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Hannes Schönemann

Hannes Schönemann
Regie, Drehbuch, Darsteller

* 1946
Lübz (Mecklenburg)
Deutschland

HANNES SCHÖNEMANN • Biographie Seite 1/1

Regisseur Hannes Schönemann wird in der DDR zum Fall. Gemeinsam mit seiner Frau Sibylle Schönemann, ebenfalls Filmemacherin, wird er von der Staatssicherheit verhaftet und im Februar 1985 zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt. Bereits während seines Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg ist er den Verantwortlichen negativ aufgefallen, weil er in seinen Filmübungen vorgefundene Situation beobachtet, ohne sie ideologisch auf- oder abzuwerten. Das macht eine Arbeit mit dem Diplom in der Tasche fast unmöglich, alle seine Filmvorschläge werden abgelehnt.

Hannes Schönemann wird 1946 in Lübz (Mecklenburg) als Hans-Jürgen Schönemann geboren. Sein Vater siedelt nach Westdeutschland. Er wächst in einem Kinderheim in Rerik auf. Nach seiner Schulausbildung absolviert er den Militärdienst. 1968 beginnt Hannes Schönemann als ungelernter Beleuchter im DEFA-Studio für Spielfilme zu arbeiten. Eigentlich will er Drehbücher schreiben, wechselt aber nach einem Jahr in dem Bereich der Regie-Assistenz. Er arbeitet unter anderem mit Hans Kratzert, Frank Beyer und Roland Gräf zusammen. Letzterer unterstützt ihn, als er eine abschlägige Nachricht auf seine Bewerbung von der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg erhält. Weil er kein Abitur hat, wird Hannes Schönemann abgelehnt. Nach Rücksprache Roland Gräfs mit Peter Ulbrich, dem damaligen Rektor der Hochschule, erhält er doch eine Zulassung für das Regie-Studium.

An der Hochschule entstehen Arbeiten, die sein Talent zeigen. WAS AUS UNS GEWORDEN IST (1975) blickt er auf das 25. Jubiläum des Kinderheims "Jenny Marx" in Rerik, in dem er selbst aufgewachsen ist. Die Arbeit an dem Film wird nach der Rohschnittabnahme unterbunden, zu kritisch kommentieren einige Jugendliche ihre Leben. Heute ist von der Filmübung kein Material mehr verfügbar. Im Dokumentarfilm OSTBAHNHOF (1976) beobachtet er drei Nächte lang Menschen, die auf ihre Züge warten. Danach arbeitet er an zwei Porträts: ANNA SCHULZ (1976) schildert einfühlsam die Lebenswelt einer alleinstehenden Mutter, DöSCHERS (1977) blickt auf eine Brigade von Mähdrescherfahrern auf der Insel Usedom. Sein Abschlußfilm sollte SONNABEND, SONNTAG UND MONTAG FRÜH (1980) werden. Das Filmteam beobachtet acht Jugendliche an einem Wochenende in einem Dorf in der Mark Brandenburg. Der Film wird zum Dokumentarfilmfest nach Neubrandenburg gemeldet, dort sehr gelobt. An der Hochschule hat der junge Regisseur dagegen Schwierigkeiten; die Dokumentation wird nicht als sein Hauptprüfungsfilm zugelassen, dabei ist er einer der ganz wenigen Beiträge über die DDR-Provinz, in denen Jugendkultur authentisch dokumentiert worden ist. Der Regisseur dokumentiert schlicht die vorgefundene Situation, ohne sie ideologisch auf- oder abzuwerten. Seine Filmarbeit UNTERWEGS (1978), ein Reisefilm mit zwei Schauspielern, bleibt unvollendet. DIE KAMINSKI (1980) wird sein Diplomfilm und erzählt wird von einem jungen, braven Mädchen, die einen unangepaßten Jungen bessern will. Als sie selbst zur Unangepaßten wird, wird sie von ihren Mitmenschen geächtet.

