| Regie | Lars von Trier |
| Kinostart | 06.10.2011 |
Ciprian David fragt sich, warum von Trier so weit ausholen musste "warum er einen Planeten auf die Erde zurasen lassen musste, um die Transition von Depression zur Melancholie zu schildern. Das Kosmische ist gleichzeitig die ironische Antwort auf die großen Erwartungen, die ein Publikum an einen großen Regisseur stellen kann, so wie die Hochzeit von Justine (Kirsten Dunst, Silberne Palme) die ironische Antwort auf Das Fest ist und dessen filmische Fortführung, integriert im Diskurs des eigenen Werks."
Frédéric Jaeger schaut genau auf die Bilder. "Wenn sie etwas können, dann ist es eine Vergangenheit und Rohheit zu evozieren, die maßgeblich durchs Kino geschaffen wurde. In die Erinnerung gräbt sich indes ungleich stärker der zweite Teil ein, der in elegischen Tableaus den Untergang zelebriert. Wie ein langsam den Raum von MELANCHOLIA (
) übernehmendes Gift schleicht sich die Manie von Justine in den Mikrokosmos der sie umgebenden Welt ein. Ein willkommenes Gift der privaten Apokalypse – wie weit es reicht, ist die Frage, mit der der Film einen entlässt."
Peter Claus hat nach dem Sinn von MELANCHOLIA (
) gesucht. "Comedy wird nicht geboten, keine leichte Kost. Aber Lars von Trier, so kann man deuten, bietet durchaus eine Lesart an, die auf heitere Gelassenheit setzt. Mir kam es so vor, als wolle er sagen: Alles Mist, das Leben hat keinen Sinn, aber wir sind nun mal dazu verdonnert worden, also stehen wir den Quatsch mit Würde durch. Ich finde, das ist keine schlechte Haltung!"
Lukas Foerster lobt die zweite Hälfte von MELANCHOLIA (
). "Nicht unbedingt wahnsinnig relevant anmutendes, aber immerhin wunderschönes Starkino der Attraktionen, keine Menschen mit Handlungsmacht mehr, sondern nur noch die Wucht des Himmlichen und ihr Abdruck im Irdischen; mit Spezialeffekten, die sich hinter Hollywood nicht zu verstecken brauchen."
Michael Föls ist der Meinung, dass es ab jetzt keine Weltuntergangsfilme mehr geben dürfte. "MELANCHOLIA (
) ist gewaltig, epochal und endgültig. Lars von Trier zeigt uns einen Film der großen Gegensätze - alleine die Prämisse einen ruhigen und zurückhaltenden Weltuntergangsfilm zu drehen ist schon eine Nummer für sich und mit welcher künstlerischen Integrität von Trier sein Konzept durchzieht ist schlicht beeindruckend."
José García stellt Vergleiche zu THE TREE OF LIFE (
) an: "Versucht Malick Schöpfung und Evolution filmisch miteinander zu vereinbaren, das Leben als Geschenk in einem Film darzustellen, in dem der Schöpfergott eine zentrale Rolle spielt, so gibt sich Lars von Trier einer fatalistischen Weltuntergangsstimmung hin, in der Gott keinen Platz findet."
Jochen Werner meint: "Letztlich ist MELANCHOLIA (
) ein Film über unterschiedliche Formen, dem Tod gegenüberzutreten – und unterschiedliche psychopathologische Reaktionen auf die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit. Die klinisch-depressive Todessucht Justines prallt auf die zunehmend hysterische Angstneurose Claires – während im kalten Rationalismus Johns ein konsequentes Ausblenden der eigenen Endlichkeit zum Ausdruck kommt, das zu gar keinem Umgang mit dem Tod noch fähig ist."
Martin Gobbin reflektiert über die Schönheit. "Die größte Stärke von MELANCHOLIA (
) ist die auf Hochglanz polierte Fassade mit ihren opulenten Bilderwelten. Nur verbergen sich hinter dieser Fassade kaum Tiefen, geschweige denn ähnliche Untiefen wie sie in der völligen Fassadenlosigkeit von DOGVILLE ergründet wurden. MELANCHOLIA (
) ist mit seiner visuellen Brillanz, den Computeranimationen und der pathetischen, extradiegetischen Wagner-Musik das totale Gegenteil der asketischen "Dogma"-Bewegung, die Lars von Trier einst begründet hatte."
Lars von Trier dürfte sich laut Andreas Borcholte "mit dieser Provo-Performance selbst aus dem Wettbewerb geschossen haben, was besonders traurig ist: Denn schönere, geradezu polierte Bilder und ein romantischeres Schwelgen in seinem Thema hat man bei dem Mann, der einst das streng unprätentiöse Dogma-Kino erfand und Brecht'sche Didaktik auf minimalistischen Filmsets inszenierte, noch nie gesehen. Wundern darüber muss man sich jedoch nicht, denn mit MELANCHOLIA (
) zelebriert Lars von Trier nichts weniger als sein Lebensmotiv, die Schwermut."
