| Regie | Aki Kaurismäki |
| Kinostart | 08.09.2011 |
"Finnland ist überall", meint José García "Die geradezu statischen Einstellungen des Kameramanns Timo Salminen, der seit jeher Kaurismäkis Filme fotografiert, die kräftigen Farben etwa der blauen Wände und der roten Tür in einer Wohnung sowie der Soundtrack, zu dem wie gewohnt Carlos Gardels Tangos gehören, unterstreichen die Geschlossenheit der Filmwelt Aki Kaurismäkis, ob diese nun in Finnland oder woanders angesiedelt ist."
Peter Claus lobt die Schauspieler und das Drehbuch, besonders aber die Kamera. "Und dann die visuelle Gestaltung! Jedes Bild wirkt wie gemalt. Durch eine große Tiefenschärfe haben alle Szenen eine reizvolle Vielschichtigkeit. Man wähnt sich schon bald nach Filmbeginn in einem Traum. Und das, obwohl Kaurismäki auf manipulierenden Musikeinsatz verzichtet. Hier dröhnen keine Akkorde, schluchzen nie die Saiteninstrumente, wird Gefühl nicht durch Klangteppiche vorgetäuscht. Herrlich!"
Oliver Heilwagen war berührt. "Dieses extrem stilisierte Sozialmärchen mutet keine Sekunde lang konstruiert an. Mit lauter schrägen Wendungen schildert es selbstlose Solidarität als das Natürlichste der Welt. Das ist Kaurismäkis Kunst: als Vision zu schön, um wahr zu sein."
Michael Schleeh sah einen Mix der Jahrzehnte. "Aki Kaurismäkis jüngster Film scheint wie aus der Zeit gefallen: Die Ausstattung und die Dekors lassen an die 60er Jahre denken, was ihm in seinem stilisierten Reduktionismus einen außerweltlichen, enthobenen Schauplatz verleiht. Der Plot um das Flüchtlingsdrama eines afrikanischen Jungen jedoch, der ist hoch aktuell."
Lida Bach sah eine fabulierte Seelenreise. "Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Mit so viel Menschlichkeit und ebenso viel Einfalt inszeniert ist LE HAVRE (
). Was der lakonischen Parabel den Charme des Skurrilen verleiht, ist zugleich ihre cineastische Crux."
Günter H. Jekubzik ist durchaus angetan, auch wenn etwas fehlt. "Die Dialoge sind Poesie, die Bilder in ihren reinen Farben herrliche Retro-Orgien, da bleibt sich der wortkarge Finne treu. Was fehlt ist die auch bekannte Melancholie des Finnen, der wie seine Figuren wohl immer ein Glas zuviel trinkt. Sie hat der frische Atlantikwind weggeweht. Es bleibt eine Perle von Film, ein in lakonischer Reduktion erstrahlendes Meisterstück."
Peter Claus bringt seine Begeisterung in einem Satz zum Ausdruck. "Kaurismäki vereint hohen Kunstanspruch und leichtfüßige Unterhaltung mit einem Können, das weit und breit seinesgleichen sucht."
LE HAVRE (
) ist laut Jan Schulz-Ojala ein "zartes, heiteres, anrührendes Retro-Märchen, in dem sogar die Polizei in uralten Renaults 16 heranwackelt. Ein Film voll guter Menschen, aber kein Gutmenschenfilm: Kein Wunder, dass das von apokalyptischen Visionen reichlich heimgesuchte Publikum in Cannes zur Abwechslung auf das Dankbarste applaudiert."
LE HAVRE (
) ist für Dominik Kamalzadeh "eine humanistische Moritat, die wahlweise den Geist von Charles Chaplin oder Marcel Carné verströmt und den typischen slow burn-Humor Kaurismäkis mit einem melodramatischen Grundton nahezu perfekt verschränkt. Ungewöhnlich milde, ja sanft optimistisch erscheint hier der Blick des Regisseurs auf seine Figuren, die ein guter Weltgeist vor Denunziation, staatlicher Gewalt und gröberen Schicksalsschlägen bewahrt. Stilistisch kontrolliert Kaurismäki dabei eindrucksvoll seine Ausdrucksmittel, ohne eine klare Haltung zur Gegenwart aufzugeben."
