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Paul Schrader

Paul Schrader
Regie, Drehbuch

* 22. Juli 1946
Grand Rapids (Michigan)
USA

PAUL SCHRADER • Biographie Seite 1/1

Der Regisseur Paul Schrader präsentiert gemeinsam mit Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und Arthur Penn das "New Hollywood Cinema". Zunächst macht er sich als Drehbuchautor einen Namen, wird weltweit mit TAXI DRIVER (1976) bekannt. Danach arbeitet er als Regisseur. Dabei spielen religiöse und moralische Themen immer wieder eine Rolle; der Regisseur nennt sich selbst einen spirituellen Filmemacher: Seine Filme setzen sich mit Besessenheit und Opfer, Gnade und Erlösung, Versöhnung und Harmonie, Nächstenliebe und Aufrichtigkeit auseinander. Paul Schrader offenbart dabei eine erstaunliche stilistische Vielfalt.

Paul Schrader wird am 22. Juli 1946 geboren. Er wächst in Grand Rapids (Michigan), in einer konservativen calvinistischen Gemeinde auf. Die Familie ist holländisch-deutscher Herkunft. Sein Bruder Leonard Schrader wird später als Schriftsteller und Drehbuchautor arbeiten. Die Kirche verbietet den Kinobesuch; er revoltiert und hält sich als 17jähriger Jugendlicher nicht mehr an die Vorschriften. Während seiner College-Zeit, in der er Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert, interessiert er sich mehr und mehr für den Film, schreibt Filmkritiken. Er beginnt ein Studium an der Columbia University in New York und am AFI Conservatory, wechselt dann aber das Fach, geht als Filmstudent und -kritiker nach Los Angeles an die University of California. Gefördert von der Filmkritikerin Pauline Kael schreibt er unter anderem für die Zeitschriften "Los Angeles Free Press", "Film Quarterly" und "Film Comment". Außerdem fungiert er als Herausgeber von "Cinema".

Ab Mitte der 1970er Jahre schreibt Paul Schrader Drehbücher. Gemeinsam mit Robert Towne verfasst er sein erstes Filmdrehbuch zum Gangsterfilm YAKUZA (1974), der von Sydney Pollack verfilmt wird. Mit der Geschichte einer japanischen Verbrecherorganisation, in der Treue und Ehre das oberstes Gebot sind, macht er auf sich aufmerksam. Seine folgenden Drehbücher sind noch erfolgreicher. Gelobt werden der gut recherchierte Hintergrund der Geschichten sowie die genauen Detailkenntnisse seiner Arbeiten. Für Regisseur Brian De Palma schreibt er den romantischen Thriller SCHWARZER ENGEL (1976). Sein nächstes Drehbuch begründet weltweit seinen Ruf als brillanter Autor: Martin Scorsese verfilmt TAXI DRIVER (1976), die Geschichte eines ehemaligen Vietnam-Soldaten, der New York von Müll und Dreck befreien will. Gefühlskälte sowie Gewaltexzesse, Einsamkeit und Identitätsverlust spielen im Großstadtdschungel eine besondere Rolle. Noch dreimal verfilmt der Regisseur Vorlagen von Paul Schrader: WIE EIN WILDER STIER (1980) mit Robert De Niro in der Hauptrolle des Boxers Jake La Motta und DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI (1988) mit Willem Dafoe als Jesus. Ihr gemeinsamer Film BRINGING OUT THE DEAD (1999) erzählt von einem seelisch ausgebrannten New Yorker Sanitäter, der keine Hoffnung auf Veränderung in seinem Leben sieht.

Dazwischen werden auch weitere Drehbücher Paul Schraders verfilmt. Für den Actionthriller DER MANN MIT DER STAHLKRALLE (1977), der von John Flynn in Szene gesetzt wird, greift der Autor wieder auf das Vietnam-Trauma zurück und erzählt von zwei Heimkehrern, die zu Verbrechern werden und die Justiz in eigene Hände nehmen. DIANE (1979) schildert die Lebenskrise einer jungen Frau, die beschließt, sich bei ihrem ehemaligen Liebhaber für seine Beleidigungen zu rächen. Inszeniert wird der Film von Joan Tewkesbury. Unter der Regie von Peter Weir entsteht MOSQUITO COAST (1986), in dem eine wohlhabende amerikanische Familie in den Dschungel siedelt und dort an ihren eigenen Ansprüchen scheitert. Der Thriller CITY HALL (1995), von Harald Becker inszeniert, thematisiert die verbrecherischen Verquickungen eines New Yorker Bürgermeister.

Seit Ende der 1970er Jahre arbeitet Paul Schrader auch als Regisseur. Themen seiner Filme sind Besessenheit und Opfer, Gnade und Erlösung, Versöhnung und Harmonie, Nächstenliebe und Aufrichtigkeit. Der religiöse Hintergrund des Regisseurs spielt in vielen Fällen eine Rolle. Er produziert in der Mehrzahl kleiner Filme, die an den Kinokassen nicht immer Erfolg haben. Als Hollywood-Regisseur muss er sich in einigen Fällen auch dem System beugen, Mainstream zum Geld-Verdienen produzieren. So etwa dreht er Anfang des neuen Jahrtausend ein Prequel zu DER EXORZIST (1973) komplett zu Ende, wird dann aber wegen kreativer Differenzen von der Produktionsfirma entlassen und durch Renny Harlin ersetzt.

