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Lew Kuleschow

Lew Kuleschow
Regie, Drehbuch, Schnitt, Darsteller

* 01. Januar 1899
Tambov
† 29. März 1970
Moskau
Russland

LEW KULESCHOW • Biographie Seite 1/1

Lew Kuleschow gilt für viele Kritiker als Gründervater des russischen Films. In seiner Position als Regisseur, Produzent, Theoretiker und Lehrer an der ersten Staatlichen Filmhochschule inspiriert er eine Vielzahl nationaler und internationaler Filmemacher, von Sergej M. Eisenstein bis Wsewolod Pudowkin. Die Begeisterung für US-amerikanisches Kino findet sich, gepaart mit sowjetischen Themen und Motiven, in seiner Filmästhetik wieder.

Lew Wladimirowitsch Kuleschow wird am 13. Januar 1899 in der russischen Stadt Tambow als Sohn eines Künstlers geboren. Nachdem sein Vater 1910 verstirbt, zieht er gemeinsam mit seiner Mutter nach Moskau. Mit 15 Jahren studiert er an der Städtischen Kunsthochschule Malerei. Nach kurzer Anstellung als Illustrator bei einer Modezeitschrift, wird er 1916 Mitarbeiter bei den Moskauer Hazonkov-Filmstudios unter Leitung Alexander Chanschonkows. Dort arbeitet er als Bühnenbildner und Assistent, vorwiegend bei Produktionen Jewgenij Bauers, wobei er in einigen Filmen auch schauspielerisch tätig ist.

Schon zur damaligen Zeit beschäftigt er sich, unter anderem beeinflusst von amerikanischen Regisseuren wie David Wark Griffith oder Mack Sennett, mit der Entwicklung von Filmtheorien. Hierbei legt er sein Hauptaugenmerk auf die Montage. In einem Artikel von 1917 äußert er die These, dass einzeln aufgenommene Filmfragmente erst durch die richtige Montage zu einer rhythmisch logischen, stimmigen Sequenz werden. Somit liegt das Wesen eines Films, seiner Meinung nach, nicht innerhalb der einzelnen Bestandteile des Films sondern in der Verkettung des Gefilmten.

Seine Karriere als Regisseur beginnt nach dem Tod Jewgenij Bauers. Dessen begonnener Film ZA SCHASTEM (1917) kann mit Hilfe Lew Kuleschows fertig gestellt werden. Die melodramatische Detektivgeschichte DAS PROJEKT DES INGENIEURS PRIGH stellt sein erstes eigenes Filmprojekt als Regisseur dar. Aufnahmen, die ästhetisch an den frühen deutschen Expressionismus erinnern, als auch die Nutzung radikaler Montagetechniken machen den Film zu einem bedeutenden Werk der frühen russischen Filmgeschichte.

Die Veröffentlichung seiner ersten Filmtheorien geht zeitlich einher mit dem Ausbruch der Oktoberrevolution 1917. Während des Bürgerkrieges dreht der Filmemacher auf Seiten der Bolschewiki Wochenschaufilme und Dokumentationen wie beispielsweise AN DER ROTEN FRONT (1920). Nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen wird Lew Kuleschow 1919 zum Leiter der Ausbildungsabteilung an der ersten Staatlichen Filmhochschule Moskau (WGIK) berufen, und trägt großen Anteil an der Etablierung selbiger. 1920 gründet er an der WGIK einen Arbeitskreis für Filmschauspieler. Zu seinen Schülern zählen neben Alexandra Hohlova, zunächst engste Mitarbeiterin und seit 1956 Ehefrau des Filmemachers, auch Boris Barnet und Wsewolod Pudowkin.

Gemeinsam mit einer Gruppe befreundeter Filmkünstler entsteht eine Serie von Experimenten, die sie als "Film ohne Filme" betiteln. Die Idee ist aus der Not heraus geboren und dem Mangel an Filmmaterial geschuldet. Dennoch bilden diese Arbeiten das Grundgerüst für die theoretischen Gedanken des Filmemacher zum Film an sich. Es entsteht eine Grammatik der Filmmontage, wobei besonders der so genannte "Kuleschow-Effekt" berühmt wird. Eines der bahnbrechendsten Experimente der Filmgeschichte beruht auf der Annahme, dass die Bedeutung einer einzelnen Aufnahme erst im Kontext mit den anderen Filmfragmenten entsteht und der Darsteller lediglich als technisches Werk fungiert. Lew Kuleschow kombiniert in seinem Experiment die immer gleiche Portraitaufnahme des Schauspielers Iwan Mosjukin mit drei verschiedenen Folgeeinstellungen: einem Teller Suppe, einem Sarg mit Leichnam und einem kleinen Mädchen. Bei den zahlreichen Vorführungen der Einstellungsfolge sind die Zuschauer begeistert von dem Vermögen des Schauspielers, Gefühle wie Hunger, Trauer und Zuneigung auszudrücken. Es handelt sich dabei aber um Emotionen, die faktisch bei der Aufnahme nicht vorhanden sind. Da Lew Kuleschow der erste ist, der dieses Phänomen der Montage beschreibt, wird er auch nach ihm benannt: Über den Kuleschow-Effekt erfahren auch heute noch alle Schüler etwas über Montage. Die Originalunterlagen zu diesem und anderen Experimenten sind bis heute verschollen.

