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Sergej M. Eisenstein

Sergej M. Eisenstein
Regie, Drehbuch, Schnitt, Darsteller, Produzent, Ausführender Produzent

* 10. Januar 1898
Riga
Lettland
† 11. Februar 1948
Moskau
Russland

SERGEJ M. EISENSTEIN • Biographie Seite 1/1

Dass Montage mehr ist als das bloße Aneinander reihen von Bildern zeigt kein Regisseur besser als Sergej M. Eisenstein. Er gilt sowohl theoretisch wie auch handwerklich als einer der größten Innovatoren der Filmgeschichte. Grundlegende Aspekte der Montage gehen auf ihn zurück, wobei nicht ausschließlich der Erzählfluss wie im klassischen Hollywoodkino im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit steht. Er ist Begründer einer auf rhythmischen Prinzipien, Konflikt, Kontrast und Tempowechsel zielenden Montageform.

Sergej Michailovitsch Eisenstein wird am 23. Januar 1898 als Sohn von Julia Ivanovna und Michail Osipovic in Riga geboren. Sein Vater ist Stadtarchitekt und Ingenieur mit jüdischen Wurzeln. Er wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, wobei sich seine Begabung für Sprachen und Kunst bereits im frühen Kindesalter zeigt. So spricht er fließend Deutsch und Französisch, gilt als wahrer Zeichenfanatiker. Von 1908 bis 1915 besucht er das naturwissenschaftlich ausgerichtete Realgymnasium. Einer seiner Freunde ist Maxim Maximovic Strauch, mit dem er später bei zahlreichen Theater- und Filmprojekten zusammenarbeitet.

1909 lassen sich seine Eltern scheiden, Sergej M. Eisenstein bleibt bei seinem Vater in Riga. Das Anrücken deutscher Truppen bedingt seine Evakuierung nach Petrograd, wo er 1915, auf Wunsch seines Vaters, ein Ingenieursstudium an der Hochschule für Zivilingenieure aufnimmt. In seiner Freizeit beschäftigt er sich auch weiterhin mit Bildender Kunst und vorzugsweise antikem Theater. Er rezipiert begeistert die Stücke von Wsewolod Meyerhold und Nikolai Yevreinov. 1917, zur Zeit der Oktoberrevolution, verkauft er unter dem Pseudonym Sir Gay seine ersten politischen Karikaturen an verschiedene Petrograder Magazine.

1918 meldet sich Sergej M. Eisenstein freiwillig zur Roten Armee, wo er zwei Jahre, zunächst als Techniker für Militärbauten, später als Bühnenbildner und Karikaturenzeichner der politischen Abteilung tätig ist. Er fertigt zahlreiche Skizzen und Entwürfe für Bühnenbilder und Theaterkostüme an, gründet während seiner Stationierung in Velikie Luky eine Amateurtheatergruppe. Des Weiteren entdeckt er sein Interesse für die japanische Schrift und das Kabuki-Theater, was ihm später als Grundlage für seine wegweisenden Montagetheorien dient. Nach dem Krieg beginnt er an der Generalstabsakademie in Moskau ein Studium der japanischen Philologie und arbeitet nebenher als Kostümzeichner und Bühnenbildner beim Proletkult, einem Theater der Gesellschaft für proletarische Kultur. Die Gesellschaft sieht im Theater ein Werkzeug für die Proklamation sozialer Interessen. So ist er unter anderem für die Ausstattung des Theaterstücks "Der Mexikaner" nach einem Jack London Roman verantwortlich.

Sergej M. Eisenstein bricht sein Studium an der Generalstabsakademie vorzeitig ab und beginnt an den Theaterwerkstätten des Proletkult zu lehren. Im September 1921 tritt er in die Staatlichen Regiewerkstätten (GVTM) unter der Leitung von Wsevolod Meyerhold ein. Zusätzlich übernimmt er die Leitung einer unabhängigen Wandertheatertruppe des Proletkult-Theaters, was sich zeitlich nur schwer vereinbaren lässt. Nach nur 2 Monaten tritt er aus der GVTM wieder aus. Am Proletkult-Theater begegnet er Lew Kuleschow, mit dem er 1923 Übungen zur Filmmontage durchführt. In seiner Inszenierung "Eine Dummheit macht auch der Gescheiteste" nach einem Roman Alexander Ostrowskis verwendet er erstmals filmische Sequenzen im Rahmen der Bühnenhandlung. Der vierminütige Kurzfilm GLUMOWS TAGEBUCH (1923) wird in drei Teilen in das Theaterstück integriert und dient zur Darstellung eines inneren Monologs. Ebenfalls 1923 veröffentlicht Sergej M. Eisenstein sein Manifest zur "Montage der Attraktionen", indem er versucht, das Theater von seiner reinen Abbildhaftigkeit zu befreien, es als eigenständige, revolutionär geprägte Kunstform zu etablieren. Ziel der Attraktionsmontage ist die Erreichung einer präzise geplanten Wirkung auf den Zuschauer, wobei als Mittel hierfür alle Bestandteile des Theaterapparats dienen sollen.

