| Regie | Roland Emmerich |
| Kinostart | 10.11.2011 |
Lutz Granert schaut auf den Regisseur. "Trotz stark ausgearbeiteter Charaktere und natürlichem Licht im historischen Ambiente ist die Handschrift eines Brimborium-Fanatikers wie Roland Emmerich nicht zu verkennen, der bei wenn auch seltenen Actionszenen nicht kleckert, sondern klotzt und viele Teile einer historischen Stadt aus der Luft am PC zum Leben erwecken lässt. ANONYMOUS (
) ist weniger ein altmodisches period piece als vielmehr das weise Werk eines um Dramatik, Zuspitzung und Spannung bemühten Blockbuster-Regisseurs, der endlich auf die Kunst seiner Schauspieler, in einem inhaltlich brisanten Stoff, zu vertrauen gelernt hat."
Nino Klingler fand an den Hauptdarstellern Gefallen. "Rhys Ifans als unbekanntes Genie und Vanessa Redgrave als exzentrische, romantische Monarchin Elizabeth (die erste wirklich starke Frauenfigur aller Emmerich-Filme) sind dabei die wohl herausragenden Figuren. Sie finden eine wunderbar lockere, spielerische Balance zwischen den heftigen Kostüm- und Schminkexzessen und den aufgekratzten emotionalen Entladungen, die sich gerade zum Ende hin quasi ununterbrochen ereignen."
Peter Claus sah viel Anlass für Vergnügen. "Rhys Ifans gibt hier die beste Vorstellung seiner bisherigen Laufbahn. Bei allem Spaß, geht der Ernst des Stoffes Dank seiner Charakterisierungskunst nicht verloren. Und dann die Redgrave! So schnell sollte sich jetzt keine Schauspielerin wieder an die Verkörperung der in die Jahre gekommenen Elisabeth I. wagen!"
Wie immer bei Roland Emmerich ist alles schön und teuer ausgestattet, aber auch bieder und beflissen, stellte Rüdiger Suchsland fest. "Und natürlich nur, um all das Schöne baldmöglichst effektvoll zu zerstören: Gleich zu Beginn geht Shakespeares Globe-Theater spektakulär in Flammen auf – und mit ihm jedes ernsthafte Interesse oder Verständnis fürs Theater. Was bleibt ist das kleine, kleingeistige Großkotzkino des Roland Emmerich: Unwissen gepaart mit übergroßer Klappe und viel Klassenbewusstsein. Und überdies erweist sich Emmerich einmal mehr als postmoderner Kulturbarbar: Wissenschaft ist doof. Wahrheit gibt es nicht – stattdessen Pseudowissen."
Obwohl einige im Computer erstellte Totalen Londons José García "enttäuschen, beeindrucken die detailverliebte Ausstattung der kunstvollen Kulissen etwa des Globe-Theaters und der haptischen Stoffe sowie die schauspielerische Leistung insbesondere von Rhys Ifans in der Darstellung des vielseitigen und innerlich zerrissenen Graf von Oxford."
Der Film zeichnet laut Denis Demmerle "ein spannendes Sittenbild der herrschenden Klasse im elisabethanischen England. In dessen Mittelpunkt steht mit de Vere ein verkanntes Genie, das letztlich scheitert. Ob er wirklich Shakespeare seine Stücke auf den Leib geschrieben hat, bleibt offen. Die belegbaren Fakten lassen einen Spielraum für Interpretationen, den Roland Emmerich mit ANONYMOUS (
) zu einer denkbaren These verdichtet – mehr aber auch nicht."
Philippe Zweifel ist überrascht, dass Roland Emmerichs Film tatsächlich gut ist, denn normalerweise geht ja die Welt unter, sobald Emmerich im Regiestuhl sitzt. Doch in ANONYMOUS (
) schafft er es "die Verbindung zwischen Kunst und Politik aufzuzeigen".
"ANONYMOUS (
) zeigt einen Blockbuster-Regisseur auf Abwegen und beweist eindrücklich, dass Roland Emmerich weit mehr drauf hat als Städte explodieren zu lassen. Trotzdem sollte er in Zukunft darauf achten, seine Filme mit dem Ablauf der Story nicht noch mehr zu verkomplizieren. Denn hier geht es nicht nur um Shakespears Schaffen. Im Film ist das vermeintliche Genie nur eine Schachfigur in einem mehr als gefährlichen Spiel, bei dem viele Parteien mitmischen und bei dem der Überblick leicht verloren gehen könnte. Dank den tollen Schauspielern bleibt das aber bis zum Schluss unterhaltsam, wenn auch nicht so packend wie erhofft."
"Das Problem ist aber einerseits, dass Emmerich nur Gut und Böse darstellen kann. Shakespeare schlecht zu finden ist scheinbar eine Unmöglichkeit. Die Sicht von ANONYMOUS (
) auf die Welt ist erschreckend eindimensional, da jeder Zweifel im Keim erstickt wird. Andererseits traut er den Worten doch nicht so sehr. Erst die Special Effects scheinen “Shakespeares” Worten ihre Macht zu verleihen. Erst wenn ein Schauspieler Kunstblut in die erste Reihe spuckt, Regen fällt oder Feuerwerk die Schlachten begleitet, rast der Pöbel vollends und erst dann ist auch de Vere zufrieden. Roland Emmerich kommt eben doch nicht aus seiner Haut."
"Es gelingt dem Film auf überzeugende Weise, das Genre des Historienfilms mit Elementen des Thrillers zu kombinieren", findet Burkhard Wetekamp. "Mit einem großen Aufgebot an Figuren und Kulissen, dem häufigen Wechsel zwischen den Zeitebenen werden alle Register des klassischen amerikanischen Kinos gezogen. In das Geschehen sind zahlreiche Theaterstücke von Shakespeare eingeflochten – an einigen Stellen mit raffinierten Bezügen zwischen Theater- und Filmhandlung. Das Szenenbild wurde zu großen Teilen virtuell erzeugt und vermittelt ein detailreiches und lebendiges Bild von London um 1600."
Benjamin Hahn urteilt: "Die Dramaturgie ist auf den Punkt gebracht, die Schauspieler überzeugend, die Kameraarbeit stimmungsvoll, die Bauten und Effekte realistisch und die Musik angenehm dezent - wäre ANONYMOUS (
) nicht so unverschämt hanebüchen und manipulierend, er wäre mit Abstand Roland Emmerichs bestes Werk."
Volker Behrens hat das Set in Babelsberg besucht. "Schon jetzt scheint klar, dass hier kein dröger literarischer Krimi gedreht wird. Drehbuchautor John Orloff: "Es wird kein Film nur darüber, wer die Stücke geschrieben hat. Hier geht es um Kunst und Politik." Daraus lassen sich allemal dramatische Funken schlagen, nur eben andere als aus apokalyptischen Szenarien."
Roland Emmerich enthüllt Shakespeare als Fakespeare, ein Setbesuch.
Roland Emmerich dreht in den Babelsberger Studios seinen Shakespeare-Thriller ANONYMOUS (
) - Das London des 16. Jahrhunderts im Potsdamer Industriegebiet.