| Regie | Ursula Meier |
| Kinostart | 25.06.2009 |
Sehr souverän und eigenwillig nennt Felix von Boehm die Regisseurin. Sie löst "jenes Szenarios vom Maßstab der Wahrscheinlichkeit und vertraut auf die innere Logik ihrer Geschichte. Ihr Mut zahlt sich aus: Das zugemauerte Haus, mit dem sie den Zuschauer in der zweiten, zunehmend beklemmenden Hälfte des Films konfrontiert, ist wohl eines der stärksten Bilder, das das Kino seit langem für die Familie gefunden hat. Und die Innenräume, die Ursula Meier gemeinsam mit ihrem Szenenbildner Ivan Niclass mit deutlichen Verweisen auf die apokalyptischen Arbeiten von Jeff Wall komponiert hat, werden zum Spiegel der inneren Verwahrlosung ihrer Bewohner."
Ganz großes Kino sah Maike Schultz. "Selbst ein Stau bringt keine Ruhe in den Garten, nutzen ihn doch plötzlich Fremde als Rastplatz und Müllkippe. Meiers Geschichte ist so absurd wie universell: Als wundersame Mischung aus Tragikomödie, Kammerspiel, Fabel und Groteske erzählt HOME (
) von der Brüchigkeit jeder Idylle - wenngleich diese Bewohner sie nicht kampflos aufgeben."
Der Film entzieht sich laut Nicole Hess einer "eindeutigen Genrezuordnung. HOME (
) changiert zwischen Komödie und Tragödie, sozialem Realismus und Märchen, ökologischer Fabel und Mythos - und bleibt dadurch für unterschiedliche Lesarten offen. Gemeinsam ist den Interpretationen der parabelhafte Ansatz: die Bewegung aus der Erstarrung in den Aufbruch - oder der menschliche Überlebenswille."
Christina Tilmann ist begeistert. Die Regisseurin "schildert lakonisch die Veränderungen im Leben der Familie. Marthe und Michel greifen bald zu drastischeren Maßnahmen, um ihr Paradies zu schützen. Doch je mehr sie sich von der Außenwelt abkapseln, desto mehr wird klar, dass die Bedrohung im Inneren liegt. Immer beklemmender wird die Atmosphäre, die der Film mit gnadenloser Konsequenz zum Höhepunkt führt. Die Befreiung haut das Heim in Stücke. Willkommen in der Wirklichkeit."
Daniel Kothenschulte findet den Titel "programmatisch für das jüngere europäische Kino. Auch in Deutschland ist derzeit immer wieder vom Zuhause und der Heimat die Rede. Allerdings sind die filmischen Mittel meistens realistisch. HOME (
) wirkt da schon auf den ersten Blick wie eine Befreiung, was viel mit der Kameraarbeit von Agnès Godard zu tun hat. Wie in ihren Arbeiten für Claire Denis (35 RUM) wählt sie einen Stil von lyrischer Objektivität. Wie leicht wäre es gewesen, die Autobahn in zentralperspektivische Bildfluchten zu gießen. Agnès Godard aber lässt dieses überstrapazierte Bildmotiv immer neu und anders aussehen."
Esther Buss hat sich nicht ganz überzeugen lassen. "Auch wenn mancher Inszenierungseinfall der Regisseurin vielleicht etwas gewollt erscheint, entfaltet HOME (
) ein faszinierend-wunderliches Szenario mit kafkaesken Zügen, das Agnès Godard (man kennt sie vor allem als Kamerafrau von Claire Denis) in phantastischen Bildern eingefangen hat. Ursula Meier hält ihre Familie dabei bewusst in einem Zustand der Ambivalenz fest – zwischen Realismus und Surrealismus, zwischen Idylle und Abgrund. Denn nicht zuletzt ist HOME (
) ein Film über die Vergeblichkeit, sich der Außenwelt zu entziehen. Der Eskapismus der Familie mobilisiert zwar zunächst ungeahnte Kräfte, doch letztlich werden sie zerstörerisch wirksam."
Birgit Glombitza ist angetan. "Wenn HOME (
) mit seinen Protagonisten nachts in diese monströse Stille an diesem verqueren, verzauberten Ort lauscht, begreift man, welche Idylle sich hier abspielt. Aber auch, mit welch manischer Unbedingtheit sich seine Bewohner zunehmend in ihrem Reich einbunkern. Eines Tages rollen die ersten Baufahrzeuge an. Irgendwann kommen die Laster und Pkws, erst einzeln, dann in den Blechschlangen der Ferienstaus. In diesen Momenten trifft das pathologische Ausharren der Familie in der selbst gebauten Lärmschutzdämmung auf den Stillstand postmoderner Mobilitätseuphorie. Ursula Meier ist so klug, keinen Standpunkt als Sieger nach Punkten hervortreten zu lassen."
Ekkehard Knörer hat einiges gelernt. "Wir alle kommen hier, aus dieser Situation, bis zum Ende nicht raus. Stattdessen bricht etwas ein in die Idylle am äußersten Rand der Gesellschaft. ... HOME (
) ist eine Parabel mit möglicherweise sogar recht einfacher Botschaft. Sie erzählt von Innenwelt und Außenwelt und vergeblichem Abschottungsversuch. Aber in beinahe jedem Bild steckt ein Widerhaken. Der verblüffendste dieser Widerhaken ist die Komik des Films. Über alles kann man, so bitter es ist, fast immer auch lachen. HOME (
) ist ein Film, der sich nach Ansicht so ohne weiteres nicht von der Haut schrubben lässt."
Auf den ersten Blick wirkt der Film für Kirsten Liese "wie eine psychosoziale Studie, bei der man sich an Regisseure wie die belgischen Gebrüder Dardenne oder auch an den Briten Ken Loach erinnert fühlt. Doch HOME (
) ist eigentlich ein Film zum Gruseln. So oft man es sich in seiner Fantasie schon ausgemalt haben mag, wie schrecklich es sein muss, an einer stark befahrenen Straße zu wohnen – hier wird es einem drastisch vor Augen geführt. ... Ein Film, der einen von der ersten Minute an packt und nicht mehr loslässt. Und ganz unaufdringlich stimmt HOME (
) nachdenklich angesichts einer Gesellschaft, in der eines der fürchterlichsten Dinge immer selbstverständlicher wird: Lärm."
Der Film bleibt laut Hendrike Bake "stets wunderbar konkret. Das kleine Haus und die große Straße wirken so wirklich und fassbar, dass man sich fragt, wo sie eigentlich liegen und Isabelle Huppert als Wäsche waschende fröhliche Mutter und Hausfrau hat man selten so erdig gesehen. Ursula Meier filmt die Hitze des Sommers, den Geruch weichen Teers, das Jucken der Isolierwolle und die Schwere der Ziegel, mit denen die Autobahn, die ständig über allem und auch in den Köpfen der Zuschauer dröhnt, ausgesperrt werden soll. Die faszinierende Versuchsanordnung von HOME (
) ist zuallererst eine zutiefst sinnliche Erfahrung."
Thomas Engel sah eine "überspitzte Schreckensvision. Fast so etwas wie ein gleichnishafter Film darüber, was der immer stärker wachsende Verkehr, der Lärm, der Gestank, das Gift, die Umweltverschmutzung, die zunehmende Rücksichtslosigkeit der Menschen und alle die anderen schönen Dinge anrichten können."
Linksammlung zum Film.