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Gus Van Sant

Gus Van Sant
Regie, Drehbuch, Schnitt, Mitarbeit, Produzent, Ausführender Produzent

* 24. Juli 1952
Louisville (Kentucky)
USA

GUS VAN SANT • Biographie Seite 1/1

Gus van Sant ist einer der bekanntesten Vertreter der New-Queer-Cinema Bewegung und weltweit bekannt durch seine intensiven Studien über Männerfreundschaften an der Peripherie der Gesellschaft. Auch mit seiner künstlerischen wie filmischen Vielfalt besticht der Regisseur, der scheinbar mühelos zwischen puristischem Avantgarde-Kino und voll besetzten Academy Award-Zeremonien wandelt. Lob und Anerkennung erntet der offen homosexuelle Künstler ebenso mit seinen Nebenprojekten als Fotograf und Schriftsteller.

Gus Greene van Sant Jr. ist am 24. Juli 1952 in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky geboren. Zusammen mit seinen Eltern Betty und Gus Greene Sr. zieht er in seiner Kindheit oft um, da sein Vater als mobiler Kleiderverkäufer arbeitet. Schon früh beschäftigt sich der junge Gus van Sant mit Malerei und Super-8-Filmen. Mit 15 Jahren dreht er erste Kurzfilme und besucht ab 1970, nach Abschluss der Highschool, die renommierte Rhode Island School of Design. Inspiriert von Experimental- und Kunstfilmgrößen wie dem Litauer Jonas Mekas oder dem Pop-Art-Künstler Andy Warhol wechselt der ambitionierte Student von der Malerei zum Film. Nach seinem Studium lernt er für einige Zeit die europäische Kultur kennen, bevor er 1976 nach Los Angeles zieht, um dort als Produktionsassistent für den Regisseur Ken Shapiro zu arbeiten. Auch dem bekannten B-Movie-Regisseur Roger Corman steht er als Assistent zur Seite.

Frustriert vom typischen Hollywoodgeschäft beginnt Gus van Sant, sich mit den Randerscheinungen, den Verlierern der Glamourwelt zu beschäftigen. Es sind Personen mit einer tragischen Geschichte, die den Regisseur am meisten interessieren. Diesem Thema widmet er nach sehr vielen unbeachteten Kurzfilmen auch sein Langfilmdebüt MALA NOCHE (1985). Die Verfilmung von Walt Curtis' autobiographischem Roman - ein Verkäufer kämpft um die Liebe eines illegal eingewanderten mexikanischen Einwanderers - finanziert der Filmemacher selbst. 1987 gewinnt der 78-minütige Schwarz-Weiß-Film den von der Los Angeles Film Critics Association vergebenen Independent/Experimental Film and Video Award. Das Zweitwerk des Regisseurs DRUGSTORE COWBOY (1989) verweilt im Milieu der Jugendlichen auf Selbstsuche am Rande der Gesellschaft. Eine Gruppe von Halbstarken um den von Matt Dillon verkörperten Anführer Bob Hughes zieht quer durch den Nordwesten der USA, um auf ihrem Weg Apotheken und Krankenhäuser zu überfallen. Neben der Thematik der drogensüchtigen Gruppe von Jugendlichen geht es in diesem Werk auch um Machtkämpfe und Ausnutzung innerhalb der Gang. Der Film gewinnt im selben Jahr den anerkannten Independent Spirits Award gleich in vierfacher Ausführung.

Gus van Sants bis dahin wichtigstes Werk wird MY PRIVATE IDAHO (1991). Zunächst hat der Regisseur zwei Geschichten im Kopf: Die des Bürgermeistersohns Scott (Keanu Reeves), der vor seinem Vater und dessen Spießigkeit auf die Straße flüchtet, sowie die Geschichte von Mike (River Phoenix), dessen Alltag als Straßenjunge von Tiefschlafphasen durchlöchert ist – er leidet an Narkolepsie – und der auf der Suche nach seiner Mutter ist. Die Zusammenführung beider Geschichten wird inspiriert von FALSTAFF (1965) des legendären Orson Welles und einer Technik des Schriftstellers William S. Burroughs, der ein großes Vorbild für Gus van Sant darstellt. Scott und Mike unterstützen sich gegenseitig im harten Leben auf dem Straßenstrich Portlands. In der Hoffnung, Mikes Mutter zu finden, ziehen beide weiter nach Idaho und schließlich bis nach Italien, wo Mike zwar nicht seine Mutter, Scott aber seine große Liebe trifft. Mit der Italienerin Carmela beschließt er, zurück in die Staaten zu fliegen, um die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Die Schönheit des an William Shakespeares Henry IV angelehnten Werks entfaltet sich in der visuellen Pracht der weiten Landschaften Idahos und der eingehenden Schilderung einer Männerfreundschaft, die von gegenseitiger Hingabe, aber auch von Enttäuschungen geprägt ist. Die Zeichnung einer Subgesellschaft der Straßenkinder Portlands ist realistisch und zeigt eigenständige Nebencharaktere. Für sein Schauspiel erhält River Phoenix den Coppa Volpi des Filmfestivals in Venedig, der Filmemacher selbst wird durch den Internationalen Kritikerpreis auf dem Filmfestival in Toronto geehrt.

