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Kurt Weiler

Kurt Weiler
Regie, Drehbuch

* 16. August 1921
Lehrte
Deutschland

KURT WEILER • Biographie Seite 1/1

Der Trickfilmer Kurt Weiler hat sich von seinem ästhetischen Anspruch nicht abbringen lassen. Frühzeitig entdeckt er den Animationsfilm für sich - aber jenseits des naturalistischen Stils a la Disney. In der DDR wird er einer der wichtigen Avantgardefilmer, der unbeirrt auf anspruchsvolle Experimente in Stil und Material setzt. Seine Themen sind ebenfalls komplex: In jedem noch so kleinen Märchen, welches er phantasievoll in Szene setzt, stecken philosophische Exkurse über Krieg, Ausbeutung und Macht.

Kurt Weiler wird am 16. August 1921 in Lehrte geboren. Sein Vater ist Kaufmann. Bis zur 11. Klasse besucht er ein Gymnasium. Danach absolviert er eine Lehre als Kaufmann in der 15 km entfernten Landeshauptstadt Hannover. In seiner Heimatstadt wird er als 17jähriger am 10. November 1938, einen Tag nach den Pogromen gegen jüdische Bürger, gemeinsam mit seinem Vater verhaftet. Der Vater und alle männlichen Juden der Stadt kommen nach Sachsenhausen. Er wird wegen seines Alters freigelassen und gelangt mit einem Kindertransport 1939 nach England.

In Oxford studiert Kurt Weiler an der City School of Arts and Crafts im selben Jahr Malerei und Graphik. Nach dem Kriegsbeginn wird er als 'feindlicher Ausländer' eingestuft und in einem Lager interniert. Im Anschluß an seine Freilassung zieht er nach London und kommt mit linksgerichteten Kreisen in Kontakt. Er lebt in einem Jugendgemeinschaftshaus, arbeitet als Gärtner, Kellner und Eisenbahner. Kurt Weiler wird Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ), die sich in Großbritannien gegründet hat. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kann er seiner Passion weiter nachgehen. Kurse in Malerei und Graphik schulen sein Handwerk. Zudem interessiert er sich für Filmtheorie sowie die Geschichte des Mediums und wird Mitglied in einem Filmclub.

Seine erste Beschäftigung beim Film erhält er vom Trickfilmer Peter Sachs von der Filmfirma Larkins & Co. Dieser engagiert ihn als Schnitt- und Regieassistenten, setzt ihn auch als Animator für Zeichentrick-Werbefilme ein. Kurt Weiler lernt hier das Handwerk des Trickfilmers, ist in klassischer Animation ebenso zu hause wie im plastischen Trickfilm und im Modelltrick. Er selbst bekundet später, hier seine wichtigsten Impulse für spätere Arbeiten jenseits des Disney-Naturalismus erhalten zu haben. Nachdem das Studio 1950 aufgelöst wird, siedelt Kurt Weiler in die DDR über. Zunächst findet er vorübergehend Beschäftigung bei der DEFA, die sein Potential aber nicht erkennt und verläßt die Produktionsfirma kurze Zeit später wieder, um ein Puppentheater in Berlin-Weißensee zu leiten. Sein erste Puppentrickfilm OSKAR KULICKE UND DER PAZIFIST (1952) entsteht hier. Der Film ist eine Minute lang und setzt sich mit der Wiederbewaffnung Deutschlands auseinander.

Einer Tätigkeit bei der DEFA steht nun nichts mehr im Wege. Im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme inszeniert er DIE WIPPE (1955), einen Puppentrickfilm, der ähnlich wie seine erste Animation, die Wiederbewaffnung thematisiert. Diesmal nimmt der Regisseur eine Reportage in der Berliner Zeitung zum Anlaß, um gegen die amerikanische Armee im westlichen Deutschland zu argumentieren. Der Film - politisch durchaus den damaligen Interessen genehm - wird für öffentliche Aufführungen gesperrt, da er ästhetisch nicht ins Konzept paßt. Im gleichen Jahr verläßt Kurt Weiler Berlin und geht ins neu gegründete DEFA-Studio für Trickfilme nach Dresden.

Zunächst setzt der Regisseur - meistens mit dem Kameramann Erich Günther - lehrreich inszenierte Märchen- und Kinderfilme um. So entstehen DIE GESTOHLENE NASE (1956), DIE GESCHICHTE VON DEN FÜNF BRÜDERN (1957) und DAS FASCHINGSKOSTÜM (1959). Aber die Filme entsprechen nicht seinen künstlerischen Ansprüchen, zu eingeengt fühlt er im Studio unter der Leitung von Johannes Hempel, welcher sich streng an die Regeln des sozialistischen Realismus halten will. Kurt Weiler verläßt Dresden und geht zurück nach Berlin. Hier arbeitet er für die Deutschen Werbe-AG, später setzt er seinen einzigen Spielfilm DER VERLORENE BALL (1959) in Szene. Nach einem Szenarium von Wera Küchenmeister und Claus Küchenmeister erzählt er die Geschichte eines Balles, der plötzlich lebendig wird und alle Kinder fasziniert. Das Mädchen, dem der Ball gehört, will aber nur allein damit spielen und merkt erst spät, daß dies kein Spaß macht. Daneben dreht er für die populäre Stacheltier-Produktion. Seine beiden Arbeiten werden aber für Aufführungen nicht zugelassen.

