| Regie | Nuri Bilge Ceylan |
| Kinostart | 19.01.2012 |
Nino Klingler sah mit ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA (
) von Nuri Bilge Ceylan ein filmisches Statement, ist die radikale und gewagte Neuerfindung eines Regisseurs. "Der Regisseur dreht seiner Heimatstadt den Rücken zu, und damit auch dem Forschen nach der "widersprüchlichen" oder "zerrissenen" türkischen Identität, das sich bei ihm meist aus der Entfremdung intellektuell-verwestlichter Hauptfiguren von den Wirrnissen des orientalen Lebens speiste. Zwar ist der Doktor hier auch so ein rationaler Zweifler, aber es gibt bei ihm keinen Bezug mehr zu irgendeinem kulturellen "Außen". Die Widersprüche und Zwiste kommen allein aus Anatolien selbst. Und die werden, ganz anders als in Ceylans letzten Filmen, ziemlich kleinteilig ausdiskutiert."
Oliver Heilwagen vergleicht: "In ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA (
) wird sehr viel geredet. Aber nur zusammenhanglos, haltlos subjektiv und damit uneigentlich: Die wirkliche Geschichte erzählen einzig die Bilder in langen, doch niemals statischen oder langweiligen Einstellungen. Mit dieser Struktur ähnelt der Film den Dramen von Tschechow: In ihnen hört gleichfalls das Gerede nimmermehr auf. Ihre Protagonisten palavern über Gott und die Welt und verfehlen dabei stets das Wesentliche. Nur der Zuschauer an seinem archimedischen Punkt jenseits allen Geschehens kann das zwischen den Zeilen Ungesagte heraushören. Und ihm dadurch einen Sinn ablauschen, der das Bewusstsein aller Beteiligten übersteigt."
"Obwohl ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA (
) vordergründig als Krimi oder Road-Movie dramaturgisch aufgebaut ist, steht im Mittelpunkt von Nuri Bilge Ceylans Spielfilm eigentlich die Milieubeschreibung", entdeckte José García. "Trotz der ausgesucht schönen Bilder der anatolischen Landschaft, auch und insbesondere der Nachtaufnahmen, von Kameramann Gökhan Tiryaki besitzt dieses Gesellschaftsporträt einen universellen Charakter. Ceylans Bild der „conditio humana“ lässt etliche Rätsel bewusst ungelöst."
Günter H. Jekubzik lobt: "Ceylans erstaunlicher Film verlangsamt auf den Rhythmus des Lebens, so dass man in diesem Kammerspiel-Road-Movie fast den einzelnen Herzschlag spürt. Eine intensive Stimmung gräbt sich tief in den Zuschauer ein, vielschichtig und nachhaltig wie das Werk selbst, das 2011 in Cannes ex-aequo mit „Le gamin au vélo" den Grand-Prix erhielt."
Die Handlung erscheint laut Günter H. Jekubzik "in der ersten Hälfte bodenständig banal, aber immer wieder zeigen einzelne Einstellungen mit in extremer Tiefe und Weite wie gemalten Dörfern und Bergen die große Kompositionskunst des Fotografen und Regisseurs Nuri Bilge Ceylan. Der zeitweise spröde wirkende Film lohnt das geduldige Zuschauen: Eine intensive Stimmung gräbt sich tief in den Zuschauer ein, vielschichtig und nachhaltig wie das Werk selbst."
"Einzige Sounduntermalung ist hier das Donnergrollen oder gelegentliches Gedudel aus dem Autoradio. Dies und die schwerfällige Art der Inszenierung machen den Film zu einem schwer geniessbaren, wenig massenkompatiblen Werk. Gerade in dieser Langatmigkeit liegt aber auch seine grösste Stärke und Faszination. Selbst wenn man sich während der zweieinhalb Stunden Spielzeit zumindest bei der einen oder anderen Szene einen resoluteren Cutter gewünscht hätte."
"Faszinierend ist vor allem das Gefühl, dabei zu sein. Mit seinen schönen, dunklen Bildern erinnert der Film an die früheren Werke Nuri Bilge Ceylans, mehr noch aber als diese erzeugt er die Verbindung zu den Figuren dadurch, dass er einen einfach in ihre Gesellschaft stellt. Als Identifikationsfigur entpuppt sich schliesslich der Arzt, der als humaner Skeptiker immer mehr zu einer Art Maigret-Figur wird."
ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA - Offizielle Website (englisch)
ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA - imdb.com