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Christopher Doyle

Christopher Doyle
Regie, Kamera

* 02. Mai 1952
Sydney
Australien
andere Namen Chris Doyle

CHRISTOPHER DOYLE • Biographie Seite 1/1

Bier zum Frühstück, ein etwas derber Humor und eine sehr direkte Ausdrucksweise auf der einen Seite, wunderschöne, teils hochstilisierte Bilder, ein ausgeprägter Sinn für Farben, Licht und Bewegung auf der anderen Seite. Kameramann Christopher Doyle ist ein echtes Unikat der Filmbranche. Durch seinen Sinn für Ästhetik und seine unvergesslichen Auftritte in der Öffentlichkeit hat er sich einen Bekanntheitsgrad erworben, der den vieler Regisseure, mit denen er zusammenarbeitet, weit übertrifft.

Geboren am 02. Mai 1952 in Sydney als ältestes Kind einer Doktorenfamilie verlässt Christopher Doyle seine Heimat im Alter von 18 Jahren, um die Welt zu erkunden und Lebenserfahrung zu sammeln. Sein Weg führt ihn als Seemann zur Handelmarine, als Ölförderer nach Indien, als Kuhtreiber nach Israel und als Doktor der traditionellen chinesischen Medizin nach Thailand, bevor er nach Taiwan geht, um dort Hochchinesisch zu lernen. In Anlehnung an seinen Lebenswandel wird ihm der Name "Du Kefeng" (Mandarin, bedeutet soviel wie "wie der Wind“) gegeben. In Taiwan findet er Anschluss an die Teipei Kunstbewegung, einer sich in der taiwanesischen Hauptstadt entwickelnden Szene, und ist 1978 schließlich als Mitbegründer des Lanling Theatre Workshop, der ersten modernen Theater Company Taiwans, tätig.

Sein erstes Engagement als Kameramann für den Film THAT DAY, ON THE BEACH (1983) verschafft ihm Edward Yang, ein bekannter taiwanesischer Regisseur, den er in einer Künstlerbar kennen lernt. Die Nominierung von Christopher Doyle stellt in sofern einen regelrechten Skandal dar, als dass das verantwortliche Studio über festangestellte, erfahrene Kameraleute verfügt. THAT DAY, ON THE BEACH (1983) bringt ihm seinen ersten Award für die Beste Kamera beim Asia-Pacific Filmfestival ein. Von diesem Erfolg überrascht - auch ein wenig eingeschüchtert - geht er für einige Zeit nach Frankreich, um das Kamerahandwerk auf professioneller Ebene zu erlernen. Dort arbeitet er als Kameramann für Claire Devers an ihrem Film NOIR ET BLANC (1986) mit, welcher in Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet wird. Trotz des Erfolges kommt er zu der Erkenntnis, dass ihn die institutionelle Lehre nicht weiterbringt. Er kehrt nach Asien zurück.

In den 1990er Jahre ist das Wirken von Christopher Doyle vor allem geprägt von der Zusammenarbeit mit dem Avantgarde-Regisseur Wong Kar-Wai, dessen freier, improvisatorischer Stil perfekt mit seiner Arbeitsweise harmoniert. Ihre erste Zusammenarbeit, der Film DAYS OF BEING WILD (1990), stellt für Christopher Doyle jenen Moment dar, an dem er beginnt, bewusst zu reflektieren, was er da genau bei seiner Arbeit tut. Unter Wong Kar-Wai entwickelt der Kameramann seinen unvergleichlichen Stil, geprägt vom experimentellen Einsatz verschiedener Farbfilter wie in DAYS OF BEING WILD (1990) und einer Vorliebe für stakkatoartige Bildersequenzen mit der entfesselten Kamera in Filmen wie CHUNGKING EXPRESS (1994) und FALLEN ANGELS - GEFALLENE ENGEL (1996). CHUNGKING EXPRESS (1994) startet mit einer Zeitlupensequenz, in der die Kamera zwei der Hauptakteure durch das hektische Hongkong verfolgt. Dabei verschwimmt die Umgebung teilweise bis zur Unkenntlichkeit und nur die verfolgten Personen stechen hervor. Derartige visuelle Experimente sind zum Markenzeichen von Christopher Doyle geworden.

In ASHES OF TIME (1994) - ebenfalls von Wong Kar-Wai - erreicht die Arbeit von Christopher Doyle einen neuen Höhepunkt, denn er wird mit der Unberechenbarkeit und Weite der Wüste im Gegensatz zum beengten Hongkong konfrontiert. Dies zwingt ihn bei seinem perfektionistischen Bestreben, einen Schritt zurück zugehen und seine Bilder von den gegebenen Umständen treiben zulassen. Das Ergebnis sind ätherische Bilder geprägt von einem intensiven Spiel mit Farben. Christopher Doyle wird für ASHES OF TIME (1994) mit insgesamt drei Preisen als Bester Kameramann ausgezeichnet, unter anderen erhält er die Goldenen Osella (Beste Technische Leistung) bei den Venediger Filmfestspielen, einem der bedeutendsten Film Festivals der Welt.

