| Regie | Peter Liechti |
| Kinostart | 06.05.2010 |
Das Summen der Insekten betört mit einigen wunderbaren Collagen und Birte Lüdeking hätte sich ein anderes Ende gewünscht: "Das Summen der Insekten betört mit einigen wunderbaren Collagen und Eindrücken [...]. Als Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Einsamkeit und Tod zerfällt der mehrfach preisgekrönte Film aber in einzelne Impressionen und bleibt im Ganzen eher aussageschwach und wirkungsarm. Wenn am Ende das Licht kommt, ist man weniger berührt als enttäuscht. Wenn schon subjektive Sterbeinszenierung, dann bitte ohne Klischee und mit kreativem Finale.
"Wie der Sterbende wünscht man sich auch als Zuschauer ab einem gewissen Punkt das Ende herbei. Dieser Effekt ist sicher beabsichtigt und passt wunderbar zur Geschichte des Films. Vom Zuschauer verlangt das trotzdem einiges an Sitzfleisch. Wer im Kino in erster Linie unterhalten werden möchte, dem sei von DAS SUMMEN DER INSEKTEN (
) hiermit abgeraten. Wer sich jedoch auf das schwierige Thema einlassen kann und mit experimentellen Sequenzen keine Mühe hat, kommt hier voll auf seine Rechnung."
Cristina Nord schätzt die Neutralität des Regisseurs: "Die Nüchternheit gibt der Text vor, aus dem Off wird detailgenau über das Einsammeln von Regenwasser, über Magenkrämpfe, Radioprogramme oder den letzten Stuhlgang berichtet. [...] DAS SUMMEN DER INSEKTEN (
) hat das große Verdienst, all dies vor unseren Augen und Ohren auszubreiten, ohne es je einzuordnen. So hat man in keinem Augenblick den Eindruck, Liechti wolle das Sterben erklären. Ein bisschen mehr davon verstanden hat man trotzdem."
Wibke Wetzker betont den Unterschied zum Buch: "In gewisser Hinsicht beschneidet Liechtis sehr persönliche Interpretation sogar die Lesbarkeit des Textes, paradoxerweise gerade weil er den Selbstmord aus dem kulturellen Kontext Japans löst und irgendwo zwischen Zivilisationsflucht in die Natur und radikaler Verweigerungshaltung zu universalisieren sucht."
Margret Köhler sah die meisterhafte Thematisierung eines Tabus. "Der dramatische Monolog der Tagebucheinträge in Voice Over wird unterlegt mit subjektiven und assoziativen Bildern - farbig der Wald, die Lichtung und der Himmel, schwarz-weiß die Imaginationen von Menschen in der Stadt, Gesichter hinter Straßenbahnfenstern, Frauenhaare im Wind, Wellen. Die Meditation über Tod und Entmenschlichung modernen Lebens folgt dem Protagonisten auf seine halluzinatorische Reise ins Jenseits und schließt mit dem Satz "da ist Licht". Ein irritierendes und faszinierendes Meisterstück, zu Recht ausgezeichnet mit dem Europäischen Filmpreis PRIX ARTE für den besten Dokumentarfilm."
Den klaren poetischen Worten des Erzählers kann Hendrike Bake "wenig hinzuzufügen und so beschränkt sich Peter Liechti auf Bilder, die bewusst offen bleiben. Neben verfremdeten Aufnahmen, die vage Assoziationen von großstädtischer Einsamkeit, komplexer Sexualität und orientierungslosen Nächten hervorrufen, hat Peter Liechti vor allem Natur gefilmt. Immer wieder ist dieselbe Waldlichtung zu sehen und immer wieder der Blick gen Himmel durch eine dicke durchsichtige Plastikplane, die das Dach des Sterbelagers darstellen könnte. Mit der Zeit bilden die Blätter und Nadeln, die auf die Plane fallen, ein abstraktes Gebilde."
