| Regie | Markus Schleinzer |
| Kinostart | 26.01.2012 |
Gerade dadurch, dass MICHAEL (2011) (
) weder moralisiert noch psychologisiert, dass er keine offensichtliche Erklärung anbietet, keine Rückblenden einer mitleiderregenden Kindheit instrumentalisiert, also letztlich keine Anzeichen für eine Unzurechnungsfähigkeit oder verminderte Schuldfähigkeit bietet, bleibt der Film bis zuletzt so unbehaglich, bilanziert Carsten Happe.
Peter Claus lobt den Regisseur. "Das Psychogramm eines Täters und eines Opfers werden nicht gegeneinander ausgespielt. Eine griffige Aburteilung, schnelles Moral-Verteilen, Punktevergaben bleiben aus. Das provoziert. Als Zuschauer ist man gezwungen, auch wenn es einen noch so schmerzt, über Möglichkeiten und Grenzen der Gesellschaft zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch nachzudenken und einen eigenen Standpunkt zu beziehen."
Ein nüchterner Film, schreibt Günter H. Jekubzik. "Die Banalität des Kinderschändens eines Versicherungs-Kaufmannes zeigt sich als Tristesse eines unreifen Menschen, der missbraucht, wie er Weihnachten feiert oder fernsieht. Zu Recht meint Schleinzer, „eine Gesellschaft kann nur so weit entwickelt sein, wie sie auch in der Lage ist, sich mit ihren Tätern auseinanderzusetzen." Ob seine nüchterne, kühle Auseinandersetzung allerdings weiter führt, ist fraglich."
Regisseur Markus Schleinzer interessiert sich für die äußerliche Banalität der Täter, fand Michael Meyns heraus. "Psychologisiert wird in MICHAEL (2011) (
) dankenswerterweise kaum, stattdessen schafft es Schleinzer mit seinem erbarmungslos präzisen Blick auf die Welt des Täters, vor allem aber auch der Welt, die ihn umgibt, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der solche Taten überhaupt erst möglich werden. Das ist in seiner perfiden Banalität bisweilen schwer zu ertragen, in seiner konsequenten Haltung aber ein absolut bemerkenswerter Film."
"Schleinzer versucht vielleicht, das „Monster“ als „Mensch“ zu zeigen und er zeigt die Beziehung zwischen Mann und Kind auch als etwas sehr Ambivalentes. Gegen Ende nimmt die Dynamik einen vielleicht auch eher unerwarteten Lauf an – ein Film, der sich tiefer einprägt als jede Fritzl oder Dutroux Meldung. Wieviel das dem jeweiligen Filmfreund „wert“ ist, bleibt höchst subjektiv, festzuhalten ist in jedem Fall, dass MICHAEL (2011) (
) trotz bekannter Stilmittel (wie stiller bis ruhiger Kamera und einer bekannt „strengen Inszenierung“) ein herausragendes Werk ist."
Andreas Borcholte stellt fest: "Allzu offensichtlich steuert das erschreckend eingespielte Leben im Perversen auf eine erlösende Katastrophe zu, doch Markus Schleinzer schafft es, den Horror subtil zu dosieren. Der sexuelle Akt zwischen Michael und Wolfgang wird dem Zuschauer erspart, er muss dafür aber mit den Bildern in seinem Kopf klarkommen. Ohne emotionalisierende Musik und mit distanziert wirkenden, enervierend unprätentiösen Bildern verlässt sich Schleinzer ganz auf seinen mutigen Hauptdarsteller Michael Fuith, der den Kinderschänder mit wenigen Mitteln so ausdifferenziert, dass man ihn mitleidlos verachtet, aber dennoch nicht als Monster verdammt - ein konzentrierter, kluger, überlegter und kontroverser Film."
Der Film will erst einmal verkraftet sein, schreibt Cristina Nord. "Darf man das überhaupt, einen pädophilen Mann in den Mittelpunkt eines Filmes rücken und dessen Handlungen mit kühlem, detailversessenen Blick verzeichnen? Und dürfen in so einem Film Elemente des Thrillers auftauchen, darf leise das Echo der schwarzen Komödie hallen? Markus Schleinzer gelingen einige dichte Szenen, er beobachtet genau."
"Ob das nun grosse Kunst ist, reine Methodik, oder gar einfach präzise Fleissarbeit, mag ich jetzt, knapp Dreiviertelstunden nach dem Film, nicht entscheiden. Erschütternd ist aber unzweifelhaft, wie der Film zu seinem Ende kommt, wie er einmal mehr nichts dem Zufall oder dem Zweifel oder der Mehrdeutigkeit überlässt, und dabei nicht mit Bildern aufhört, sondern mit einer Schwarzblende, die wie ein Schrei über den Saal kommt."
Dominik Kamalzadeh schreibt über den Regisseur: "Mit MICHAEL (2011) (
) stellt er sich in die Tradition eines österreichischen Milieurealismus, der soziale Defekte mit unerbittlicher Strenge aufzeigt. Es gibt hier keine übergeordnete moralische Autorität, was wohl für die größten Irritationen sorgen wird. Markus Schleinzer beweist hier eine Genauigkeit in Zugang und Umsetzung, die man gerade bei so gewichtigen Themen eher selten sieht."
Christoph Huber schaut auf die Darsteller. "Michael Fuith brilliert in der Titelrolle als Durchschnittstyp, der nach außen ganz normal, ja regelrecht langweilig wirkt und hinter den Rollläden seines Hauses ein schreckliches Geheimnis verbirgt: Ein Schauspielerpreis für diese völlig uneitle Interpretation wäre angemessen. In dem Kinderdarsteller David Rauchenberger findet sich ein bemerkenswertes Gegenüber. Michael erzählt die letzten fünf Monate der Gefangenschaft – Rauchenberger stattet die Figur mit einer wachsenden Widerstandsfähigkeit aus, die für Hoffnung im schockierenden Szenario sorgt."