Seine erste Regiearbeit wird der sozialkritische Film BLUE COLLAR (1978). Erzählt wird von drei Automobilarbeitern in Detroit, die entdecken, dass ihre Gewerkschaftsführung in illegale Machenschaften verwickelt ist. Gelobt an dem Debüt wird die genaue Analyse der sozial-politischen Umstände. In HARDCORE (1978) schildert er die Erlebnisse eines Calvinisten, der sich auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter mit der Porno-Industrie auseinandersetzen muss. Den jungen Richard Gere macht er der Regisseur als Callboy Julian Kay in AMERICAN GIGOLO (1980) zum Star. Der Gigolo wird unschuldig in einen Mord verstrickt. Die falsche Aussage einer Frau rettet ihn vor dem Gefängnis. Der Film, in kühler Atmosphäre inszeniert, entlarvt die Welt der Schönen und Reichen, blickt hinter die Fassade von Glitter und Glamor, um am Ende durch eine unerwartete Handlung doch noch die "wahre Liebe" zu retten.

Der Horrorfilm KATZENMENSCHEN (1981) ist ein Remake des Klassikers von Jacques Tourneur, erzählt von Menschen, die sich bei sexueller Erregung in Tiere verwandelt. Das Künstlerporträt MISHIMA (1985) dramatisiert Leben und Tod des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima, der für seine nihilistische Nachkriegsliteratur bekannt wird und 1970 rituellen Selbstmord begeht. In der Mischung aus Musikfilm und Familienmelodram LIGHT OF DAY (1986) werden die familiären Schwierigkeiten eines Geschwisterpaares geschildert; am Ende gibt es eine Versöhnung. Nach authentischen Berichten entsteht der Film PATTY (1987), der die Entführung der Tochter des amerikanischen Zeitungskönigs Hearst durch eine Terroristengruppe zum Thema hat. Besessenheit spielt in DER TROST VON FREMDEN (1989) eine Rolle: Ein junges Paar reist nach Venedig und gerät dort unter die Kontrolle eines anderen Paares. Um Gnade und Erlösung geht es in dem Drogendrama LIGHT SLEEPER (1991): Ein Dealer (überzeugend verkörpert von Willem Dafoe) rächt sich für den Tod seiner Frau an dem Milieu. Der Film kommt ohne die übliche Effekthascherei des Drogenmilieus aus und variiert ein Thema des Filmemachers: Die Außenseiter - Travis Bickle in TAXI DRIVER (1976), Julian Kay in AMERICAN GIGOLO (1980) und eben John LeTour in LIGHT SLEEPER (1991) - sind Seelenverwandte, alle drei einsame und orientierungslose Männer, deren Begegnungen mit Frauen zum Auslöser für Veränderungen in ihrem Leben werden.

Nächstenliebe und Aufrichtigkeit spielen in TOUCH (1996) eine Rolle. Der Film blickt auf einen Seelsorger, der die Fähigkeit besitzt, Kranke zu heilen. Dadurch werden Fanatiker und Geschäftsmänner auf ihn aufmerksam; er aber entscheidet sich für den richtigen Weg. In dem intensiven Drama DER GEJAGTE (1997) agiert Nick Nolte als einsamer Dorfpolizist, der sich seiner Vergangenheit, dem alkoholkranken und gewalttätigen Vater stellen muss. Die traurige Tragödie ist grandios in Szene gesetzt; der Zuschauer muss sich Fragen nach dem eigenen Leben, Selbst- und Vorbestimmung stellen. Von einer großen Liebe, entgegen aller Widerstände, Drohungen und Mordanschlägen, erzählt FOREVER MINE (1999). Dabei wird die Liebe immer mehr zur Besessenheit, die Wunschvorstellung überlagert die Realität. AUTO FOCUS (2002) blickt auf das Leben des amerikanischen DJs Bob Crane, der Mitte der 1960er-Jahre zum TV-Star aufstieg, seiner Sex-Sucht erliegt und 1978 ermordet wird. Wieder blickt der Regisseur hinter die Fassade eines amerikanischen Saubermanns, der im Verborgenen seine Obsessionen auslebt.

Als sein nächster Film ist THE WALKER (2007) angekündigt, der starbesetzt mit Woody Harrelson, Moritz Bleibtreu, Willem Dafoe, Lauren Bacall, Kristin Scott Thomas und Lily Tomlin, auf die gehobene Gesellschaft von Washington blickt, und eine Netz von Intrigen, Betrug und Mord offen legt. Analogien zu AMERICAN GIGOLO (1980) liegen auf der Hand: Wieder geht es um einen Mann, der sich um elegante, vernachlässigte Frauen kümmert und in einen Mordfall verwickelt wird.

Der Regisseur beschäftigt sich auch theoretisch mit dem Film. Mit "Transcendental Style in Film: Ozu, Bresson, Dreyer" (1972) legt er eine Untersuchung über Theologie und Filmwissenschaft vor.

Paul Schrader war mit der Filmarchitektin Jeannine Claudia Oppewall verheiratet. Seit 1983 führt er eine Ehe mit der Schauspielerin Mary Beth Hurt. Beide haben ein gemeinsames Kind.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Mai 2007

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