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Andres Veiel

Andres Veiel
Regie, Drehbuch

* 16. Oktober 1959
Stuttgart
Deutschland

ANDRES VEIEL • Biographie Seite 1/1

Der Dokumentarist Andres Veiel gehört zu den erfolgreichsten deutschen Filmemachern der Zeit. Der Regisseur blickt auf Lebensgeschichten, die immer auch in einer ganz besonderer Weise Geschichte als Historie widerspiegeln. Ob es sich um eine alte, verhinderte Schauspielerin, vier junge Bühnendarsteller aus Israel oder vier junge Schauspiel-Eleven in Ausbildung handelt: In allen Filmen gelingen ihm eindrucksvolle und in Erinnerung bleibende Einblicke in Persönlichkeiten. Mit BLACK BOX BRD (2001) liefert er einen wichtigen Beitrag zur Archäologie des deutschen Terrorismus, mit DER KICK (2006) dringt er tief in die Mentalität ostdeutscher Provinz ein.

Andres Veiel wird am 16. Oktober 1959 in Stuttgart geboren. Als Schüler ist er besonders an den Stammheimer Prozessen in der Nähe seines Wohnortes Stuttgart-Möhringen interessiert; er besucht einige Verhandlungstage. Nach seiner Schulausbildung studiert er an der Freien Universität in Berlin im Hauptfach Psychologie, in den Nebenfächern Ethnologie und Publizistik. 1988 erhält er sein Diplom, will aber als Psychologe nicht arbeiten. Seit Mitte der 80er Jahre schreibt er Drehbücher und Theaterstücke, inszeniert auch. Mit Häftlingen in der Gefängnispsychiatrie Berlin-Tegel übt er Stücke über die Gewalt in der Anstalt ein. Sie werden zensiert und später ganz abgesetzt. Nach der Videodokumentation MACHBAR (1982) und dem Kurzfilm WARUM LÄUFT HERR Z. NICHT AMOK? (1985) wendet er sich ganz seinen filmischen Interessen zu. Andres Veiel absolviert von 1985 bis 1989 eine Regie- und Dramaturgieausbildung im Rahmen der internationalen Seminare am Berliner Künstlerhaus Bethanien, lernt unter anderem bei dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski.

Mit WINTERNACHTSTRAUM (1992) liefert Andres Veiel seine erste dokumentarische Arbeit ab, bei der er als Regisseur und Autor zugleich fungiert. Im Mittelpunkt des inszenierten Dokumentarfilms steht eine 83jährige Frau, der Wunsch es zeitlebens war, Schauspielerin zu werden. Äußere Umständen haben dies immer verhindert, nach einer langen Zeit erfüllt sich ihr Wunsch endlich. Bereits hier entlockt er der Protagonistin sehr persönliche Aussagen, die den Film überaus spannend machen. Auch in seiner nächsten Arbeit wendet sich der Regisseur dem Theater zu: In BALAGAN (1993) porträtiert er drei Schauspieler des israelischen Theaterzentrums Akko. Der Film dokumentiert ihre Inszenierung über die NS-Verfolgung und deren Folgen und zeigt zugleich den Zwiespalt, in dem sich die jungen jüdischen Schauspieler heute noch befinden. Der Holocaust und die Palästinenserfrage werden miteinander verknüpft: Ein Schock für viele Zuschauer. Aber der Regisseur liefert einen intensiven und unerbittlichen Blick auf ein Land, das innerlich zerrissen und überaus ratlos ist. BALAGAN (1993) wird mehrfach ausgezeichnet, erhält unter anderem den Deutschen Filmpreis und Deutschen Friedenspreis.

