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Christian Petzold

Christian Petzold
Regie, Drehbuch, Mitarbeit

* 14. September 1960
Hilden
Deutschland

CHRISTIAN PETZOLD • Biographie Seite 1/1

Christian Petzold zählt zu den interessantesten deutschen Regisseuren, die mit einer ganz eigenen, unverwechselbaren Handschrift auffallen. Bisher hat der erst relativ spät zum Film gekommene Germanist zwei Kinofilme vorgelegt - und arbeitet derzeit an seinem dritten. Aber diese sowie seine zahlenmäßig etwas umfangreicheren TV-Produktionen überzeugen durch einen unbestechlichen und empfindsamen Blick auf menschliche Existenzen und deren Leben in Deutschland, bestechen durch ihre filmische Intelligenz.

Christian Petzold wird am 14. September 1960 in Hilden geboren. Er wächst in Haan, im Rheinland auf. Nach seiner gymnasialen Ausbildung, die er 1979 abschließt, absolviert er seinen Zivildienst im kleinen Filmclub des örtlichen Christlich-Ökumenischen Jugendverbandes (CVJM). Hier stellt er das Kinoprogramm für schwer erziehbare Jugendliche zusammen. Mit 21 Jahren zieht es ihn nach Berlin. Er absolviert an der Freien Universität ein Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften, welches er mit einer Magisterarbeit mit dem Titel "Erkennen, Wiederholen, Auslöschen" zum jung verstorbenen, deutschen Dichter Rolf-Dieter Brinkmann abschließt.

Während seines Studiums beginnt sich Christian Petzold für den Film zu interessieren, schreibt Filmkritiken für Stadtmagazine und arbeitet in verschiedenen Bereichen der Fernsehproduktion beim Sender Freies Berlin. 1987 legt er mit MISSION (1987) seinen ersten Kurzfilm vor, dem zwei Jahre später WEIBER (1989) folgt. Mit SÜDEN (1990) dreht er seinen ersten Kurz-Dokumentarfilm. Im Alter von 29 Jahren beginnt er ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin. Er schließt es 1994 ab. Schon während seiner Ausbildung ist er als Assistent bei Produktionen der Regisseure und Dokumentaristen Hartmut Bitomsky und Harun Farocki dabei. Aus dem Studium geht die sogenannte "Berliner Schule" hervor, zu denen unter anderem auch die Regisseure Angela Schanelec und Thomas Arslan zählen. Die "Berliner Schule" steht für ein neues Kino, das sich mit jüngster deutscher Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzt, kleine und unaufgeregte Filme des Beobachtens auf die Leinwand bringt. Ihre Geschichten sind häufig anders als gängige Kinoware; sie bewerten nicht, sondern orten Standpunkte, Entscheidungen und Handlungen ihrer Protagonisten aus. Gemeinsam ist ihnen auch, daß die Filmemacher zum größten Teil ihre Filme bei Schramm Film Koerner & Weber in Berlin produzieren.

Als Mitarbeiter ist Christian Petzold an mehreren TV-Dokumentationen beteiligt, bis er mit PILOTINNEN (1995) seinen ersten eigenen TV-Film vorlegt. Der junge Regisseur erzählt eine Geschichte von zwei unterschiedlichen Frauen, die sich nach ernüchternden Erfahrungen gegen die Männerwelt verbünden. Auch seinen nächsten Film inszeniert er für das Fernsehen: CUBA LIBRE (1996) schildert die melancholisch-komische Geschichte der zwei Verlierer Tom und Tina - gekonnt gespielt von Richy Müller und Catherine Flemming. Er hat sie bestohlen und verlassen. Als sie sich wiedertreffen, verlieben sie sich gegen alle Erwartungen wieder ineinander. Der Film erhält den Max Ophüls-Preis. Mit BEISCHLAFDIEBIN (1998) dreht Christian Petzold eine Kriminaltragödie für das Fernsehen, die durch den intensiven Ausdruck der zwei Hauptdarstellerinnen (Constanze Engelbrecht und Nele Mueller-Stöfen) sowie durch die gelungene, ungewöhnliche Geschichte zweier Schwestern überzeugt. Eine ältere Schwester kehrt aus dem Süden nach Deutschland zurück und muß erkennen, daß ihre jüngere Schwester, der sie mit kriminellen Handlungen das Studium finanziert hat, auch keinen besseren Lebensweg gegangen ist.

DIE INNERE SICHERHEIT (2000) ist der erste Film für die große Leinwand und der bisher größte Erfolg des Regisseurs. Erzählt wird die Geschichte eines Ehepaares, ehemalige Terroristen, die seit fünfzehn Jahren mit ihrer Tochter im Untergrund leben. Als sie nach Deutschland zurückkehren müssen, eskalieren die Ereignisse - die Familie steht unter hohem Druck. In erster Linie erzählt der Regisseur eine Familiengeschichte, der Film thematisiert aber auch sehr individuell jüngste deutsche Geschichte. Er läßt zahlreiche Rückschlüsse auf deutsche Befindlichkeiten zu, zeigt die aktuelle Gesellschaft mit ihrer Kälte und Hoffnungslosigkeit. Daneben überzeugt der Film durch herausragende Schauspieler und eine strenge Dramaturgie, die alles überflüssige außen vor läßt. DIE INNERE SICHERHEIT (2000) erhält den Bundesfilmpreis in Gold als Bester Film des Jahres.

