| Regie | Steve McQueen |
| Kinostart | 01.03.2012 |
Frédéric Jaeger vergleicht SHAME kurz mit HUNGER (2008) (
). Ersterer "ist zwar formal weniger streng angelegt, birst aber wieder an vielen Stellen vor millimetergenau durchkomponierten Bildern und trifft erneut ins Herz menschlicher Fragen nach Körper und Freiheit in unserer Gesellschaft. Der Film begleitet einen weiter, auch nach dem Schluss. Die existenzielle Scham überträgt sich auf den Zuschauer, aber nicht als Ergebnis, sondern als Prozess mit offenem Ende."
Philipp Stroh schreibt: "Mit bedrückender Musik und aufmerksamer Bildsprache erweist sich SHAME (
) als zunächst etwas nichtssagende, schließlich tragische Momentaufnahme zweier im Großstadt-Moloch verlorener Seelen. Nach einigen originellen Ansätzen klopfen die Klischees am Ende ein bisschen zu laut an."
Nikolaus Perneczky schreibt: "So stark und selbstsicher SHAME (
) mitunter darin ist, die punktuellen Intensitäten mitzuteilen, für die Brandon lebt oder doch vegetiert - neben seinen Eskapaden erwähnenswert ist ein nächtlicher Lauf durch Manhattan zur hingebungsvoll mitgesummten Bach-Einspielung Glenn Goulds -, so wenig überzeugt der Film in seiner übergeordneten Ambition, einen gültigen Kommentar zur Wohlstandspathologie der Stunde abzugeben: Brandon ist, Cosmo-Leser wissen es längst, ein sex addict."
Zumindest macht der Film Appetit auf mehr Michael Fassbender, meint Peter Claus. Steve McQueen will vielleicht über die Probleme nachdenken, die eine mehr und mehr alle Sexualität zur Ware degradierende Gesellschaft befallen. Leider bleibt er dabei im Ansatz stecken, so beeindruckend die kalte Ästhetik des Films auch ist."
"Das SHAME (
) trotzdem mitzureißen vermag, liegt einzig und allein an Michael Fassbender. Alleine mit seinen Augen gibt er dem langsamen Abgleiten, der unaufhaltsamen Dekonstruktion der einzig lebendigen Person im Film eine beeindruckende Gegenwart, die alle anderen Schwächen fast vergessen macht."
Das Meisterliche von SHAME (
) liegt laut Günter H. Jekubzik "in seiner Vielschichtigkeit und Offenheit: Er lässt sich nicht auf diese Grundzüge reduzieren, Gedanken über die Zukunft von Körperlichkeit in zunehmend digitalisierten Gesellschaften kommen unweigerlich auf."
SHAME (
) entwickelt keine allzu offensichtlichen subversiven Töne, schreibt Lutz Granert. "Er ist zu stark einem Drehbuch ausgeliefert, das sich insbesondere im letzten Viertel zu sehr in gängigen dramaturgischen Konventionen verliert. Der Versuch einer Wandlung der von Michael Fassbender grandios wie auf den Punkt gespielten Hauptfigur schlägt um in einen extremen „Rückschlag“, der Konflikt wird spannungsgeladen zugespitzt, um vorhersehbar aufgelöst zu werden. Das ist etwas schade, geht doch damit die Strenge verloren, mit der Steve McQueen bis dahin inszenierte."
"Was ist Scham?" fragt sich Moritz Pfeifer. "Scham ist die Angst vor der von der Welt gesehenen Wahrheit des entblößten Selbst. Brandon meint, so leben zu müssen wie im Porno. Er möchte selbst ein Abbild werden. Das Abbild erregt, denn es erfüllt in ihm die Vorstellung, von der er glaubt, daß andere sie sich von ihm machen. In der Empfindung über das Abbild äußert sich die Reaktion, die er über dieser Bedrohung aufbaut. Die Empfindung über das Abbild zeugt ein neues Abbild, indem es den Glauben an die Perfektion verfestigt, und dem Verräter Recht gibt, der das Abbild von innen sabotiert."