Lars von Trier hat für Anke Westphal "den Mund nicht zu voll genommen, als er seinen neuen Film mit dem Attribut "schön" versah. Schön sind die Kinobilder, die Ex- und Interieurs und die Kostüme. Berückend wehmütig ist das musikalische Leitmotiv aus Wagners "Tristan und Isolde". MELANCHOLIA (
) ist nicht allein der Name des Planeten, sondern auch die Grundtonlage des Films, dessen Darsteller exzellent sind. Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg verkörpern zwei Arten des Umgangs mit einer aussichtslosen Situation. Am Ende geht es hier, wie immer bei Lars von Trier, um Erlösung."
Filme, die Übersinnliches in Szene setzen wollen, stürzen besonders leicht ab, meint Cristina Nord. "Die Bilder füllen nicht, was der Regisseur uns zu glauben aufgibt; sie gewähren keine Grundlage für die supension of disbelief, die bei Carl Theodor Dreyer so überzeugend funktioniert; sie sind entweder zu bombastisch oder zu banal, als dass man sich auf Lars von Triers Weltuntergangsfantasie einlassen wollte. Das Präludium von MELANCHOLIA (
) malt diese Fantasie in Zeitlupe aus: Ein prächtiger Rappe versinkt im sumpfig gewordenen Gras eines Golfplatzes, um Kirsten Dunsts Beine winden sich Schlingpflanzen, von der Tonspur dröhnen dazu Wagners Geigen. Als Modestrecke in der Vogue wäre das große Klasse."
Jan Schulz-Ojala sah ein "zumindest in seiner ursprünglichen Vision gewaltiges Stück Kino, das Natur und Kosmos mit den Dysfunktionen der Familie in Beziehung setzt. Nur bleibt Lars von Trier absolut unsakral - und profitiert überhaupt von dem Vergleich beträchtlich. ... Auch wenn der Film nahezu in dem Maß zu schrumpfen scheint, wie das hellblau schimmernde Gestirn zu leinwandfüllender Größe anwächst, bleibt er ein suggestiv eindrückliches Erlebnis. Nur mögen die Astronomen, wenn denn der Menschheit einst ein ähnliches Schicksal blühen sollte, den Killerplaneten bitte anders nennen. Melancholie tötet nicht, sondern ist ein ehrenwertes Temperament, das das Leben verstehen hilft."
Dominik Kamalzadeh stellt fest: "Nach ANTICHRIST ist dies eine weitere Auseinandersetzung mit Depression, welche der streitbare Däne diesmal in die Form eines utopischen Melodrams gießt. Von bildgewaltiger Opulenz ist die Ouvertüre des Films, die Vision einer Apokalypse, in welcher der Heldin Justine (Kirsten Dunst) zur Musik Wagners Blitze aus den Fingern steigen, Vögel vom Himmel fallen und ein Dürer-Gemälde wie Wachs zerfließt. Ein Planet namens Melancholia ist, wie wir später erfahren, auf möglichem Kollisionskurs zur Erde. ... Alles tönt ein wenig zu laut, greift gierig nach Aufmerksamkeit."
Rüdiger Suchsland "kann den Film ähnlich wie Terrence Malick zu bemüht finden, glauben, dass Trier sich überhoben hat. Und im Vergleich zu The Tree of Life (
) ist Melancholia (
) fraglos kühler, ironischer. Lars von Trier glaubt nicht an Gott, aber ans Ende der Welt, und teilt uns diese Gewissheit mit einem gewissen sarkastischen Vergnügen mit. Wo Terrence Malick die Heiligkeit des Lebens feiert, entfaltet Lars von Trier einen apokalyptischen Abgesang. Aber der visionären Kraft seiner Bilder, ihrer Eleganz und dem erzählerischen Mut werden sich auch Lars von Triers Kritiker nicht ganz entziehen können. Melancholia ist eine großartige Erfahrung."
"MELANCHOLIA (
) wird nicht zu den Diskussionen führen, die Antichrist ausgelöst hat, aber er hat sowohl die Schönheit wie auch die Tiefe jenes Vorgängers, bloss nicht den provokativen Schmerz. Und definitiv keine Projektion für das Böse. Auch wenn Justine einmal meint, niemand werde die Erde und die Menschen vermissen. Es gebe kein anderes Leben im Universum – und die Menschheit sei böse. Was macht das schon, wenn das Ende der Welt so schön sein kann?"
"" - wieistderfilm.de
MELANCHOLIA - Offizielle Website (deutsch)
MELANCHOLIA - Offizielle Website (englisch)
MELANCHOLIA - filmmag.de
MELANCHOLIA - moviepilot.de