| Regie | Claude Chabrol |
| Kinostart | 09.07.2009 |
Andreas B. Krüger findet "genug Angriffsfläche für psychoanalytische Lesarten aller Couleur. Die Kriminalgeschichte genügt kaum mehr als sich selbst, sieht man vom expliziten Verweis auf Georges Simenons Commissaire Maigret ab, und verharrt oft im selbst gewählten, provinziellen Kontext der Story. Dennoch entsteht ein prägnantes Porträt dieses übergewichtigen Kommissars Bellamy und seines persönlichen Umfeldes. Er ist beleibt, er ist lüstern, er ist angriffslustig – und vielleicht verbirgt sich auch hinter seiner sauberen Polizisten-Fassade mehr, als man zunächst vermutet."
Der Titel der Kritik von Katja Nicodemus lautet: Ein Film, ein Bauch. "Gérard Depardieu, der in fast jeder Szene zu sehen ist, kann diesen Film zwar nicht retten, aber doch tragen. Einmal sogar bildlich, als ein Verdächtiger in einem verzweifelten Moment seinen Kopf gegen den mächtigen Bauch des Kommissars lehnt. Letztlich aber kann man nur ahnen, was für ein Film entstanden wäre, wenn die Geschichte der nicht nur buchstäblichen Schwerkraft ihres Hauptdarstellers entsprochen hätte. So illustriert Kommissar Bellamy (
) die Widersprüchlichkeit des großen Routiniers Claude Chabrol: Man langweilt sich und schaut trotzdem gerne zu."
Eine Neuerung hat Dominik Kamalzadeh beim 58. Film von Claude Chabrol entdeckt. "Erstaunlicherweise ist dies die erste Zusammenarbeit Claude Chabrols mit Gérard Depardieu. Dessen inzwischen schon dem späten Marlon Brando vergleichbare Präsenz dominiert die Szenen nicht nur mit körperlicher Kraft. Der Film richtet sich auch ganz auf die Wahrnehmung der Figur aus, auf deren neugierig-lustvolle Art, das soziale Miteinander zu evaluieren. Selbst Rückblenden sind wie Skizzen im Geiste."
Hier gibt sich Claude Chabrol laut Daniela Sannwald als Menschenfreund. "Scheinbar beiläufig und routiniert hat Chabrol auch KOMMISSAR BELLAMY (
) inszeniert, in dem es vordergründig um ein Verbrechen, aber eigentlich um Beziehungen geht. Wie auf einem Spielbrett sind die Paarkonstellationen aufgestellt, die einander spiegeln und kommentieren. Denn jedes unglückliche Paar, das weiß Claude Chabrol, war einmal glücklich. Ob das so bleibt, hängt von Zufällen ab, die nicht zwangsläufig dramatische Folgen haben. Wenn die Beteiligten merken, dass sich etwas geändert hat, weiß keiner mehr wann und warum."
Wie Markus Keuschnigg schreibt, mag der Regisseur "Rätsel, liebt es, wenn er die ganze Kraft des Kinos darauf verwenden kann, den Zuseher zu verblüffen. Kommissar Bellamy ist aber mehr als die Hommage, es ist auch ein Familienfilm: Chabrols Sohn Thomas Chabrol spielt eine kleine Rolle, sein anderer Sohn Matthieu Chabrol zeichnet für die (elegante) Filmmusik verantwortlich, seine Frau Aurore Chabrol beaufsichtigt wie immer das Drehbuch. ... Gerade in einer Zeit der gegenseitigen Schuldzuschreibungen und fortschreitenden Entsolidarisierung tut das Kino von Claude Chabrol gut: "Was bedeutet es, anständig zu sein?", heißt es darin. Und niemand hat eine Antwort darauf."
Laut Rolf-Ruediger Hamacher konzentriert sich der Regisseur "in den wie gewohnt präzise kadrierten Bildern von Eduardo Serra, die in ihrer Schlichtheit stets auch etwas Unwirkliches haben, ganz auf die Führung seiner Schauspieler, und man muss lange zurückdenken, um sich an einen Gérard Depardieu zu erinnern, der sich dermaßen uneitel in den Dienst des Ensembles gestellt hat. Hinter seiner Gutmütigkeit lauert dennoch immer Claude Chabrols sezierender Blick auf die Bourgeoisie. Die unaufdringlichen Liebesszenen, die er mit der wunderbaren Marie Bunel spielt, gehören zu den zärtlichsten, die Claude Chabrol je inszeniert hat."
