| Regie | Pepe Danquart |
| Kinostart | 19.05.2011 |
Der Zuschauer kommt in JOSCHKA UND HERR FISCHER (
) nicht zu kurz, meint Thorsten Funke. "Dennoch werden die 140 Minuten (fast) nie langweilig, sondern funktionieren recht gut als unterhaltsame Zeitreise. Es fängt an in der miefigen Adenauerzeit, wird bald überblendet mit den ersten Rock-’n’-Roll-Klängen und dem Club Voltaire in Frankfurt. Dazu die Arbeit bei Opel und der gescheiterte Versuch, die Arbeiter zu bekehren, und die Vorlesungen bei Adorno, ohne Abitur."
Michael Kohler fragt sich, warum der Regisseur alle aktuellen Fragen außen vor gelassen hat. "Seltsam, denn mit seinem Kuschelkurs tut Danquart niemandem einen Gefallen: Sich selbst nicht, dem Publikum nicht und auch nicht Joschka Fischer, der, wie das einzige ausführliche Filmdokument – seine Rede auf dem Grünen-Parteitag zum Jugoslawien-Krieg – eindrucksvoll belegt, immer dann zu großer Form fand, wenn er sich an Gegnern reiben konnte."
Auch Christina Bylow fragt sich, warum es nur um die Vergangenheit geht. "Der Regisseur Pepe Danquart schenkt sich die Gegenwart. Sein Fischer ist ein Mann von gestern und vorgestern. Was Joschka Fischer heute treibt und was ihn antreibt, wollte er nicht wissen. Oder wollte Fischer nicht darüber sprechen?"
Martina Knoben sagt: "Was aussieht wie eine Mischung aus Geschichtswerkstatt und psychoanalytischer Folterkammer, entpuppt sich als Kellerbühne der deutschen Linken, auf der sich die Spontis Fischer und Danquart in ihren Lebenswegen - die so unterschiedlich nicht sind - gegenseitig bestätigen."
Jörn-Jakob Surkemper sagt, dass Regisseur Pepe Danquart eine große Nähe zu dem Thema der Doku und zu dem Protagonisten Joschka Fischer hat, so dass dieser keinerlei Kritik erwarten muss. "Danquart will sich aber auch gar nicht als neutraler Vermittler begreifen: „Ich habe noch nie Sinn darin gesehen, zu jeder Position auch eine Gegenseite zu Wort kommen zu lassen, um Ausgewogenheit zu simulieren. Ich bin gegen diese fadenscheinige Behauptung von Objektivität."
Dietrich Kuhlbrodt sah einen Joschka Fischer, der sich überall ein Stück hineinbewegt, aber sich eigentlich doch überall raushält. "Fischers Selbstdarstellung entspricht ganz dem Bild eines seriösen Seniorchefs, zum Beispiel der Beraterfirma Joschka Fischer & Company GmbH."
Der Film setzt laut Ulrich Kriest "einiges an gemeinsamen Erfahrungen voraus und will zudem keine konventionelle "Talking Heads"-Dokumentation sein, sondern – wie in einer psychoanalytische Sitzung ohne aufklärerischen Anspruch – Herrn Fischer sein Leben selbst erzählen lassen. Das ist nur eine bedingt gute Idee, denn einerseits ist Herr Fischer ein routinierter Meister der biografischen Selbstauskunft, andererseits scheint das kleine Sponti-Flämmchen zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen erloschen. So erklärt Fischer mit staatsmännischer Geste, was Joschka einst angefochten haben mag."
Margret Köhler sah ein packendes Doku-Highlight. "Es gibt witzige und dramatische Momente, Augenblicke des Erfolgs und der Niederlage eines gewieften Machtpolitikers, der sich an seiner Partei "erschöpfte" und versuchte, sich selbst treu zu bleiben. Ein provozierendes Alpha-Tier, das Mäuschen-Männern Angst macht und sich nicht um einen guten Eindruck schert. Der packende Geschichtsunterricht mit einer polarisierenden Persönlichkeit ist ein Highlight Dokumentarfilmschaffens. Besser geht's nicht."
Simon Rothöhler schreibt: "Pete Danquardt montiert Fischers druckreif über den Brillenrand hinweg formulierte Selbstverleugnungen (wenn man es ihm positiv auslegen will) dann brav zu einem zähen Reigen, zu einem Promo-Streifen, der eine "bürgerliche Konsolidierung" belegen soll. Grün-Schwarz mit Vizekanzler Nobbi Röttgen wäre ja auch eine Option, die 8% Unions-Vorsprung kann man noch aufholen. Am Set stand offenbar niemand, der mal kurz ein "I'm not convinced" in die Runde hätte werfen können. Einmal sagt Fischer: "Ich glaube, meine Mutter hat mich nie gewählt." Wie sich die Zeiten ändern."
Alexandra Horn ist durchaus angetan. "Jenseits der TV-Ästhetik von Blue-Screen und Reenactment hat Pepe Danquart eine kinotaugliche Form entwickelt, bei der der Zeitzeuge in den Bildern der Zeit von der Zeit spricht. Der fließende Übergang der Bilder und Kommentare vom On ins Off erzeugt wenig Brüche oder Pausen und läßt den Zuschauer in die Geschichte eintauchen, weckt eigene Erinnerungen und Emotionen. Im Gegensatz zur Videokunst z.B. eines Omer Fast hat Pepe Danquart kein Interesse daran, durch den Schnitt die scheinbare Geschlossenheit von Erzählungen aufzubrechen und die Konstruiertheit von Geschichte(n) und Erinnerung aufzuzeigen."
Dietrich Kuhlbrodt ist enttäuscht. "Die Dramaturgie des langen Films enthält keine Überraschungen. Eine Chronologie deutscher Zeitgeschichte, bezeugt von JOSCHKA UND HERR FISCHER (
). Keiner redet dazwischen, kein Kommentar, keine Nachfragen, keine Kritik. Fischer hat den Film autorisiert. Was der Film hinzutut, ist anspruchsvolle ästhetische Gestaltung. Eingemischt ist die Musik der jeweiligen Jugendkultur, die Fehlfarben etwa, und die kommen als alte Herren auch zu Wort. Hierfür hat der Film diverse Einschübe vorgesehen. Und immer wieder hat Cohn-Bendit was zu sagen."
Luitgard Koch meint: "Dramaturgisch weitgehend eingängig aufeinander aufgebaut fesselt die exzellente Montage des Bild- und Tonmaterials. Genial verschränken stimmige Schnittfolgen die spannende Collage. Cutter Toni Froschammer leistete hier Großartiges. Nicht zuletzt das Sounddesign vermittelt wunderbar den jeweiligen Zeitgeist. Freilich erreicht der visuelle Ritt durch die Geschichte, trotz aller Finesse, nicht das Niveau des legendären Dokumentarfilms WHEN WE WERE KINGS über Boxweltmeister Muhammed Ali, auch wenn Regisseur Pepe Danquart sein Werk damit vergleicht."
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