Film-Zeit auf  Film-Zeit bei Facebook   Film-Zeit auf Twitter

Günter Reisch

Günter Reisch
Regie, Regie-Assistenz, Drehbuch, Darsteller

* 24. November 1927
Berlin
Deutschland
† 24. Februar 2014
Berlin
Deutschland
andere Namen Wolfgang Krüger

GÜNTER REISCH • Biographie Seite 1/1

Günter Reisch wird am 24. November 1927 als Günter Julius Hermann Reisch in Berlin geboren. Sein Vater verdient den Lebensunterhalt für die Familie als Bäckermeister, seine Mutter ist kaufmännische Angestellte. Sein Vater stirbt früh, die Familie zieht 1934 nach Potsdam. Hier besucht er die Oberrealschule. Im Alter von 16 Jahren wird er zum Ende des Zweiten Weltkrieges eingezogen, marschiert als Soldat nach Berlin und gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung arbeitet er als Hilfsbauarbeiter in Hildesheim und schlägt sich danach zu seiner Familie nach Potsdam durch.

Günter Reisch holt an der Humboldt-Oberschule 1947 sein Abitur nach und engagiert sich bei einem Jugend-Theaterensemble in Potsdam, nimmt auch Schauspielunterricht. Er will Regisseur werden und beginnt 1948 als Regieassistent im Nachwuchsstudio der DEFA. In dieser Funktion ist er an mehreren Filmen beteiligt, arbeitet unter anderem mit Gerhard Lamprecht, Georg Wildhagen, Martin Hellberg und Kurt Maetzig zusammen. Mit letzterem verbindet ihn eine lange, intensive Zusammenarbeit. Günter Reisch arbeitet an den Filmen RAT DER GÖTTER (1950), ROMAN EINER JUNGEN EHE (1952) und ERNST THÄLMANN - FÜHRER SEINER KLASSE (1955) mit, ist sogar bei DAS LIED DER MATROSEN (1958) als Co-Regisseur beteiligt.

Seit 1955 ist Günter Reisch als Regisseur beim DEFA-Studio für Spielfilme angestellt. Nach Motiven der Komödie "Der Revisor" von Nikolai Wassiljewitsch Gogol dreht er mit JUNGES GEMÜSE (1956) seinen Debütfilm. Der Filmemacher modernisiert gemeinsam mit dem Autor Günther Rücker, mit dem er mehrfach zusammenarbeiten wird, den Stoff und verlegt ihn in ein Dorf mit viel Weißkohlanbau. Die Komödie kommt frisch und mit viel Klamauk daher, setzt sich aber auch kritisch mit Selbstherrlichkeit und Bürokratie auseinander. Einige Dialoge sind der Hauptverwaltung Film zu spitz, aber der Regisseur weigert sich, Änderungen vorzunehmen.

Danach inszeniert Günter Reisch mit SPUR IN DIE NACHT (1957) einen Kriminalfilm, der an der deutsch-tschechischen Grenze einer Agentengruppe auf die Spur kommt. Bei Kritikern kommt der Film nicht gut an, Spannungslosigkeit und nicht vorhandene Logik wird ihn vorgeworfen. Trotzdem ist er modern in Szene gesetzt und wird seitens offizieller Stellen kritisiert, den Günter Reisch inszeniert Jugendliche (unter anderem mit Ulrich Thein, Eva-Maria Hagen und Annekathrin Bürger), die nach Rock'n'Roll tanzen. Neben seiner Filmarbeit ist Günter Reisch am Theater tätig; wird allerdings diesen Tätigkeitsbereich nicht weiter ausbauen. 1958 inszeniert er am Volkstheater Rostock Lew Tolstois "Krieg und Frieden". Gastspiele führen ihn nach Polen und die Bundesrepublik Deutschland.

Wieder komödiantisch wird es bei MAIBOWLE (1959) und der Fortsetzung SILVESTERPUNSCH (1960). Wilhelm Lehmann (Erich Franz) wird 65 und die Familie sowie der Betrieb bereiten eine große Feier vor. Nach einigen Hindernissen, die turbulent und schwungvoll inszeniert sind, kann die Maibowle dann auch getrunken werden. Ein Jahr später steht Silvesterpunsch auf dem Familientisch. Hier stehen sich Kultur- und Sportfans gegenüber, die sich bei einer Eisrevue von der Nützlichkeit des jeweils anderen überzeugen lassen. Wieder überwiegen Spaß und Schwung, so dass der Erfolg an den Kinokassen nicht ausbleibt. Auch mit ACH DU FRÖHLICHE ... (1962) inszeniert der Filmemacher eine Komödie im betrieblichen Milieu, nach einem Drehbuch von Hermann Kant, der die tschechische Bühnenkomödie "Und das am Heiligabend" von Vratislav Blazek adaptiert hat. Walter Lörke (Erwin Geschonneck) muss sich damit abfinden, dass seine Tochter (Karin Schröder) ihm zu Weihnachten einen zukünftigen Schwiegersohn präsentiert, der ihm politisch nicht gefällt. Oberflächlich präsentiert der Filmemacher eine gut gespielte Familienkomödie, die aber auch kritisch auf dogmatische Moralvorstellungen, Heuchelei und Karrieredenken sowie auf die Konflikte innerhalb der Generationen schaut. Der Nachfolger WIE DIE ALTEN SUNGEN... (1986), der 25 Jahre nach den Ereignissen spielt, kann damit leider nicht aufwarten, präsentiert aber eine unterhaltsame Familiengeschichte, die besonders im Zusammenspiel mit dem ersten Film ihre Reize hat.

