| Regie | Asghar Farhadi |
| Kinostart | 14.07.2011 |
Thorsten Funke lobt den Regisseur. Er "umreißt das soziale Umfeld seiner Figuren sehr präzise, aber sein Film ist viel mehr als in Dramatik gewandete Soziologie. Er ist vor allem auch: spannend. Die melodramatischen Konfrontationen zwischen Nader und Simin gelingen als aufwühlende Wortgefechte. In ständigem Fluss verändert sich die Sicht auf das Rätsel im Zentrum des Films, neue Möglichkeiten tun sich auf, wie es wirklich gewesen sein könnte, auch fragwürdige Handlungen einzelner Beteiligter beider Seiten erscheinen bei anderem Licht betrachtet nachvollziehbar."
"Ein brillant geschriebenes und gespieltes Drama", urteilt Philipp Stroh. "Immer stimmig vermengt NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG (
) Themen wie Liebe, (Un)Wahrheit und (Un)Gerechtigkeit anhand eines kleinen Alltagseinblicks und stellt viele kritische Fragen. Das wahre Kunststück dabei ist, dass der Film es subtil und völlig parteilos tut. Jeder in der Geschichte hat sein Päckchen zu tragen; alle stehen in Wechselbeziehungen zueinander, jenseits von Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Mit schwierigen, immer nachvollziehbaren Konflikten zieht der Film in seinen Bann und schöpft seine Kraft daraus, dass er sich auf keine klare Schuldzuweisung und keine klaren Antworten verlässt."
Marieke Steinhoff sah mit NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG (
) einen humanistischen, aber keinen regimekritischen Film. "Gemeinsam mit den Figuren befindet sich der Zuschauer so auf der Suche nach der Wahrheit, die Asghar Farhadi nach und nach enthüllt – um am Ende festzustellen, das diese nicht von Bedeutung ist. Es sind die individuellen Beweggründe der handelnden Figuren, denen hier einzig und allein Relevanz zugemessen wird, und daß diese nicht miteinander vereinbar sind, macht die eigentliche Tragödie aus."
Laut Jan-Philipp Kohlmann interessiert sich der Regisseur "nicht nur für Nader und Simin, er interessiert sich für all seine Figuren: Keine wird bevorzugt und keine wird verurteilt. So gibt er einen tiefen Einblick in das familiäre und in das soziale Geflecht eines Landes, dessen autoritäre, stets unter religiösen Vorzeichen stehende Ordnung zwar nie angeprangert wird, aber in allen Konflikten durchschimmert."
Der Film ist für Oliver Heilwagen vieles: Anatomie einer Paarbeziehung, präzise Zeit-Diagnose und skeptische Beschreibung der conditio humana. "Mit einfühlsamer Beobachtungskunst zeichnet sein Regisseur alle Figuren äußerst ambivalent und nimmt ihre Dilemmata absolut ernst – wie früher Ingrid Bergman, nur ohne dessen moralischen Rigorismus."
Der Titel des Films ist laut Christian Caravante "irreführend, denn am Anfang und Ende es Films mag es um die Trennung des Ehepaares gehen. In den dazwischen liegenden 120 Minuten stehen aber nicht die Trennung, sondern die familiären Verwicklungen, hervorgerufen durch ein paar Lügen, im Zentrum. Und "ganz eigentlich" untersucht der Film die gesellschaftlichen, sozialen Wurzeln eines vordergründig juristischen Konflikts."
Der Regisseur "erzählt die Geschichte so, dass man nicht nur erst nach und nach herausfindet, wer lügt und was passiert ist, sondern auch, warum gelogen wird. Und es entsteht das Bild einer Gesellschaft, die von Zwängen, von Geschlechterrollen, von finanziellen Engpässen und religiösen Konventionen geprägt und auch gebremst ist. NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG (
) ist das stärkste Stück Kino, das ich hier auf der Berlinale gesehen habe. Und falls dieser Film einen Bären (den goldenen?) gewinnt, wird es keine politische Entscheidung sein, sondern ganz und gar eine cineastische."
