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Petra Tschörtner

Petra Tschörtner
Regie

* 06. Mai 1958
Potsdam-Babelsberg
Deutschland
† 25. Juli 2012
Berlin
Deutschland

PETRA TSCHÖRTNER • Biographie Seite 1/1

Die Regisseurin Petra Tschörtner gehört neben Helke Misselwitz und Sibylle Schönemann zu den wichtigsten Filmemacherinnen der letzten DEFA-Generation. Bereits während ihres Regiestudiums macht sie auf sich aufmerksam. Die Regisseurin beobachtet sozial genau, kenntnisreich und mit viel Sympathie Menschen aus dem Ostteil des Landes und wie sie in der neuen Gesellschaft ankommen, blickt auf ihren Alltag.

Petra Tschörtner wird am 06. Mai 1958 in Potsdam-Babelsberg geboren. Ihre Mutter ist Lehrerin. Bereits als Kind beschäftigt sie sich im Pionierfilmstudio auf dem Babelsberger Studiogelände mit dem Film. Ihre Schulausbildung schließt sie 1976 mit dem Abitur ab, arbeitet anschließend für ein Jahr beim VEB Deutsche Schallplatten. Danach absolviert sie ein Volontariat im DEFA-Studio für Spielfilme. Gemeinsam mit Angelika Andrees, die später ebenfalls als Regisseurin arbeiten wird, hat sie den Dokumentarfilm IM HEIM (1978) gedreht. Der Film erhält keine Zulassung. Erst 1990 wird er bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen aufgeführt.

Von 1978 bis 1983 studiert Petra Tschörtner an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, studiert gemeinsam mit Thomas Heise, Helke Misselwitz, Herwig Kipping. Bereits ihre Studentenarbeiten verweisen das Talent der Regisseurin für sensible Beobachtungen. In BAFFI (1980) zeigt sie eine junge Frau, die auf einer Party als Mauerblümchen in der Ecke sitzt. Bevor sie die Party verläßt, schminkt sie sich ein Clownsgesicht und wird nun zum Blickfang der Passanten auf der Straße. In FEMINI-ROCKBAND AUS BERLIN (1982) porträtiert sie drei musikbegeisterte Mädchen, die versuchen, eine Rockband aufzubauen. Der Film stellt die Mädchen vor, ihre Wünsche, Absichten und Schwierigkeiten, ermöglicht Einblicke in die Probenarbeit. Ihr Diplomfilm wird HINTER DEN FENSTERN (1983). Der Dokumentarfilm ist einer der wichtigsten Studentenfilme der Zeit. Die Regisseurin läßt drei junge Paare aus einem Potsdamer Neubaublock über ihr Leben, ihre Träume und Enttäuschungen, die Beziehung zu ihrem Partner berichten. Bereits der Titel verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der in den Medien propagierten heilen (Familien)-Welt und jener, die im Privaten stattfindet. Der Film, kontrovers auf dem nationalen Dokfilmfestival in Neubrandenburg diskutiert, wird 1984 in Oberhausen mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

Nach dem Studium wird Petra Tschörtner Assistentin von Rolf Losansky. Sie sucht Kinder und Jugendliche für die Besetzung in seinen Filmen aus. Um ihr Kinder besser zu betreuen, wechselt sie in das DEFA-Studio für Dokumentarfilme in die Kinderfilmgruppe. Hier arbeitet sie viel für die Sandmännchenabteilung des Fernsehens der DDR. Es entstehen aber auch eigenständige Werke, unter anderem UNTERWEGS IN NIKARAGUA (1987), in dem die Regisseurin kleineren Kinder etwas über das ihnen unbekannte Land erzählt. In MEINE MUTTER IST LEHRERIN (1986) porträtiert sie eine Pädagogin, geschieden, alleinerziehend. Da sie sich auch für andere Themen interessiert und sich nicht allein auf Kinderfilme beschränken lassen will, wechselt sie nach zwei Jahren in die Gruppe "Kinobox". Hier werden wieder Frauen zu Protagonisten ihrer Filme. Eine Rentnerin, die auf der Trabrennbahn in Karlshorst ihre Rente aufbessert, ist es in SCHNELLES GLÜCK (1989). In DAS FREIE ORCHESTER (1989) ist es die gleichnamige Musikgruppe, die über ihre avantgardistische Musik vor der Kamera Auskunft gibt. In den letzten Tagen der DDR beschäftigt sich die Regisseurin mit den sozialen Mißständen im Land. UNSERE ALTEN TAGE (1990) geht die Regisseurin der Frage nach, wie es den alten Leuten in der DDR ergeht. Der Film - in der politischen Wendezeit fertiggestellt - konfrontiert die offiziellen Aussagen von der Geborgenheit greiser Menschen im real existierenden Sozialismus mit dem tatsächlichen Alltag in Alters- und Pflegeheimen. In BERLIN - PRENZLAUER BERG (1990) schildert sie Begegnungen in den drei letzten Monate vor der Währungsunion, das Land wird ausverkauft. Der Film läuft im Internationalen Forum des Jungen Films bei der Berlinale 1991.

