| Regie | John Lee Hancock |
| Kinostart | 25.03.2010 |
Till Kadritzke entdeckt eine fragwürdige Moral. "Der gutmütige Schwarze, der trotz aller Probleme in der Kindheit nicht gewalttätig geworden ist, hat es verdient, in die Gesellschaft integriert zu werden. Seine Bekannten aus dem Schwarzen-Viertel, die Goldkettchen-Träger und Gewalttätigen, dürften wohl kaum eine Nacht auf dem Sofa der Tuohys verbringen. ... Ein großer Schwarzer mitten auf dem spießigen Foto einer weißen Oberschicht-Familie – dieses Bild mag bestimmten amerikanischen Zuschauern fortschrittlich oder gar provokant erscheinen. Im Vergleich mit anderen Filmen der letzten Zeit wirkt es merkwürdig überholt: Hollywood war schon mal weiter."
THE BLIND SIDE (
) ist laut Bert Rebhandl "deutlich an ein liberales, aufgeklärtes weißes Publikum gerichtet; generell ist die hier vorgeschlagene Variante der Adoption afroamerikanischer Problemkinder in wohlsituierte weiße Mittelschichtfamilien wohl eher keine Lösung. Dass es sich hier eher um eine lokal spezifische Variante des Hollywood-Starmodells der globalen Patchworkfamilie à la Madonna oder Brangelina handelt, entschärft John Lee Hancock zwar durch sensible Aufmerksamkeit für die Details der Südstaatenlebenswelt."
Maris Hubschmid findet es einseitig, wie der Film angelegt ist. "Michaels Eigenbeitrag zu seiner Entwicklung bleibt unbeachtet. Ohne die Tuohys hätte er nie ein Stadion gesehen. Geld und Nächstenliebe machen gleichwohl keinen Footballstar. Kein Wunder, dass der echte Oher sich nicht zu dem Werk äußert. Kränkend beschränkt kommt der Koloss im Film daher. ... Enttäuschender noch, dass John Lee Hancock die Gelegenheit ungenutzt lässt, ein bisschen weiter wegzuzoomen. Michael bekommt die Chance, die er verdient und die Tuohys lassen sich als Wohltäter feiern. Eine Win-win-Situation also. War’s das?"
THE BLIND SIDE (
) zeigt mehr als rührseliges Gutmenschentum, behauptet Susanne Ostwald. "Es ist das stimmige Porträt einer spezifisch amerikanischen Gesellschaftsschicht. Die neureichen Tuohys haben sich – from rags to riches – ihren Platz in der Gesellschaft und das Leben in einer konservativ-prunkvoll eingerichteten Villa selbst erarbeitet. ... Sandra Bullock ist die perfekte Verkörperung dieser hemdsärmeligen Person; ihr Mutterwitz und das Image des patenten All-American-Girls kommen ihr dabei zu Hilfe."
"Arm und reich, schwarz und weiß kommen hier unter republikanischem Dach zusammen, um sich zu vereinen und ein Loblied auf die Gleichberechtigung einzustimmen. Dass der Film nie, zu keiner Zeit, keine einzige Sekunde lang nicht einmal ansatzweise eine Begegnung auf Augenhöhe zulässt, verrät seine scheinliberale Menschlichkeit schnell als reine Behauptung."
Christina Raftery Fazit ist kurz: "Durch Sport, Struktur und persönlichen Einsatz den Aufstieg selbst bestimmen können: Diese einfache Message bestimmt den Film. Streng dich an, zeige Entschlossenheit, dann wird etwas aus dir - dabei hätte es bleiben können. Aber dank Sandra Bullocks souverän getragener Goldgürtel und Föhnwellen ist THE BLIND SIDE (
) optisch - und natürlich schauspielerisch - bemerkenswert."
Gebhard Hölzl sah einen weichgespülten Gegenentwurf zum Drama PRECIOUS (
). "Das ist alles recht und rührend, wird nur leider im gönnerhaften "Onkel Tom"-Ton vermittelt, in Zeiten eines schwarzen Präsidenten eine mehr als fragwürdige, rückständige Erzählhaltung. Da hilft es auch nicht dass, "Big Mike" mit auf die Familienweihnachtskarte darf - ein Schwarzer inmitten eines Haufens spießiger Weißer. Integration sieht anders aus - und beginnt im Kopf, nicht auf dem Sportplatz."
Florian Lieb schaut auf die Darsteller. "Sandra Bullock trägt den Film mit ihrer Mutter-Teresa-Figur plus Südstaaten-Akzent. Die anderen Darsteller können hier nur Stehen und Staunen, lediglich Kathy Bates vermag in ihrer kleinen Nebenrolle Bullocks Leistung standzuhalten. Aaron selbst schlägt sich wacker, hat jedoch mit verschüchtert Schauen und gelegentlich freundlich Lächeln auch einen leichten Part abgekommen. So verkommt THE BLIND SIDE (
) am Ende zu einem gelegentlichen kitschigen, grundsätzlich jedoch annehmbaren Sportdrama über eine bemerkenswerte Tat und ein daraus entstandenes bemerkenswertes Resultat, getragen von einer überzeugenden und nahezu alles überstrahlenden Hauptdarstellerin."
Felicitas Kleiner hat sich nicht ganz überzeugen lassen. "Erzählt wird dieses auf einer wahren Geschichte beruhende Aufstiegsmärchen, das sich in der Darstellung gesellschaftlicher Milieus auf grobe, klischeegeladene Skizzen beschränkt, mit dramaturgisch feinem Gespür dafür, wie sich gelungene Situationskomik, pointierte Dialoge und (melo-)dramatische Elemente zu einem launigen Familienfilm zusammen schmieden lassen; Sandra Bullock, die mit betont geschmackloser Kleidung und ruppig-trockenem Auftreten ihre Figur geschickt an Rührseligkeit und Übermutter-Betulichkeit vorbei navigiert, weiß einmal mehr das Publikum für sich einzunehmen."
"Der filmische Reiz von THE BLIND SIDE (
) besteht auch in seinem Facettenreichtum. Er ist zum einen eine subtile Familienstudie, die Geschichte einer neuen Mutter-Sohn-Beziehung, zum anderen aber auch über viele Strecken ein Sportfilm par excellence (mit virtuos montierten Football-Spiel- und Trainingssequenzen). THE BLIND SIDE (
) ist auch die Erfolgsstory eines Sportphänomens: Ein Rohdiamant wird geschliffen. Dem Film gelingen nachdenkliche und komödiantische Szenen in gleicher Güte. Quinton Aaron als "sanfter Riese" und Sandra Bullock setzen darstellerische Glanzlichter."
News zum Film.
Für Mick LaSalle ist THE BLIND SIDE (
) niemals langweilig, aber auch nicht wirklich unterhaltend. "Quinton Aaron als Michael stolpert durch seine Darstellung mit einem verletzten, überraschten Blick, der vielleicht dem Charakter entspricht, aber dem Film manchmal die Energie raubt. Regisseur John Lee Hancock nimmt sich viel Zeit, manchmal zu viel. Dennoch ist der Filmemacher derart talentiert, so dass er die Geschichte nicht verliert."