| Regie | Philip Koch |
| Kinostart | 03.02.2011 |
Obwohl PICCO (
) laut Michael Kienzl "die scheußlichsten Fakten aus Siegburg weglässt und die Kamera beim Anblick von Gewalt auch einige Male wegschwenkt, ist die Szene unheimlich hart anzusehen. Aus einem scheinbar harmlosen Kartenspiel inszeniert Philip Koch kammerspielartig die mehrstündige Folter, in der die Gefangenen den letzten Funken an Menschlichkeit verlieren. Der Zuschauer bleibt in diesem Moment auf sich allein gestellt. Kevin, der lange Zeit noch schlechtes Gewissen der Missstände war, hat hier seine Funktion als Identifikationsfigur endgültig verloren und entzieht sich dem Zugriff des Publikums. Die Kamera zeigt ihn nur noch von hinten oder weit in die Tiefe der Bilder gerückt. Als Kevin dann doch noch einmal versucht aufzubegehren, ist es schon zu spät."
"PICCO (
) basiert auf wahren Begebenheiten, insbesondere aber auf der unfassbaren Tat, die sich in der JVA Siegburg im Jahre 2006 zutrug, als ein jugendlicher Häftling von seinen drei Zellengenossen stundenlang gequält, gefoltert und schließlich ermordet wurde. Regisseur Philip Koch stellt die Spirale der Gewalt nach. Seine in entsättigte, dem Sujet entsprechend sehr kühle Farben getauchten klaustrophobischen Einstellungen gipfeln in der engen Zelle in einem grausigen Kammerspiel. Obwohl Philip Koch diesen Sadismus in keinem Augenblick voyeuristisch ausnutzt und ihn etwa auch nicht durch den Einsatz von überwältigender Musik verstärkt, kann man als Zuschauer berechtigterweise fragen, ob die Gewalt so explizit und in dieser Länge gezeigt werden muss."
Das kammerspielartige Jugend-Drama hinterlässt laut Denis Demmerle "seine Zuschauer schockiert, tief in den Sessel gepresst, mit umgedrehtem Magen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die auf wahren Begebenheiten der letzten Jahre – vor allem den Ereignissen in Siegburg – fußende drastische Geschichte Philip Kochs so oder ähnlich real ist, erscheint zu hoch. Ein ungeheuer wuchtiger, schmerzhafter Film, von dem zarte Gemüter die Finger lassen sollten."
Dominik Bühler lobt den Regisseur. Er "inszeniert diese wichtige Thematik mit einer stilistischen Sicherheit, die für einen Debütfilm bemerkenswert ist. PICCO (
) ist ein schonungsloses Kammerspiel, ein dunkler Heimatfilm aus den heimatlosesten Räumen der Republik und schlichtweg schwer zu ertragen, doch wäre es dem Film und seinem Gegenstand zu wünschen, daß sich viele Zuschauer der Herausforderung stellen. Vielleicht ist dies kein Film, der Kevin gefallen hätte, wenn er nach der Haftentlassung ins Kino gegangen wäre, doch seine Hoffnung auf eine absehbare Zukunft in Freiheit ist ohnehin verloren."
Laut Jan Schulz-Ojala wird hier das Prinzip Steigerung präsentiert. "Darauf, wie Tritt für Tritt die Menschenwürde von Schwächeren gebrochen wird, womit allerdings auch die Starken – Kollateralschaden! – ihren eigenen Menschlichkeitsrest zerstören. An der Gewalt, die der Regisseur in kalten, entsättigten Farben inszeniert, weidet er sich nicht, sondern deutet sie als Folge der Zusammensperrung, der institutionellen Verwahrlosung in einem System, das die darin Überlebenden für immer zu Tätern macht."
Überblick zum Film auf moviepilot.de
PICCO (
) liegt - laut Janusch Ertler - tatsächlichen "Begebenheiten zugrunde, verzichtet aber darauf, dies hervorzuheben. Die Bilder vermitteln für sich genommen ausreichend Realität. Dabei ist PICCO (
) kein durchstrukturiertes Werk, keine Charakterstudie, kein Drama bei dem man leicht mitfühlt. Es ist eine Dokumentation. Eine Bestandsaufnahme, welche durch ihren dokumentarischen Charakter eine Radikalität aufweist, zu der sich lange keine deutschen Filmemacher mehr getraut haben. Ein Wunder, dass der Film überhaupt entstanden ist."