| Regie | Oskar Roehler |
| Kinostart | 23.09.2010 |
Oskar Roehler und Drehbuchautor Klaus Richter machen aus Marian eine tragische Figur, einen Melodram-Helden, stellt Thorsten Funke fest. "JUD SÜß war auch deshalb ein so erfolgreicher Film mit 20 Millionen Zuschauern, weil er sein Publikum auf verschiedenen Ebenen ansprach, unter anderem als Ventil für verbotene sexuelle Fantasien. Oskar Roehler zeigt aber nicht die Strategien und Mechanismen, die psychologischen Fäden, die da gezogen werden. Er schaut den Filmemachern nicht in die Karten. Er erklärt das Phänomen JUD SÜß nicht, sondern zeigt nur seine Wirkung. Das sieht ja auch spektakulärer aus."
Kein Blödsinn bleibt dem Zuschauer erspart, kein Klischee des Nazi-Camp wird ausgelassen, schreibt Daniel Kothenschulte. "Nein, eine Parodie wollten die Filmemacher gar nicht machen, aber das ist schwer zu glauben. Alle Veränderungen, die darauf abzielen, Marian, den Täter, zum Opfer zu stilisieren, seien "einer höheren künstlerischen Wahrheit" geschuldet, so sieht es Drehbuchautor Richter. Oskar Roehler selbst versteigt sich zu der nicht ganz aus der Luft gegriffenen Feststellung, auch die heutige deutsche Filmszene habe ihn an die Goebbels-Zeit erinnert in ihrem Buhlen um Geld, umgeben von Industriellen, "die genau so sind wie damals"."
JUD Süß - FILM OHNE GEWISSEN (
) scheitert an Unentschiedenheit, wie Dominik Kamalzadeh schreibt. "Zwischen diesen widersprüchlichen Tonarten - einem Drama, das sich durch Übertreibung widerlegt, und einer Farce, die sich nicht weit genug vom Boden der Tatsachen entfernt - findet JUD SÜß - FILM OHNE GEWISSEN (
) keine Position, schlimmer: keine Beglaubigung für sein Tun. Das Resultat ist ein zerrissener Film, der eher der Aufmerksamkeit halber die Nähe zu einem finsteren Werk sucht und in der Aufbereitung seiner Geschichte keinen Schritt weiter hilft."
Als Geschichtsrochade bezeichnet Kyra Scheurer JUD SÜß - FILM OHNE GEWISSEN (
). "Das paßt zum glatten Drehbuch: Hier wird routiniert mit Zuspitzung und Überhöhung gearbeitet und ganz klassisch die Geschichte eines Protagonisten erzählt, der von Beginn an den Kopf in der Schlinge hat – der mächtige Goebbels will ihn unbedingt für die Rolle – und den Rest der Handlung über versucht, sich zu befreien: Verweigerung, Taktik, Selbstbetrug, Fügung und schließlich inneres Zerbrechen."
Für Jasmin Drescher verfehlt JUD SÜß - FILM OHNE GEWISSEN (
) sein Sujet und verschenkt das Potential einer Riege erstklassiger Schauspieler. "Oskar Roehlers Ferdinand Marian ist ein promisker, alkoholsüchtiger, letztlich egoistischer Typ, der nur dank des facettenreichen Tobias Moretti nicht völlig platt wirkt. Moritz Bleibtreu darf als Goebbels vor allem laut schreien und mit den Armen herumfuchteln – doch die Parodie geht nicht auf, bleibt sie doch Einsprengsel in einem Film, der die allermeiste Zeit mimetisch daherkommt."
Florian Keller kann dem Film nicht viel abgewinnen. "Ein Film über das Kino als Instrument der Verführung muss selbst auf der Höhe des Mediums sein. Bei einem Regisseur mit dem cineastischen Bewusstsein eines Quentin Tarantino hätte dieser Blick hinter die Kulissen der filmischen Propaganda erhellend oder wenigstens provokativ sein können. Bei Oskar Roehler geht beides schon deshalb schief, weil Goebbels von Moritz Bleibtreu gespielt wird. Der tut, was er kann, und weil das nicht viel ist, spielt er den Propagandaminister als prolligen Mafioso."
Wolfgang Höbel ortet den Film nah am Fernseh-Historienschmonz. "Warum widmet sich dieser Film der weitgehenden moralischen Weißwaschung einer Figur, die im berühmtesten und bis heute verbotenen Nazi-Hetzfilm (den man sich als Kinozuschauer nur in kommentierten Vorstellungen ansehen darf) die Hauptrolle spielte? Es ist nicht alles schlecht an Oskar Roehlers Film, aber auf diese Frage gibt er keine Antwort. Vieles an JUD Süß - FILM OHNE GEWISSEN (
) ist bieder, und als er einmal ins Surreale abheben will, da geht es richtig schief."