Aufgrund der zunehmenden Unzufriedenheit mit den Möglichkeiten des Theaters, wendet er sich verstärkt dem Film zu. Hier bietet sich ihm die Chance, die unterschiedlichen Kunstformen miteinander zu verschmelzen, aus gegensätzlichen Teilen eine neue Einheit herzustellen. Er ist, wie viele Filmschaffende, begeistert von den Filmen und Theorien David Wark Griffiths. 1923 assistiert Sergej M. Eisenstein Esfir I. Shub bei der Umschnitt von Fritz Langs DR. MABUSE, DER Spieler - 1. TEIL: DER GROßE SPIELER - EIN BILD DER ZEIT (1922) für den russischen Verleih. In dieser Zeit trifft er auch erstmals auf den Kameramann Edouard Tissé, mit dem er letztlich über 20 Jahre lang eng zusammenarbeitet.

Sein Debüt als Regisseur hat der 25jährige Sergej M. Eisenstein mit dem Film STREIK (1925). Thema ist die Entwicklung eines Arbeiterstreiks im vorrevolutionären Russland. Bedingt durch niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen, brechen in einer russischen Fabrik Unruhen unter den Arbeitern aus. Die Fabrikleitung steuert gegen, anfänglich über das Einschleusen von Spionen und Agenten in die Arbeiterschaft, später durch rohe militärische Gewalt. In diesem Zusammenhang findet das im Theater entwickelte Konzept zur "Montage der Attraktionen" erstmals Anwendung in einem Film. Der Filmemacher kombiniert Bilder von Massakern an den Streikenden mit dokumentarischen Aufnahmen aus einem Schlachthaus. Des Weiteren lässt sich in STREIK (1925) schon die für den Regisseur charakteristische Typisierung erkennen. So verkörpern Schauspieler keine individuellen Charaktere sondern eher einen bestimmten Typus, wie auch der Held kein Einzelner ist, sondern das gesamte Arbeiterkollektiv. Um die Autorschaft am Drehbuch gibt es lange Auseinandersetzungen, im Zuge derer Sergej M. Eisenstein das Proletkult-Theater verlässt. Der Film wird als Gemeinschaftsproduktion des Ersten Studios von GOSKINO und des ersten Arbeitertheaters im April 1925 uraufgeführt.

Im Sommer 1925 beginnen die Dreharbeiten zu PANZERKREUZER POTEMKIN (1925), ein Film über die Matrosenrevolte im Jahr 1905, frei angelehnt an die tatsächlichen Ereignisse des Revolutionsjahres. Die Matrosen der "Potemkin", die im Hafen von Odessa am Schwarzen Meer liegt, sind die Erniedrigungen der Offiziere leid. Sie meutern unter der Führung des Matrosen Wakulintschuk. Der Aufstand gelingt, doch Wakulintschuk wird zum Märtyrer. Die revolutionäre Stimmung greift auf die Bevölkerung von Odessa über. Diese versammelt sich auf der monumentalen Hafentreppe, Schauplatz des grausamen Gegenschlags des Zaren-Regimes. Angelehnt an die Struktur eines antiken Dramas gliedert der Regisseur die Handlung in 5 Akte, welche über Zwischentitel voneinander getrennt sind. Die Produktion wird auch international ein überragender Erfolg und zählt noch heute zu einem der einflussreichsten Werke der Filmgeschichte. In PANZERKREUZER POTEMKIN (1925) perfektioniert Sergej M. Eisenstein seine Montagetechnik der Attraktionen. Durch die für diese Zeit revolutionäre Rhythmik und Dynamik des Schnitts erreicht er eine kontrastreiche Gegenüberstellung der Herrschenden und Beherrschten. Dem Montagetheoretiker geht es darum, im Zuschauer eine politische Erkenntnis hervorzurufen, in diesem Falle die russische Revolution zu rechtfertigen und deren Errungenschaften zu etablieren.

