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Joachim Tschirner

Joachim Tschirner
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent

* 01. März 1948
Wittenberg, an der Elbe
Deutschland

JOACHIM TSCHIRNER • Biographie Seite 1/1

Joachim Tschirner gehört zur letzten Dokumentarfilm-Generation der DEFA. Er beginnt Anfang der 80er Jahre als Drehbuchautor zu arbeiten, wird später Regisseur beim DEFA-Studio für Kurzfilme. In einer Langzeitdokumentation beschäftigt er sich mit der Maxhütte in Unterwellenborn. Ein zweiter Schwerpunkt seiner Arbeit sind Künstlerporträt: Er interviewt und filmt Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos, Barbara Thalheim und Gerhard Gundermann. 1992 gründet er seine eigene Produktionsfirma und produziert bis heute Filme über die Zerbrechlichkeit der Welt, wie sie von den Menschen selbst bedroht wird.

Joachim Tschirner wird am 01. März 1948 in Wittenberge, an der Elbe geboren. Nach seiner Schulausbildung beginnt er eine Berufsausbildung mit Abitur, wird zum Akzidenz-Schriftsetzer ausgebildet. 1966 beendet er die Ausbildung erfolgreich. Zunächst beginnt er kurz als Volontär und Aufnahmeleiter beim Fernsehen der DDR zu arbeiten, bis er 1967 für drei Jahre den Wehrdienst absolvieren muß. Von 1970 bis 1974 studiert er an der Humboldt-Universität zu Berlin, Fachrichtung Ästhetik/Kulturtheorie. Bereits während seines Studiums arbeitet Joachim Tschirner als freier Mitarbeiter im DEFA-Studio für Dokumentarfilme.

Seit 1974 ist er Redakteur im DEFA-Studio für Kurzfilme. Er arbeitet unter anderem als Drehbuchautor. Zwischen 1981 bis 1986 entstehen unter seiner Regie zahlreiche Beiträge für die DEFA Kinobox, einem Beiprogramm in den Filmtheater, wobei sich Information und Unterhaltung etwa die Waage halten.

Seit 1982 arbeitet Joachim Tschirner als Regisseur. Thematisch lassen sich zwei große Blöcke in seiner Filmproduktion ausmachen. Zum einen dreht er Porträts über Arbeiter, etwa EINE BRIGADE (1985). Kurz darauf beginnt er eine Langzeitdokumentation über die Maxhütte Unterwellenborn. Der erste Film porträtiert die junge Arbeiterin KATRIN (1987), die erste Blockwalzerin in der Maxhütte Unterwellenborn. In dem 18minütigen Porträt beobachtet der Regisseurs die junge Frau, die auch jüngste Abgeordnete der Volkskammer ist, genau, zeigt in unbestechlichen Bildern die Arbeitsabläufe. Der Film wird überaus positiv aufgenommen und beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Leipzig gelobt. Mit RAPPORT (1988) setzt der Regisseur die Reihe fort. Hier porträtiert er Manfred Vogel, den Leiter des Bereichs Roheisen, dessen Neun-Stunden-Tag geschildert wird. Die Dokumentation, die nicht beschönigt, zeigt die Ohnmacht und Hilflosigkeit des Einzelnen. Er wird mit Planrückständen und desolaten Arbeitsbedingungen konfrontiert, an denen er trotz aufopferungsvoller Arbeit nichts ändern kann. MAX III (1990) zeigt bereits die Umbruchzeit. KATRINS HÜTTE (1991) führt zurück zu Katrin Hensel. In der Langzeitdokumentation hat Joachim Tschirner sie begleitet, zeigt ihre Sorgen, Ängste, Erfolge und Hoffnungen. Hier ist es die politische Wende, die der Regisseur thematisiert. Mit ABSTICH (1998) beendet der Regisseur seinen Maxhütte-Zyklus. In ruhigen Bilder und mit zahlreichen Statements dokumentiert der Regisseur die Demontage von Teilen des Werkes, zeigt Resignation und Hoffnung. Dabei enthält er sich jeglichen Kommentars, beobachtet, zeigt die Entwicklung und den jetzigen Zustand auf.