In der dokumentarischen Filmbiographie DIE ÜBERLEBENDEN (1996) blickt Andres Veiel auf drei seiner Klassenkameraden aus Stuttgart. Alle drei haben sich das Leben genommen. Der Regisseur geht auf die Suche nach den Umständen, die seine ehemaligen Mitschüler zu dieser Tat veranlasst haben. Ganz unspektakulär spürt er die Zwänge, die Selbstzweifel und Unsicherheit, das Suchende der jungen Männer auf, ohne wirklich ihren Tod erklären zu können. Eine Fortsetzung der Recherche über bundesdeutsche Geschichte ist sein folgender Film. BLACK BOX BRD (2001) beschäftigt sich mit der Geschichte der RAF und des Terrorismus sowie den damit zusammenhängenden Ideologien, Welt- und Menschenbildern. An den exemplarischen Biographien des Terroristen Wolfgang Grams und des Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen versucht der Regisseur Zusammenhänge zwischen den Ursachen und den historischen Ereignissen herzustellen und damit ein kompliziertes Thema bundesdeutscher Geschichte zu beleuchten. Auch hier werden keine vorgefertigten Antworten geliefert, vielmehr macht der Regisseur mit seiner Arbeitsweise, der behutsamen und aufmerksamen Annäherung an die zwei unterschiedlichen Lebensläufe, deutlich, dass der Zuschauer seine Antworten selbst finden muss. Besonders die Verbindungen zwischen den zwei Biographien bieten ungeahnte Analogien, die den Film zu einem unerwarteten Kassenschlager in den Kinos machen.

Seit 1996 arbeitet Andres Veiel an der Langzeitdokumentation DIE SPIELWÜTIGEN (2004), die nach acht Jahren in die Kinos kommt und zum Publikumsliebling auf diversen Festivals avanciert. Der Film, spannend und mitreißend wie ein Spielfilm inszeniert, begleitet vier Jugendliche auf ihrem Weg zum Traumberuf. Sie wollen alle Schauspieler werden, müssen Aufnahmeprüfung bestehen, an der Schauspielschule "Ernst Busch" mit Kritik umgehen lernen und um ihr erstes Engagement kämpfen. Aus 240 Stunden Material stellt das Filmteam einen 103minütigen Film her. Auch an dieser Dokumentation zeigen sich typische Arbeitsprinzipien des Regisseurs: Er gewinnt das Vertrauen der Protagonisten, anfängliche Reserviertheit wandelt sich zu intensiver Gesprächsbereitschaft. Dabei bewertet der Regisseur seine Gesprächspartner nicht, sondern lässt sich ganz auf sie ein. So gelingen ihm eindrucksvolle und in Erinnerung bleibende Einblicke in Persönlichkeiten. Mit dieser Arbeitsweise stellt sich der Regisseur ganz in die Tradition klassischer dokumentarischer Erzähltechniken.

Das Interesse des Regisseurs für das Theater zeigt sich in seinem nächsten Film. DER KICK (2006) ist die filmische Aufbereitung eines Dokumentarstückes, einer szenischen Lesung. Im April 2005 wird das Werk am Theater in Basel, später am Maxim-Gorki-Theater in Berlin aufgeführt. Es thematisiert die Ermordung des Jugendlichen Marinus Schöberl in der brandenburgischen Gemeinde Polzow, die wegen ihrer Brutalität und Sinnlosigkeit große Medienpräsenz erhielt. Der Regisseur rekonstruiert den Fall an Hand von Interviews, Akten und Verhören. Zwei Schauspieler tragen die Texte, die von cirka 20 Personen stammen, vor. DER KICK (2006) verweigert sich jeglicher Bebilderung der Geschehnisse, lotet die Grenzen zwischen dem Fiktionalen und dem Wirklichen aus und wird gerade deswegen zu einem eindrucksvollen Porträt der Täter und Mittäter in der ostdeutschen Provinz. Wieder erhält die Arbeit zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Nyon den Grand Prix.

Neben seiner Regiearbeiten für Film und Theater übernimmt Andres Veiel Lehraufträge an verschiedenen Filmhochschulen und Universitäten; er unterrichtet unter anderem in Berlin, Zürich, Johannesburg und New Delhi. Derzeit arbeitet der Filmemacher an einem Spielfilmprojekt. Unter dem Arbeitstitel VESPER, ENSSLIN, BAADER will er die gleichnamige Biographie von Gerd Koenen adaptieren.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Mai 2007

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