Petra Tschörtner gehört zu den wenigen Dokumentarfilmer der ehemaligen DDR, die zahlreiche Aufträge für das Fernsehen erhalten und sich mit dem neuen Deutschland beschäftigen können. Zwischen 1990 und 1992 entstehen viele Beiträge für das Kulturmagazin Aspekte des ZDF und das Frauenmagazin NOVA des Fernsehsenders 3 SAT. Die Regisseurin beobachtet sozial genau, kenntnisreich und mit viel Sympathie Menschen aus dem Ostteil des Landes und wie sie in der neuen Gesellschaft ankommen, blickt auf ihren Alltag. In SUNNY (1992) porträtiert sie die Tochter eines Straffälligen, die zwischen den Anforderungen in Schule und Nachbarschaft und den Bedürfnissen des im Gefängnis sitzenden Vaters hin- und hergerissen wird. Auch später sind Kinder und Jugendliche immer wieder die Protagonisten ihrer Filme. Für die 3SAT-Reihe "Fremde Kinder" dreht Petra Tschörtner zwei Dokumentationen. In dem Beitrag für die 3 SAT-Reihe "Fremde Kinder" beobachtet sie in KINDER DER STEINE (1994) den 14jährigen Jungen Nael, der im Flüchtlingslager Rafah lebt und mit ansehen mußte, wie seine Mutter und die Brüder angeschossen wurden, wie sein bester Freund durch eine Kugel ums Leben kam. In RUANDA - LANGSAM VERGESSE ICH (1995) begleitet die Regisseurin den 17jährigen Soso und seine 15jährige Schwester Fatuma in Kigali. Ihr Alltag wird überschattet von der Gewalt und Zerstörung in der Vergangenheit; sie haben das Massaker überlebt, ihr Vater nicht.

Bei ihrer Suche nach der eigenen Vergangenheit geht Petra Tschörtner sehr weit. Sie porträtiert ihre Babelsberger Seminargruppe in MAMOR, STEIN UND EISEN (1994). Dafür reist sie in den Nahen Osten, nach Südamerika. In Santiago, Chile findet sie Lili wieder, ehemalige Schnitt-Studentin. Sie hatte in Potsdam den Regiestudenten Ivan aus Bulgarien kennengelernt und geheiratet. In Chile trifft sie auch eine andere Deutsche, Karin aus dem sächsischen Weißenfels, die 1987 dem Chilenen Julio folgte. Aus ihrer Begegnung entsteht die Dokumentation GELIEBTE CAMENCHA (1994). Im Sommer 1991 wird ihr Mann als Terrorist verhaftet, ein Militärstaatsanwalt beantragt die Todesstrafe. Seitdem kämpft Karin mit einer chilenischen Menschenrechtsorganisation für seine Freilassung. Der Film wird eine der Epiosden in TRÄUME (1995), wo drei ostdeutschen Dokumentarfilmemacher Helke Misselwitz, Jens Becker und Petra Tschörtner Menschen, deren Leben sich durch große Ereignisse verändert hat, porträtiert werden.

Für das Kleine Fernsehspiel setzt sie HERR GIWI UND DIE UMGEKEHRTE EMIGRATION (1997) in Szene. Erzählt wird von Giwi Margwelaschwili, einem Georgier, der einst vor der Sowjetherrschaft nach Deutschland geflüchtet ist, und von seinem Vater, der, um Leidensgenossen zu helfen, zeitweilig mit Hitler kollaborierte. Nach dem Krieg werden beide im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen interniert. Mittels der kleinen, privaten Geschichte blickt die Regisseur auf die große. Seit 1997 ist Petra Tschörtner als Regieassistentin vorwiegend für Fernsehspiele und Serien tätig, seit 2000 auch als Drehbuchautorin.

Neben ihren eigenen Filmarbeiten ist Petra Tschörtner in verschiedenen Filmgremien aktiv. Von 1988 bis 1990 Vorstandsmitglied und Mitglied des Präsidiums des Verbandes der Filmund Fernsehschaffenden der DDR. Sie sitzt in Auswahlgremien und Jurys bei der Internationalen Dokumentarfilmwoche in Leipzig (1987/1988), beim Europäischen Kurzfilmfestivals Berlin (1989) sowie in der Kurzfilmjury beim Filmfest Schwerin (1992). Außerdem entscheidet sie in den Jahren 1992/1993 in den Ländern Bremen und Mecklenburg-Vorpommern mit über die kulturelle Filmförderung. Mitte der 90er Jahre übernimmt sie eine Gastprofessur für Dokumentarfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg.

Petra Tschörtner lebt in Berlin. Ihre Tochter Lilly wird 1980 geboren.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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