Ein zweiter Schwerpunkt des Regisseurs sind Künstlerporträt. In dem Film CANTO GENERAL (1982) fragt der Regisseur, warum der griechische Komponist Mikis Theodorakis den grossen Gesang von Pablo Neruda vertont hat. Während der Proben zu der Aufführung im Palast der Republik interviewt der Regisseur den Künstler, begibt sich zudem nach Griechenland den Ort, an dem Mikis Theodorakis verbannt war. Für den Film erhält er auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau die Silbermedaille. In der ruhigen und ohne Pathos inszenierten Dokumentation SAG: HIMMEL. AUCH WENN KEINER IST (1984) ist es der griechische Dichter und Maler Jannis Ritsos, der zum ersten Mal vor einer Kamera Auskunft gibt. Mit Hilfe von Fotos und historischem Filmmaterial werden die Stationen im Leben des Künstlers nachgezeichnet. Später entsteht die Dokumentation ZUM SEHEN GEBOREN - BARBARA THALHEIM (1990) über die Sängerin und Texterin und ihrem Vater Werner Thalheim. In dem Film sind Interviews und Auftritte montiert, in denen die Porträtierten kritisch mit dem real existierenden Sozialismus umgehen. Deshalb erhält er zunächst keine Billigung, wird nicht zugelassen. Im Juni 1989, als sich die politischen Verhältnisse bereits massiv ändern, bekommt er eine bedingte Zulassung. In FERNSEHER AUS - STERNSCHNUPPEN AN (1992) ist es der Baggerfahrer und Liedermacher Gerhard Gundermann, der porträtiert wird.

Seit Mitte des Jahres 1989 sammelt der Regisseur mit der Kamera auf der Straße zahlreiches Material über die politische Wende in der DDR. Daraus entsteht mehrere Dokumentationen, die er gemeinsam mit Lew Hohmann hergestellt. In DIESSEITS UND JENSEITS DER DEUTSCHEN GRENZE (1989) führen sie Gespräche mit Opfern von Polizeiübergriffen, Flüchtlingen und jungen Oppositionellen der ehemaligen SED. KEINE GEWALT (1990) thematisiert die Vorgänge am 7. und 8. August 1989 in Berlin, und setzt sie mit Aussagen von politisch Verantwortlichen wie Egon Krenz oder Günter Schabowski in Beziehung. In KEIN ABSCHIED - NUR FORT (1991) porträtieren sie drei Familien, die die DDR im August 1989 über Ungarn verlassen haben. EIN SCHMALES STÜCK DEUTSCHLAND (1991) schaut auf die Mauer und drei Geschichten von deren Erbauern und Opfern.

Neben seiner Filmarbeit ist Joachim Tschirner auch gesellschaftlich aktiv. Von 1988 bis 1990 ist er Vorstandsmitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR, 1990 bis 1991 Vorsitzender des Film- und Fernsehverbandes. Auf einem der letzten Kongreße der Film- und Fernsehschaffenden 1988 fordert er eine Übernahme der Idee von Perestroika und Glasnost für die DDR. 1991 wird Joachim Tschirner im Zuge der Auflösung der DEFA entlassen. Zunächst schließt er sich der "Gruppe 117" an, zu denen unter anderem auch Lew Hohmann, Dieter Schumann, Andreas Voigt und Jochen Wisotzki angehören. Ein Jahr später gründet er gemeinsam mit dem Regisseur Ralf Marschalleck die "Um Welt Film Produktionsgesellschaft mbH" mit Sitz in Berlin. Hier ist er seitdem als Geschäftsführer tätig, arbeitet als Regisseur und Autor.

Ein thematischer Schwerpunkt seiner Arbeit bei der "Um Welt Film" liegt darin, zu zeigen, wie zerbrechlich die Welt ist, wie sie von den Menschen selbst bedroht wird. AM SIEBTEN TAG ÜBER DEN SYR DARJA (1995) erzählt von einer kleinen kasachische Siedlung nahe dem großen Fluß und den Startrampen für die russischen Kosmonauten in Baikonur. Schwermütig schildert er die großen Widersprüche der Zeit: Modernität und Tradition, Reichtum und Verfall. SIEBEN TAGE - DA UNTEN AM INDIAN RIVER (1995) blickt auf Titusville, eine Stadt am Indian River in der Nähe der Startrampen der NASA. In der Folge beschäftigt sich der Regisseur mit dem Aralsee, der langsam zu verschwinden droht. Der Regisseur reist auch nach Fordlandia, einer vergessene Stadt im Regenwald von Brasilien. Derzeit arbeitet er an einem Film mit dem Arbeitstitel YELLOW CAKE (2007), der den Uranbergbau der "Wismut" in Sachsen zum Thema hat.

Joachim Tschirner ist mit Waltraud Tschirner verheiratet, die auch an einigen seiner Filme als Co-Regisseurin mitgearbeitet hat. Seine Tochter Nora Tschirner (geb. 1981) ist Moderatorin beim Musiksender MTV und macht auch als Schauspielerin auf sich aufmerksam. Die Familie lebt in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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