Bedingt durch den großen Erfolg von PANZERKREUZER POTEMKIN (1925) steigt Sergej M. Eisenstein zum führenden Regisseur der Sowjetunion auf, bei dem diverse staatlich geförderte Monumentalfilme in Auftrag gegeben werden. 1927 dreht er auf Anfrage des Staatlichen Filmkomitees SOVKINO einen Film über die russische Oktoberrevolution OKTOBER (1927). Die Handlung umfasst die Monate vom Scheitern der Provisorischen Regierung bis zum Sturm auf das Winterpalais. Erst nachdem Sergej M. Eisenstein, den mittlerweile politisch nicht mehr geachteten Leo Trotzki aus seinem Werk schneidet, wird der Film mit einiger Verzögerung uraufgeführt. Mit OKTOBER (1927) erweitert der Regisseur seine Montagetheorie um eine intellektuelle Komponente. Kritiker auf der ganzen Welt loben die authentische Wirkung der aufwendig nachgestellten historischen Szenen als auch die unterschwellige Ausdruckskraft seiner Bildmontage.

Vor den Dreharbeiten zu OKTOBER (1927) hat der Regisseur bereits an einem Film über die Kollektivierung der russischen Landwirtschaft gearbeitet, was er nun fortführt. DIE GENERALLINIE (1929) erzählt die Geschichte einer russischen Bauerngemeinde, die auf Initiative einer russischen Bäuerin, dem System der privaten Feldwirtschaft abschwört und sich zu einer Produktionskooperative zusammenschließt. Der Film entspricht auch nach mehreren Änderungen noch nicht den staatlichen Vorstellungen. Obwohl bereits Kinokopien gemacht werden, muss der Regisseur sowohl das Filmende als auch den Filmtitel verändern.

Zur Premierezeit unternimmt Sergej M. Eisenstein mit seinen zwei langjährigen Mitarbeitern Grigorij Aleksandrov und Kameramann Edouard Tissé eine Reise durch Westeuropa. Hier begegnet er Friedrich Wilhelm Murnau, Georg Wilhelm Pabst, Fritz Lang, Bertolt Brecht, George Grosz und James Joyce. Besonders unter Intellektuellen und Studenten sind seine Filme und Theorien sehr populär. So hält er Vorträge in Zürich, Berlin, Amsterdam, London, Paris und Antwerpen, nimmt am Kongress unabhängiger Filmschaffender in La Sarraz teil und unterstützt Edouard Tissé bei den Dreharbeiten zu seinem Film FRAUENNOT UND FRAUENGLÜCK (1929).

1930 schließt der anerkannte Filmemacher einen Regievertrag mit den Paramount Studios ab, für das er jedoch nie einen Film dreht. Wiederum begleitet von Edouard Tissé reist er nach New York, hält Vorträge an amerikanischen Universitäten und arbeitet als Drehbuchautor. ( SUTTER'S GOLD, AN AMERICAN TRAGEDY). Des Weiteren knüpft oder vertieft er Kontakte mit namenhaften Filmkünstlern wie Douglas Fairbanks, Mary Pickford, Theodore Dreiser oder Upton Sinclair. Charles Chaplin und Walt Disney zählen bereits nach kurzer Zeit zu engen Freunden Sergej M. Eisensteins. Eine antikommunistische Kampagne begründet das Ende der Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und den Paramount Studios.

Mit finanzieller Unterstützung Upton Sinclairs, amerikanischer Millionär, Schriftsteller und Kommunist, beginnt der Filmemacher 1930 einen Film über die mexikanische Revolution zu drehen. Nach gerade einmal 14 Monaten bricht der Financier, unzufrieden mit Verlauf und Ergebnis, die Dreharbeiten zu QUE VIVA MEXIKO! (1932) vorzeitig ab. Das Filmmaterial wird auf Wunsch Upton Sinclairs und zum großen Missfallen Sergej M. Eisensteins von einem Cutter der Produktionsfirma MGM geschnitten. Die Uraufführung findet 1933 in New York statt, ohne die Zustimmung des Regisseurs. Seine Stellungnahme zu diesem Thema gelangt nicht an die amerikanische Öffentlichkeit.

Bereits während der Dreharbeiten zu QUE VIVA MEXIKO! (1932) arbeitet der Filmemacher an einem Grundlagenbuch zur Filmregie, welches 1933 veröffentlicht wird. Außerdem wird er zum Leiter der Regiefakultät des Staatlichen Instituts für Filmkunst (GIK) ernannt, unterschreibt einen Vertrag mit der Moskauer SOJUZKINO und heiratet 1934 die Journalistin Pera Ataseva.

