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Alexander Dowshenko

Alexander Dowshenko
Regie, Regie-Assistenz, Künstlerische Leitung, Drehbuch, Schnitt, Produzent

* 11. September 1894
Sozniza (Ukraine)
Russland
† 25. November 1956
Moskau
Sowjetunion

ALEXANDER DOWSHENKO • Biographie Seite 1/1

Alexander Dowshenko zählt zu den bedeutendsten Regisseuren der frühen russischen Filmgeschichte. Der gebürtige Ukrainer gilt als Begründer der poetischen Bildsprache. Er dreht sowjetische Propagandafilme, doch faszinieren diese durch ihre besondere Herangehensweise an die Thematik. Er will "die Welt wie in einem Tautropfen" spiegeln, sagt der Filmpoet und bedient sich dabei märchenhaft-mytischer Elemente und eines expressiven Bildstils. Seine Arbeiten orientieren sich an den aktuellen Veränderungen im Leben der Ukraine und der Sowjetunion. So kreiert er Filme, die einzigartig sind und bis heute als Klassiker des sowjetischen Kinos gelten.

Alexander Petrovych Dowshenko wird am 10. September 1894 in der nordukrainischen Stadt Sosnytsia geboren. Er wächst in ländlicher Idylle auf, ist das siebente Kind von insgesamt vierzehn. Seine Jugend ist geprägt von ukrainischer Folklore, Liedern und Mythen, die sich später in seinem künstlerischen Schaffen widerspiegeln. Aufgrund der wideren sozialen Bedingungen sterben zwölf seiner Geschwister noch bevor er das zwölfte Lebensjahr erreicht. Seine Eltern sind verarmte Bauern, die nie lesen und schreiben gelernt haben, ihren Sohn aber zu einem Bildungsbürger erziehen wollen.

Von 1911 bis 1914 absolviert Alexander Dowshenko eine Ausbildung zum Lehrer am Lehrerseminar Hluchiw, anschließend unterrichtet er vier Jahre an einer Schule in Zitomir. 1917 beginnt er, ermutigt durch seinen Großvater, ein Studium am Handelsinstitut in Kiew. Während des russischen Bürgerkrieges kämpft er in der Roten Armee. Anfang der 1920er Jahre tritt er in die Kommunistische Partei ein. 1920 heiratet er Barbara Krylova, die an einer chronischen Tuberkuloseerkrankung leidet. Die Ehe scheitert nach sechs Jahren. Von 1921 bis 1923 ist der ausgebildete Lehrer im diplomatischen Dienst tätig, zunächst in Warschau später in Berlin. Hier studiert er an der Akademie der Künste Bildende Kunst, unter anderem bei dem expressionistischen Maler Erich Heckel.

Aufgrund seines Auslandsaufenthalts wird Alexander Dowshenko aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Nach seiner Rückkehr in die Ukraine 1923 versucht er sich als Künstler in den verschiedensten Bereichen. So arbeitet er drei Jahre in Charkov als Zeitungs- und Buchillustrator, später als Karikaturist. Er engagiert sich journalistisch und kulturpolitisch, ist literarisch und als Maler aktiv. Des Weiteren entwirft er Filmplakate, wodurch er erstmals mit der ukrainischen Filmindustrie in Verbindung kommt.

1926 zieht Alexander Dowshenko nach Odessa, um schließlich in der Filmkunst sein eigentliches Metier zu finden. Sein Debüt als Drehbuchautor und Co-Regisseur gibt er mit dem Film VASYA-REFORMATOR (1926), einer komödiantischen Satire auf die neue Wirtschaftspolitik. Sowohl VASYA-REFORMATOR (1926) als auch JAGODKA LJUBVI (1926), sein erster Film als Regisseur, haben keinen Erfolg bei Kinopublikum und Kritikern.

1927 entsteht mit DER VERZAUBERTE WALD (1928) sein erstes bedeutendes und zugleich sehr persönliches Werk. Er thematisiert die ukrainische Geschichte und Tradition, wobei der Regisseur explizit auf die Probleme zwischen der Sowjetunion und den sich neu bildenden Staaten eingeht. In diesem Zusammenhang fordert er Akzeptanz und Achtung für die Traditionen seiner Landsleute. DER VERZAUBERTE WALD (1928) stellt eine Mischung aus Geschichte und Legenden der ukrainischen Bauern dar und zeigt zugleich die tiefe Verwurzelung des Regisseurs in seiner Heimat. Der harmonische Zusammenschnitt atmosphärischer Bilder verleiht dem Film eine lyrische Aura, eine Bildsprache, die an die Emotionen der Zuschauer appelliert.