Den Abschluss seiner "Wilden Jahre" mit Wong Kar-Wai stellt HAPPY TOGETHER (1997) dar. Auch hier findet vor allem die entfesselte Kamera Anwendung, ergänzt durch einen beständigen Wechsel von Schwarz/Weiß - und Farbaufnahmen. Dies ist jedoch in erster Linie weder auf eine spezifische Intention von Wong Kar-Wai oder Christopher Doyle zurückzuführen, sondern auf deren Improvisationstalent. Ein technischer Fehler führt zu verwaschenen Farben, die so nicht beabsichtigt sind und so machen die beiden Filmkünstler aus der Not eine Tugend, erschaffen anhand einer systematischen Verwendung von Schwarz/Weiß-Aufnahmen eine weitere stilistische Ebene. Christopher Doyle erhält für HAPPY TOGETHER (1997) einen weiteren Award für Bester Kameramann.

Das nächste große Projekt führt Christopher Doyle erstmals nach Hollywood, wo er die Position des 1. Kameramannes für Gus van Sant PSYCHO (1998), einem Remake des Klassikers von Alfred Hitchcock aus dem Jahre 1960, einnimmt. Er dreht diesen Film - nach seinen Angaben - ohne das Original auch nur einmal anzusehen, da sich der Film nur nach dem Konzept des Klassikers richten soll, ohne ihn dabei exakt zu kopieren. Das Remake wird jedoch in jeder Hinsicht ein Flopp. Während er für LIBERTY HEIGHTS (1999) von Barry Levinson Kamera führt, dreht er in Asien seinen ersten eigenen Film, AWAY WITH WORDS (1999), bei dem er für Drehbuch, Regie und Kamera zuständig ist. Dieser Film entspricht seiner persönlichen Philosophie des Medium Film, dass ein Bild weit mehr ausdrücken kann als dies mit Worten möglich ist.

Nach dieser Erfahrung führt es Christopher Doyle zurück nach Hongkong, wo er erneut für einen Wong Kar-Wai Film die Kamera übernimmt. IN THE MOOD FOR LOVE - DER KLANG DER LIEBE (2000) stellt Christopher Doyle vor eine weitere Herausforderung und bietet ihm gleichzeitig neue Möglichkeiten der Bildästhetik. Aufgrund des sehr langsamen, gemächlichen Rhythmus der Handlung bietet sich ihm die Chance, aus unzähligen Detailaufnahmen und einem Bewegungsrhythmus, der einem Tanz gleichkommt, eine regelrechte Bilder-Poesie zu erschaffen. IN THE MOOD FOR LOVE - DER KLANG DER LIEBE (2000) ist einer der erfolgreichste Film, an dem Christopher Doyle mitwirkte und er brachte ihm 7 Auszeichnungen ein, darunter auch den Technical Grand Prize bei den Filmfestspielen in Cannes.

Zeitgleich zum Dreh des australischen Films RABBIT-PROOF FENCE (2002) von Phillip Noyce, arbeitet Christopher Doyle an HERO (2002), dem Heldenepos von Zhang Yimou. In diesem Film steht vor allem der intensive Einsatz von Farben im Vordergrund und er kann seine Dreherfahrungen aus ASHES OF TIME (1994) bezüglich Wüstenumgebung und Martial Arts-Choreographien einbringen. Die Hürde für Christopher Doyle ist hier vor allem die Anpassung der Farben, unter Beachtung der kulturellen Chiffrierung, und die Suche nach den dazu passenden Drehorten. Insbesondere der Einsatz der in seinen bisherigen Filmen eher gemiedenen Farbe Rot ist für ihn Neuland. HERO (2002) wird vielfach ausgezeichnet, Christopher Doyle selbst erhielt 9 Auszeichnungen, und der Film ist auch kommerziell der erfolgreichste Film für ihn.

Der Film 2046 (2004) von Wong Kar-Wai stellt die vorerst letzte Zusammenarbeit von Christopher Doyle mit dem Hongkong-Regisseur dar und setzt die Bildtradition von IN THE MOOD FOR LOVE - DER KLANG DER LIEBE (2000) fort. Auch hier dominiert eine ruhige Kameraführung mit hochstilisierten, ausdrucksstarken Bildern. Im Vergleich zu ihren gemeinsamen Filmen der 1990er Jahre, in denen die Arbeit durch Improvisation und Spontaneität geprägt ist, sind ihre Arbeiten an IN THE MOOD FOR LOVE - DER KLANG DER LIEBE (2000) und 2046 (2004) methodischer und strukturierter, zeigen einen durchkomponierten Bilderreigen.

Nach 2046 (2004) führt ihn sein Weg erneut in die westliche Filmbranche. Es folgen Kollaborationen mit James Ivory, mit dem er THE WHITE COUNTESS (2005) dreht, und M. Night Shyamalan, für dessen DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER (2006) er die Kameraführung übernimmt. Auch arbeitet Christopher Doyle erneut mit Gus van Sant zusammen, um dessen PARANOID PARK (2007) zu realisieren.

Abgesehen von Spielfilmen steht Christopher Doyle auch einmal für ein Musikvideo hinter der Kamera, so geschehen bei dem Video zu DJ Shadows SIX DAYS (2002). Er ist auch immer wieder als Gastdozent an verschiedenen Filmhochschulen weltweit anzutreffen, wobei er seine Abneigung gegen akademisches Lernen nie wirklich abgelegt hat. Diese Form der Lehre wirkt in seinen Augen beengend und einschränken.

Christopher Doyle ist nicht verheiratet und hat auch keine Kinder. Sein Heim befindet sich in Hongkong, genauer gesagt wohnt er in dem Appartement, welches in CHUNGKING EXPRESS (1994) von Tony Leung bewohnt wird.

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Autor: Stefan Dülsner
Stand: Dezember 2008

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