Des Weiteren produziert die Gruppe um den Regisseur eine Reihe von Filmen, die in der damaligen Zeit jeder gängigen Vorstellung von Filmästhetik widersprechen, unter heutigen Gesichtspunkten jedoch als wegweisend für die russische Filmgeschichte gelten. 1924 entsteht die exzentrische Satire DIE SELTSAMEN ABENTEUER DES MR. WEST IM LANDE DER BOLSCHEWIKI (1924), in der ein amerikanischer Geschäftsmann erstmals die Sowjetunion bereist. Im Laufe der abenteuerlichen Reise muss er sein klischeebehaftetes Bild über "den Sowjet" noch einmal überdenken. Aufgrund wilder Verfolgungsjagden und einer Vielzahl visueller Tricks wird der Film ein großer Erfolg in der Sowjetunion, löst in Regierungskreisen jedoch herbe Kritik aus. Im Allgemeinen wird staatlicherseits oft bemängelt, dass sich Lew Kuleschow nicht genügend für die sowjetische Ideen in Form von Propagandafilmen einsetzt.

Sein Einfluss auf junge sowjetische Filmemacher ist dennoch enorm. Es ist einer von Lew Kuleschows Filmworkshops im Jahre 1923, bei dem der heute berühmte Regisseur Sergej M. Eisenstein erstmals mit dem Filmmedium in Verbindung kommt. Trotz zum Teil erheblicher Auffassungsunterschiede, vor allem in Hinblick auf die Montage, nennt er seinen damaligen Lehrer bis in die Gegenwart als große Einflussquelle. Auch seine Filme haben Gewicht und seine Experimentierfreude bringt ihm die Verehrung junger Filmemacher ein. Extravaganz und fehlende soziale Relevanz, so lautet allerdings die staatliche Kritik an DER TODESSTRAHL (1925), dem nachfolgenden Film der Gruppe um Lew Kuleschow. Der Focus des Science Fiction-Abenteuers liegt auf Spielereien und visuellen Tricks sowie dem Versuch, das Potenzial der Schauspieler herauszustellen.

Erst nach anderthalb Jahren ist es Lew Kuleschow von Regierungsseite wieder gestattet, einen Film zu drehen. Jedoch erhält er nur wenig Geld für die Produktion. NACH DEM GESETZ (1926) ist die Verfilmung eines Romans von Jack London und gilt als billigster Spielfilm der sowjetischen Filmgeschichte. In dem Drama sind zwei Menschen auf unbestimmte Zeit dazu gezwungen, mit einem Mörder zusammen zu leben, bis sie sich zur Selbstjustiz entscheiden. NACH DEM GESETZ (1926) ist vielleicht Lew Kuleschows berühmtester Spielfilm; er wird sowohl in der UdSSR als auch in Europa ein großer Erfolg.

Sein vorerst letztes Filmprojekt und zugleich sein erster Tonfilm ist WELIKI UTESCHITEL (1933), eine biografische Studie über den amerikanischen Schriftsteller O. Henry. Nach diesem Film wird er von der russischen Regierung des Formalismus beschuldigt. Das liegt weniger an dem Werk selbst, als am wiederholten Bedrängen durch politisch Verantwortliche, die ihn zum Dreh von agitatorischen Propagandafilmen zwingen wollen. Lew Kuleschow lehnt immer wieder ab, woraus er letztlich die Konsequenzen ziehen muss. Erst 1940 wird dem Filmemacher gestattet, seiner Tätigkeit als Regisseur wieder nachzugehen. Es entstehen Filme wie DER SCHWUR DES TIMUR (1942) oder MY S URALA (1943), welche an seinen vormaligen Erfolgen nicht anknüpfen können. 1944 wird Lew Kuleschow zum Direktor der Moskauer Filmhochschule ernannt, an der er bis zu seinem Tod unterrichtet.

Er stirbt am 29. März 1970 in Moskau.

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Melanie Giertz / Stand Dezember 2007

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