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Dziga Vertov

Dziga Vertov
Regie, Drehbuch

* 02. Januar 1896
Bialystok
Polen
† 12. Februar 1954
Moskau
Russland
andere Namen Dsiga Wertow

DZIGA VERTOV • Biographie Seite 1/1

Dziga Vertov gilt als einer der Begründer des sozialistischen Dokumentarfilms sowie als bedeutender filmästhetischer Innovator. Er ist zugleich Filmemacher und Medientheoretiker, produziert eine Vielzahl international anerkannter publizistisch-poetischer, teils propagandistischer Dokumentarfilme. Film ist für ihn eine moderne Ausdrucksmöglichkeit, aber auch ein Mittel zur Schaffung eines neuen Weltbildes, wobei sein Werk immer im historischen Kontext der Oktoberrevolution zu sehen ist. Er fordert das radikale Abwenden vom in seinen Augen theatralischen, romantizistischen Illusionskino.

Dziga Vertov wird am 02. Januar 1896 als Denis Arkad'evi- Kaufman in Białystok geboren. Seine Eltern sind Bibliothekare. Er hat zwei jüngere Brüder, Boris Kaufman (Oscarpreisträger) und Michail Kaufman, beide später erfolgreiche Kameramänner und Regisseure. Sein kreatives Potenzial äußert sich bereits in der Kindheit. Noch vor seinem zehnten Lebensjahr schreibt er einen ersten phantastischen Roman, es folgen eine Reihe populärwissenschaftlicher Essays. Mit 12 Jahren veröffentlicht er regelmäßig Gedichte in der Lokalzeitung.

Von 1912 bis 1915 studiert Dziga Vertov an der Musikschule Białystok Geige und Piano. In dieser Zeit rezipiert er die eigenwilligen Gedichte Wladimir Majakovskis und Welimir Chlebnikows, welche ihm als Anregung für seine frühen futuristischen Manifeste dienen. Er veröffentlicht in diesem Zeitraum eine Vielzahl von Gedichten, satirischen Versen, Essays und Science Fiction-Romanen. Im Zeitraum 1916/17 studiert er am Psychoneurologischen Institut in St. Petersburg Medizin. Während des Studiums führt er seine ersten futuristischen Tonexperimente durch. Mit einem alten Phonographen zeichnet er Sprache, Geräusche und Klänge auf und montiert sie. 1917 veröffentlicht er "Start", ein Gedicht, in dem seine kritische Position zum traditionellen Kino erstmals deutlich zu Tage tritt: Dies ist auch der symbolische Beginn seiner Karriere als Filmtheoretiker und Montageur: "... Ist Film Film? / Wir sprengen den Film in die Luft, / um / Film / sehen zu können."

Kurz nach Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 schließt sich Dziga Vertov dem Komitee Kinematografie in Moskau an. Er arbeitet als Cutter und Titelschreiber für Filmdokumentationen, wird schließlich Redakteur bei der ersten sowjetischen Wochenschau "Kinonedelja" (Filmwoche). Für "Kinonedelja" dreht er agitatorische Filme zu den verschiedensten Themen des Alltags und der Revolution. So werden beispielsweise Probleme wie Armut, Hungersnot und Bürgerkrieg dokumentiert, mit denen sich die russische Regierung zur damaligen Zeit auseinandersetzen muss.