Laut Daniel Kothenschulte zeigt der Film, wie sich der Iran selbst gern sieht. "NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG (
) ist ein gut gespielter - und bis auf eine Drehbuchschwäche in der bewussten Zurückhaltung einer wichtigen Information - gut gemachter Film, der vom Berlinale-Publikum regelrecht begeistert aufgenommen wurde. Aber es ist auch offensichtlich, warum ihn die Zensoren in Teheran für den Festivalexport freigegeben haben: Ein kluger Richter und geduldige Polizisten, die nicht den leisesten Druck ausüben, stehen einer Diktatur nicht schlecht. Nicht den leisesten Zweifel weckt der Film am Rechtssystem eines Staates, der immerhin seine Kritiker einkerkert."
Jan Schulz-Ojala entdeckt die Wahrheit in der Lüge. "Die alltägliche Geschichte um zwei Familien, eine aus dem Mittelstand und eine aus ärmeren Verhältnissen, erzählt von Moral und Verantwortung, religionsgeprägter Tradition und rational gesteuerter Moderne, gesellschaftlichem Rollenverständnis und individuellem Mut. In einem stets geerdeten, kompliziert verflochtenen und sich wandelnden Konfliktfeld bietet der Film, Zeichen seiner hohen dramaturgischen Subtilität, dem Zuschauer schwindelerregend viele Identifikationsmöglichkeiten. Und, das Wichtigste: So wie Regisseur Asghar Farhadi auf das simple Gut-Böse-Schema verzichtet, so lässt er simple Antworten beiseite."
Der Film zeichnet laut Carolin Ströbele ein realistisches Bild des modernen Iran. "Lange weiß auch der Zuschauer nicht, wer nun die Wahrheit sagt und wer nicht. Der Regisseur Asghar Farhadi gibt hier keine Hilfestellung. Seine Figuren zeichnen sich durch ihre Vielschichtigkeit aus. ... Dennoch versteht man, warum alle Beteiligten so handeln, wie sie eben handeln. Jeder von ihnen trägt so viel Verantwortung gegenüber seiner Familie, dass er darunter zusammenzubrechen droht. NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG (
) ist ein mühsamer, ein anstrengender Film. Bisweilen ist es frustrierend, ihm zu folgen. Weil man schon ahnt, dass es keine einfache Lösung geben wird."
Daniel Sander bezeichnet den Film als Meisterwerk: "Ein Ehedrama unter modernen Iranern, fern jeder Gottesstaats-Mentalität und Unterdrückung, so beginnt NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG (
), und packt von der ersten Szene. ... Nebenbei zeichnet Regisseur Asghar Farhadi dabei das Bild von zwei Teheraner Welten - der gebildeten Mittelschicht, die mit Islamismus wenig anfangen kann, und die ärmeren Leute, die nicht viel mehr haben außer Gott. Kein Gut, kein Böse, nur Menschen. Regisseur Farhadi hat vor zwei Jahren mit ELLY (
) immerhin schon einmal einen Silbernen Bären für die beste Regie gewonnen, doch diesmal muss sich niemand wundern, wenn er den Goldenen bekommt. Mitreißend und meisterhaft erzählt. Eine Berlinale-Sensation."
U. Gellermann ist begeistert. "Auf dem Weg zu einer Lösung, zu einem Urteil darüber, wer denn recht hat, gibt es eine beklemmende Lehrstunde über den heutigen Iran, über dessen schwer verständliche Religiosität, dessen dörflich-einfache Rechtsprechung und über die sonderbare Doppelrolle der Frauen. Zwar sind sie öffentlich nahezu unsichtbar, haben aber ihren Männern gegenüber eine durchaus eigene, eigenwillige Haltung, deren Kraft auch unter dem Chador sichtbar wird. Kamera und Regie lassen keinen Zweifel, dass das iranische Kino über große kreative Reserven verfügt."
Lukas Foerster sagt es eindeutig: "Ein schlechter Film ist NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG (
) nicht, auch nicht in diesem - leider deutlich längeren und schließlich eindeutig zu langen - zweiten Teil. Asghar Farhadi hat seine erst dezent, dann immer weniger dezent melodramatischen Plot-Mechanismen stets perfekt im Griff, formal macht der Film ohnehin bis zum Schluss nichts falsch, die Figuren verhalten sich zwar allzu berechenbar, aber bleiben glaubwürdig. Man würde sich aber doch wünschen, dass der ohne Zweifel sehr talentierte Regisseur bei seinem nächsten Film darauf verzichten würde, seine interessanten Figuren und seine reichhaltige Welt in ein derart enges Drehbuchkorsett zu pressen."
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NADER UND SIMIN, EINE TRENNUNG - Offizielle Website