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Christian Lehmann

Christian Lehmann
Drehbuch, Kamera

* 20. Juli 1934
Hlabau
Polen

CHRISTIAN LEHMANN • Biographie Seite 1/1

An mehr als 200 Filmen ist der Kameramann Christian Lehmann beteiligt. Im DEFA-Studio für Dokumentarfilme arbeitet er mit den wichtigsten Regisseuren zusammen und entwickelt einen ganz eigenen Kamerastil. Er zeichnet sich durch ein besonderes Gespür für das Optische im Dokumentarischen aus. Vielen seiner Filme gemeinsam ist ihr subjektiver Zugang auf die Menschen und Landschaften, ideologiefrei zeigen sie den Alltag in der DDR und erzählen ganz individuelle Geschichten. Der Kameramann selbst spricht sich mehrfach für einen persönlichen Zugang der Dokumentaristen zu ihrem Gegenstand aus.

Christian Lehmann wird am 20. Juli 1934 in Halbau, Schlesien (heute Ilowa, Polen) geboren. Sein Vater arbeitet als Lehrer. Seine Schulausbildung schließt er 1953 mit dem Abitur ab. Danach beginnt er ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, will Fotograf und Grafiker werden. Nach drei Semestern bricht er an und wechselt 1955 an die Deutsche Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg. Hier studiert er bis 1959 im Fachbereich Kamera. Von 1959 bis 1961 arbeitet er im DEFA-Studio für Dokumentarfilme als Assistent des Kameramanns Wolfgang Randel bei Filmen des Regisseurs Joop Huiskens mit. Seit 1961 ist er dort selbständiger Kameramann. Seitdem arbeitet er mit den wichtigsten Dokumentarfilm-Regisseuren der DEFA zusammen.

Während seiner Studienzeit lernt Christian Lehmann den späteren Regisseur Jürgen Böttcher kennen. An dessen Hochschulfilmen DER JUNGE MIT DER LAMPE (1957) und DRESDEN, WENIGE JAHRE DANACH (1958) arbeitet er mit. Dabei entwickelt sich sein spezielles Interesse für den Dokumentarfilm. Auch später wird zwischen den beiden Künstlern eine enge Arbeitsbeziehung bestehen. Im Auftrag des Ministeriums für Ausländische Angelegenheiten entsteht IM PERGAMON-MUSEUM (1962), wo antike Plastiken lebendig gemacht werden. Besondere nationale und internationale Aufmerksamkeit erlangt OFENBAUER (1962). Der Film protokolliert die 18-m-Verschiebung eines 65 m hohen und 2000 t schweren Hochofens im Eisenhüttenkombinat. Christian Lehmann ist einer der fünf Kameramänner, die in nüchternen Bildern die Leistung des Kollektivs schildern. In beiden und einigen folgenden Filmen nutzen die zwei Künstler die jeweiligen Ort und Situationen, um ihre Dokumentarstil, der sich am cinema verité orientiert, zu verfeinern. Dazu gehören unter anderem, dass die Kamera mit Sympathie auf die Figuren blickt, die porträtiert werden, dass sie undogmatisch das Lebensumfeld beobachtet und den Protagonisten viel Freiraum lässt. Außerdem wird mit viel filmischen Gespür für die Menschen, die Umgebung und die Landschaft gearbeitet. In den besten Fällen ordnet sich die Kamera ganz der vorgefundenen Realität unter. Dadurch soll das Wahrhaftige im Leben und bei den Menschen durch die Bilder zutage gefördert werden.

Mehrfach arbeitet Christian Lehmann mit dem Dokumentaristen Karlheinz Mund zusammen. Für CANTO DE FÈ (1965) werden spanische Emigranten porträtiert; die Kamera filtert eindrucksvoll das erlittene Leid der Franco-Gegner heraus; in OXI - NEIN (1970) ist der griechische Widerstand Thema. In MEMENTO (1966) wandert die Kamera über den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, ein Gedicht von Günter Kunert liegt über den Bildern. In SEILFAHRT 1969 (1969) sind es Arbeiter eines Kupferschieferbaus, die genau und präzise beobachtet werden. Ihr gemeinsamer Film SOMMERREISE (1969) führt sie in die Ukraine, wo sie authentische Bilder von der Situation in der Sowjetunion finden. Die Dokumentation findet nicht den Gefallen der Verantwortlichen im DEFA-Studio sowie im Ministerium und kommt völlig verändert in die Kinos.

