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Ernst Kunstmann

Ernst Kunstmann
Kamera-Assistenz, Special Effects, Architektur, Ton, Mitarbeit

* 25. Januar 1898
Potsdam-Babelsberg
Deutschland
† 30. Mai 1995
Potsdam-Babelsberg
Deutschland

ERNST KUNSTMANN • Biographie Seite 1/1

Mehr als 45 Jahre arbeitet Ernst Kunstmann im Filmstudio in Potsdam-Babelsberg. Als Trickkameramann und Spezialist für Spiegel- und Modellaufnahmen macht er sich bereits in den 20er Jahren einen Namen und gehört neben Eugen Schüfftan zu einem der wichtigsten deutschen Filmtechniker. Während des Nationalsozialismus arbeitet er in Deutschland, ist auch an Propagandafilmen beteiligt. Nach 1945 wird er einer der führenden Techniker des DEFA-Studios, gestaltet unter anderem unvergessene Trickaufnahmen in Märchenklassikern.

Ernst Kunstmann wird am 25. Januar 1898 in Babelsberg bei Potsdam geboren. Schon früh zeigt sich sein handwerkliches und technisches Interesse. Nach seiner Schulzeit lässt er sich zunächst als Dreher ausbilden. Als Soldat nimmt er am Ersten Weltkrieg teil, kehrt 1918 in seinen Heimatort zurück. Hier wird er bei der Produktionsfirma Decla-Bioscop, die mittlerweile in Neubabelsberg eines der modernsten Filmateliers Europa besitzt, als Bühnenarbeiter angestellt.

Seine technischen Fähigkeiten rücken mehr und mehr in den Blickwinkel bekannter Regisseure. In Fritz Langs DER MÜDE TOD (1921) lässt der den Darsteller Bernhard Goetzke als Tod erscheinen und wieder verschwinden. Er arbeitet auch unter Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau und fertigt die Vorsatzmodelle für den Klassiker DER LETZTE MANN (1924). Sie werden dicht vor das Kameraobjektiv montiert und lassen bei der Aufnahme das Modell und die dahinter arrangierten Realszenen miteinander verschmelzen.

1923 lernt Ernst Kunstmann den Kameramann und Techniker Eugen Schüfftan kennen. Gemeinsam mit Kameramann Helmar Lerski entwickeln sie um 1923 das Einspiegelungs¬verfahren. Dadurch ist es unter anderem möglich, große Kulissen mit Modellbauten zu kombinieren. Zum Beispiel können nun Riesen mit normalgroßen Menschen gemeinsam in einer Szene agieren. Erstmals wenden sie es in VARIETÉ (1925) von Ewald André Dupont an. Häufig wird es in METROPOLIS (1927) (METROPOLIS (1927) Trailer) unter der Regie von Fritz Lang benutzt, um zum Beispiel die Arbeiterstadt oder den Turm zu Babel richtig ins Bild zu setzen. Bald gehört Ernst Kunstmann zum unverzichtbaren Stab um Eugen Schüfftan, der das nach ihm benannte Verfahren auch ökonomisch auswertet. Als Angestellter der Deutschen Spiegeltechnik GmbH & Co., die das Verfahren vermarktet und Kameraleute auf der ganzen Welt mit der Technik vertraut macht, reist er nach Hollywood und Großbritannien. Als die Firma aber nicht den erhofften Erfolg hat, konzentriert sich das Team wieder mehr auf Kamera- und Trickarbeiten.

Seit Beginn der 30er Jahre ist Ernst Kunstmann als freier Trickspezialist im Studio Babelsberg beschäftigt. Unter anderem arbeitet er mit Luis Trenker zusammen, betreut tricktechnisch die Gewitter in BERGE IN FLAMMEN (1931). Nochmals arbeitet er mit Fritz Lang zusammen, diesmal bei DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE (1932). Ein großer Publikumserfolg wird F.P. 1 ANTWORTET NICHT (1932) von Karl Hartl, bei dem er die Flugaufnahmen animiert. Einen weiteren Film stellen Regisseur und Tricktechniker mit dem Sciencefiction GOLD (1934) her, wieder mit Hans Albers in der Hauptrolle.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 hat Ernst Kunstmann keine Schwierigkeiten, er arbeitet weiter vorrangig für die Universum Film AG (Ufa). Wie viele andere Kollegen arbeitet er bei TRIUMPH DES WILLENS (1935) von Leni Riefenstahl mit, steht später auch an der Kamera bei den zwei OLYMPIA-Filmen der Regisseurin. Als Kameramann und Techniker ist er an den unterschiedlichsten Produktionen beteiligt. Zum einen arbeitet er unter der Regie von Reinhold Schünzel bei den später verbotenen Film AMPHITRYON (1935), der als musikalische Komödie verkleidet über nationalsozialistische Führer lacht. Zum anderen setzt er in groß angelegten Propagandastreifen wie der Kulturfilm EWIGER WALD (1936), der die "Blut und Boden"-Ideologie der Nationalsozialisten bebildert, den deutschen Wald in Szene.