Sein folgender Film gehört auch heute noch zu den Klassikern des sowjetischen Stummfilms. ARSENAL-KIEW IN FLAMMEN (1929) ist ein pathetisches Drama, mit dem Alexander Dowshenko eine klare Kontraposition zu ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen bezieht. Der Filmemacher ist zwar grundsätzlich für eine ukrainische Autonomie, jedoch im Rahmen eines föderativen russischen Gesamtstaats. In ARSENAL-KIEW IN FLAMMEN (1929) dienen ihm die Vorkommnisse in einer Kiewer Munitionsfabrik als exemplarisches Beispiel der Geschehnisse rund um die ukrainische Revolution 1914 bis 1917. Der Regisseur stellt historische Ereignisse durch die Montage dokumentarischer Kontrastbilder heraus, verzichtet somit auf eine durchgehende Erzählstruktur zu Gunsten emotionaler Dichte. Kritiker sind begeistert von seinem experimentellen Ansatz, loben das dramaturgische Geschick als auch den Sinn für Bildästhetik.

1930 dreht der Filmemacher sein Meisterwerk. Der Film ERDE (1930) ist als Propagandawerk für die Landwirtschaftskollektivierung gedacht, stellt zugleich eine Art Lobgesang auf das bäuerliche Leben und die Natur dar. Der junge Wassili pflügt bei der Feldarbeit versehentlich die Grenzsteine der Kulakenfelder um. Aus Rache erschießen die Kulaken den jungen Bauer. Bei seiner Beerdigung kommt es zu einer unerwarteten Verbrüderung zwischen den beiden Parteien. Das kraftvoll inszenierte Epos beeindruckt durch seine imposante teils poetische Bildsprache, beschwört in gefühlvoll beeindruckenden Bildern die Einheit von Mensch und Erde. Die Produktion ist auch international erfolgreich. Staatlicherseits wird der Film als anti-revolutionär und pessimistisch eingestuft, muss stark gekürzt werden.

Im Allgemeinen steht die stalinistische Regierung dem ukrainischen Filmemacher skeptisch gegenüber. Dieser kämpft auf seine Weise für die Etablierung des kommunistischen System, immer verknüpft mit seinem Engagement für die Bewahrung ukrainischer Werte und Traditionen. So kann das künstlerische Schaffen Alexander Dowshenkos als Kompromiss zwischen staatlichen Aufträgen und eigenem Anspruch gewertet werden, ein ständiger Wechsel zwischen Zensur oder Propaganda, Erfolg oder Verfolgung. Seine Obsession für ukrainischer Kultur und Folklore lässt sich nur selten komplett mit der auf Zentralismus basierenden Sowjetideologie in Einklang bringen. Viele seiner Filmprojekte fallen bereits vorher der Zensur zum Opfer oder können nicht zu Ende geführt werden. Seinem ungebremsten Arbeitswillen ist es geschuldet, dass er trotz permanenter Restriktionen und Angriffe auf seine Person weiterarbeitet.

Anfang der 30er Jahre unternimmt Alexander Dowshenko eine Reise in den Westen. Dort zeigt er seine Filme und hält Vorlesungen an Universitäten. Seine Produktionen werden zu dieser Zeit in vielen Ländern der Welt gezeigt und tragen entscheidend zur Akzeptanz des jungen sowjetischen Kinos bei. 1932 kehrt der Filmemacher in die Ukraine zurück und dreht mit IWAN (1932) seinen ersten Tonfilm. Trotz des teilweise sehr veralteten Equipments kann der Film binnen kurzer Zeit fertig gestellt werden, überzeugt durch ausgefeilte Dialoge und das stimmige Zusammenwirken von Bild und Ton. Die Entscheidung des Regisseurs, den Film aus Verständigungsgründen in ukrainischer Sprache zu produzieren, sorgt in Regierungskreisen für großes Missfallen. Von Kritikern wird ihm übertriebener Nationalismus und Faschismus vorgeworfen.

