| Regie | Juan José Campanella |
| Kinostart | 28.10.2010 |
Oscar-Gewinner IN IHREN AUGEN (
) zeigt Birte Lüdeking, wie nichtssagend Auszeichnungen sein können. Das "formelhaftes Drehbuch nach dem Roman von Eduardo Sacheri begnügt sich aber mit vereinzelten Andeutungen und präsentiert ansonsten einen Gesetzeshüter, der eher an die altmodische Spurensuche einer Miss Marple oder die pseudophilosophischen Betrachtungen eines Derrick erinnert, denn als aussagestarke allegorische Figur aufzutreten. Wie zu Derricks Anfängen wird der Täter im Handlungsverlauf schon früh entlarvt, und als Espositos treuer "Harry" sorgt ein herzensguter Alkoholiker für den comic relief und später für den Druck auf die Tränendrüse."
Daniel Kothenschulte philosophiert nach dem Film. "Tatsächlich ist diese übergroße Liebe alles andere als ein Vorbild. Sie hat das Maß verloren und morbide Züge angenommen. Was also ist eine lebensfähige Dosis? Die meisten Liebesfilme erzählen von einer glücklichen Gelegenheit, die man einfängt wie einen Fisch. Hier ist die Gegenposition. Ein Film über die Zeit, die es brauchen kann, sich über seine Gefühle im Klaren zu werden."
"In den Film IN IHREN AUGEN (
) bildet die politische Situation jedoch nicht in konventioneller Art die Folie, auf der sich die Handlung entwickelt. Die "dramaturgisch unorthodoxe Weise" (Juan José Campanella), in der sie vielmehr in die Handlung seines Filmes einbricht, zeugt von einem souveränen Umgang des Regisseurs mit der Filmsprache und hinterlässt beim Zuschauer eine nachhaltige Wirkung. IN IHREN AUGEN (
) ist ein vielschichtiger, hervorragend gespielter, grandios inszenierter und mit einer gehörigen Portion trockenen Humors angereichter Film, der in seinem Eintreten für eine zweite Chance auf den zwei Filmebenen das moralische Urteilsvermögen des Zuschauers herausfordert."
Wolfgang Hamdorf ist begeistert. "Der überzeugende Ausstattungsfilm lebt von Rückblenden, von Sprüngen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Für deren Glaubwürdigkeit sorgt neben den Maskenbildnern auch das hervorragende Darstellerensemble, angeführt von Ricardo Darin. Als schwerfälliger Idealist kämpft er sich auf der Suche nach dem Recht durch das Dickicht der Erinnerungen, Halbwahrheiten und Verschleierungen."
Martin Wertenbruch schreibt: "Da blicken Menschen aus alten Fotographien auf die Protagonisten, die bis in die Gegenwart davon berührt werden. Und schließlich sind da immer wieder diese Blicke zwischen zwei Liebenden, die mit Worten nie zu sagen vermochten, was die Augen schon längst wußten. Als Benjamin die Richterin Irene wegen des Romans aufsucht, fragt sie: "An was von damals hast du seit über 20 Jahren am meisten gedacht?" Er schaut sie nur lange an. Und ein Schnitt führt zurück zu jenem Tag, als er sie zum ersten Mal sah."
Der Oscar als Bester fremdsprachiger Film präsentiert sich für IN IHREN AUGEN (
) laut Simon Frauendorfer als gerechter Verdienst. "Wer einen so gewagten Drahtseilakt zwischen Romantik und Kriminaldrama mit einem stimmigen Gesamtkonstrukt abschließt, hat Großes vollbracht. IN IHREN AUGEN (
) bleibt trotz etwas komplexerer Themen immer ein Film für das Publikum, der einem auch mal die Möglichkeiten menschlicher Wandlungsfähigkeit vor Augen hält, anstatt sich in grenzenlosem Pessimismus zu suhlen. Letztendlich war dies wohl auch der entscheidende Faktor, warum Hollywood den argentinischen Vertreter, den spießbürgerlichen Schreckensszenarien eines Michael Haneke vorgezogen hat."
Gekonnt verwebt der Regisseur laut Florian Lieb "romantische Handlungsstränge mit den Krimi-Elementen, hier und da unterbrochen von humorvollen Auflockerungen, meist durch Komiker Francella, und garniert mit einigen herausragenden Szenen wie der bereits angesprochenen Stadionszene. In einer langen Einstellung stellt Kameramann Félix Monti hier die Strandszene seines Kollegen Seamus McGarvey aus ABBITTE (
) in den Schatten und macht die Kamera für einige Minuten zum Hauptdarsteller des Filmes. Und auch mit seiner Auflösung, obschon wenig überraschend, aber durchaus tröstlich, kann Juan José Campanella auftrumpfen, selbst wenn er seinen Film zwei Einstellungen zu spät ausblenden lässt und ihn somit um eines stärkeren Endes beraubt."
IN IHREN AUGEN (
) "nie überladen oder konstruiert, denn Campanella entpuppt sich auch als ein Meistererzähler, dem es gelingt, dass das Publikum immer gespannt bleibt, was als nächstes passiert. Dabei kann es laufend neue Leidenschaften und Geheimnisse entdecken, durch die es ein tieferes Verständnis der Charaktere bekommt, sodass auch Nebenfiguren wie Benjamins alkoholkranker Kollege Pablo und Ricardo, der Ehemann der Getöteten, zu den Helden ihrer eigenen Dramen werden. Solch ein ambitionierter, origineller und humaner Film gelingt einem Regisseur selten."
Claus Wecker schreibt: Die Geschichte "wächst von einer spannenden Whodunit-Story zu einem bewegenden Schuld-und-Sühne-Drama heran, das keinen Zuschauer kalt läßt. Der Ermittler der Staatsanwaltschaft ist vom Anblick der Leiche so schockiert und von den Rachebedürfnissen des trauernden Ehemannes so beeindruckt, daß er nicht in der Lage ist, den Fall ruhen zu lassen. Mit der Verhaftung des Mörders geht die Tragödie erst richtig los und bekommt auch noch eine politische Dimension. Ein Höhepunkt des Kinojahres."
Marcus Wessel ist begeistert. "Plötzlich wird aus der Anspannung der Ermittler eine miterlebte Erfahrung, bei der man beinahe vergisst, dass man eigentlich nur ein passiver Beobachter ist. Immer wieder fordert uns Juan José Campanella auf diesem Wege heraus. Er will, dass wir mit seinem Helden fühlen, leiden, uns freuen und lieben. Dessen viel zu großes Herz verleiht der Geschichte erst ihre traurige Seele. Es ist ein Herz, das mit jedem Schlag sich allein der Wahrheit verpflichtet fühlt und das IN IHREN AUGEN (
) zweifelsfrei zu einer Perle des südamerikanischen Kinos macht."
Florian Borchmeyer beleuchtet die Hintergründe.
"IN IHREN AUGEN (
) ist sicherlich kein einfacher Film. Er wirft Fragen auf, ohne sie zu beantworten und lässt den Zuschauer entscheiden, was Recht und Unrecht ist. Die Meinungen werden sicher auseinandergehen. Juan José Campanella ist ein leidenschaftlicher Film gelungen, der während der ganzen Spielzeit spannend ist und ohne grosse Effekthascherei auskommt - einfach ein gutes, realistisches und altmodisches Werk für ein anspruchsvolles Publikum."
Victoria Eglau schreibt über den Film und seine politischen Hintergründe.