Ein Desaster ist der Film für Harald Jähner. "Fatal ist, dass Oskar Roehler dem gleichen penetranten Kunstwollen unterliegt, dem auch Veit Harlan im JUD SÜß gefolgt ist. Alles wird aufs Eindrücklichste hingebogen, die Wirklichkeit zählt nichts, wo immer es geht, muss sie überboten werden. ... Nicht, dass der Film einen NS-Schauspieler zum tragischen Helden macht, ist sein Problem, sondern wie wenig er die Realität respektiert. Das wäre nicht anstößig, vergriffe er sich nicht an einer realen Figur."
Cristina Nord sah eine Entlastungsfiktion. Dies ist "eine sehr unentschiedene, in Grau- und Blautönen ertränkte Sache, in der Moritz Bleibtreu als Rampensau ganz andere Schauspielregister zieht als seine Kollegen. ... Das Schwierigste daran ist, wie sehr sich Oskar Roehler auf Ferdinand Marian konzentriert. Dadurch verwandelt er die Geschichte des Hetzfilms in die einer tragischen Figur: Marian ist bei ihm kein Mitläufer, sondern ein Zerrissener; eine halbjüdische Ehefrau wird ihm zur Ehrenrettung angedichtet. JUD Süß - FILM OHNE GEWISSEN (
) ist eine der Entlastungsfiktionen, die uns im Kino den Umgang mit dem Nationalsozialismus versüßen."
JUD Süß - FILM OHNE GEWISSEN (
) ist keine spannende Geschichtsstunde, sondern ein Stück (Film-)Geschichtsfälschung, wie Jan Schulz-Ojala schreibt. Der Film "reiht sich nahtlos in jenes neuere deutschen Exkulpationskino ein, das die durchaus aktiven Mitmacher deutsch-diktatorischer Systeme letztlich als arme Schweine darstellt: Das geht vom einsamen Feldherrn im DER UNTERGANG bis zum unglücklichen Stasi-Offizier in DAS LEBEN DER ANDEREN. Bei Oskar Roehler wiederum darf sich Ferdinand Marian auch aus Verzweiflung darüber, dass seine Frau vergast worden ist, zu Tode saufen."
Nein, eine Parodie wollten die Filmemacher gar nicht machen, aber das ist für Daniel Kothenschulte schwer zu glauben. "Alle Veränderungen, die darauf abzielen, Ferdinand Marian, den Täter, zum Opfer zu stilisieren, seien "einer höheren künstlerischen Wahrheit" geschuldet, so sieht es Drehbuchautor Klaus Richter. Oskar Roehler verstieg sich zu der nicht ganz aus der Luft gegriffenen Feststellung, auch die heutige deutsche Filmszene habe ihn an die Goebbels-Zeit erinnert in ihrem Buhlen um Geld, umgeben von Industriellen, "die genau so sind wie damals". Einen Unterschied immerhin gibt es: Der Filmförderfond von Staatsminister Bernd Neumann bestimmt nicht, welche Filme gemacht werden sollen. Das Geld kommt automatisch."
Angelika Kettelhack beleuchtet die Hintergründe der Produktion, besonders den Streit um das Drehbuch.
Als Monstrum, aber ein amüsantes bezeichnet Thomas Groh den Film. "Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Gut ist JUD Süß - FILM OHNE GEWISSEN (
) nicht. Als Geschichtsfilm schon seines äußerst freien Umgangs mit den Figuren wegen nicht zu gebrauchen, seine melodramatischen Wendungen entspringen allesamt einem Cora-Heft, in seinen besten Momenten ist er ein delirant in alle Richtungen ausgestreckter Mittelfinger, in seinen schlechtesten abgelaufener Quark aus dem Discounter. Und doch, als irritierender Moment in der langen Reihe des Scheiterns, die da "Deutsche Filme über das Dritte Reich" überschrieben ist, verdient es dieses Monstrum zumindest, vor seinen heftigsten Kritikern in Schutz genommen zu werden."
Buhrufe und Ablehnung gab es bei der Weltpremiere im Internationalen Wettbewerb der Berlinale. "Die Mischung aus Melodram und leicht satirischen Elementen irritierte das Publikum in einer ersten Medienvorstellung allerdings stark, so dass es am Ende auch Buhrufe gab."
Christian Westheide findet es gut, dass ein Werk auf Widerstand und Wut trifft. "Eigentlich ist ja über den Nationalsozialismus genug gefilmt und geschrieben, sollte man meinen. Aber, dass der Film trotzdem nochmals eine gelungene Perspektive beisteuert, beweist das Gegenteil. Einen DER UNTERGANG oder eine "Hitler und die Frauen Doku" brauchen wir sicher nicht, JUD Süß - FILM OHNE GEWISSEN (
) aber beweist, dass man fern von Täterfaszination und History-BlaBla noch Filme über diese Zeit machen kann, die das berühmte "Wir sinds nicht, Adolf Hitler ist's gewesen" Paradox offenlegen."
Lars-Olav Beier war bei den Dreharbeiten.
Datenblatt zum Film.
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