Drei Jahre nach dem großen Erfolg von MY PRIVATE IDAHO (1991) veröffentlicht Gus van Sant seinen, mit einem Budget von zirka acht Millionen US-Dollar bisher teuersten Film. EVEN COWGIRLS GET THE BLUES (1993) nach dem gleichnamigen Kultroman von Tom Robbins glänzt im Abspann mit großen Namen wie Uma Thurman oder John Hurt. Das Roadmovie über eine Tramperin, die auf einer Beautyfarm von lesbischen Cowgirls landet, floppt an den Kinokassen und bei den Kritikern. Eine weibliche Protagonistin ziert auch das nächste Werk des Filmemachers. TO DIE FOR (1995) zeigt dem Zuschauer eine souveräne Nicole Kidman. Sie gewinnt einen Golden-Globe für ihre Darstellung der Suzanne Stone, die als lokale Wetterfee hoch hinaus möchte und dabei sogar über Leichen geht. In der grellen Mediensatire glänzen außerdem Matt Dillon sowie Casey Affleck und Joaquin Phoenix, der Bruder des 1993 verstorbenen River Phoenix. Die erste richtige Studioproduktion des Regisseurs wird durch das Staraufgebot und die glaubhafte Darstellung perspektivloser Teenager, die sich vom Glanz des Fernsehens verführen lassen, vom Markt positiv aufgenommen.

Mit seinem Meisterstück GOOD WILL HUNTING (1997) erlangt Gus van Sant schließlich weltweiten Ruhm. Vor allem hat dies der Regisseur seinen Schauspielern zu verdanken. Von den zwei Freunden Matt Damon und Ben Affleck geschrieben, können in der Geschichte über ein verkanntes Mathematikgenie auch weitere namhafte Mimen ihr Talent unter Beweis stellen. Will Hunting (Matt Damon) arbeitet als Hausmeister in der Bostoner Universität. Per Zufall entdeckt ihn Professor Lambeau (Stellan Skarsgard) beim Lösen der Aufgaben seiner Studenten. Der mehrmals vorbestrafte Will landet schließlich bei einem guten Freund des Professors, dem Psychotherapeuten Sean McGuire. Dieser wird dargestellt von einem grandiosen Robin Williams, der für seine Arbeit mit dem Academy Award als Bester Schauspieler in einer Nebenrolle belohnt wird. Zwar vermisst der Zuschauer die experimentierfreudige Bildsprache aus dem Frühwerk des Filmemachers (dies scheint der Natur des Mainstreamfilms geschuldet) wird jedoch mit einer interessanten Geschichte und brillanten Schauspielern belohnt. Nicht zuletzt gibt die herzzerreißende Musik des mittlerweile verstorbenen Musikers Elliott Smith diesem Film den richtigen Schliff.

In die gleiche Richtung geht Gus van Sant mit FORRESTER – GEFUNDEN (2000): wiederum ein Mentor-Schüler-Film, diesmal stehen gemischte Ethnien und Schriftstellerei im Fokus. Es ist im Gesamten ein geradliniger, sensibler Film mit Sean Connery als Pulitzerpreisträger, der dem jungen Basketball-Kid aus der Bronx richtiges Schreiben und Lebensweisheiten beibringt. Im Gegenzug holt ihn Jamal Wallace, gespielt vom Laiendarsteller Rob Brown, aus der selbst gewählten Isolation. Einige Kritiker betrachten den Film als überflüssig wie auch das gleichnamige Remake eines Alfred Hitchcock-Klassikers zwei Jahre zuvor. PSYCHO (1998) ist der siebte Film des Filmemachers und wird Szene für Szene genau dem Original aus dem Jahr 1960 nachempfunden. Kritikern zufolge passen die antiquierten Charaktere nicht in die moderne Umgebung der Neuverfilmung. Auch die Sprache des Originaldrehbuchs wurde nicht modifiziert und wirkt altmodisch. 1999 wird dem Regisseur die zweifelhafte Ehre zu Teil den Razzie Award als "Worst Director" zu empfangen.

