| Regie | Martin Scorsese |
| Kinostart | 25.02.2010 |
Sascha Keilholz ist etwas enttäuscht. "Deshalb reißen die zum Teil misslungenen computergenerierten Effekte und die vielen offensichtlich vor dem Blue Screen entstandenen Szenen den Zuschauer in Shutter Island (
) immer wieder aus dem Sog und aus der Empathie heraus. Sie unterminieren ein ums andere Mal, was Martin Scorsese und sein Team in Pedanterie atmosphärisch geschaffen haben, und brechen den in der Inszenierung heraufbeschworenen Bezug zum klassischen amerikanischen Kino."
Zu Unrecht wurde der Film auf der Berlinale geschmäht, findet Christian Buß. "Der 140-Minuten-Reigen, vielleicht der beste Film, den Martin Scorsese seit GoodFellas gedreht hat, ist eine wahre Zumutung: Einerseits wird hier den historischen Wahrheiten in der Bilderwelt des klassischen Pulp Movies nachgespürt - und andererseits jede erinnerte Aufnahme in Frage gestellt. Das macht Shutter Island (
) zu einer hoch schizophrenen Angelegenheit, zu Kino in seiner pursten und perfidesten Form."
Martin Scorsese hat offenbar wenig Hemmungen, auch eher abgestandene Horroreffekte abzurufen, kritisiert Diedrich Diedrichsen. SHUTTER ISLAND (
) "ist aber nicht nur ein Film, der von heute aus auf eine historische politische Psychologie schaut. Er kann sich nicht entscheiden, ob er mit seinen Tricks aus Horror und Noir verspielt umgehen oder ihnen die Verantwortung für unsere Anteilnahme übertragen will. Sollen wir uns vor einem Kerl fürchten, der sich dämonisch in einem Sessel versteckt, oder sollen wir über dieses gute alte Stereotyp schmunzeln und uns fürderhin nicht mehr fürchten? Beides wäre nicht gut: Historistisch-ironische Schmunzelware muss mehr zu bieten haben, als sich bloß zu erkennen zu geben, wenn sie denn nach dem hundertvierunddreißigsten Tarantino überhaupt noch satisfaktionsfähig werden kann."
Einen Edel-Trash-Thriller sah Carmen Böker. "Es ist jener Edelschauer des Symbolismus, der die Ästhetik des Films bestimmt. Getreu dieser Definition wird in jeder Erscheinung eine tiefere Bedeutung vermutet - in jedem Blick, jedem Zettel, jedem Blechtablett. Daraus könnte eine nervöse Grundspannung erwachsen wie in Roman Polanskis DER GHOSTWRITER (
), doch dafür geht es einfach zu enervierend um zu viele Ecken. Jede Erkenntnis verkehrt sich in ihr Gegenteil, jede Spur ist eine Sackgasse im Labyrinth; insofern verfolgt man das 138 Minuten lange Bäumchen-wechsel-dich-Spiel von Gut und Böse bald ohne weitere innere Anteilnahme."
Dieser Regisseur ist erfahren genug, den Schleier, der über der uns ratlos machenden Bilderwelt liegt, nicht ganz fortzuziehen, schreibt Gunnar Decker. "Martin Scorsese zeigt uns einen virtuosen Totentanz im Dämmerlicht einer untergehenden Zivilisation. Wahrheit? Eine Frage der Dosis! Das Personal dieser Insel-Anstalt: erstklassig besetzt, von Ben Kingsley als komplett undurchschaubarem Anstaltsleiter bis zum bedrohlichen Max von Sydow als altem Arzt mit stark deutschem Akzent. Und plötzlich tauchen die Kriegsbilder Daniels' wieder auf, der bei der Befreiung Dachaus – und der spontanen Erschießung der gesamten SS-Wachmanschaft –- dabei war. Reale Erinnerung oder manipulierte Alpträume? Ist dieser Daniels in Wirklichkeit ein anderer?"
Jana Toppe spürte den bitteren Beigeschmack der Vorhersehbarkeit. "Die Auflösung schwant dem aufmerksamen Zuschauer noch während der Exposition (und man hofft, dass es doch noch überraschend anders kommen möge). Kann ein Film dennoch gut sein, wenn man die Handlung vorhersehen kann? Rein theoretisch: ja. SHUTTER ISLAND (
) erlaubt es einem, das Handwerk des Filmemachens zu beobachten, man kann – wie bereits erwähnt –Spannungsstruktur, Figurenentwicklung und Narration wie nach einer Anleitung genau verfolgen. Für Freunde des Konstruktivismus ist der Film natürlich das Sahnehäubchen, kann man doch genau nachvollziehen, wie ein Mensch seine eigene Wirklichkeit konstruiert, um vor einem Trauma zu flüchten."
Negativ in Erinnerung bleibt Elvi Plitt "die aufdringliche Filmmusik, die mit Pauken und Trompeten unbedingt Bedeutung konstruieren will. Das Ganze erinnert in der Aneinanderreihung von Effekten zunehmend an eine Fahrt in der Geisterbahn. Hinter jeder Kurve lauern dienstbereite, wenn auch schon etwas in die Jahre gekommene Gespenster, die sich wirklich redlich Mühe geben, die Fahrgäste durch Buh-Rufe und durch unerwartetes auf die Schulter tippen zu erschrecken."
Harald Martenstein findet nichts Gutes. "Martin Scorsese gibt zu früh und zu lang Vollgas, was bewährte Effekte und ihre hier oft allzu aufdringliche musikalische Untermalung betrifft. Der Reiz von halbdunklen Räumen in alten Gemäuern, von Schreien und rinnendem Blut, von Figuren, die dem Helden aus dem Off überraschend an die Kehle springen, all das erschöpft sich, für halbwegs erfahrene Kinogänger, doch recht schnell. Die Dramaturgie und die Bilder sind, trotz sparsamer Beleuchtung, schnell durchschaut, einem B-Picture würde man das natürlich durchgehen lassen."
Dies ist kein Meisterwerk, eher eine Stilübung des grossen US-Regisseurs, meint Birgit Roschy. "Das opernhaft stürmische Wetter, das brillante Setdesign von Dante Ferretti und die markanten Charaktere betonen aber oft nur, dass hier mit viel Aufwand ein eher dünner Plot über die Entdeckung des grössten Spinners zum theatralischen Moraldrama aufgeblasen werden soll. Ob man Martin Scorsese bis zur leider ziemlich vorhersehbaren Auflösung dieses über zweistündigen Rätsels folgt, hängt auch davon ab, ob man zu einem Nervenarzt Vertrauen hat, der aussieht wie Ben Kingsley."
Wie Daniel Sander schreibt, beginnt SHUTTER ISLAND (
) "als straffer, spannender Thriller, wie man es von Martin Scorsese kennt, verwandelt sich aber zunehmend in ein surreal anmutendes Psychodrama nach David Lynch-Methode. Faszinierend ist das durchaus, möchte aber nicht so richtig zusammen passen."
Thomas Groh ist enttäuscht. "SHUTTER ISLAND (
) ist aus der Filmgeschichte zusammengeklaut. Was Martin Scorsese hinzufügt, sind allenfalls Stilisierungen der Textur, eine Durchgestaltung des begrenzten räumlichen Systems, das er als Spielwelt etabliert: Eye Candy durchaus allenthalben. Viel ist im Film von "Realität" die Rede, zu der man zurückfinden müsste. Die Realität ist: Martin Scorsese hat sich hier vom Regisseur in einen Designer verwandelt."
Datenblatt des Films.
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Hintergründe zum Film, insbesondere über die literarische Vorlage.