Ab 1921 leitet Dziga Vertov die "Kinoki" (Kinoauge), eine Gruppe junger Dokumentarfilmer, die auch international Anerkennung findet. Sie lehnen die mit Schauspielern inszenierten Spielfilme als bürgerlich ab und fordern das objektive Einfangen der Wirklichkeit, 'das Leben, wie es ist'. Alle bisherigen Gesetze und Konstruktionsgewohnheiten des Films werden bewusst verletzt. Unter anderem inspiriert durch den italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti entwickelt Dziga Vertov seine individuellen, programmatischen Manifeste. In "Wir" oder "Kino-Umsturz" (Kinoumsturz) formuliert er erstmals die Theorie der innovativen dokumentarischen Filmpraxis: "Bis auf den heutigen Tag haben wir die Kamera vergewaltigt und sie gezwungen, die Arbeit unseres Auges zu kopieren. [...] Von heute an werden wir die Kamera befreien und werden sie in entgegengesetzter Richtung, weit entfernt vom Kopieren, arbeiten lassen. Alle Schwächen des menschlichen Auges an den Tag bringen! Wir treten ein für Kinoglas, das im Chaos der Bewegungen die Resultate für die eigene Bewegung aufspürt, wir treten ein für Kinoglas mit seiner Dimension von Zeit und Raum [...] Befreit von zeitlichen und räumlichen Eingrenzungen, stelle ich beliebige Punkte des Universums gegenüber, unabhängig davon, wo ich sie aufgenommen habe. Dies ist mein Weg zur Schaffung einer neuen Wahrnehmung der Welt." (Kinoki-Umsturz, 1923)

Von 1922 bis 1925 produziert Dziga Vertov 23 Ausgaben der "Kinopravda" (Kino Wahrheit), einer agitatorischen Film-Monatsschau. Entsprechen die Filme thematisch traditionellen Wochenschauen, so lässt sich die rasche Fortentwicklung Dziga Vertovs vor allem an seiner Arbeit mit Schnitt und Zwischentiteln ausmachen. Er bezweckt, das Publikum durch die Methoden der Filmmontage zu manipulieren. Dabei geht er oft noch weitaus experimenteller vor als andere Vertreter der russischen Avantgarde. Des weiteren entwickelt er erste Vorformen operativer Medienkunst. So organisiert er beispielsweise bewegliche Filmvorführungen mit Autokinos und Kinowaggons in Agitzügen. Das sind Eisenbahnzüge, die mit komplettem filmischen Equipment ausgestattet sind, um an den Fronten des Bürgerkriegs Aufklärungsarbeit zu leisten und gleichzeitig Wochenschau-Szenen zu filmen.

In KINO-AUGE/KINOGLAS (1924) werden seine Erfahrungen erstmals in einem thematischen Film zusammengeführt. Die Auseinandersetzung zwischen neuer Gesellschaft und alte Werten stellt er anhand einer Gruppe von Komsomolzen dar, welche in einem Dorf Aufbauarbeit leisten, in der Stadt jedoch gegen Kleinbürger und Händler agieren. Mit den folgenden Spielfilmen EIN SECHSTEL DER ERDE (1926) und DAS ELFTE JAHR (1928) versucht er, die Ansätze der Kinoki auf Themenfilme über den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion, beziehungsweise der Ukraine anzuwenden. Jelisaweta Swilowa, seit 1923 seine Lebenspartnerin, wie auch sein Bruder Michail Kaufmann unterstützen ihn fast durchgängig bei seinen Filmprojekten, erstere als Ko-Regisseurin und Cutterin, Michail Kaufman als Kameramann.

Das kompromisslose Festhalten Dziga Vertovs am Konzept des faktischen Filmens führt zu Kontroversen mit anderen Regisseuren der russischen Anantgarde, unter anderem mit Sergej M. Eisenstein. Der Regisseur ist deutlich traditionsbewusster, realisiert seine Montagefilme mit Laiendarstellern, wohingegen Dziga Vertov der Auffassung ist, dass objektive Wirklichkeitausschnitte nur durch ausgefeilte Montage, nicht durch Inszenierung zu verwirklichen sind. Die grundsätzliche Frage der Diskussion lautet: Ist die Revolution gespielt oder nicht gespielt darstellbar? Die Auseinandersetzung der beiden wird Mitte der 1920er Jahre in den populären Tages- und Fachorganen ausgetragen.

