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Michael Winterbottom

Michael Winterbottom
Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent, Ausführender Produzent, Produktionsleitung

* 25. März 1961
Blackburn (Lancashire)
Großbritannien

MICHAEL WINTERBOTTOM • Biographie Seite 1/1

An Tatkraft fehlt es dem britischen Filmschaffenden Michael Winterbottom nicht. Seit 1989 bewegt er sich unermüdlich als Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Cutter in der Arena der internationalen Filmwelt. Inzwischen zählt der Brite in seinem Land zu den bedeutendsten Filmregisseuren der Gegenwart. Seine Art Filme zu drehen, ist weniger starr als improvisiert, nicht gekünstelt sondern authentisch. Am Ende müssen sich - Michael Winterbottom zu Folge - seine Geschichten wahrhaftig anfühlen. Er lässt Fiktion und Dokumentation verschmelzen, dafür nutzt er oftmals einen eindringlichen Handkamerastil und ungenaue Montagen. Seine Werke sind häufig politisch aufgeladen bis beißend provokativ.

Michael Winterbottom wird am 29. März 1961 in Blackburn im Nordwesten Englands geboren. Nach seiner Schulausbildung absolviert er an der University of Oxford ein Englischstudium, schließt ein Film- und TV-Studium in Bristol und London an. Danach arbeitet der junge Brite als Cutter beim Fernsehen für Thames Television, später als Regisseur. Besonders beachtenswert sind seine zwei TV-Dokumentation über den 2007 verstorbenen schwedischen Film- und Theaterregisseur sowie Drehbuchautoren Ingmar Bergmann (INGMAR BERGMAN: THE MAGIC LANTERN (1989) und INGMAR BERGMAN: THE DIRECTOR (1989)). Wenig später beweist er mit den TV-Filmen THE STRANGERS (1989) und FORGET ABOUT ME (1990), die die Probleme des Heranwachsens behandeln, dass in ihm ein vielversprechendes Regietalent steckt. Schon hier kann der Name des britischen Autors Frank Cottrell Boyce nicht übergangen werden. Er liefert zunächst für Michael Winterbottoms erste TV-Filme den inhaltlichen Stoff und arbeitet außerdem immer wieder als Drehbuchautor für ihn, unter anderem bei dem Pilotfilm zu der erfolgreichen Krimiserie FÜR ALLE FÄLLE FRITZ (1993). Der darauf folgende, für die BBC produzierte, angesehene Vierteiler FAMILY (1994) - ein TV-Drama über eine abgekämpfte Familie im Arbeiterkreis von Dublin - wird sogar mit dem BAFTA TV Award ausgezeichnet. In kürzestes Zeit hat Michael Winterbottom den Durchbruch zu einem der vielseitigsten und versiertesten britischen Filmregisseure der Gegenwart geschafft.

Sein erster, ausschließlich für das Kino produzierte Film wird BUTTERFLY KISS (1995). Er bildet den Auftakt für Michael Winterbottoms Vorliebe, die Zuschauer mit ungemütlichen und provokativen Tönen zu konfrontieren. Der ruhige Alltag der Verkäuferin Miriam avanciert unter dem Einfluss der unbesonnenen Eunice zu einem mörderischen Road-Movie voll rücksichtsloser Gewalt und gefährlicher Liebschaften. Die Geschichte dieser gegensätzlichen Frauen wird in einer Mischung aus dokumentarischem Realismus und Horror-Rausch zu einer alptraumhaften Liebesgeschichte collagiert. Mit dem Psychothriller verlangt Michael Winterbottom seinen Zuschauern einiges ab. Ebenso düster-dämonisch und liebesverloren ist die spätere Tragödie I WANT YOU (1998). Die Geschichte eines Mannes, der nach vielen Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und die Rückkehr zu seiner alten Liebe sucht. Am Ende zerrinnt die, von Besessenheit gekennzeichnete Liebe.