Als Konsequenz wird Alexander Dowshenko vom Kiew-Studio entlassen. Er geht nach Moskau, um sich direkt an Stalin zu wenden. Er möchte als Künstler geschützt und gefördert werden. 1933 wird er schließlich an die Mosfilm-Studios beordert. Hier dreht er Mitte der 1930er Jahre AEROGRAD (1935), einen Film über den Aufbau einer kommunistischen Musterstadt im sibirischen Osten, der klare anti-japanische Tendenzen aufweist. Sein Hang zum Pathos nimmt bildästhetisch einen immer größeren Stellenwert ein. In Anlehnung an den stalinistischen Personen- und Führerkult zelebriert er propagandistische Heldenverehrung. Die Initiative zu seinem Folgewerk SCHTORS (1939) geht von Stalin persönlich aus. Dieser schlägt dem Filmemacher vor, eine Biografie über den bolschewistischen Helden Nikolai Alexandrowitsch Stschors zu drehen. Die nahezu gottähnlich herausgestellte Hauptfigur lässt den Einfluss des Führers nur schwer verleugnen. Für SCHTORS (1939) erhält der Regisseur den Stalinpreis verliehen.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitet Alexander Dowshenko als Kriegsberichterstatter. Sein filmisches Schaffen beschränkt sich zu jener Zeit ausschließlich auf den Dreh von Kriegsdokumentationen. So thematisiert er in DER KAMPF UM UNSERE SOWJET-UKRAINE (1943) den deutschen Angriff auf die Ukraine und den Widerstand der ukrainischen Bürger. Nachdem der Film gut angenommen wird, zieht sich Alexander Dowshenko vorübergehend aus persönlichen Gründen - seine Eltern sind gestorben - auf seine Arbeit als Drehbuchschreiber und Produzent bei den Mosfilm-Studios zurück.

Doch die Auseinandersetzung mit seinem Werk geht auch während seiner Pause weiter. Weder seiner Mitgliedschaft im Zentralkomitee der Filmgewerkschaft noch seine wiedergewonnene Anstellung als Dramaturg in den Kiewer Studios bewahren den ukrainischen Filmemacher vor politischer Verfolgung. In einer Politbürositzung von 1944 wird er als "bourgeoiser Nationalist" betitelt, sämtlicher Ämter enthoben und mit Publikations- und Produktionsverbot belegt. Erst 1948 ist es Alexander Dowshenko gestattet, mit DIE WELT SOLL BLÜHEN (1948) seinen nächsten Film zu drehen. Hier muss er sich mehrfachen Revisionen unterwerfen. Die vorerst von Gavriil Popov verfasste Musik wird durch eine Komposition von Dimitri Schostakowitsch ersetzt. Die Filmbiografie über den sowjetischen Biologen und Pflanzenzüchter Mitschurin bringt ihm 1949 erneut den Stalinpreis ein.

Durch die staatliche Einflussnahme auf seine Arbeit ist der Filmemacher zunehmend frustriert, erleidet einen Nervenzusammenbruch und einen Herzanfall. Er verfasst eine Vielzahl nie verfilmter Drehbücher und beginnt 1950 mit der Realisierung eines neuen Filmprojekts. GOODBYE AMERIKA (1951) ist ein Film über den Ost-West-Konflikt, in dem er auf seine Themen Leben und Tod, Blüte und Fäulnis zurückgreift. Fäulnis und Tod stehen auf Seiten der Amerikaner, Blüte und Leben auf russischer Seite. Ohne Grund werden die Dreharbeiten vorzeitig abgebrochen. Eine nachkonstruierte Variante des Film ist verfügbar; sie erfüllt alle damals gängigen Ost-West-Klischees und wird dem künstlerischen Anspruch des Filmpoeten keinesfalls gerecht.

Kurz vor Beginn seines neuen Filmprojekts, einer Trilogie über ein ukrainisches Dorf, stirbt Alexander Dowshenko am 26. November 1956 in Moskau an einem Herzinfarkt. 1959 werden die Kiew-Studios in Dowschenko-Studios umbenannt. Seine zweite Ehefrau und zugleich langjährige Mitarbeiterin Julia Solnzewa verfilmt nach seinem Tod die geplante Trilogie POEM VOM MEER (1958) und auch weitere Drehbücher ihres Mannes wie beispielsweise FLAMMENDE JAHRE (1961).

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Melanie Giertz / Stand Dezember 2007

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