| Regie | Andres Veiel |
| Kinostart | 10.03.2011 |
Sascha Keilholz hat mehr erwartet. "Die musikalische Untermalung ist, gelinde gesagt, plakativ, und auch die Auswahl des Gezeigten ist in weiten Teilen wenig innovativ. Von JFK ist mehrmals die Rede, warum seine Berliner Rede mit dem berühmten Ausspruch noch chronologisch nachträglich eingebaut werden muss, bleibt schleierhaft. Im Versuch, Geschichte nachzuerzählen, ist Wer wenn nicht wir dann doch in dieselbe Falle getappt wie die als Antagonist gedachte Produktion des kürzlich verstorbenen Bernd Eichinger. Ereignis reiht sich an Ereignis, dabei fehlt dem Film ein Zentrum. Bernward Vesper ist es nicht. Der verschwindet gen Ende geradezu, als Baader auf den Plan tritt und zunehmend das Geschehen an sich reißt."
Andres Veiel gelingt mit WER WENN NICHT WIR (
) ein Porträt der Bundesrepublik vor 68 und RAF - wie kein anderer vor ihm und ohne jede Spekulation auf den "Action-Bonus" der RAF-Geschichte, meint Peter Schneider. "Leider hat Andres Veiel seinen Film, vielleicht aus Kostengründen, als ein Kammerspiel organisiert. Die Szenen finden fast ausschließlich in Wohnungen statt, unter Fenstern, in die selten ein Sonnenstrahl fällt; ab und zu öffnet sich eine Tür und ein neuer Mitspieler tritt ein, aber der Zuschauer weiß eigentlich nie, ob er sich gerade in Tübingen, Frankfurt oder in Berlin befindet."
Die Familienpsychologie ist laut Harald Jähner "nur die eine Seite der Geburt des Terrors, die andere wäre der öffentliche Raum, den dieser bearbeiten und aufspalten will. Hier kommt die psychologische Erzählweise an ihre Grenzen, und der Spielfilmer Andres Veiel wird sich wohl öfter nach dem Dokumentarfilmer Andres Veiel gesehnt haben. Der hatte es, wie in seinem Dokfilm BLACKBOX BRD, leichter, den sozialen Resonanzraum der RAF in den Blick zu bekommen. Die als Kapiteltrenner eingestreuten 60er-Jahre-Popsongs mit unterlegten Archivbildern reichen dazu nicht aus."
Stefan Reinecke kritisiert, dass Andres Veiel für die Beschleunigung, das Rasen der Zeit 1968, keine eigenen Bilder findet. "Vespers von Drogen beförderte Schizophrenie wirkt plakativ inszeniert, Ensslins selbstzerstörerische Neigung ebenso. WER WENN NICHT WIR (
) ist ein geschichtspolitisch kluger Film, fern von billiger moralischer Verurteilung, fern von dem Action-Naturalismus von DER BAADER MEINHOF KOMPLEX (
). Vernünftig, durchdacht, meist genau inszeniert. Was fehlt, sind Bilder für das Abgründige, Groteske. Und der leise Horror der ersten Szene bleibt ein uneingelöstes Versprechen."
Honorig gescheitert ist der Film für Jan Schulz-Ojala. "Neben August Diehl als Vesper geben Lena Lauzemis und Alexander Fehling ihr Bestes, und das ist einiges. Aber ihre Dialoge knistern oft eher papieren als erotisch, und in den zahlreichen revolutionären Plenumssitzungen nistet doch beträchtlich der Staub des mittleren 20. Jahrhunderts. Bei aller Liebe: Sogar in Uli Edels DER BAADER MEINHOF KOMPLEX (
), dem jüngsten filmischen Reanimationsversuch in Sachen RAF, hat jene Zeit weniger alt ausgesehen."
Ist es Andres Veiel nun gelungen, die unseligen Kinogeister zu bändigen, fragt sich Daniel Kothenschulte. "Die Antwort heißt Ja und Nein zugleich. Tatsächlich gelingt es meisterhaft – und hier werden die Möglichkeiten eines psychologischen Spielfilms gegenüber dem Dokumentarfilm in idealer Weise ausgespielt –, die Figuren als Darsteller ihrer eigenen Utopien begreiflich zu machen. August Diehl ist ganz in seinem Element, wenn er nonkonformistischen Ehrgeiz verkörpern kann: Einen tragisch scheiternden Karrieristen wider den Strom."
Carolin Ströbele fragt sich, warum sie sich bei Zuschauen immer etwas unwohl gefühlt hat? "Vielleicht liegt es daran, dass Andres Veiel eben doch in die Falle der typischen Biopics tappt. So kann er es sich etwa nicht verkneifen, immer wieder ein paar Schwarz-Weiß-Dokumentarschnipsel einzustreuen – den Abwurf von Napalm-Bomben über Vietnam, den Besuch des Schah in Berlin, das Attentat auf Rudi Dutschke, unterlegt von Songs wie Summer in the City. Es sind leider genau die Bilder, die sich im kollektiven Gedächtnis festgebrannt haben und sie konterkarieren Andres Veiels Versuch, beim Zuschauer neue, eigene Bilder zu erwecken."
Tiziana Zugaro hat sich überzeugen lassen. "Andres Veiel erzählt diese Geschichte spannend und mit einem sehr guten Blick für die Ecken und Kanten seiner Figuren. Die Stimmung der Zeit wird greifbar, die Atmosphäre in den jeweiligen Elternhäusern ist trotz der wenigen Szenen, die hierfür zur Verfügung stehen, klar und eindrücklich gezeichnet. In WER WENN NICHT WIR (
) wird keine Heldenverehrung oder Verteuflung betrieben – hier wird die Geschichte von zwei Menschen erzählt, die sich – auf unterschiedlichen Weise – in ihren jeweiligen Abgründen verlieren."
Als verstörend aufregend bezeichnet Stefan Kuzmany WER WENN NICHT WIR (
). Der Film "ist handwerklich sauber gemacht, Lena Lauzemis und August Diehl sind überzeugend inszeniert, und auch der Hintergrund der Politisierung der beiden Studenten wird lehrreich aufbereitet ... er Wille zur Belehrung verdirbt jedoch schnell den Spaß: Immer wieder wird die streng linear erzählte Handlung von dokumentarischen Zwischenspielen unterbrochen, Kennedy berlinert an der Mauer, die Atombombe wird getestet, man fühlt sich bald wie im Grundkurs Geschichte am Gymnasium und wartet auf das Ende der Schulstunde, die mit 125 Minuten deutlich zu lange geraten ist."
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