Kollege Thomas Vinterberg in Paris ihr Dogma-Manifest vor. Sie tun dies genau 40 Jahre, nachdem Francois Truffaut gemeinsam mit Kritikerkollegen der "Cahier du Cinéma" das Autoren-Kino als Gegenreaktion auf die standardisierte Filmproduktion der Nachkriegszeit postulierten. Dogma 95 ist ein Manifest, das in 10 Geboten die "Keuschheit der filmischen Erzählung" einfordert: Die Reduktion der Technik am Drehort stärkt die Konzentration auf die Arbeit der Schauspieler; es soll "on location" gedreht werden, keine Requisiten und Szenenbilder dürfen genutzt werden. Auch Musik kommt nur zum Einsatz, wenn sie live am Drehort vorkommt. Es darf nur mit Handkamera gedreht werden; der Name des Regisseurs ist unwichtig und soll weder im Vor- noch im Abspann genannt werden, um nur einige der Regeln zu nennen. Danach beginnen viele Regisseure auf der ganzen Welt, Dogma-Filme zu drehen, bis die Welle auch Hollywood erreicht: Regisseure wie Steven Soderbergh und Mike Figgis greifen einige Elemente der Dogma-Bewegung auf und beginnen, sich mit digitalen Videokameras und improvisierten Schauspielarbeiten teilweise von den standartisieren Produktionsarbeiten zu befreien. Mit IDIOTEN (1998), den Lars von Trier nach den Dogma-Regeln dreht, erzählt er die Geschichte von einer Gruppe Menschen, die den Restriktionen der Gesellschaft entfliehen möchten und daher geistig Behinderte imitieren. Der Film schockiert vor allem wegen einer sehr freizügig gezeigten Gruppensex Szene.

Anfang des neuen Jahrtausends wendet sich der Regisseur einen völlig anderem Genre zu und verfilmt ein Musical mit dem Titel DANCER IN THE DARK (2000), in dem die extrovertierte isländische Sängerin Björk die Hauptrolle spielt und auch den Soundtrack liefert. Der Film handelt von einer Mutter, die an einer Augenkrakheit leidet und ihrem Sohn dieselbe ersparen will. Sie opfert sich nach und nach völlig auf, um Geld für die Operation zu sparen. DANCER IN THE DARK (2000) ist einer der ersten Filme, der komplett digital gedreht wird. Lars von Trier gewinnt dafür die Goldene Palme in Cannes.

Mit DOGVILLE (2003) beginnt der Filmemacher die Arbeit an seiner sogenannten "U, S & A"-Trilogie, die er zwei Jahre später mit MANDERLAY (2005) fortsetzt. DOGVILLE (2003) ist ein kleines verschlafenes Nest in den Rocky Mountains in dem Grace (Nicole Kidman) Zuflucht sucht, nachdem sie anscheinend Verbrechern entkommen zu sein scheint. Das Dorf nimmt sie freundlich auf, die Situation ändert sich aber, als die Polizei im Dorf auftaucht und Grace sucht. Die Dorfbewohner fürchten nun um ihr Wohl und beginnen Grace auszunutzen, anzuketten und sie sogar zu vergewaltigen. Als einer der Dorfbewohner Grace an die Polizei verrät, wendet sich das Blatt und Grace rächt sich. In DOGVILLE (2003) geht um die Strukturen der Macht und wieder versucht Lars von Trier durch Abstraktion und Reduktion zum Wesentlichen vorzudringen. Auf die konventionellen Mittel der Genrekinos verzichtet er, denn rein narratives Kino lehnt er ab. Nach Vorbild des epischen Theaters von Bertold Brecht nutzt er nur wenige Requisiten: DOGVILLE (2003) ist auf einer schwarzen Theaterbühne gedreht, auf der Gebäude nur durch Kreidestriche angedeutet werden, es fehlen Wände und Türen. Tag und Nacht werden nur durch schwarzen, beziehungsweise weißen Hintergrund markiert. Lars von Trier will, dass der Zuschauer nicht durch Requisiten vom Schauspiel abgelenkt wird. DOGVILLE (2003) ist kein Dogma Film, doch erkennt man einige der Ideen der Dogma Bewegung wieder, wie zum Beispiel den Hollywoodfilm zu dekonstruieren und ein wahres, wirlichkeitsnahes Kino zu schaffen. MANDERLAY (2005) setzt diese Art der filmschaffenden Arbeit fort. Der dritte Teil der "U, S & A"- Trilogie soll den Titel WASINGTON tragen und im Jahr 2009 fertiggestellt werden.