Gemeinsam mit Grigorij Aleksandrov und Wsewolod Pudowkin verfasst er ein "Manifest zum Tonfilm". Ausgehend von der Überzeugung, Tonfilm solle nicht Formen des Sprechtheaters nachahmen, fordern die Filmemacher die Asynchronität von Bild und Ton. 1935 beginnt Sergej M. Eisenstein mit der Arbeit an seinem ersten Tonfilm, DIE BESHIN WIESE (1935) nach einem Roman von Iwan Sergejewitsch Turgenew. Auf Anweisung der Hauptverwaltung der Sowjetischen Filmindustrie (GUK) wird das Projekt jedoch vorzeitig eingestellt. Sie ist der Auffassung, der Film stelle keineswegs die sozialistische Wirklichkeit dar. Der Regisseur muss sich öffentlich von seinem Werk distanzieren und in einem Aufsatz Selbstkritik üben. Während des Zweiten Weltkriegs geht das Ursprungsmaterial mit Ausnahme einiger Standfotos endgültig verloren.

1937 wird Sergej M. Eisenstein Professor für Regie am WGIK. Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts nimmt der einstige Theaterregisseur ein Angebot des Bolschoj-Theaters an, Richard Wagners Oper "Die Walküre" zu inszenieren. Das Stück hat im November 1940 Premiere. Bei seinem folgenden Filmprojekt ALEXANDER NEWSKI (1938) arbeitet Sergej M. Eisenstein eng mit dem Komponisten Sergej Prokofjew zusammen. Für sein pathetisches Epos über den russischen Nationalhelden, der im 13. Jahrhundert den Deutschritterorden besiegte, erhält der Regisseur 1939 den Lenin-Orden verliehen. Technisch überzeugt vor allem die Kameraarbeit, wobei abwechselnde Perspektiven den Zuschauer unmittelbar in das Geschehen einbeziehen.

Im selben Jahr entwickelt der Filmemacher Prinzipien zur "Vertikalen Montage" und wird im Oktober zum künstlerischen Direktor der MOSFILM ernannt. Weiterhin verfasst er zahlreiche Aufsätze und theoretische Schriften so beispielsweise "Griffith und die Geschichte der Montage in der Kunst", "Studien über eine nicht-gleichgültige Natur", oder ein Sammelband zum "Panzerkreuzer Potemkin". Staatlicherseits wieder rehabilitiert, erhält Sergej M. Eisenstein den Auftrag zu IWAN, DER SCHRECKLICHE I (1944), ein Porträt über Iwan, den IV von Russland. Dieser setzte im 16. Jahrhundert die Machtansprüche des russischen Zarentums gegen innere und äußere Gegner durch. Die Dreharbeiten beginnen im April 1943, aufgrund der Kriegshandlungen in Alma Atar, und sind Mitte 1944 abgeschlossen. Das zweiteilige Epos soll Stalin zur Rechtfertigung seiner eigenen Herrschermethoden dienen. So wird der erste Teil, welcher den Aufstieg des Zaren behandelt, 1945 sogleich mit dem Stalinpreis ausgezeichnet. Im zweiten Teil hingegen wird der Focus auf die "Schrecklichkeit" Iwans gelegt, beispielsweise Intrigen am Hof thematisiert. Der Film wird vom Zentralkomitee als fehlerhaft und misslungen eingestuft, schließlich verboten. In diesem Fall mag vor allem die schauspielerische Darstellung Iwans den Ausschlag gegeben haben. So macht der Schauspieler Nikolaj Tcherkassov durch seine Darstellung auch die abgründige Seite des Herrschers sichtbar. Der Film ist propagandistisch nicht mehr auszuschlachten und lässt negative Assoziationen bezüglich Stalins zu.

1947 nimmt Sergej M. Eisenstein seine Lehrtätigkeit am WGIK (ehemals GIK) wieder auf. Er wird zum Leiter der Filmsektion des Instituts für Kunstgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Nach einem Gespräch mit Stalin beschließt der Regisseur, den zweiten Teil von IWAN DER SCHRECKLICHE II (1946) neu zu montieren, erliegt jedoch vorher den Folgen eines Herzinfarkts. Sergej M. Eisenstein, einer der größten Regisseure der Filmgeschichte und Einflussquelle für viele junge Filmemacher, hinterlässt ein umfassendes Werk an Filmen, Zeichnungen und theoretischen Schriften. Seine Memoiren, an denen er 1946, nach seinem ersten Herzinfarkt im Kreml-Hospital schreibt, bleiben unvollendet.

Er stirbt am 11. Februar 1948 in Moskau.

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Melanie Giertz / Stand Dezember 2007

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