SHAME (
) ist eine grandiose Suchtstudie, urteilt Jan Schulz-Ojala und lobt ihn als "Wechsel zwischen konzentrierter Augenblicksfokussierung und Rasanz".
Laut David Leuenberger ist SHAME (
) ganz und gar Michael Fassbenders Film. "Er ist praktisch ununterbrochen auf der Leinwand zu sehen. Sean Bobbitts brillante Kamera folgt ihm überall (sogar bis auf die Toilette). Eigentlich liefert Fassbender eine Oscar-verdächtige Rolle, aber NC-17-Filme haben es nunmal in den USA etwas schwer. Dass SHAME (
) ein so hochkonzentriertes Psychogramm einer Person ist, stellt sowohl seine Stärke wie auch seine Schwäche dar. Die anderen Charaktere sind praktisch nur Staffierung in einem zu einer Art Brandonville stilisierten New York. Dies wird besonders bei der Marianne-Figur deutlich, die tatsächlich ausschließlich der Vorantreibung von Brandons seelischen Konflikten dient. Schauspielerisch reichen die drei Nebendarsteller zu keinem Zeitpunkt an Fassbender heran. Besonders Carey Mulligan irritiert während ihrer ersten Szenen durch Overacting."
Harald Mühlbeyer schreibt: "SHAME (
) ist schonungslos, mit sich, mit dem Zuschauer, doch es fehlen Entwicklung in Charakteren und Konflikt. In der andauernden Selbstverachtung Brandons liegt der stete implizite Ausdruck einer Film-Moral: Alles ist darauf angelegt, den Zuschauer zu verstören, ihm ein (negatives) Urteil zu suggerieren. Als könnte er bei der ständigen mechanisch vollführten Triebabfuhr einer einsamen Existenz nicht selbst entscheiden, wie erstrebenswert ein solches Leben ist."
Luitgard Koch lobt den Regisseur Steve McQueen. "Seine kühlen Bilder eines leeren, gefühlskalten Lebens, die dennoch wohlkomponiert sind verraten seine große Stilsicherheit. Sein Faible für lange Einstellungen in Schlüsselszenen zahlt sich nach HUNGER einmal mehr aus.... Auch seine Figuren, wurden zu deformierten, schmerzerfüllten Kreaturen, auf der Suche nach Freiheit und Identität."
Anke Westphal sah "ein Psychodrama, in dem sich Bedürftigkeit und Zurückweisung, Manipulation und Analyse fatal stützen. SHAME (
) vermag seine kalte Spannung nicht immer zu halten, doch Michael Fassbender ist - in seiner zweiten Festival-Rolle nach C.G. Jung - ein Favorit für den Darstellerpreis."
Christiane Peitz hat selten so "freudlosen Sex im Kino gesehen, forcierten, hektischen, vergeblichen Sex als Ausdruck einer existenziellen Verzweiflung und emotionalen Impotenz, deren Ursprung in der offenbar schrecklichen Kindheit von Steve McQueen klugerweise ausgespart wird."
Susanne Ostwald ist begeistert von der schauspielerischen Glanzleistungen des Hauptdarstellers und Carey Mulligans. Beide "treten durch die weitgehend statischen Tableaus der nüchternen Filmbilder stark in den Vordergrund. Steve McQueens zweiter Film ist eine eindringliche Studie über Einsamkeit und schleichende Verzweiflung, die den Wettbewerb der Mostra enorm bereichert hat."
Peter Claus lobt den Regisseur. Er "gibt den zwei Schauspielern erfreulich viel Raum und Zeit zur Entfaltung. Leider aber verlässt er sich fast ausschließlich auf deren enorme Wirkung und auf die daraus resultierende Atmosphäre, die von der kühlen, oft fast aseptisch anmutenden Ausstattung noch verstärkt wird. Die Momentaufnahmen aus dem Alltag eines Computersex-Süchtigen vereinen sich nicht zu einer wirklich spannenden Story. Hier wäre es ausnahmsweise einmal gut gewesen, wenn ein paar Anstrengungen mehr unternommen worden wären."