Nach dem Studium kehrt Hannes Schönemann ins DEFA-Studio für Spielfilme zurück. Aus dem erhofften schnellen Debüt-Film wird nichts, mehrere Projekte können nicht realisiert werden. Gemeinsam mit Kameramann Thomas Plenert arbeitet er an "Die Unterbrechung", einem Film über eine junge Frau, die überlegt, ob sie ihre Schwangerschaft abbrechen soll oder nicht. Das Projekt wird Anfang 1983 abgelehnt. Ähnlich ergeht des dem Kriminalstoff "Von Montag bis Mittwoch" sowie der Adaption "Das Gemeindekind" nach Marie von Ebner-Eschenbach. In seinen Filmvorschlägen sind es Außenseiter der Gesellschaft, die ihren ganz individuellen Glücksanspruch gelten machen wollen. Wahrscheinlich ist dies mit ein Grund, warum die Stoffe alle nicht verwirklicht werden konnten. Da kein langer Debütfilm zustande kommt, empfiehlt die Studioleitung dem Regisseur, zunächst Kurzfilme zu drehen und vertröstet ihn auf einen danach folgenden Debütfilm. Aber die zahlreichen, von ihm eingereichten Filmvorschläge werden ebenfalls alle abgelehnt.

Unter dem Titel "Zweifler" eröffnet das Ministerium für Staatssicherheit 1983 eine "operative Personenkontrolle" gegen Hannes Schönemann und seine Ehefrau Sibylle Schönemann. 1984 stellen sie gemeinsam einen Ausreiseantrag in die BRD. Beide werden vom Staatssicherheitsdienst verhaftet und im Februar 1985 zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt. Im Juli 1985 erfolgt der Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland und die Ausreise nach Hamburg. Der Fall Schönemann ist eines der wenige Beispiele unter DDR-Filmschaffenden, bei dem mit solcher Härte vorgegangen worden ist.

Nach der Haftzeit schreibt Hannes Schönemann zunächst Drehbücher und nimmt Kontakt zur westdeutschen Filmszene auf. Zudem ist er als Lehrer am LAG-Film Hamburg für Nachwuchsfilmer tätig. 1988 kann er endlich seinen ersten Film realisieren, den Dokumentarfilm DIE JUNGEN (1988). Hier beobachtet er Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsensein in der Großstadt Hamburg. In der Dokumentation DIE LOK HINTERM FLIEDERBAUM (1990) besucht ihn ein Bekannter aus dem mecklenburgischen Bobzin in Hamburg. Der Regisseur konfrontiert ihn behutsam mit den Gegebenheiten im Westen. ZAST (1993) dokumentiert die Skepsis und den Argwohn der Bewohner des mecklenburgischen Ortes Goldberg über rumänische Asylbewerber, die für fünf Monate in der Stadt untergebracht werden. In dem Film LaBENDIG (1994) blickt er auf geistig oder seelisch Behinderte im mecklenburgischen Kloster Dobbertin, einer psychiatrischen Anstalt. Hannes Schönemann und sein Kameramann Thomas Plenert nähern sich dem Thema mit Respekt und Zuneigung, finden einen ganz eigenen Weg. Die Bewohner der Anstalt erhalten Freiräume zur Selbstinszenierung, schildern aus eigener Perspektive ihren Alltag. Ihre Lebendigkeit kommt zum Ausdruck. Der Film läuft in der Sektion Neue Deutsche Filme auf der Berlinale 1995.

Einen sehr persönlichen Dokumentarfilm legt Hannes Schönemann mit JULIAS WAHN (1999) vor. Rekonstruiert wird die Liebesgeschichte zwischen dem späteren Regisseur und der dänischen Jung-Kommunistin Julia Szabad, die im Sommer 1969 ihren Anfang nimmt. Die Beziehung wird von geheimdienstlichen Aktivitäten und gesellschaftlichen Umbrüchen überschattet. Der Regisseur spiegelt seine ganz private Geschichte, blickt dabei aber auch in Interviews und mit historischen, teilweise damals illegal hergestellten Bildern auf die DDR, deren verflechteten Machtapparat.

Seit mehreren Jahren arbeitet Hannes Schönemann als Lehrer bei XenosMedia, einem Netzwerk von Filmprojekten in Mecklenburg/Vorpommern.

Hannes Schönemann ist in erster Ehe mit der Filmemacherin Sibylle Schönemann verheiratet. Zur Familie gehören die Kinder Luise und Josefine. Hannes Schönemann lebt in Berlin.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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