Entgegen der gängigen Vorstellung einer Regiekarriere wendet sich Gus van Sant zwei Jahre nach FORRESTER – GEFUNDEN (2000) einer experimentelleren Phase seines Schaffens zu. Der Beginn der so genannten Todestrilogie, deren Filme sich an realen Todesfällen orientieren, wird GERRY (2002). Dieser Film beeindruckt durch seine Sperrigkeit und die enorm kraftvollen Bilder. Das Drehbuch erarbeitet der Künstler mit seinen zwei Hauptdarstellern Matt Damon und Casey Affleck, die im Film zwei Freunde namens Gerry spielen. Sie haben sich auf der Suche nach einem mysteriösen Ding mitten im Nirgendwo verlaufen und kämpfen ums Überleben. Am Film scheiden sich die Geister, da er mit nur zwei Schauspielern und sehr wenig Dialogen eine wahre Tour de Force für den Zuschauer darstellt. Ein Jahr später bekommt das Publikum mit ELEPHANT (2003) zwar einen leichter zu sehenden, aber unglaublich schwer zu verdauenden Film vorgesetzt. Die Geschichte eines Amoklaufs an einer Highschool, mit Anleihen beim Columbine-Massaker, wird Gus van Sants aktuellster Erfolg. Er erhält 2003 drei Preise beim renommierten Filmfestival in Cannes. Nominiert für die Goldene Palme 2005 ist auch das letzte Werk der Trilogie LAST DAYS (2005). Gezeigt werden die letzten Tage des isolierten, zurückgezogenen Rockstars Blake (Michael Pitt). Wieder bricht der Regisseur die lineare Erzählstruktur auf, um Episoden, Fetzen, Erinnerungen aus dem Leben Kurt Cobains, auf dessen Tod der Film basiert, zu zeigen. Belohnt für seine Mühen wird das Publikum mit wundervollen Bildern und vielleicht ein wenig Einsicht in Cobains Verzweiflung, auch wenn der Film in keiner Weise moralisierend angelegt ist.

Nach seinem Kurzfilm LE MARAIS für die Hommage verschiedener Filmemacher an die Stadt der Liebe PARIS, JE T'AIME (2006) veröffentlicht Gus van Sant ein Jahr später seinen bisher letzten Langfilm. PARANOID PARK (2007) ist ganz in alter Manier eine Romanverfilmung und spielt in seiner Wahlheimatstadt Portland. Wie auch die Buchvorlage von Blake Nelson erzählt der Film die Geschichte eines jungen Skateboarders, der aus einer Stresssituation einen Sicherheitsmann mit seinem Skateboard erschlägt. Im selben Jahr wird der Filmemacher für sein Gesamtwerk mit den Prix du 60ème Anniversaire des Filmfestivals in Cannes ausgezeichnet. Aus gleichem Anlass steuert er einen dreiminütigen Kurzfilm namens FIRST KISS zur Jubiläumsfilmrolle CHACUN SON CINÈMA (2007) bei.

Auf viele andere Formen dehnt sich Gus van Sants Kunst aus. Er dreht bereits seit 1984 jedes Jahr einen autobiographischen Kurzfilm. Diese Form erinnert an den autobiografischen Dokumentarfilm TARNATION (2003) von Jonathan Caouette, der neben KIDS (1995) von Larry Clark sein zweites Produzentenwerk ist. Als Musiker bringt er zwei Alben heraus und schreibt Songs für seine Band "Destroy all Blondes". Zwei Bücher, der Roman "Pink", mit dem er seine Trauer über River Phoenix' Tod verarbeitet, und der Fotoband "108 Portraits", werden im Laufe seiner Karriere veröffentlicht. Weitere Projekte des Tausendsassas sind Musikvideos für Elton John, Hanson oder für die Red Hot Chili Peppers (seine Fotos sind auch im Booklet ihres Erfolgsalbums "Blood Sugar Sex Magic" zu sehen). Wie viele andere Independents drehte er zur Finanzierung seiner frühen Filme Fernsehwerbungen. Mit William S. Burroughs entsteht 1991 eine kurze Film/Literatur-Collage, außerdem kommt es zu weiteren musikalischen Zusammentreffen (auf den CDs "Hipster Bebop Junkie" und "Songs about Elvis").

Über das Privatleben des Regisseurs, Musikers, Fotografs und Autors ist nicht viel bekannt. Er lebt in Portland im US-Bundesstaat Oregon und arbeitet zurzeit an einem Film über einen homosexuellen Politiker, der aufgrund seiner sexuellen Gesinnung umgebracht wird.

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Autor: Hannes Wesselkämper
Stand: März 2008

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