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Wsewolod Pudowkin

Wsewolod Pudowkin
Regie, Drehbuch, Schnitt, Darsteller

* 28. Februar 1893
Penza
Russland
† 30. Juni 1953
Riga
Lettland

WSEWOLOD PUDOWKIN • Biographie Seite 1/1

Wsewolod Pudowkin zählt neben Sergej M. Eisenstein und Lew Kuleschow zu einem der bedeutendsten sowjetischen Filmemacher. Er ist zugleich Regisseur, Drehbuchautor Montagetheoretiker und Schauspieler, wobei er in allen Bereichen sowohl die Kritiker als auch das Publikum im In- und Ausland überzeugen kann. Seine filmische Laufbahn ist, wie bei vielen Künstlern der damaligen UdSSR, gekennzeichnet durch den Spagat zwischen künstlerischen Anspruch und Pflichterfüllung im Sinne des Sowjetregimes. Stets sieht er sich einer staatlichen Intervention ausgesetzt.

Wsewolod Illarionowitsch Pudowkin wird am 16. Februar 1893 in der russischen Stadt Pensa, 710 km südöstlich von Moskau, geboren. Als Sohn eines Handlungsreisenden bäuerlicher Herkunft, wächst er in Moskau auf und erreicht 1911 seinen Schulabschluss. Anschließend nimmt er ein Chemiestudium an der mathematischen Fakultät der Universität Moskau auf. Als der Erste Weltkrieg beginnt, bricht er das Studium ab und meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst. Bei seinem Fronteinsatz wird er verletzt und gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft. Hier inszeniert er mit "Der lebende Leichnam" ein Stück nach Leo Tolstoi. Nach dreijähriger Internierung gelingt ihm 1918 die Flucht.

Angekommen im revolutionären Russland beendet er zunächst sein Studium und beginnt 1919 als Chemiker in einer Moskauer Rüstungsfabrik. Sein Interesse gilt jedoch inzwischen der Kunst. Es folgen Anstellungen als Buchillustrator und Fotograf, bis er sich 1920 nach einer Begegnung mit dem Filmregisseur und Theoretiker Lew Kuleschow endgültig dem Medium Film verschreibt. Er besucht die neu gegründete Staatliche Filmhochschule (WGIK) in Moskau. Hier ist er sowohl als Schauspieler, Drehbuchautor und Szenograf tätig, macht sich ebenso einen Namen als Assistent anerkannter Regisseure wie Ivan Perestiani oder Vladimir Gardin.

Bereits 1920 wird er Co-Regisseur bei Vladimir Gardins sozialkritischer Produktion HUNGER IM WOLGAGEBIET (1920), welche die Hungerjahre der Bauern und Schwarzmeer-Deutschen nach der Oktoberrevolution thematisiert. Zwischen beiden Filmemachern setzt sich die Zusammenarbeit in der Folge fort. Des Weiteren wirkt er an einer Reihe sozialistischer Propagandafilme den so genannten "Agitkis" mit.

1922 schließt er sich der Experimentiergruppe unter der Leitung Lew Kuleschows an. Um sich dieser voll und ganz zu widmen, verlässt er 1923 die Staatliche Filmhochschule WGIK. Im gleichen Jahr heiratet er die Journalistin Anna Semzowa. Außerdem steht Wsewolod Pudowkin oft als Darsteller vor der Kamera, so in der Satire DIE SELTSAMEN ABENTEUER DES MR. WEST IM LANDE DER BOLSCHEWIKI (1924) von Lew Kuleschow, an der er zusätzlich als Co-Autor und Szenograf beteiligt ist. In dem Film geht es um einen amerikanischen Geschäftsmann der erstmals die Sowjetunion bereist, und seine Vorurteile über Land und Leute im Laufe der abenteuerlichen Reise noch einmal überdenken muss. Die aus den Filmexperimenten gewonnenen Erkenntnisse, haben einem wesentlichen Einfluss auf seine spätere Arbeit als Regisseur und Montagetheoretiker.

In seinem ersten Film als Regisseur DIE MECHANIK DES GEHIRNS (1925) dokumentiert er die Experimente des russischen Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow zur klassischen Konditionierung. Die Dokumentation stellt zugleich den Anfang einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Kameramann Anatoli Golownja dar. 1925 dreht der Regisseur seinen ersten Spielfilm. In der Komödie SCHACHFIEBER (1925) treten deutlich stilistische Mittel hervor, etwa die kombinierte Montage von inszenierten Szenen mit Wochenschau-Ausschnitten, die er auch später anwenden wird. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Mann, der seine ganze Aufmerksamkeit dem Schachspielen widmet, zum Missfallen seiner Lebensgefährtin. Eine Wanderung mit dem Schachweltmeister José Raúl Capablanca durch das schachspielende Moskau, erweckt schließlich auch in ihr die Begeisterung für das königliche Spiel. Die Produktion erhält viel Lob für ihre Originalität und Unbekümmertheit.