An leichten Unterhaltungsstoffen versucht sich Günter Reisch immer wieder. DER DIEB VON SAN MARENGO (1963) ist ein Gaunerkomödie mit Horst Drinda um einen Meisterdieb, der von reichen Geschäftsleuten und der Polizei weiter seinem Gewerbe nachgehen kann, damit die Versicherungssummen fließen. Die Satire kommt witzig und einfallsreich daher. Mit JUNGFER, SIE GEFÄLLT MIR (1968) nach Motiven der Heinrich von Kleist-Novelle "Der zerbrochene Krug" (adaptiert von Jurek Becker) versucht sich Günter Reisch an einem Musical.

Zu seinen erfolgreichen Komödien gehören EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (1967), in dem sich der Heiratsschwindler Ewald Honig (Erwin Geschonneck) und seine auf ältere Herren spezialisierte Tochter Ina (Angelica Domröse) in einem turbulent-heiteren Liebes-Verwirrspiel wiederfinden. Ebenso unterhaltsam ist die Satire NELKEN IN ASPIK (1976). Hier schaut der Filmemacher auf einen Werbezeichner (Armin Mueller-Stahl), der eines Tages wegen einer hässlichen Zahnlücke nicht mehr sprechen mag. Mit nickendem Zustimmen sowie konsequentem Schweigen macht er in der Branche eine große Karriere. Die Kaderpolitik der DDR wird hier aufs Korn genommen. Bei den grotesken Übertreibungen haben die Zuschauer ihren Spaß. ANTON DER ZAUBERER (1977) ist bis heute eine der besten DEFA-Komödien. Anton (Ulrich Thein) ist ein Macher wie er im Buche steht. Nach dem Krieg gelingt es ihm durch sein Organisationstalent, die Wirtschaft voranzubringen. Aber er bereichert sich, kommt ins Gefängnis und wird auch dort zum Aktivisten.

Neben dem komödiantischen Fach inszeniert Günter Reisch auch Filme, die auf die Geschichte der Arbeiterbewegung schauen. Seine Zusammenarbeit mit Kurt Maetzig bringt ihm das Sujet nahe. Als Co-Regisseur ist er an DAS LIED DER MATROSEN (1958) beteiligt und leitet hier einen eigenen Drehstab, der für Massenszenen verantwortlich ist und auf die Matrosen schaut. Eine Filmbiographie über Karl Liebknechts (Horst Schulze) legt er mit SOLANGE LEBEN IN MIR IST (1965) vor. Dabei konzentriert sich der Filmemacher gemeinsam mit Autor Michael Tschesno-Hell auf den Kampf des Reichstagsabgeordneten gegen den Ersten Weltkrieg. Als Fortsetzung kann TROTZ ALLEDEM! (1971) gesehen werden, der die Ereignisse die drei letzten Jahre des Politikers von seiner Inhaftierung 1916 über die Novemberrevolution 1918 bis zu seiner Ermordung im Januar 1919 thematisiert. UNTERWEGS ZU LENIN (1970) entsteht als Co-Produktion mit dem Mosfilm-Studio zum 100. Geburtstag des Revolutionärs. Dabei blickt der Film auf einen jungen Kommunisten, der sich auf eine abenteuerliche Reise nach Moskau macht. Außen vor bleibt die Verklärung eines Arbeiterführers. WOLZ - LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN (1974) blickt auf den Anarchisten Max Hoelz (Regimantas Adomaitis) in der Weimarer Republik in einer Formensprache, die ungewöhnlich für ein Arbeiterporträt ist.