Empörung anderer Art löst Michael Winterbottom immer wieder mit seinen seit 1997 erscheinenden gesellschaftlich und politisch konfliktgeladenen Arbeiten aus. Wie in vielen seiner Filme kann hier Realität und Fiktion kaum unterschieden werden. Dokumentarische Aufnahmen vermischen sich mit dem Spiel von Laiendarstellern, die des Öfteren ihre echte Funktion bzw. ihr wahres Leben einfach vor der Kamera inszenieren. Mit dieser vielfach improvisierten Methode der Regiearbeit beweist Michael Winterbottom, dass er ernsthaft Stellung zu seinen behandelten Gegenständen bezieht und hohen Anteil an ihnen nimmt. WELCOME TO SARAJEVO (1997) erzählt von den Anstrengungen eines britischen Reporters, Waisenkinder aus den Kriegszuständen des Bosnienkrieges im Jahre 1992 zu befreien. Unter Verwendung von erdachten und dokumentarischen Bildern behandelt der Regisseur die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert. Der Stadtkern Sarajevos, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, wird von 1992 bis 1996 von der jugoslawischen Volksarmee komplett abgeriegelt. Von einem Konfliktherd zum anderen ergreifen in IN THIS WORLD (2003) zwei junge Afghanen ebenso die Flucht. Von ihrer Flüchtlingsstätte in Pakistan aus, begeben sie sich auf eine zerreibende Tour, über Iran, die Türkei und Italien, um nach London zu gelangen. Die vermittelte Authentizität durch das Schauspiel der beiden Laiendarsteller und die Besonderheit der eindringlichen Verschmelzung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, bringen dem Film etliche Preise ein, unter anderem den Goldenen Bären auf der Berlinale 2003. Zusammen mit Mat Whitecross widmet sich Michael Winterbottom ein paar Jahre später in ROAD TO GUANTANAMO (2006) erneut einem politisch brisanten Thema. Die im Handkamerastil und in der Art eines Dokumentarfilms nacherzählte, mit echten Dokumentaraufnahmen versetzte, wahre Geschichte der so genannten "Tripton Three" wirkt schockierend naturalistisch. Das Drama rollt die Geschichte dreier junger Briten aus Tripton auf, die sich zu einer Hochzeit auf den Weg nach Pakistan gemacht haben, während eines Ausflugs in Afghanistan festgehalten wurden und später unter Terrorismusverdacht - fast drei Jahre - in den US-amerikanischen Gefangenenlagern auf Guantanamo Bay ohne Rechtsbeistand schikaniert und missbraucht wurden. Die Filmemacher nehmen mit diesem Film Bezug auf die Verstöße gegen die Menschenrechte. Für die Regie erhalten sie den Silbernen Bären auf der Berlinale 2006.

Neben seinen Filmen mit aktuellen politischen Bezügen hat sich Michael Winterbottom auch an Literaturverfilmungen heran gewagt, die beweisen, dass er ein Regie-Händchen für episches Erzählkino besitzt. Die radikale und zugleich traurige Liebesgeschichte HERZEN IN AUFRUHR (1996) mit Christopher Eccleston und Kate Winslet in den Hauptrollen handelt von einem unkonventionellen Liebespaar im viktorianischen England. Kritiker sprechen von einer der emotional und optisch stärksten sowie heftig-anrührendsten Verfilmungen von Literatur, die das 19. Jahrhundert thematisiert. Der ungewöhnliche und melancholische Spätwestern DAS REICH UND DIE HERRLICHKEIT (2000), welcher im Sierra Nevada des Jahres 1867 - also in der Pionierzeit Westamerikas - spielt, ist ein detailreiches und bildgewaltiges Werk inmitten melancholischer Schneelandschaft. Der autoritäre Patriarch Dillon, ein Nutznießer des Goldrausches, führt als Herrscher über die Minenstadt Kingdom Come und als Liebhaber einer reizvollen Salonbesitzerin ein sorgenfreies Leben. Bis eines Tages eine ärmliche Frau mit ihrer Tochter auftaucht, und Dillon schlagartig von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Michael Winterbottom versucht auch bei dieser Literaturverfilmung einen naturalistischen Stil zu bewahren, wofür er nicht nur Lob erhält. Kritiker werfen ihm detailversessenen Realismus oder auch übersteigerten Naturalismus vor. Doch der Künstler bewahrt sich - wie in fast all seinen Filme - stets einen künstlerischen Eigensinn und unterwirft sich nicht dem Mainstream. Sein zuletzt erschienener Film EIN MUTIGER WEG (2007) (EIN MUTIGER WEG (2007) Trailer) mit Angelina Jolie basiert auf einer wahren Geschichte, jener von Mariane Pearl und ihren Ehemann, den Journalisten Daniel Pearl. Das Drama behandelt die Entführung und Ermordung des Journalisten aus dem Jahre 2002.