Ab Mitte der 30er Jahre erhält Ernst Kunstmann von der Produktionsfirma Tobis den Auftrag, eine Trickabteilung in deren Atelier in Berlin-Johannisthal aufzubauen. Hier realisiert er unter anderem gemeinsam mit dem Kameramann Fritz Maurischat die Modellaufnahmen für den anti-britischen Propagandafilm TITANIC (1943) unter der Regie von Herbert Selpin und Werner Klinger. In MÜNCHHAUSEN (1943) von Josef von Baky lässt er den Baron auf einer Kugel reiten. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges werden das Atelier und die Gesamtheit der Gerätschaften bei Bombenangriffen zerstört.

Nach 1945 ist Ernst Kunstmann zunächst im Althoff-Atelier in Potsdam-Babelsberg bei der Synchronisation sowjetischer Filme beschäftigt. Er stellt Titel her. 1947 wird er bei der DEFA festangestellt und hier in den 50er und 60er Jahren zu einem der führenden Techniker. Er stellt Modellaufnahmen für Filme von Wolfgang Staudte und Kurt Maetzig her. Große Erfolge werden seine Trickarbeiten für DEFA-Märchenfilme. In DAS KALTE HERZ (1950) von Paul Verhoven setzt er den riesenhaften Holländer-Michel mit dem kleinen Köhler Peter Munk ins Bild, bringt rote Herzen in der Schreckenskammer des Riesen zum pulsieren. Das Werk DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK (1953) von Wolfgang Staudte gilt tricktechnisch über Jahre als Maßstab für andere Märchenproduktionen. Hier sorgt Ernst Kunstmann für komische Zeitraffer-Aufnahmen oder schnell wachsende Eselsohren. Das Kunstmärchen DAS SINGENDE, KLINGENDE BÄUMCHEN (1957) von Francesco Stefani macht neben der Darstellung von Christel Bodenstein die Trickgestaltung und die Ausstattung zu etwas Besonderem: Ganz im Atelier gedreht verbreiten Tricks und Szenenbild einen märchenhaften, entrückten Zauber. In DAS FEUERZEUG (1959) von Siegfried Hartmann stehen auf einmal dem armen Soldaten nach Benutzung eines Feuerzeuges drei übergroße Hunde gegenüber.

Für drei Produktionen wird Ernst Kunstmann in den Westteil des Landes "ausgeliehen". Unter der Regie von Ladislao Vajda realisiert er die Tricks in dem Heinz Rühmann-Film EIN MANN GEHT DURCH DIE WAND (1959). Er ist ebenso an der internationalen Koproduktion HERRIN DER WELT (1960) unter Wilhelm Dieterle beteiligt. Bis Anfang der 60er Jahre ist er Leiter der Trickabteilung der DEFA. Eine seiner letzten Arbeiten wird der erste Sciencefiction der DEFA: DER SCHWEIGENDE STERN (1960) von Kurt Maetzig. 1963 scheidet er aus dem Studio aus, fungiert auch nicht mehr als Berater in technischen Fragen. Seine Schüler Kurt Marks und Erich Günther werden die führenden Tricktechniker der DEFA.

Die Familie Kunstmann lebt in Potsdam-Babelsberg. Seine Tochter, Vera Kunstmann, folgt dem Vater und arbeitet ebenfalls in der Trickabteilung der DEFA. Ernst Kunstmann stirbt am 30. Mai 1995 in Potsdam-Babelsberg.

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Autorin: Ines Walk
Stand: Dezember 2006
Diese Biografie ist mit der Förderung der DEFA-Stiftung entstanden.

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