Der Film DIE MUTTER (1926) nach einer Romanvorlage Maxim Gorkis gehört zu den Meisterwerken der Filmgeschichte und bedingt den internationalen Durchbruch des Regisseurs. Der Film portraitiert eine russische Arbeiterfamilie im Revolutionsjahr 1905. Die Mutter Nilowa beginnt sich mit den Idealen des politisch kämpfenden Sohnes Pawel zu solidarisieren, wohingegen sich der gewalttätige Vater den Revolutionsgegnern anschließt und bei einem Handgemenge getötet wird. Pawel gerät in Gefangenschaft, was die desillusionierte Frau schließlich zu einer vehementen Gegnerin des Zarenregimes werden lässt. Das verarbeitete Thema, die sozialistische Bewusstwerdung des russischen Volkes, greift der Regisseur auch in seinen folgenden Filmen wieder auf. Mit DIE MUTTER (1926) löst er sich immer stärker von seinen Vorbildern und entwickelt seine eigene unverwechselbare Filmsprache.

Wie auch Sergej M. Eisenstein und Lew Kuleshow bedient sich Wsewolod Pudowkin der Montagetechnik, wobei es ihm jedoch in erster Linie um die Herausstellung der Kontinuität geht - im Gegensatz zu Sergej M. Eisenstein, der mit ihr einen Konflikt herausstellt. Der französische Filmkritiker Léon Moussinac umschreibt den Unterschied wie folgt: Wsewolod Pudowkins Filme erinnern an ein Lied, Sergej M. Eisensteins hingegen an einen Schrei.

Zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution stellt der Filmemacher in DAS ENDE VON ST. PETERSBURG (1927) am Beispiel eines einfachen Bauerjungen, der im Zuge der Ereignisse zu einem überzeugten Revolutionär wird, das Erwachen des revolutionären Geistes des russischen Volkes dar. Aufgrund der Hungersnot verlässt der Bauernjunge Iwan sein Heimatdorf und geht nach St. Petersburg, um dort zu arbeiten. Eher unbewusst wird er zum Streikbrecher, in dem er einen Bekannten verrät. Seine Weltsicht ändert sich jedoch im Zuge des dreijährigen Fronteinsatzes. So wird er vom Bauernjungen zum Revolutionär und nimmt am Sturm auf das Winterpalais teil.

Den Kampf zur Etablierung revolutionärer Errungenschaften thematisiert er in seinem Film STURM ÜBER ASIEN (1928). Hier wird die Sowjetunion von der "kapitalistischen Großmacht" Großbritannien bedroht. Der Feind operiert aus der Mongolei heraus und versucht, einen einfachen mongolischen Bürger für seine Zwecke zu missbrauchen. Wie bei den beiden Vorgängerfilmen entwickelt auch hier die Hauptperson, im Laufe der Handlung, revolutionäres Bewusstsein. DIE MUTTER (1926), DAS ENDE VON ST. PETERSBURG (1927) und STURM ÜBER ASIEN (1928) bilden die revolutionäre Trilogie des Regisseurs.

Neben der Rolle als Regisseur und Schauspieler wird Wsewolod Pudowkin zugleich ein bedeutender Theoretiker der Montage. Seine Überlegungen finden sowohl in Deutschland als auch in den USA Beachtung. Das 1929 veröffentlichte Buch "Über die Filmtechnik" ist sein Hauptwerk. Basierend auf den Erkenntnissen David Wark Griffiths ist für ihn die Montage mehr als nur das methodische Mittel, eine Geschichte kontinuierlich zu erzählen. Er stellt ihre sinnbildende Funktion heraus, welche vor allem durch Nah- und Detailaufnahmen gelingt. Diese steuern die Aufmerksamkeit des Zuschauers, lenken sie auf wichtige Einzelheiten des Geschehens. Grundsätzlich ist er der Auffassung, dass es dem Regisseur gestattet ist, die Realität im Sinne des Filmes zu verändern, wobei er in diesem Zusammenhang von einer psychologischen Zuschauerführung spricht. Die in zahlreichen Büchern und Schriften veröffentlichten Erkenntnisse zur Montage finden auch heute noch Anwendung in Filmkursen auf der ganzen Welt.

Die Entwicklung des Tonfilms stellt für den Filmemacher eine neue Herausforderung dar. In Zusammenarbeit mit Sergej M. Eisenstein und Grigorij Aleksandrov verfasst er 1928 ein Manifest zum Tonfilm, in dem die Asynchronität von Bild und Ton propagiert wird. Die Produktionen EIN GEWÖHNLICHER FALL (1932) und DER DESERTEUR (1933) sind seine ersten Experimente mit den neuen technischen Möglichkeiten. Dabei legt er den Focus bei der Tonmontage - ähnlich wie bei der Bildmontage - auf die psychologische Zuschauerführung. DER DESERTEUR (1933) erzählt die Geschichte eines Hamburger Werftarbeiters, der nach einem niedergeschlagenen Streik zunächst resigniert und sich mit seiner Arbeiterdelegation in der UdSSR niederlässt. Er beschließt, nie mehr in seine Heimat zurückzukehren. Als jedoch der Anführer der Dockarbeiter in Hamburg erschlagen wird, weiß er wo sein Platz ist und kehrt zurück. In diesem Fall nutzt Wsewolod Pudowkin die dialektische Montage zur Illustrierung eines Klassenkampfes, wobei die Aneinanderreihung einzelner Dialogstücke einen fast musikalischen Rhythmus erzeugt.