So einfach die Geschichte, so unverfroren mancher Einfall der Inszenierung, findet Josef Lederle. "Einmal erklärt Marx sich kurzerhand zum Onkel des Jungen, wobei er seine weiße Hautfarbe mit dem Hinweis kaschiert, dass er der Albino der Familie sei; ein andermal topt Aki Kaurismäki seinen lakonische Reduktionsmus, in dem er mit einer einzigen exotischen Ananas die Tristesse einer Hafenkneipe konterkariert. Aki Kaurismäkis statuarischer Minimalismus treibt in LE HAVRE (
) neue Blüten, wobei der melancholische Grundton früherer Filme von einer lichteren Atmosphäre durchwoben ist, die Platz für Träume und ein wunderbares Happy End lässt."
"Natürlich ist dieser Film so etwas wie ein Märchen, kein akribisch recherchierter Reißer zur Flüchtlingsproblematik. Dazu passen auch der irgendwie zeitlose Look mit den alten Autos und die glücklichen Fügungen, die bei diesem Film zuhauf eintreffen. Aber es ist ein Märchen über Mitgefühl und Menschlichkeit, das überall spielen könnte. Oder, wie Aki Kaurismäki meint, fast überall."
Lars-Olav Beier schaut in die Zukunft. Die Zuschauer werden sich "vielleicht doch etwas an der Willkür stoßen, mit der Aki Kaurismäki der von Kati Outinen gespielten Todkranken eine Wunderheilung zuteil werden lässt. Sie werden sich vielleicht auch fragen, was es bringt, wenn Aki Kaurismäki durch Kostüme und Ausstattung ständig auf die Filme Jean-Pierre Melvilles verweist, und warum man bei ihm die Uhr danach stellen kann, dass irgendwann der Auftritt einer Band die Handlung unterbricht."
LE HAVRE (
) hätte laut Anke Westphal "ein Drama werden können, aber Aki Kaurismäki macht eine seiner besten Komödien aus dem Stoff und reichert sie sehr bewusst mit märchenhaften Zügen an. Eine starke inszenatorische Spannung erwächst daraus, dass die Handlung einerseits durch die typische kaurismäkische Farbgebung und Lichtsetzung, Milieugestaltung und Tonlage in einer schwer bestimmbaren Vergangenheit angesiedelt scheint, andererseits aber präzise in der Gegenwart verortet wird - etwa wenn der Regisseur Dokumentaraufnahmen einmontiert, die zeigen, wie der französische Staat Zeltlager von Illegalen räumen ließ."
Christiane Peitz schreibt: "Ein Stück Finnland in der Normandie, ein Stück irdisches Glück nach all dem himmlischen Streben. Und ein Plädoyer für mehr Brüderlichkeit. Wobei es um Freiheit und Gleichheit heutzutage auch nicht gut bestellt ist, in ganz Europa nicht, betont Aki Kaurismäki in Cannes. Er verrät auch gerne noch mal, dass er sich beim Drehen aus antikapitalistischen Gründen auf einen Take pro Szene beschränkt, maximal leistet er sich zwei."
Trotz dem hochaktuellen Thema, das vor dem Hintergrund der derzeitigen Flüchtlingsströme aus Nordafrika zusätzliche Brisanz erhalten hat, ist LE HAVRE (
) laut Susanne Ostwald "doch ein altmodisch-nostalgischer Film, wie man es von dem finnischen Regisseur gewohnt ist: warmherzig und schräg, aber ohne grosse Varianz seiner bekannten Tonlage. Eine künstlerische Weiterentwicklung ist nicht erkennbar."
"Aki Kaurismäki spielt hier mit den Elementen seiner früheren Filme wie ein Comic-Künstler. Es sind die wiederkehrenden Elemente und ihre Freistellung, welche dem Film seine Würze geben. Es sind nicht nur die Motive und die reduzierte, stilisierte Sprechweise. Mehr noch sind es die Schnitte, die unüberraschend überraschenden Momente, kombiniert mit dem Heimatgefühl, das die Farbgestaltung und das Licht aufkommen lassen. Neu sind aber auch sprachliche Finessen."