| Regie | Jeff Nichols |
| Kinostart | 08.10.2009 |
Laut Michael Kienzl konzentriert sich der Regisseur bei seiner Inszenierung aufs Wesentliche, erzählt seine Geschichte geradlinig und schnörkellos. "Jeff Nichols zieht den Zuschauer nicht auf eine Seite der beiden Parteien, sondern lässt beide Standpunkte nachvollziehbar werden. Da sich zudem die Lage mit jedem weiteren Racheakt nur verschlimmert, wird weder der Vergeltungstrieb des Protagonisten noch der Gerechtigkeitssinn des Zuschauers befriedigt. Am entschiedensten grenzt sich Shotgun Stories aber von gewöhnlichen Rachegeschichten ab, indem er auf die Darstellung von Gewalt und die damit verbundene Katharsis verzichtet."
Kraftvoll nennt Christina Bylow das Debüt. "Es ist eine geschlossene Welt, in der Jeff Nichols seine Studie über Verrat und Rache angesiedelt hat, eine Welt, in der Frauen, mitsamt der böswilligen Manipulatorin, nur hilflose Randfiguren sind. Sie versuchen nicht einmal, den Furor dieser Männer zu durchbrechen; sie gehen nur aus der Schusslinie. Jede Begegnung zwischen den Clans endet in einem shoot-out. Darin bewegt sich Jeff Nichols in bester Western-Tradition, in der des nihilistischen Westerns von Clint Eastwood in den 1980er-Jahren."
Andreas Busche sah einen Familienkrieg und die Trostlosigkeit vorgezeichneter Wege. "Es ist ein hässlicher Konflikt, und man muss es Jeff Nichols hoch anrechnen, dass er diese Schonungslosigkeit in adäquate Bilder übersetzt. Wie David Gordon Green verzichtet er auf White-Trash-Kitsch. Seine Alltagsbeobachtungen wie auch die Sprache der Männer haben etwas Lakonisches. Ein paar schwarze Kids spielen auf einem Betonplatz Basketball, trostlos wirken die Straßenzüge im Herbstlicht, auf dem Feld ist ein Traktor liegengeblieben. Die Menschen haben sich mit den Verhältnissen arrangiert, auch weil sie es nicht besser wissen. Einmal sagt einer der Brüder einen Satz, der in diesen Bildern lange nachklingt. "Ein Leben ist eine verdammt lange Zeit für zwei Menschen.""
Das Paradebeispiel für eine intensive und bildmächtige Independentproduktion sah Nadine Lange. Der Regisseur "blickt mit Liebe auf seinen Heimatstaat Arkansas, den er in wunderbaren Cinemascope-Tableaus (Kamera: Adam Stone) inszeniert. Auch die Bewunderung für Terrence Malicks BADLANDS ist zu spüren. Doch vor allem traut er den oft als dumpfe Rednecks verschrieenen Südstaatlern mehr zu, als man sonst meist von ihnen zu sehen bekommt."
Über den Stillstand der Dinge schreibt Daniel Kothenschulte. "Jeff Nichols hat nicht vor, die sich daraus entspinnende Action überhaupt zu inszenieren, er interessiert sich für die Spannung, die man spürt, wenn nichts geschieht. Er findet sie in den angespannten Gesichtern der wunderbaren Darsteller, insbesondere des einzigen Stars in diesem Film, Michael Shannon als Son. Und in den leeren Räumen, die sie umgeben. ... Dieser ausgezeichnete Film steht aber leider auch für eine Krise, in die das amerikanische Independent-Kino unverschuldet geraten ist. Wie fast überall auf der Welt boomt auch in den Art-House-Kinos der USA derzeit das Feelgood-Movie."
Hier stehen die Träume still, schreibt Thomas Binotto. Die "Figuren bewegen sich zwar fast wie in einem Western, drücken aber nicht einmal dann, wenn sie zur Waffe greifen, den Optimismus des Pioniers aus. Träge und statisch sind Bildkompositionen (Adam Stone) und Kameraführung, noch verstärkt durch das Cinemascope-Format. Mit einem Minimum an Redundanz kommen auch die staubtrockenen Dialoge aus. Weil sich Nichols aber als talentierter Storyteller erweist, der an Terrence Malick und John Sayles anzuknüpfen versucht, entwickelt SHOTGUN STORIES dennoch einen faszinierenden Sog und trotz seiner lakonischen Knappheit, die mit 92 Minuten auskommt, eine epische Dichte."
Bedächtig wie ein großer Mühlstein kommt der Film in Fahrt, schreibt Julian Hanich. "Aber man spürt von Anfang an ein wühlendes Unbehagen, das sich zusehends steigert, je weiter die Handlung voranschreitet. Schon der Titel SHOTGUN STORIES verheißt nichts Gutes, die erste Einstellung enthüllt sogleich einen Rücken voller Narben: Schrotflintenwunden, die widerlichen Pusteln ähneln. Auch das eine Warnung: Das alles kann nicht gutgehen. ... Jeff Nichols baut seinen Film so auf, als gäbe es kein Entrinnen – weder für die Protagonisten, noch für den in ihren Sog geratenen Zuschauer. Doch dann lässt er plötzlich eine Macht walten, die größer, schöner, besser ist als jeder Hass: die Vernunft. Damit weist Jeff Nichols’ Antwort weit über das Hinterland von Arkansas hinaus – tief hinein in alle Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt."
Für Rebecca Wilbertz hat der Regisseur ein archaisches Szenario der Gewalt entwickelt. "Wunderschöne, raue Landschaftsaufnahmen von Arkansas bilden den Hintergrund. In großen Cinemascope-Bildern entfaltet Nichols eine agrarische Romantik, die immer wieder durch Bilder sozialer Armut gebrochen wird. Es gibt Momente, da ist die Kamera fast dokumentarisch, wie sie an den Männern vorbeifährt, konzentriert auf Fischfang, Baumwollernte, harte, körperliche Arbeit. In anderen Einstellungen geht der Blick ganz nah an die Figur und studiert den Konflikt, den diese durchlebt. Da die hier dargestellten Menschen ihren Schmerz nicht zur Sprache bringen können, bricht er immer wieder durch den Körper aus."
Christian Westheide fällt kein Film ein, der wie SHOTGUN STORIES Gewalt, Wut und Rache unaufdringlicher, ruhiger, zwingender und zugleich so selbstverständlich vorführt. "Die blutleeren Bilder lassen des Gefühl von Grand Old South, von Hitze und Üppigkeit und Genuss gar nicht erst aufkommen. Auch das ein Effekt der Reduzierung: Der fast biblisch anmutende Konflikt unter Kindern des gleichen Vaters erzählt keine typische Geschichte des ländlichen Südens, sondern eine urtypische Geschichte von Gewalt und Gegengewalt, von engen Familienbanden und einem gefährlichen Ehrgefühl, aus dem die Notwendigkeit auf Rache erwächst."
Datenblatt der Berlinale.