In TOTER MANN (2002) beginnt eine geheimnisvolle Frau eine Affäre mit einem Juristen. Zu spät erkennt dieser, daß er nur eine Figur in einem mörderischen Plan ist. Der Regisseur und sein Kameramann Hans Fromm erzählen die Geschichte in klaren und kalten Bildern. Von Kritikern gelobt wird die strenge Komposition der Bilder, in denen Figuren und Dinge in Räumen angeordnet sind - sie übersetzen Ideen in Bilder. Die Dialoge sind sorgfältig, die drei Hauptdarsteller (Nina Hoss, Sven Pippig und André Hennicke) setzen die Geschichte gewissenhaft und überzeugend um. Der Film, der als Liebesfilm beginnt und als Kriminaltragödie endet, findet leider nicht den Weg in die Kinos, fehlende Musikrechte verhindern dies. Trotzdem zählt das Werk im Fernsehen zu einen der erfolgreichsten des Jahres. Vielen Kritikern gilt der Regisseur als einfühlsamer Künstler, der Studien über Einsamkeit und innere Leere gekonnt verdichtet auf die Leinwand bringt. TOTER MANN (2002) wird mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adolf Grimme-Preis.

In seinem bisher letzten Film WOLFSBURG (2003) gewinnt der Regisseur ebenfalls wegen seiner präzisen Beobachtungsgabe die Kritiker. Erzählt wird eine klassische Geschichte: Der Autohändler Philipp Wagner überfährt aus Unachtsamkeit einen kleinen Jungen und begeht Fahrerflucht. Er begegnet der Mutter Laura. Der Junge stirbt und Laura ermittelt selbst. Als sie Selbstmord begehen will, steht ihr Philipp helfend zur Seite. Nachdem sie erfährt, mit wem sie es zu tun hat, sticht sie mit einem Messer auf Philipp ein und läßt ihn ebenfalls allein auf der Straße zurück. Besonders gelobt wird die Bildökonomie des Films, Regisseur und Kameramann Hans Fromm reduzieren Geschichte wie Bilder auf's Essentielle. Elegant setzen sie die von Schuldgefühlen geplagten Figuren (großartig gespielt von Nina Hoss und Benno Fürmann), mit denen der Regisseur kein Erbarmen hat, in Szene. Sie beobachten präzise, zeigen mit einer genau berechneten Erzähl- und Bildstruktur eine bedrückende Sicht auf eine moderne, gefühlskalte Gesellschaft. Der Film läuft im Panorama der 53. Internationalen Filmfestspiele in Berlin und erhält dort den Preis der Internationalen Filmkritik.

In GESPENSTER (2005) erzählt er die Geschichte von Francoise, die nach Jahren glaubt, ihre entführte Tochter in Berlin wiedergefunden zu haben. Der Film ist prominent mit Julia Hummer, Benno Fürmann und Marianne Basler besetzt. Er wird im Wettbewerb der 55. Internationalen Filmfestspiele in Berlin laufen. Sein aktueller Film YELLA (2007) (YELLA (2007) Trailer) ist ebenfalls in den Internationalen Wettbewerb der Berlinale geladen. Erzählt wird von einer jungen Frau aus der ostdeutschen Provinz, die in den Westen geht. Hier scheint alles leicht, ein Spiel mit lauter Gewinnern. Aber sie wird immer wieder von ihrem alten Leben eingeholt. In der Hauptrolle agiert Nina Hoss, mit der der Regisseur schon mehrfach zusammen gearbeitet hat. Sie wird für ihre Darstellung mit dem Silbernen Bären auf der Berlinale ausgezeichnet.

Neben seiner Filmarbeit ist Christian Petzold unter anderem als Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) und an der Merz-Akademie in Stuttgart tätig. Mehrfach arbeitet Harun Farocki an seinen Filmen mit, der als "dramaturgischer Mitarbeiter" fungiert. Der Regisseur arbeitet in den meisten Fällen mit einem festen Filmteam zusammen, zu denen unter anderem der Kameramann Hans Fromm, die Cutterin Bettina Böhler, der Filmarchitekt K. D. Gruber und der Filmkomponist Stephan Will gehören.

Christian Petzold ist mit der Dokumentarfilmerin Aysun Bademsov verheiratet. Die Familie, zu der noch eine Tochter und ein Sohn zählen, lebt in Berlin-Kreuzberg.

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Autorin: Ines Walk
Stand: März 2008
Diese Biografie ist mit einer Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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