| Regie | Julian Schnabel |
| Kinostart | 18.11.2010 |
Für Till Kadritzke leidet MIRAL (
) an den Zwängen einer überfrachteten Handlung. "Zwar bemüht sich Julian Schnabel um eine visuell originelle Inszenierung der Handlung, indem er die Deutlichkeit des Drehbuchs stellenweise mit abstrakteren Bildkompositionen abmildert. Trotzdem handelt es sich immer um eine Inszenierung der Handlung, während sich diese in seinen früheren Filmen dem Visuellen untergeordnet hatte. Wo die eindringliche Wirkung dort stets von den Bildern ausging, sind diese in MIRAL (
) in erster Linie Informationsträger, und unter dem Primat der Handlung geraten auch die wenigen poetischen Momente, die eigenwilligen Kameraschwenks und die Abwechslung auffälliger Farbfilter zum Klischee ohne jeden Gehalt."
Rebecca Nicklaus schreibt: "Miral ist eine rote Blume, so heißt es im Film. Sie wächst am Straßenrand, jeder hat sie vermutlich schon tausendmal gesehen. Will dieser bedeutungsvolle Satz ausdrücken, dass Miral ein Mädchen unter vielen ist, in der sich jedoch die Hoffnung und Wünsche einer ganzen Generation vereinen und ausdrücken? Vielleicht. Ganz sicher lässt er sich aber auch auf den Film beziehen. Man hat viele wie ihn gesehen, da er bedauerlicherweise nicht so positiv heraussticht, wie es Julian Schnabels Werk Schmetterling und Taucherglocke (
) auf jeden Fall tat. Laut Schnabel ist Miral ein Film des Friedens. Leider aber ein Film, mit dem sich nicht in allen Bereichen Frieden schließen lässt."
Denis Demmerle meint über den umstrittenen Film: "Da liegt der Vorwurf von Einseitigkeit oder gar Propaganda nahe. Jenseits der politischen Einordnung bleibt ein Film, der in faszinierenden Bildern packende Frauen-Biografien erzählt - wobei die Geschichte Husseinis vielleicht sogar spannender ist, als die seiner Rula Jebrea, die in ihrem autobiografisch gefärbten Roman die Figur Miral erschuf."
Julian Schnabels Film MIRAL (
) ist didaktisch und poetisch. Allerdings dauert es laut Daniel Kothenschulte, bis sich die Kunst hinter der Fülle des Faktischen bemerkbar wird. "Erst nach einer ausführlichen Rekapitulation zweier Jahrzehnte israelisch-arabischer Geschichte findet der Film seine eigentliche Protagonistin in der Schülerin, die nach dem Sechs-Tage-Krieg in die Schule kommt und als Teenager beinahe im radikalen Flügel der PLO unter die Räder gerät. Betont ausgewogen vermittelt Julian Schnabels Film stets beide Perspektiven, stellt israelischen Folterpolizisten die mafiösen Strukturen innerhalb der palästinensischen Befreiungsorganisation gegenüber."
Der Film will aufklären, ergreift aber auch Partei im Nahost-Konflikt, schreibt Anke Westphal. "MIRAL (
) ist ein Plädoyer für einen souveränen palästinensischen Staat. Eine Anklage gegen Israel. Dass das Herz des renommierten US-amerikanischen Künstlers jüdischer Abstammung so laut für die Palästinenser schlägt, dürfte für Aufsehen sorgen in der jüdischen Geisteswelt. Man muss selbst in Israel gewesen sein, um zu verstehen, dass der Nahost-Konflikt nicht lösbar ist, hat mal jemand gesagt. Vielleicht muss man zu Hause bleiben, um die Hoffnung nicht zu verlieren."
Dominik Bühler ist enttäuscht. "Dem Film fehlt die radikale Subjektivität, die Julian Schnabel früher so poetisch umsetzte, eine Subjektivität, die von der Verfilmung eines autobiographischen Drehbuchs, in der noch dazu die palästinensische Hauptfigur, das Alter Ego von Rula Jebreal, mit dem indischen Lookalike Freida Pinto besetzt wird, eigentlich zu erwarten wäre. Die Inszenierung leidet unter der fehlenden Entscheidung zwischen objektiver Betrachtung, provokanter Agitation und poetischer Filmkunst. Letztendlich zum Verhängnis wird dem Film jedoch das Sinnbild, das seine Titelheldin charakterisiert."