Dabei ist Michael Winterbottom keineswegs ein reiner Verfechter todernster Themen. Dass er auch ein Liebhaber empfindsamer Dramatik und romantischer Komik ist, beweist er sowohl mit Beziehungs- bzw. Liebesdramen als auch mit Komödien. Mit FORGET ABOUT ME (1990) bietet er bereits Anfang der 1990er Jahre eine romantische Komödie um zwei Soldaten, die dem Budapester Partyleben und der Liebe verfallen. In GO NOW! JETZT ERST RECHT (1995) wird die frische Liebe von Nick und Karen von einem Unglück erschüttert. Ihre Beziehung wird auf die Probe gestellt, als bei Nick Multiple Sklerose diagnostiziert wird. Es entwickelt sich ein feinfühliges Drama mit schwarzhumorigen Elementen im realistischen Gewand. In seinem späteren Großstadtdrama WONDERLAND (1999), in der warmherzig der Alltag einer Londoner Familie aus bescheidenen Verhältnissen geschildert wird, verbinden sich Tragik und Komik ebenso gefühlvoll. Hier ist sein Faible für dokumentarisch anmutende Bilder abermals unübersehbar. Trotz aller Spannungen des Beziehungsalltags zwischen Vinvent und Rosie, gelingt es dem Regisseur in WITH OR WITHOUT YOU (1999), dem Kriseln stets ein Lachen abzugewinnen und den Tiefpunkten des eingerosteten Alltags geistreiche Wärme zu verschaffen.

CODE 46 wiederrum ist ein Sience-Fiction-Film, der einmal nicht Vergangenes oder Aktuelles behandelt, sondern in einer Negativ-Utopie zeigt, wie sich die Biotechnologie in unserer globalisierten Welt in naher Zukunft auswirken könnte. Der Film lässt sich sicher am ehesten seinen politischen Filmen zuordnen. Er thematisiert die wachsende soziale Ungleichheit mittels einer Gewinner-Verlierer-Welt. Ein weiterer, für den Briten eher unüblicher Film ist 9 SONGS (2004). Dieser zeigt ein höchstartifizielles Wechselspiel aus pornografischen Bildern und schnelllebigen Rock-Konzert-Aufnahmen bekannter Bands, wirkt wie ein trunkener Kunstfilm aus Musik und Sex. Kein Sex, jedoch reichlich Musik und Party, ist in der Collage aus Dokumentar-, Spiel- und Musikfilm 24 HOUR PARTY PEOPLE (2002) zu entdecken, in der die Geschichte eines bekannten Manchester Musik-Clubs thematisiert wird. In einigen Fällen prodziert Michael Winterbottom seine Filme selbst. 1993 ruft er zusammen mit Andrew Eaton die Filmproduktionsfirma "Revolution Films" ins Leben, in deren Rahmen er bei dem in Nordirland spielenden Drama RESURRECTION MAN (1998) vom Regisseur Marc Evans erstmalig als ausführender Produzent in Erscheinung getreten ist.

Eine Tendenz zu dramatischen Stoffen ist in Michael Winterbottoms filmischen Ausprägungen erkennbar; er ist kein einseitiger, auf einzelne Genres beschränkter Regisseur. Sein Gesamtwerk umfasst vielerlei Seiten. Dramatische Stoffe erzählt er mal mit Herz und Witz, mal düster und verstörend. Sobald es aber politisch und konfliktreich wird, besitzen seine Filme eine ernste und angestrengte Miene. Michael Winterbottom ist ein Regisseur mit Talent für unkonventionelle Dramatik und eindringliche Improvisation; seine Dramaturgie folgt weder klassischen Wendungen noch festgeschriebenen Drehbüchern. Häufig arbeitet er mit Amateuren und sucht die "richtigen" Bilder oftmals erst während des Drehs. Sein natürlicher Blick für bewegte Bilder, verschönert die Landschaft des lebendigen und wirklichkeitsnahen zeitgenössischen Films.

Michael Winterbottom ist geschiedener Vater von zwei Töchtern. Nach dem Roman "Descent" von seiner Ex-Frau Sabrina Broadbent, war es wohl vor allem sein unglaublicher Arbeitsdrang, der seine Ehe zerbrechen lässt.

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Henrik Amme
Stand: April 2008

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