Während der Dreharbeiten zu DANCER IN THE DARK (2000) und DOGVILLE (2003) initiiert Lars von Trier ein filmisches Experiment mit dem Titel THE FIVE OBSTRUCTIONS (2001-2003). Jorgen Leth brachte 1967 einen Kurzfilm mit dem Titel THE PERFECT HUMAN (1967) heraus, der Lars von Trier sehr prägte. In THE FIVE OBSTRUCTIONS (2001-2003) fordert nun Lars von Trier Jorgen Leth heraus, den Film noch einmal zu überdenken und ihn fünfmal neu zu drehen, nach Kriterien, die Lars von Trier vorgibt.

Lars von Trier betätigt sich auch in anderen Kunst-Bereichen. Für den Amerika-kritischen Film DEAR WENDY (2005) von Thomas Vinterberg schrieb Lars von Trier das Drehbuch. Einer seiner größten Erfolge ist das Musikvideo des dänischen Duos "Laid Back", die 1990 gerade in den Charts waren. Im Video springen die Musiker mit Fallschirmen aus einem Flugzeug und spielen mit ihren Instrumenten in der Luft. 2006 soll Lars von Trier eigentlich Richard Wagners "Ring der Nibelungen" in Bayreuth inszenieren, doch er sagt 2004 überraschend ab, da das Projekt nach eigenen Aussagen eindeutig seine Kräfte übersteigen würde. Er ist auch an der Firma INNOCENT PICTURES (früher: PUZZY POWER) beteiligt, die zur Zentropa-Gruppe gehört und es sich zur Aufgabe gemacht hat, frauenfreundliche Pornos für heterosexuelle Frauen zu drehen. Das Puzzy Power Manifesto legt, ähnlich wie das Dogma-Manifest, ein Un-Keuschheitsgelübte in sieben Punkten ab. Unter anderem sollen darin eventuelle Gewaltfantasien deutlich als Imagination der Frau dargestellt werden oder die erotische Handlung in eine Geschichte eingebunden sein. Verzichtet wir auf Detailfixierung der Geschlechtsorgane, auf entwürdigend empfundene Handlungen, sowie "billigen" und schlechtaussehenden Schauspielern. Die sinnliche Handlung wird in stimmungsvollem Licht mit extrem attraktiven Darstellern präsentiert.

2006 läuft in Dänemark die Komödie THE BOSS OF IT ALL (2006) (THE BOSS OF IT ALL (2006) Trailer) an, die bisher noch keinen deutschen Verleiher gefunden hat. Hier wendet er das von ihm entwickelte Aufnahmeverfahren AUTOVISION an, bei dem der Bildausschnitt computergesteuert festgelegt wird. In Postproduktion befindet sich zudem ein Film über Friedrich Nietzsche, der 2008 in die Kinos kommen wird. Im Frühling 2006 geht eine Meldung durch die internationale Presse, dass Lars von Trier unter Depressionen leide und keine Freude am Arbeiten habe. Dadurch wisse er auch nicht, ob er die Arbeit an einem Horrorfilm mit dem Titel "Antichrist" aufnehmen könne.

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Autorin: Tiziana Maneljuk
Stand: Juni 2007

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