Janis El-Bira ist enttäuscht. "Der palästinensische Widerstand ist hier ein Fest der leuchtendsten Farben, in dem bildschöne junge Menschen untereinander fast ausschließlich in makellosem Englisch kommunizieren und ein weiblicher Bollywood-Star der Intifada ein Gesicht mit gezupften Augenbrauen schenkt. So geschmacklos und von Herzen schlecht ist das, dass man beinahe an der Ernsthaftigkeit des ganzen Unterfangens zweifeln möchte – aber natürlich ist das alles sehr aufrichtig gemeint. Ein Film wie dieser mag sowohl das reale Israel, das kein Schwarzweißfilm ist, ignorieren, als auch die Beschaffenheit des Konflikts im Nahen Osten auf Freiheitskämpferromantik im Taschenbuchformat eindämpfen können. Die Geschichte kann es zum Glück nicht."
Cristina Nord kam der Film nicht nahe. "Der Kameramann Eric Gautier tobt sich aus; er zieht alle Register der expressiven Bildgestaltung. Das ist stellenweise sehr stark, etwa wenn eine der Heldinnen ins Wasser geht: Wie dieses Ertrinken gefilmt ist, ist wirklich überraschend und berührend. Auf Dauer aber ermüdet die experimentierfreudige Kamera. Hinzu kommt, dass MIRAL (
) ein bisschen zu genau weiß, wer Täter und wer Opfer ist."
Jan Schulz-Ojala "muss kein Zionist sein, um MIRAL (
) antiisraelisch zu finden: Von der Staatsgründung bis zur Intifada, vom idealistischen Palästinensergeliebten bis zur dickdummen israelischen Foltersoldatin vertritt der Film Julian Schnabels, der als Sohn jüdischer Eltern in New York aufgewachsen ist, konsequent die palästinensische Sache – die im Abspann nachgereichten Friedensappelle an beide Seiten verwandeln den Propagandafilm für die Palästinenser allenfalls in einen Propagandafilm für die gute Sache. Ein Propagandafilm mit plakativer Botschaft und lauter Holzschnittcharakteren aber bleibt er doch."
Susanne Ostwald entdeckt nahezu unfassbaren politischen Naivität. "Dabei ergreift er nicht nur klar Partei, sondern versteigt sich zu einer propalästinensischen Sichtweise, die in primitiver antiisraelischer Propaganda gipfelt. Während sein blauäugiger Friedensappell durchaus Applaus erntete, waren andere schlicht frappiert über das Ausmass an Schematismus und Eindimensionalität."
Isabella Reicher hat mehr erwartet. "MIRAL (
) folgt anhand dieser drei Frauenleben und -generationen nämlich dem Verlauf des Nahostkonflikts von Weihnachten 1947 bis ins Jahr 1994. Der Film selbst dauert 112 Minuten. Das gibt schon eine gute Vorstellung davon, wie atemlos hier erzählt wird. Sicherheitshalber setzt elegische Off-Musik bedeutungsvolle Akzente, auch Zusammenschnitte von Archivaufnahmen (Staatsgründung Israels, Sechs-Tage-Krieg, erste Intifada) werden so unterlegt. Das macht Kino der großen Gefühle, eine befriedigende Form der Auseinandersetzung mit dem Thema ergibt es nicht."
Peter Claus schreibt: "Wichtige historische Daten, wie der "Sechs-Tage-Krieg" oder die "Intifada" dienen als Kulisse für verschiedene Spotlichter auf die Lebensgeschichten von einigen Frauen, die durch die historischen Ereignisse miteinander verbunden sind. Das ist ganz ehrenwert, zumal Julian Schnabel, der aus einer jüdischen Familie kommt, insbesondere die palästinensische Position einnimmt. Doch, leider, das wühlt nicht auf. Ein großes Thema wird hier an einen kleinen Geschichtsüberblick verschenkt."
Daniel Kothenschulte hat sich nicht wirklich überzeugen lassen. "Für die amerikanische Öffentlichkeit leistet Julian Schnabel hier wichtige Aufklärungsarbeit, doch was in MIRAL (
) vor allem unter die Räder kommt, ist die Kunst. Nur in wenigen Massenszenen wie der Beerdigung Husseinis, die mit einem Song von Tom Waits unterlegt wird, arbeitet der vor allem als Maler berühmte Filmemacher überhaupt visuell. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte des Politkinos, das ein Filmemacher seine Kunst der guten Absicht opfert."
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