An der Zusammenarbeit mit Regisseur Joop Huisken bei SCHWEIßERBRIGADE (1962) wird exemplarisch die Arbeitsweise des Kameramanns deutlich. Schon Wochen vor Drehbeginn reist Christian Lehmann, der auch an dem Drehbuch mitarbeitet, zu den Arbeitern auf die Warnowwerft in Rostock, um sich mit deren Arbeits- und Lebensbedingungen bekanntzumachen. Trotz der ideologischen Einfärbung des Films gelingen dem Kameramann reizvolle Bilder. Realistische Details und interessante Farbgebungen bereichern den Film. Die Kamera führt er auch bei Winfried Junge. AUF DER ODER (1969) beobachtet deutsche und polnische Eisbrecher auf dem zugefrorenen Grenzfluss. Regisseur Heinz Müller holt Christian Lehmann ebenfalls mehrfach hinter die Kamera. SPIELPLATZ (1965) ist ein impressionistischer Film über das Leben am Berliner Helmholtz-Platz. HERBSTZUG DER KRANICHE (1969) findet Bilder von der landschaftlichen Schönheit der Insel Rügen und FRÜHLING AN DER MÜRITZ (1969) einige von dieser Gegend. Mit Richard Cohn-Vossen arbeitet bei MATHEMATIKER (1971) zusammen; der mit Bilder asketisch umgehende Film zeigt Anspruch und Wirklichkeit ostdeutscher Intellektueller.

Mit Regisseur Volker Koepp beginnt die Zusammenarbeit Anfang der 70er Jahre. Bei GUSTAV J. (1973), einem Porträt über einen 80-jährigen Arbeiter, schaut die Kamera ganz behutsam und natürlich, ruhig und langsam auf den alten Mann. Sie bringt gleichsam sein Wesen zum Vorschein. Seit 1976 dreht er mit dem Regisseur eine Reihe von Landschaftsfilmen, die Menschen in ihrer Umgebung zeigen sollen. Das Filmteam nähert sich in DAS WEITE FELD (1976) behutsam dem märkische Dorf Häsen und seinen Bewohnern, dreht HÜTES (1977) in der Rhön, eine Märkische Trilogie in und um Zedernick, fährt die F 96 (1986) entlang. Allen Filmen gemeinsam ist ihr subjektiver Zugang auf die Menschen und Landschaften, ideologiefrei zeigen sie den Alltag in der DDR und erzählen ganz individuelle Geschichten. Der Kameramann selbst spricht sich mehrfach für einen persönlichen Zugang der Dokumentaristen zu ihrem Gegenstand aus. Auch an den WITTSTOCK-Filmen des Regisseurs arbeitet Christian Lehmann mit. Zwar erzählen die Filme vom alltäglichen Leben der Arbeiterfrauen, aber wieder findet der Kameramann überaus poetische Bilder. Erneut ist es die ruhige, sich auf die Beobachteten einlassende Bildführung, die die Filme auszeichnet.

Ab den 90er Jahren ist es der Regisseur Peter Voigt, für den Christian Lehmann mehrmals die Kamera führt. In KNABENJAHRE (1989) porträtieren sie vier Männer, die sich an ihre Kinder- und Jugendjahre im Hitlerreich erinnern. In METANOIA (1991) führen sie die Gespräche mit den vier Personen fort, fragen was aus den damaligen Hitlerjungen wurde. Auch DÄMMERUNG - OSTBERLINER BOHEME DER 50ER JAHRE (1993) bietet wieder ein überaus subjektiver Blick auf einen Zeitzustand. Aus Anlass des 20. Todestages geht das Filmteam in ICH BIN ERNST BUSCH (2000) auf Spurensuche. Ihr bisher letzter Film ist BERTOLT BRECHT - BILD UND MODELL (2006). Hier rekonstruieren sie mit zahlreichen Materialien Facetten des Werkes von Bertolt Brecht, die man so oder ähnlich noch nie gesehen hat.

Christian Lehmann ist mit der Schnittmeisterin Bärbel Lehmann verheiratet. Die Familie lebt in Berlin.

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