Für das Fernsehen der DDR entsteht der Fünfteiler GEWISSEN IN AUFRUHR (1961) nach dem autobiografischen Bericht von Rudolf Petershagen, der als Offizier der deutschen Wehrmacht und Kommandant von Greifswald durch die kampflose Übergabe die Stadt vor der Zerstörung durch sowjetische Truppen bewahrte. Die DEFA hatte den Stoff abgelehnt. Gemeinsam mit Hans-Joachim Kasprzik dreht Günter Reisch mit dem Fernsehroman einen der ersten Mehrteiler für das ostdeutsche Fernsehen, der erstmals keine sozialistische Heldengestalt in den Fokus rückt, sondern einen bürgerlichen Humanisten. Erwin Geschonneck und Inge Keller überzeugen als Darsteller und unterstützen den emotional und spannend in Szene gesetzten Mehrteiler.

Der national wie international erfolgreichste Film von Günter Reisch in der Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte wird DIE VERLOBTE (1979). Der Film beruht auf der autobiografischen Romantrilogie "Haus der schweren Tore" von Eva Lippold. Erzählt wird von Hella Lindau (Jutta Wachowiak), einer Kommunistin, die von 1934 bis 1944 in einem nationalsozialistischen Frauenzuchthaus inhaftiert ist. Sie übersteht die Zeit nur durch die Hoffnung, ihren Geliebten wieder zu sehen und durch die Solidarität mit Mithäftlingen. Genau und präzise schildern die Filmemacher den Gefängnisalltag, bebildern die historische Entwicklung mit Archivmaterial. Auf Pathos wird verzichtet, vielmehr wird Menschlichkeit in den verschiedensten Formen präsentiert Der Film überzeugt zudem mit einer herausragenden Leistung von Jutta Wachowiak. Während der Dreharbeiten erkrankt der Regisseur, so dass Günter Rücker den Film zu Ende dreht.

Mehrere Jahre ist Günter Reisch krankheitsbedingt nicht in der Lage, weitere Filme zu drehen. Er reicht mehrere Drehbücher bei der DEFA ein, die allerdings nicht in Produktion gehen. Er plant eine Fortsetzung von ANTON DER ZAUBERER, will auf Bismarck und der Reichsgründung 1871 schauen, den Hauptmann von Köpenick neu in Szene setzen, eine Geschichte von Günther Grass verfilmen und den Neubau des Friedrichstadt-Palastes kritisch hinterfragen. Gemeinsam mit dem Schauspieler und Sänger Dean Reed will er eine Geschichte über den Aufstand amerikanischer Indianern in Wounded Knee inszenieren.

Nach dem Fall der Berliner Mauer dreht Günter Reich zwar keinen eigenen Film als Regisseur mehr, ist aber in verschiedenen Bereichen tätig. Als Mentor unterstützt er Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg sowie Schüler an der Akademie der Künste zu Berlin. Zu seinen wichtigsten Schülern zählt Siegfried Kühn, Horst Seemann, Rolf Losansky, Maxim Dessau und Andreas Dresen. Er ist als künstlerischer Berater tätig, unter anderem unterstützt er Gordian Maugg bei seinem Film DER OLYMPISCHE SOMMER (1993). Zwischen 1996 und 2000 ist Günter Reisch als Honorarprofessur an der Bauhaus-Universität Weimar und in der Filmklasse der Gesamthochschule Kassel tätig. Als Lehrbeauftragter gibt er sein Wissen weiter an der Hochschule für Fernsehen und Film München, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, an der Hochschule für Medien Köln, an der "Theater Statt" Ulm und an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Graz.

Von 1966 bis 1980 ist Günter Reisch Vizepräsident des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR, zudem ist er als Mitglied des Künstlerischen Rats der DEFA tätig. 1983 wird er als Ordentliches Mitglied in die Akademie der Künste der DDR gewählt; die Wahl wiederholt sich 1994 für die nun gesamtdeutsche Akademie der Künste. 1996 gründet Günter Reich mit seinem Regie-Kollegen Wim Wenders den Verein "Die ersten 100 Jahre Kino in Berlin". Zehn Jahre existiert der Verein, in denen er als Vorsitzender arbeitet.

Günter Reisch ist zweimal verheiratet. Sibylle Dunkelmann ist von 1959 bis 1969 seine Ehefrau. Ihre Töchter Andrea und Kerstin werden 1959 bzw. 1962 geboren. 1971 heiratet er Beate Schäfer. Die Söhne Gregor und Markus erblicken 1972 bzw. 1973 das Licht der Welt. Der Filmemacher stirbt am 24. Februar 2014 in seiner Heimatstadt Berlin.

---
Autorin: Ines Walk
Die Biographie entstand mit Hilfe der DEFA-Stiftung im September 2013.

Aktueller Stand der Datenbank:
18738 Filme,
72604 Personen,
6594 Trailer,
873 Biographien,
54 Themen & Listen
all: 1,75202