| Regie | Oliver Parker |
| Kinostart | 15.04.2010 |
Wenn Skript und Film sich schon nicht die Mühe machen, Tiefgang zu entwickeln, dann hätte es zumindest für einen veritablen Horrorfilm reichen können, kritisiert Robert Zimmermann. "Doch der ist auch nicht so leicht zu machen: Das titelgebende Bildnis wandelt sich zwar – aber es zeigt in seinen Stadien weder den Satyr oder den Verschlagenen als Spiegelung der – sowieso nicht erkennbaren – Seelenzustände Dorians, sondern zunehmend das Bild eines von Maden und Ungeziefer durchpflügten Antlitzes – und am Ende ein brüllendes Monster. Damit verliert selbst die Kernmetapher von Wildes Werk ihre eigentliche Bedeutung und könnte allenfalls für die reaktionäre These herhalten, dass fragwürdige Sexualmoral nur von wahrhaft monströser Gestalt sein kann."
Laut Knut Elstermann stöhnt und ächzt DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY unter der Schande. "Regisseur Oliver Parker lädt dieses Kunstwerk mit Horror auf, so wie er insgesamt eher an den Schauer-Elementen der literarischen Vorlage interessiert ist als an deren philosophischen Grundierungen. Im Film stöhnt und ächzt das Gemälde unter der Sündenlast. Maden winden sich in dem ruinierten Gesicht, das Kunstwerk führt hinter verschlossener Tür ein unheimliches, verborgenes Eigenleben und verwandelt die Dachkammer in ein Blaubart-Zimmer, in dem die Untaten versammelt sind."
Martin Schwickert ist durchaus angetan. "Mit expressiver Wucht treibt Oliver Parker seinen Helden durch dunkle Gassen, Spelunken, Hinterhoftheater und Edelbordells der viktorianischen Metropole, die mit einigen allerdings weniger überzeugenden Digital-Rekonstruktionen aufgepeppt wurde. Lange Schatten, düstere Bildkompositionen und ein bebender Orchestergraben begleiten die Reise des Dorian Gray in die Abgründe der eigenen Seele. Der Mord an Basil dann wird als veritables Blutbad inszeniert."
Enttäuschend schlicht findet Birgit Glombitza das Werk. "Wie gut hätten sich die ästhetizistischen Oberflächenphänomene des 19. Jahrhunderts mit der Altersangst und manischen Körperkultur unserer Gegenwart verschmelzen lassen. Doch in diesem blassen DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY entziehen sich die Verjüngungssehnsüchte des Adels und des Großbürgertums sowie der Snobismus des britischen Klassenbewusstseins jeder allegorischen Querverbindung zu den durchgestrafften Celebrities unserer Tage."
Laut Daniel Kothenschulte hat sich der Regisseur "entschieden, aus der schönen Geschichte einen Werwolf-Thriller zu machen, aber so sehr, wie er sich schon vor der Darstellung von Sexualität fürchtet, wäre er bereits an Dracula gescheitert. Es ist schon ein Kunststück: Da inszeniert jemand Oscar Wilde mit moralischem Zeigefinger und erotischen Auslassungen. Und so ist es kein Wunder, dass der literarische Dorian Gray in einer Zeit des kollektiven Jugendwahns immer jünger wird, derart muffiges Kino aber alt und grau."
Geballter Ästhetizismus ist auf Daniel Sander eingeprasselt. "Da hilft es wenig, dass Regisseur Oliver Parker das Ganze als prächtig ausgestatteten Edelhorrorfilm stylt und ein paar gelungene Gruselmomente und einige demonstrativ geschmackvolle Sexszenen parat hat. Dieser Film will vor allem gut aussehen - und das tut er - aber er scheint sich kaum für das Innenleben seiner Hauptfigur zu interessieren. Es fehlt die Seele. Wie passend."
Margret Köhler findet DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY trotz inhaltlicher Mängel sehenswert. "Die Modernisierung dieser schaurig-schönen Geschichte mündet im wüsten Gothic-Horror, der wenig Platz für ausdifferenzierte Charakterzeichnung lässt. Dafür feiert Oliver Parkers Film das Klischee der Verruchtheit mit Opiumhöhlen, Alkoholexzessen und Sexorgien. Es reicht nicht der rapide Verfall des Bildes und die Reduzierung zu einer hässlichen Teufelsfratze, es müssen auch Maden krabbeln, während Gray im Kreise seiner im Alter an Mumien erinnernden Freunde, in toter Jugendlichkeit erstarrt."
Von Oscar Wildes brillanter Verflechtung psychologischen Grauens mit scharfsinniger Gesellschaftskritik übernimmt DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY kaum mehr als den Titel, kritisiert Lida Bach. "Die wirre Mischung aus Soft Porno, Melodram und Horrorfilm erscheint wie Oliver Parkers krude Vorstellung davon, welche Geschichte Wilde vorgeschwebt habe, er jedoch nicht zu schreiben wagte. Schießereien, Gasexplosionen, verstümmelte Leichen. Und weil in London die U-Bahn schon seit 1863 fährt, darf sie auch mal einen niedermähen. Zwischendurch ist Porno Party angesagt. Toll trieben es die alten Viktorianer."
Michael Meyns ist enttäuscht. "Ohnehin schafft es diese neue Verfilmung nur selten, die ethisch-philosopischen Fragen der Vorlage anzudeuten. Dass Oliver Parker und sein Drehbuchautor einige Änderungen und Straffungen vorgenommen haben ist unvermeidlich. Doch letztlich ist ihre Version von DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY wenig mehr als eine oberflächliche Gruselgeschichte, angereichert mit einigen Horrorelementen, die für sich genommen akzeptable Unterhaltung ist, dem Geist der Vorlage aber kaum gerecht wird."
Laut Dieter Oßwald funkeln hier die spitzzüngig geschliffene Dialog-Diamanten eines Oscar Wilde zu selten. "Auch in Sachen Dekadenz bleibt das Dandy-Prunkstück auf der Leinwand meist so brav wie Parfümreklame, derweil der Gänsehautfaktor des Schauerstücks nostalgisch an die beschaulichen "Hammer"-Horrorzeiten erinnert. Langweilig immerhin wird die nette Narzissmus-Parabel nur selten, das auf alt polierte London ist allemal so sehenswert wie Girlie-Gallionsfigur Ben Barnes."
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