| Regie | Jean-Luc Godard |
| Kinostart | 29.09.2011 |
Worum es in Film Socialisme (
) geht, ist laut Michael Kienzl schwer zu sagen, den Bildern und Tönen kann sich jeder keiner verschließen. "Seine Bild- und Klangcollagen hat Godard mit den Jahren zweifellos zu seiner Königsdisziplin gemacht. Allein die Tonspur von Film Socialisme (
) ist von einer ungemeinen Dichte und Komplexität. Geräusche und Stimmen, die nicht zuzuordnen sind, werden übereinander geschichtet, dringen gewaltsam aus dem Off in die Welt der Bilder und verstummen schließlich ganz. Die Musik – auch hier eine Vielzahl an unterschiedlichen Komponisten und Musikern – wird oft nur für ein, zwei Takte eingeblendet."
Rüdiger Suchsland sah einen Versuch, eine Summe des 20. Jahrhunderts zu ziehen. "Im Stil eines Bewusstseinsstroms geht es auf diese Weise voran. Der Film will ganz bewusst ein Essay sein, keine Handlung erzählen. Zweites Stilmittel ist die Vielstimmigkeit: Schauspieler sprechen im Bild oder aus dem Off die Sätze, die wohl oft als Ausdruck Godards selbst gesehen werden dürfen, nicht als die einer Rolle. Es gibt aber auch Dialoge. Anscheinend sind viele der Sätze aus Büchern anderer Autoren entlehnt. Vielstimmig sind die Bilder auch in dem Sinn, dass sie formal verschiedene Qualität haben."
Georg Seeßlen stellt den Vergleich zum Film Capitalisme an. "Die technischen, ökonomischen, sozialen und semiotischen Maschinen, die zur Herstellung eines Films benötigt werden, produzieren nicht „Mehrwert“ und „Abfall“, sie werden nicht zum Museum der toten Arbeit, sie produzieren „für sich“. Lebendige Arbeit oder anders gesagt: Ein Film Capitalisme kann nur das Vergangene abbilden, ein Film Socialisme (
) versucht, in die Zukunft zu greifen"
Claus Löser meint: "Nacherzählen oder verstehen im üblichen Sinn lässt sich auch Film socialisme (
) nicht. Doch wie alle wichtigen Kunstwerke lädt er zur mehrfachen Hinwendung ein und legt mit jedem Sehen neue Schichten frei."
Wahrscheinlich gibt der Film "seine Geheimnisse erst nach mehrmaliger Anschauung preis", meint Silvia Hallensleben. "Man kann Film Socialisme (
) dennoch schon beim ersten Sehen genießen – als kunstvoll gebautes und austariertes Filmgedicht, das eigene Denkbewegungen provoziert."
Claudia Lenssen sah einen Aufruf des "zornigen alten Mannes Godard". "Dem Reißwolf von Kapital und Politik, alten Medien und neuen digitalen gilt es, die Splitter und Reste der europäischen Kultur zu entziehen."
Nikolaus Perneczky begeisterte die "Navajo English"-Untertitelung, die, anstatt ganze Sätze wiederzugeben, oft nur aus einigen unverbundenen, den ungefähren Sinn oder die Sinnrichtung einer Szene angebenden Wörtern besteht. Das fügt sich nicht nur theoretisch ins übergreifenden Montagekalkül (das ja auch syntagmatisch-grammatikalisch uneindeutige Verbindungen stiftet), sondern erweist sich darüberhinaus auch auf der Ebene intuitiver, spontaner Kontaktnahme mit der Oberfläche des Films als durch und durch schlüssiges Verfahren."
Warum wird diese Ikone der Filmkunst nicht im Wettbewerb gezeigt wird, fragt sich Andreas Borcholte? "FILM SOCIALISME (
) ist weder gut noch schlecht, man kann versuchen zu begreifen, was gemeint ist mit diesem willkürlich scheinenden Strom von Assoziationen, und wenn man nicht versteht, was der Meister sagen möchte, dann ist auch das kein Problem: Jeder nimmt mit, was er sieht oder fühlt, Jean-Luc Godard stellt lediglich das Material zur Verfügung."
Dominik Kamalzadeh ist begeistert. "Das Gefälle zwischen Okzident und Orient, der Furor vergangener Revolutionen, die Wut, die am Anfang neuer Aufstände steht: Jean-Luc Godards berühmtes Diktum, es gelte keine politischen Filme, sondern Filme politisch zu machen, wird hier von ihm in der Weise erfüllt, dass er ständig neue Anschlüsse entstehen lässt."
Für Anke Westphal ist der Film weder ideologisch noch ästhetisch öde und dogmatisch. FILM SOCIALISME (
) filtert "aus dem großen Rauschen der Assoziationen Kommentare zur Entwicklung der Gesellschaft. ... Achtzig Jahre alt ist Jean-Luc Godard. Längst ist er zum Inbegriff des Kinos geworden. Seine alte Liebe zum amerikanischen Film schmerzt ihn anhaltend: "Hollywood wird an der Zuckerkrankheit sterben", heißt es einmal in FILM SOCIALISME (
). Das Kino als Kunstform sei nicht unbedingt im Film enthalten, behauptet Godard. Sage keiner, dass man Intellektuelle und Künstler wie diesen Regisseur sowieso nicht verstehen könne. Es wäre frech gelogen."
Etikettenschwindel hat Jan Schulz-Ojala ausgemacht. "Zwischen "Logos, Teknos, Textos, Videos" interessiert sich der Altmeister in allerlei Bild- und Textschnipseln kaum für den Sozialismus, sondern für die Kultur seit den alten Ägyptern - und findet, abgesehen von einer gewissen Ablehnung des heutigen Europa, zu keiner stringenten These. ... Alles tönt äußerst bedeutsam und bedeutet nahezu nichts."
Wer kein Französisch versteht, muss sich im Staate Godard vorkommen wie ein ungebetener Flüchtling, kritisiert Florian Keller. Eine Frage ist, "wohin dieser assoziative Bilderstrom führt, der als Endlosschlaufe in einer Kunstgalerie besser aufgehoben wäre als im Kino. Dabei hallen immer wieder einzelne Sentenzen nach: "Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Schweinehunde heute ehrlich sind.""
FILM SOCIALISME - Offizielle Webseite (Deutsch)
FILM SOCIALISME - Offizielle Webseite (englisch)
FILM SOCIALISME - moviepilot.de
FILM SOCIALISME - imdb.com