In der Stalin-Ära ist der Filmemacher immer stärkeren politischen Repressionen ausgesetzt. Er wird wie viele andere Künstler der Zeit des Formalismus beschuldigt. Unter den Konflikten mit der Zensur und den politisch Verantwortlichen leidet seine Arbeit als Filmemacher. Seine Werke gelten als nicht kompatibel mit dem sozialistisch, stalinistischen Gedankengut und finden auch beim Publikum nicht mehr den gewünschten Anklang. 1935 hat Wsewolod Pudowkin einen schweren Autounfall, bei dem sein langjähriger Drehbuchautor Natan Sarchi ums Leben kommt. Das Filmprojekt POBEDA, an dem beide zu jener Zeit arbeiten, wird von Mikhail Doller beendet.

Nach einer längeren Schaffenspause wird der Filmemacher - quasi unter staatlicher Auflage - für die Produktion von Historienfilmen verpflichtet. So dreht er nach den jeweiligen Erfordernissen, Filme über schillernde Personen oder bedeutende Ereignisse der russischen Geschichte. Der Produktionsaufwand ist enorm, wird jedoch staatlich bezuschusst. Für den Film MININ UND POHARSKI (1939) wird die Stadt Moskau in Holz nachgebaut. Allgemeine Anerkennung findet das Heldenportrait des russischen Heerführers Alexander Wassiljewitsch Suworow-Rymnikski einen Tag vor dem deutschen Überfall, welches ebenso mit großem Aufwand produziert wird. Für SUWOROW (1940) bekommt Wsewolod Pudowkin den Stalinpreis verliehen. Das ist verständlich, da der Filmheld, der als einer der größten Strategen der Neuzeit gilt, eine Analogie zum Oberbefehlshaber Stalin zulässt.

Während des Zweiten Weltkriegs besteht die Hauptaufgabe des Filmemachers in der Produktion patriotisch, agitatorisch ausgerichteter Filmdokumentationen. Diese sollen zugleich den Durchhaltewillen der Frontsoldaten als auch den der Bevölkerung fördern. Die nach 1945 entstehenden Filme befassen sich zumeist mit den Verdiensten sowjetischer Kriegshelden und Ingenieure, aber auch individuelle Lebensbetrachtungen erschöpfter Kriegsheimkehrer werden thematisiert.

Sein Versuch, sich den starren staatlichen Vorgaben zu widersetzen, bleibt erfolglos. DIE MÖRDER MACHEN SICH AUF DEN WEG (1942), die erste sowjetische Bertolt Brecht-Verfilmung, angelegt als propagandistischer Agitfilm, fällt der Zensur zum Opfer und wird verboten. Den zweiten Stalinpreis erhält der Regisseur für seinen Film ADMIRAL NACHIMOW (1946), in dem er die historischen Ereignisse des Krimkrieges exemplarisch darstellt. Den Schwerpunkt legt er - wiederum staatlich diktiert - auf die Hervorhebung des russischen Admirals Nachimow als verdienstvollen Kriegshelden. Trotz eindeutiger Ausrichtung wird der Film auch von Kritikern im Ausland begeistert aufgenommen und zählt zu einem der bedeutendsten sowjetischen Nachkriegswerken.

Im Laufe seines Lebens und Schaffens ist Wsewolod Pudowkin auch immer wieder als Schauspieler tätig, sowohl in seinen eigenen Filmen als auch in Produktionen befreundeter Regisseure. So tritt er zum Beispiel als Knecht Andrej in HAMMER UND SICHEL (1921) auf, als Polizeioffizier in DIE MUTTER (1926), als fahrender Händler in KAMPF UM PARIS (1929), als Fürst Menschikow in ADMIRAL NACHIMOW (1946) oder als Nikola in IWAN, DER SCHRECKLICHE I (1944).

1951 dreht Wsewolod Pudowkin BEHERRSCHER DER LUFT (1950), ein Film über die Entwicklung des Flugwesens in der Sowjetunion, in dem er den Aerodynamikers Nikolai Shukowski porträtiert. Jedoch kann weder dieser noch die Kriegsheimkehrgeschichte DREI MENSCHEN (1953) Kritiker und Zuschauer überzeugen. In dieser Literaturverfilmung nach einem stalinistischen Roman findet ein Kriegsheimkehrer seine Frau verheiratet mit einem anderen Mann vor. DREI MENSCHEN (1953) ist sein erster Farbfilm und zugleich sein letzter Film in der Rolle des Regisseurs. Seine letzten Jahre als Filmemacher sind eher mäßig erfolgreich, dahingegen profiliert er sich als anerkannter Theoretiker und Pädagoge an der WGIK.

Wsewolod Pudowkin stirbt am 30. Juni 1953 in Riga.

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Melanie Giertz / Stand Dezember 2007

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