Dziga Vertovs bekanntester Film DER MANN MIT DER KAMERA (1929) gilt heute als Meilenstein des dokumentarischen Films, er stellt den Höhepunkt seiner filmtheoretischen und praktischen Entwicklung dar. Der Film dokumentiert den Tagesablauf in einer russischen Großstadt auf drei Ebenen, das Erwachen der Stadt, die Arbeit in der Stadt und die Freizeit in der Stadt. Gleichzeitig wird quasi der Entstehungsprozess des Films von der Kamera-Aufnahme bis zum Schnitt thematisiert. Wie er bereits im Vorspann, der einzigen Schrifttafel des Films, ankündigt, beabsichtigt der Filmemacher eine eigene, internationale Sprache des Kinos zu kreieren. Er verzichtet auf jede Form von Dramaturgie und Gestaltung, sondern belässt es bei dokumentarischen Impressionen und der Wirkung der Montage.

DIE DONBAß-SINFONIE (1930) ist der erste dokumentarische Tonfilm der Sowjetunion. Dziga Vertov nutzt erstmalig Tonmontagen aus realer Alltagsmusik und Industriegeräuschen, um seine industriellen Aufbauwillen der Jugend in der Sowjetunion, das Thema seiner Dokumentation, effektvoll zu unterstreichen. DREI LIEDER ÜBER LENIN (1934) kann als Dziga Vertovs letzter Avantgardefilm gesehen werden. In der Dokumentation über den Alltag in den asiatischen Sowjetrepubliken versucht er, seinem Anspruch der organischen Verschmelzung von Bild, Musik, Ton und Dialog zunehmend gerecht zu werden. Aufgrund der deutlich ablesbaren Verehrung Lenins wird der Film zunächst mehrfach umgeschnitten und nach kurzer Zeit gänzlich aus den Kinos zurückgezogen. Dennoch wird Dziga Vertov 1935 für DREI LIEDER ÜBER LENIN (1934) der bedeutendste sowjetische Filmorden, der Rote Stern am Band, verliehen.

Bereits um 1930 ist Dziga Vertov eine internationale Berühmtheit. Er absolviert zwei Vortragsreisen durch Westeuropa und gewinnt Bewunderer wie Charles Chaplin oder Walter Benjamin. Trotzdem seine Filme außerhalb der Sowjetunion kaum im regulärem Kinoeinsatz sind, verbreitet sich der Ruf ihrer Einzigartigkeit sehr schnell. In Russland hingegen wird er vermehrt an der Realisierung seiner Konzepte gehindert. Unter Stalin sind die individuellen Arbeits- und Ausdrucksmöglichkeiten der gesamten russischen Avantgarde massiv eingeschränkt.

Stark umstritten ist Dziga Vertovs Film WIEGENLIED (1937), in dem er die Sowjetfrauen in der Stalinära porträtiert. Die Dokumentation wird von Kritikern oft verachtend als Stalin-Streifen betitelt, gibt er doch zu Hauf einschlägige Rituale des Stalinkults wieder. Teilweise wirken die opulenten Bilder und aufwendigen Montagen bereits so überzeichnet, dass sich hierin eine unterschwellige Kritik Dziga Vertovs am vorherrschenden Regime vermuten lässt. Die ständig zunehmenden Restriktionen bedingen das Ende seiner Arbeit als Regisseur poetischer und experimenteller Dokumentarfilme. Von 1944 bis 1954 produziert Dziga Vertov für das Kinojournal "Novosti dnja".

In den späten 1960er Jahren nimmt Jean-Luc Godard, Filmemacher der französischen Novelle Vague, das Werk des Filmemachers wieder auf. Er gründet die "Groupe Dziga Vertov", welche die Konzepte des Filmemachers in den aktuellen Kontext setzt. Jean-Luc Godard, der seine individuelle Filmtätigkeit zunächst aufgibt, dreht, bis in die 1970er Jahre hinein nur noch Filme in diesem Kollektiv. Die Film- und Mediendebatten heute, setzen sich sehr kritisch mit der Kunst des Jahres 1917 und der Stalinzeit auseinander. In diesem Zusammenhang steht auch Dziga Vertov und seine Leistungen zur Disposition.

Dziga Vertov stirbt am 12. Februar 1954 in Moskau.

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Autorin: Melanie Giertz
Stand: November 2007

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