| Regie | Paul Haggis |
| Kinostart | 20.01.2011 |
Es ist laut Oliver Kaever die Glätte, die 72 STUNDEN (
) nach einer starken ersten Hälfte letztlich scheitern lässt. "Die zweite ist konstruiert und verlässt sich ganz auf Genre-Konventionen, mit denen der Film zuvor noch gespielt hat. Hier zeigt sich eine Ideenlosigkeit, die mit der derzeitigen Remake-Mania in den USA zusammenhängt. Sie geht über die Tatsache hinaus, dass die amerikanische Unterhaltungsmaschine schon immer Talente und Stoffe aus dem Ausland verwertete. Nach der Finanzkrise gehen nicht nur Blockbuster-Produzenten mit immer neuen Sequels und Comicverfilmungen auf Nummer Sicher. Auch Regisseure des sogenannten Independent-Kinos greifen auf Stoffe zurück, die schon bewiesen haben, dass sie Zuschauer anziehen."
Jüris von Goertzke lobt Russel Crowe. Er "agiert zurückhaltend und gleichzeitig intensiv, was zur Folge hat, dass sich die Veränderung, die seine Figur im Laufe des Films erfährt, nicht nur äußerlich zeigt, sondern sich auch in einer innerlichen Verzweiflung widerspiegelt. Will man von einem Höhepunkt der Inszenierung sprechen, zeigt sich dieser am ehesten in den durch Action dominierten Sequenzen. Verfolgungsjagden zu Fuß, mit der Bahn und dem Auto geben der Inszenierung in der ein oder anderen Szene, neben einem durchweg überzeugendem Schauspiel, das nötige Tempo und entlassen den Zuschauer mit dem Eindruck einen soliden Thriller gesehen zu haben. Fazit – Schauspieler Top, Story Flop."
"Mit dem schleppenden ersten Teil kontrastiert die zweite Filmhälfte, in der 72 STUNDEN (
) zu einem adrenalingeladenen Actionthriller wird. Obwohl auch hier teilweise mit unnötigen, unwahrscheinlichen Elementen zusätzlich Spannung erzeugt wird, stellt Paul Haggis unter Beweis, dass er einen Actionfilm handwerklich inszenieren kann: Der von der rastlosen Filmmusik von Danny Elfman und Alberto Iglesias unterstützte, sorgfältige Schnitt lässt einerseits den Zuschauer bei der Parallelmontage den Überblick in keinem Augenblick verlieren, erzeugt andererseits genretypische Spannung, ob das waghalsige Unternehmen gelingen wird."
Oliver Heilwagen sah in 72 STUNDEN (
) rasante Verfolgungsjagden, martialische Schusswechsel – und dennoch differenzierte Charaktere. "Natürlich variiert der Film den uramerikanischen Mythos vom Individuum, das einem unfähigen System widersteht. Doch der College-Professor kommt nicht mit stählernen Muskeln oder großkalibrigen Waffen ans Ziel, sondern mit Köpfchen. Was Schleichwerbung für Hochschul-Bildung ist – also doch pädagogisch wertvoll."
Alexander Scholz sah in 72 STUNDEN (
) "ein Szenario, in dem es vordergründig um die Auseinandersetzung mit relevanten Konflikten geht, als Pointe jedoch lediglich die weitgehend irrelevante Behauptung greifbar wird, mit den richtigen Idealen seien jene Konflikte problemlos zu überwinden. Die sehr amerikanische Sichtweise, jeder Einzelne sei seines eigenen Glückes Schmied und der Staat solle sich aus dem Privaten unter allen Umständen heraushalten, wird hier nicht hinterfragt, sondern auf die Spitze getrieben."
Björn Lahrmann bilanziert: Paul Haggis mag kein Tony Scott sein, hat diesen Modus aber sichtlich flüssiger drauf als die Luc Bresson-Aspirationen, die ihn während der Knastvisiten reiten: Tränen hinter der Plexiglasscheibe, und die zauberhafte Miss Banks muss sich von Mal zu Mal mehr Fett in die Haare schmieren. Ziemlich schäbig ist, nebenbei bemerkt, wie das Kind in solchen Szenen als Emotionsgenerator ausgeschlachtet wird, ansonsten aber fein die Klappe zu halten hat. Wenn nur dieser verdammte Neujahrsvorsatz nicht wäre: Ich würd's ja glatt dem Regisseur in die Schuhe schieben."
Gebhard Hölzl sah verblüffende Wendungen, aber an Logik mangelt es. "Dabei bricht Paul Haggis immer wieder die lineare Struktur auf, liefert verschiedene Blickwinkel und Perspektiven. Bis zum Schluss bleibt offen, ob die Flucht auch wirklich gelingen wird. Der Schnitt ist temporeich und stets übersichtlich, die Filmmusik von Danny Elfman und Alberto Iglesias nervös, manchmal enervierend. Die Auflösung schließlich ist überraschend und wenig glaubwürdig. Sucht man in 72 STUNDEN (
) nach Schwachstellen, wird man genau hier fündig. Es gibt im Plot einige logische Ungereimtheiten, über die der Regisseur einfach hinwegerzählt. Da hält er es mit Altmeister Alfred Hitchcock: Kino ist nichts für Wahrscheinlichkeitskrämer."
Dieter Oßwald ist enttäuscht. "Dramaturgie und Spannung bietet allenfalls Standard-Thriller Qualitäten, das Psychogramm der Helden fällt denkbar flau aus, entsprechend blass bleiben Russell Crowe und Liam Neeson. Selbst der grandiose SimpsonsKomponist Danny Elfman versagt überraschend und bietet aufdringlich viel Klaviergeklimper und Geigenklänge. Wie wahrer Nervenkitzel wirklich geht, kann man nächsten Monat mit 127 HOURS (
) von Danny Boyle erleben."
Wenn der Film laut Claus Wecker "in seiner ersten Hälfte vielleicht ein wenig zu gemächlich abläuft, gibt er im zweiten Teil um so kräftiger Gas. Beginnend mit dem Überfall auf die Drogendealer, von denen er das dringend benötigte Fluchtgeld erpressen will, wird 72 STUNDEN (
) zu einem äußerst spannenden Thriller. Wir hätten natürlich gerne, daß John und Lara mit ihrem Sohn die Flucht gelingt. Doch weil Russell Crowe völlig in seiner Englischlehrer-Rolle aufgeht und nicht wie ein unbesiegbarer Star wirkt, bleibt der Ausgang des waghalsigen Unternehmens lange ungewiß. Paul Haggis spielt souverän mit den Letzte-Minute-Rettungsaktionen, ohne es dabei zu übertreiben. Deshalb fühlt man sich als Zuschauer am Ende auch nicht für dumm verkauft."
"72 STUNDEN (
) ist ein spannender Mix aus Drama und Thriller, verliert jedoch einige Plausibilitätspunkte. Nur mit einem zugedrückten Auge können mehrere Logiklöcher akzeptiert werden. Hie und da hätte man Szenen kürzer halten und das Ergebnis etwas zackiger machen können. Schliesslich, und das beweist uns allen voran ein meisterhafter Russell Crowe, ist und bleibt es ein Film, der durchaus unterhält."
Überblick zum Film auf der imdb.
Überblick zum Film auf moviepilot.de