1963 beschäftigt ihn das DEFA-Studio für Kurzfilme. Hier entstehen populärwissenschaftliche Dokumentationen. Besonders erfolgreich wird die Serie NÖRGEL UND SÖHNE (1967-1968). In der Reihe geht das Filmteam der Entstehung des Geldes nach, stellt die Geschichte der Menschheit von der Seßhaftwerdung bis zur Erfindung des Geldes als Tausch-Äquivalent dar. Die Utopie MACHEN IM JAHRE 2001 ALLES DIE MASCHINEN (1967) thematisiert das problematische Verhältnis von Mensch und Maschine. Daneben ist er Gastregisseur in Dresden, inszeniert Kinofilme und arbeitet dabei eng mit dem Bühnenbildner Achim Freyer, Ezio Toffolutti, Gabrielle Koerbl und dem Theaterregisseur Einar Schleff zusammen. Die Zeichentrickfilme sind ästhetisch eigenwillig und anspruchsvoll, abstrahieren Puppen und Gegenstände, revolutionieren die Verwendung von unüblichen Materialien für den Zeichentrick. Die Themen, denen sich das Filmteam stellt, sind komplex und werden philosophisch überhöht dargeboten. So entstehen Trickfilmklassiker wie DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN (1964) und HEINRICH DER VERHINDERTE (1966), der auszog, um Polens Thron zu besteigen, aber auf dem Misthaufen endet. Letzterer gefällt dem Ministerium für Kultur überhaupt nicht: Die Anti-Kriegsparabel wird nach kurzer Zeit aus den Kinos entfernt. In DAS GESCHENK - EINE BEINLICHE GESCHICHTE (1974) gibt es aufklappbare Köpfe, deren Inhalt entsorgt werden kann. REKONSTRUKTION EINES BERÜHMTEN MORDFALLES (1975) schildert die Legende der biblischen Geschichte von Kain und Abel, an deren Beispiel die Entstehung der Ausbeutung illustriert wird.

Ab Mitte der 70er Jahre übernimmt Kurt Weiler auch Aufträge vom DEFA-Studio für Spielfilme. Er stellt Trickteile für einige Filme her. In KONZERT FÜR BRATPFANNE UND ORCHESTER (1976) von Hannelore Unterberg animiert er das Orchester, in EIN SCHNEEMANN FÜR AFRIKA (1977) von Rolf Losansky wandert ebensolcher auf einen Schiff durch die Hitze. Ab 1977 ist der Regisseur beim DEFA-Studio für Trickfilme angestellt und gehört dort bis 1989 zu den führenden Mitarbeitern. Aus bekannten Sagen und Märchen konstruiert er komplexe Geschichten, die immer auch weltanschauliche Exkurse bieten. Der Film DIE SUCHE NACH DEM VOGEL TURLIPAN (1977) wird in ästhetischer Hinsicht eines seiner wichtigsten Werke. Verlacht von seinen Kollegen, zieht ein Dekan aus der Stadt Salamanca los, um den sagenhaften Vogel Turlipan zu finden. Der Film ist überaus phantasievoll gestaltet, adelt zudem Eigenschaften wie Mut und Neugierde. Das Märchen DIE GESCHICHTE VOM KALIF STORCH (1984) gerinnt zu einem Aufruf an alle Herrscher, sich um die Sorgen und Nöte ihres Volkes zu kümmern. In dem Collagetrickfilm ERINNERUNG AN EIN GESPRÄCH (1984) läßt der Regisseur die Figuren des Pergamonaltars lebendig werden und über die Sinnlosigkeit des Krieges reflektieren.

Seit Mitte der 80er Jahre engagiert sich der Künstler in der Asifa, einer Vereinigung von Trickfilmer, die sich um die Bewahrung und Archivierung internationaler Animationsfilme bemüht. Von 1987 bis 1998 ist Kurt Weiler als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam Babelsberg für die Geschichte und Ästhetik des Animationsfilms beschäftigt. Er erhält zahlreiche Auszeichnungen für seine Filme und sein Lebenswerk. Plane für verschiedene Filmarbeiten, zum Beispiel die filmische Adaption von Aristophanes "Frieden", können leider nicht realisiert werden.

Kurt Weiler lebt mit seiner Familie in Kleinmachow bei Potsdam. Seit 1952 ist er mit der Autorin Hanna Weiler verheiratet, die auch mehrfach mit ihm an den Drehbüchern seiner Filme arbeitet. Seine Tochter Kathrin Weiler (geb. 1952) ist auch im Filmbereich tätig und arbeitet als Cutterin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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