Als schauspielerisch kraftvoll bezeichnet Margret Koehler das Krimidrama. Dies ist "ein Schauspielerfilm, in dem Jacques Gamblin gleich in drei Rollen schlüpft und Clovis Cornillac in großer Ambivalenz das schwarze Schaf der Familie mimt, verletzend und verletzbar. Mag die Abgründigkeit weniger geheimnisvoll versponnen sein als in anderen Claude Chabrol-Filmen und die Bourgeoisie weniger verlogen und hinterhältig, Gérard Depardieu ist in einer seiner besten Rollen seit Jahren zu sehen. Er wiegt jegliche noch so kleine Schwäche auf. Ein Pfundskerl im wahrsten Sinne des Wortes!"
Luitgard Koch entdeckt Obsession und Abhängigkeit, Bourgeoisie und Bigotterie, Mord und Verrat. "Auch in seinem Spätwerk Kommissar Bellamy (
) entlarvt der Sohn eines Apothekerpaares die Abgründe des Bürgertums. Aber etwas hat sich verändert. Trotz der üblichen geschliffenen Seitenhiebe auf deren Dekadenz zeigt der altersmilde Claude Chabrol diesmal sogar Sympathien für seine Missetäter. In einer völlig absurd wirkenden Szene singt der junge Rechtsanwalt im Gerichtssaal ein Chanson von George Brassens. Mit diesem ungewöhnlichen Plädoyer überzeugt er die Richter von der Unschuld des Angeklagten."
Claude Chabrol hat wieder zugeschlagen, schreibt Thomas Engel. "Hier verwebt er auf geschickte Weise ein halbes Dutzend menschlicher Schicksale, wie immer mit kriminalistischem Einschlag. Zu beanstanden gibt es da ganz und gar nichts, die Geschichte ist interessant, und sie wird raffiniert und routiniert erzählt. Ein typischer Chabrol, einer von den guten."
Ilsa Aichhorn hat sich nicht überzeugen lassen. "Es ist die Gesamtkomposition des Films, die nicht richtig in Schwung kommen will. Zu viel will Claude Chabrol hineinpacken – neben der Mord- bzw. Selbstmordgeschichte auch noch ein Familiendrama. Aus einer spannenden Geschichte hat Claude Chabrol einen unspannenden Film gemacht. Vielleicht hätte er Audens Zitat nicht zu wörtlich nehmen sollen."
Laut Michael Kohler enthüllt der Regisseur wieder einmal seiner Lust am Makabren. "In ästhetischer Hinsicht genügt ihm bereits die kleinste Irritation der bürgerlichen Normalität, um ein Unheil anzukündigen: Wenn Bellamy bei einem Hausbesuch auf eine achtlos am Boden liegende Gießkanne stößt, ist die tot über dem Blumenkasten hängende Hausfrau nicht weit. Und natürlich kann es sich Claude Chabrol nicht verkneifen, auf das Bild des enthaupteten Leichnams zurückzukommen, indem er das Mundstück der Gießkanne ein wenig seitlich arrangiert. Claude Chabrol lehnt seinen Kommissar gekonnt an die berühmte literarische Figur Maigret an und fügt noch ein paar Charakterzüge seines Hauptdarstellers Gérard Depardieu und nicht zuletzt auch seiner selbst hinzu."
Für den erfahrenen Kommissar wie für den Zuschauer bietet Fall wie Film laut Barbara Schweizerhof "keine Schwierigkeiten, geschweige Überraschungen. Scheinbar geheimnislos entrollt Claude Chabrol das Geschehen in einer Kette von Dialogen, die an Fernsehkrimis von früher erinnern. Wer noch auf den Clou wartet, hat das Wesentliche schon verpasst: Auf fast hinterhältige Weise nämlich führt Altmeister Claude Chabrol hier vor, dass eine Geschichte, wenn man ihr nachforscht, sich keineswegs aufklärt, sondern im Gegenteil, eigentlich immer verwirrender wird.
Linksammlung zum Film.
Datenblatt des Films.