Die Meinungen zu diesem Film dürften laut Thomas Engel "gehörig auseinandergehen. Die einen werden ihn finster, monströs, der Perversion nahe finden, die anderen großartig, tiefsinnig, todesnah. Eines ist er auf jeden Fall: etwas Besonderes. Ein Mensch, der sich der Existenz und der Nichtexistenz stellt; der es leid ist, nach dem Sinn des weltlichen Lebens zu fragen; der weitergehen und weitersehen will; der den Tod nicht schnell erlebt, sondern in allen Phasen."
Überblick zum Film auf moviepilot.de
Die Sujetwahl erscheint Eduard Ulrich "nicht zwingend oder schlüssig, sondern willkürlich. Auch sind die Motive nicht innovativ, sie knüpfen vielmehr oft an christliche oder abendländische Vorstellungen an, oder sie rekurrieren auf ein archaisches Weltbild, obwohl der Protokollant aus einer völlig anderen Gesellschaft kommt und es zwei spannende Herausforderungen gegeben hätte: eine japanische Vorstellungswelt zu bebildern oder eine universelle - oder wenigstens europäische - moderne Bildwelt zu schaffen."
Der Regisseur bewegt sich laut Christina von Ledebur "mit DAS SUMMEN DER INSEKTEN (
) wie bereits in mehreren seiner Arbeiten an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Experimentalfilm. Zwar ist die Geschichte im Dokumentarischen verankert, was Liechti aber daraus macht, ist eine Art Assoziationsfluss in Bildern und Tönen. Es gelingt ihm, damit einen beklemmenden Sog herzustellen, der einen letztendlich – genau wie den Protagonisten – auf den Tod als Erlösung warten lässt."
Laut Nicky Schaefer "betont der Erzähler, dass er kein religiöser Mensch sei. Und doch ist es diese religiöse Suche, die Suche nach einem Sinn jenseits des Diesseits, die ihn antreibt. Und nur diese Suche nach Sinn gibt ihm letztlich die Kraft, sich selbst umzubringen. Das aber gerade in dieser Suche nicht jenseits des Lebens, sondern im Leben selbst zu suchen wäre, diese Einsicht bleibt ihm wohl verwehrt. Also viel Lärm um nichts? Für Gesprächsstoff ist jedenfalls gesorgt."
Christoph Egger lobt den bildmächtigen Versuch über das Sterben. "Die Bühne der Erinnerungen, der inneren Bilder, die das verschwimmende Bewusstsein durchzucken, der Visionen vom Sterben als verführerisch-freundliche Einladung und ominös-düstere Beklemmung. Wie Peter Liechti, der grosse Experimentator im gegenwärtigen Schweizer Filmschaffen, dessen Experimente immer auch die eigene Existenz meinen, seine Faszination angesichts dieses Stoffs in monochrome Bilder fasst, die er zu Norbert Möslangs zwischen fragmentiertem Klang und tastendem Geräusch oszillierender Musik in Beziehung setzt, das ist von rarer Schönheit und seltener Dringlichkeit. Enorm die Leistung der Cutterin Tania Stöcklin."
"DAS SUMMEN DER INSEKTEN (
) ist kein Dokumentarfilm, sondern ein mit gesuchten, gemachten dokumentarischen Bildern gebautes Gesamtkunstwerk. Aber der Film passt wunderbar zum programmatischen Anspruch dieses Festivals, er ist die filmische Verkörperung einer Vision des Realen. Ob das im Kino eine Chance hat, wage ich zu bezweifeln. Das ist ein Film wie ein modernes Konzertstück, ein Kustwerk für ein aufmerksames, williges Publikum."
"Ein tagebuchartiger Monolog, der über weite Strecken besticht durch die akribische Präzision der Schilderung und der bestürzt, weil er die letzte Frage - die nach dem Grund - nie beantwortet. Zu sehen sind: Aufnahmen vom Tatort: Wald, Bäume, Sträucher, Gras, Blumen, Erde, Himmel. Ein aus Plastik und Ästen gebastelter Unterschlupf - assoziativ verwoben mit RUSHES aus Peter Liechtis bisherigen Filmen. So präsentiert sich DAS SUMMEN DER INSEKTEN (
) denn als faszinierendes Mosaik von Bildern und Tönen und erweist sich von letzten Dingen berichtend als fulminante Ode ans Leben."